Fast ein Drittel Jahrhundert lang hat der Literaturwissenschaftler Martin Lüdke in der Jury des Jungen Literaturforums Hessen-Thüringen gewirkt. In der Preisrede auf die Gewinner des letzten Wettbewerbs erzählt er von seinen Erfahrungen mit den Kollegen und den jungen Autoren, von denen einige heute bereits älter und berühmt sind.

32. Junges Literaturforum Hessen-Thüringen

Eine Nagelprobe ist noch kein Beinbruch

Rede zur Preisverleihung

Von Martin Lüdke

I

In guter amerikanischer Tradition sollte man, bei solchen Anlässen wie hier, mit einem Scherz beginnen. Mir ist aber leider nicht nach Scherzen zumute, nicht weil ich heute, nach immerhin 32 Jahren, das selbst ist natürlich schon ein Witz, also nicht, weil ich mit Wirkung von heute aus dieser Jury austrete. Nein. Weil die Sache so ernst ist. Deshalb lassen Sie mich bitte mit einer eher tragischen, allerdings jüdischen Geschichte beginnen.

„Ein Mann läßt sich im Beichtstuhl nieder.
Meine Frau ist gestorben. Gleich nach der Beerdigung lernte ich eine junge Frau kennen, mit der ich jetzt schlafe, oft dreimal am Tag.
Wie alt bist du, mein Sohn?
81.
Bete drei Vaterunser und zehn Ave-Maria.
Das kann ich nicht.
Warum nicht?
Ich bin Jude.
Warum erzählst du mir das dann?
Ich erzähle es jedem.“

Auch diese Geschichte bedarf der Interpretation. Um eine Geschichte zu erzählen, ist Talent durchaus von Nutzen. Auch Wille und Ehrgeiz sind gute Voraussetzungen für einen Erfolg, können allerdings leicht zu Verkrampfungen und damit zum Gegenteil führen. In der Politik finden wir viele Beispiele dafür. Dort aber, wo ein existenzieller Drang zu spüren ist, dort wo etwas erzählt werden muss, dort wächst, wie der Jude mit seiner Erzählung beglaubigt, die Hoffnung, und nicht nur die.

II

„Die Zeit, in der man an Literatur glaubt, ist kurz.“ (Jules Renard)

Eigentlich ein Horrorkabinett. Da hockt eine Gruppe motziger Oldies vor hübschen Häufchen von ausgedruckten Manuskripten, blickt miesepetrig in die Runde, gähnt, bevor es überhaupt losgegangen ist, und jammert schrill „Furchtbar dieses Jahr. Ein ganzer Stapel, fünfzig Texte und absolut nix, aber auch gar nichts dabei.“
So darf man sich die Jury vorstellen. Vier Damen, vier Herren. Acht Klagen. Mit diesem Ritual beginnen seit nun über dreißig Jahren die Jury-Sitzungen des Jungen Literaturforums, in den achtziger Jahren erst nur Hessen, dann nach der Wiedervereinigung Hessen-Thüringen. Und eigentlich waren diese Klagen tatsächlich auch Jahr für Jahr berechtigt. Denn, so heißt ja schon im Matthäus-Evangelium (22:14): „viele sind berufen, nur wenige sind auserwählt.“ Sechs-, sieben-, manchmal auch achthundert Einsendungen und, alles in allem, was kommt heraus? Am Ende der zweiten Nachtsitzung, manchmal, in schlimmen Zeiten, wurde es früher Morgen und schon wieder hell, dann das Fazit: „Eigentlich waren da ja doch wieder richtig schöne Geschichten dabei.“
Zu bedenken: die Einsender sind zwischen 16 und 25 Jahre alt. Nagelprobe meint ja keine Meisterstücke, sondern Talent, das sich andeutet. Etwa so, Nagelprobe 3, 1987, Thomas Hettche (damals 23 Jahre):

Sie standen in der Küche. Junge und Mädchen. Sie waren befreundet, schon lange, aber zwischen ihnen lief nichts. „Eigentlich ist das gerade beruhigend“, dachte er. Denn: „Man kann Vertrauen zueinander haben und ist einfach füreinander da und wir beide sind frei.“ Eine kleine Idylle wird hier in der Wohnküche installiert. Die beiden reden, sie verstehen sich. Sie war gestern Abend mit einem anderen weg gewesen. Irgendwann fragt er: „Hast du mit ihm geschlafen?“ „Ja.“ Sie stand auf und drückte die Zigarette in der Untertasse aus, ohne hinzusehen. Sie begann das Geschirr abzutrocknen, und stand wieder mit dem Rücken zu ihm. Und doch anders. Er war zu müde gewesen. Einfach einen Augenblick lang zu müde. Und ihm war kalt.

Schluss. Was ist, darf man fragen, an dieser Geschichte bemerkenswert? Außer ihrer Belanglosigkeit. Darauf gibt es eine einfache Antwort: Das, was NICHT gesagt wird. Die Enttäuschung des Jungen, der sich offenkundig mehr Hoffnungen gemacht hatte, als er sich selbst einzugestehen wagte, diese Hoffnung wird nicht ausgesprochen und doch spürbar. Durch seine plötzliche Müdigkeit. Jeder kennt das Phänomen. Die Lähmung nach einer bestürzenden Nachricht. Dieser Kunstgriff ist es, der diese kleine, belanglose Geschichte von den tatsächlich tausenden der angeschwemmten Herz/Schmerz-Geschichten unterscheidet. Nicht im Reden, im Schweigen liegt hier der Schlüssel zur Literatur. Es ist noch kein großer Wurf, aber doch, allein an der Müdigkeit erkennbar, der Weg zur Literatur. Und es ist natürlich kein Patentrezept.

Anderes Beispiel, Nagelprobe 2, Cora Friedrichs (damals 21 Jahre alt): Ebenfalls „In der Küche“ heißt und spielt eine seltsame Szene, die ich nie wieder vergessen habe.

Die gut frequentierte Küche einer WG. Es werden Plätzchen gebacken, Joints geraucht, es wird Tee getrunken. Auch eine Oma, aufgeschlossen, neugierig, hockt da mit rum. Sie fragt zum Beispiel Dagger, ob sie schon mal „mit einem Neger geschlafen“ habe, das müsse doch ganz anders sein. Tommi schwärmt daraufhin: „Neger haben so geile Ärsche“, wofür er sich erstaunte Blicke einfing. Dagger verneint bedauernd. „Tja, Kinder, sagte die Oma, sich mehrere Kekse einsteckend, ich muß denn mal wieder.“ Sie trank aus, lächelte jeden unwiderstehlich an und hinkte hinaus. „Du hast schon ne grelle Oma“, sagte Tudu zu Frank. „MEINE Oma? Ich dachte, es sei deine.‘“

Eine Flut von Informationen prasselt auf den Leser ein. Da jagt noch ein Palästinenser durch den Raum und verschwindet durchs Fenster. MGs rattern. Absurde Aktionen, skurrile Reaktionen werden beschrieben. Geschwätzigkeit ist Prinzip. Und, ebenso wichtig, eine sich überschlagende Handlung. Das Talent dieser Cora Friedrichs, die 1986, als sie ihre Geschichte einreichte, 21 Jahre alt war, ist möglicherweise versickert. Sie konnte sich, anders als eine ganze Reihe von Preisträgern des Literaturforums, nicht durchsetzen im Literaturbetrieb. Das ist kein Drama. Vielleicht, so ist zu hoffen, wollte sie es auch gar nicht. Vielleicht genügte es ihr, die Stimmung ihrer Generation einmal messerscharf zu erfassen. Anders als Thomas Hettche. Mit der „Pfaueninsel“, seinem bislang letzten Roman stand er wieder auf der Short-List zum Deutschen Buchpreis und mehr als halbes Jahr lang auf der Bestsellerliste des SPIEGEL, von der Kritiker-Bestenliste des SWR, Platz 1, ganz zu schweigen.

Was lernen wir daraus? Ich möchte, um es kurz zu machen, behaupten: Nichts. Das einunddreißigste (und nun endgültig auch das letzte) Mal habe ich dieses Jahr in der Jury des Jungen Literaturforums, zunächst erst nur Hessen, dann nach der Wiedervereinigung Hessen-Thüringen gesessen. Aus der Anfangstruppe mit Volker Hage (jetzt SPIEGEL) und Jochen Hieber (immer noch FAZ) ist nur noch Renate Wiggershaus dabei. Nach der Wende kamen die Thüringer Kollegen Antonia Günther, Daniela Danz, Mathias Biskupek und Martin Straub dazu, dann auf hessischer Seite Martina Dreisbach, ebenfalls Preisträgerin, und Christoph Schröder. Der Streit mit den lieben Kollegen hat immer Spaß gemacht, auch wenn viele, sehr viele Einsendungen noch viel belangloser waren als Hettches kleine Skizze, und leider keine literarische Anstrengung spüren ließen, sondern nur das bloße Elend enttäuschter Liebe, sozialer Ungerechtigkeit und überhaupt einer schlechten Welt. In diesem Jahr haben wir beispielsweise über ein ganz kleines Gedicht von Lisa Goldschmidt gestritten, das ich, leider ganz allein auf weiter Flur, richtig großartig fand.

The little timeless prison
(Das kleine zeitlose Gefängnis)

Auf Barnett Newmans Streifen
                     lag Staub

Das war’s! Deshalb nochmal: „Auf Barnett Newmans Streifen / lag Staub.“ Um dieses Gedicht zu verstehen, muss man leider einiges Vorwissen nachtragen. Noch 1982 hat der Ankauf des Bildes „Who is afraid of red, yellow and blue“, also: Wer hat Angst vor diesen bunten Streifen, in Berlin für ansehnlichen Aufruhr gesorgt. Eine Boulevardzeitung pries das Bild als „Werk eines Anstreicherlehrlings“. Noch im gleichen Jahr, also deutlich vor dem Aufkommen des „Rinderwahnsinns“, ging ein angehender Tierarzt mit dem Messer auf das Bild los. In Amsterdam wurden, etwas später, sogar mehrere Attentate auf Barnett Newmans Bilder verübt. Die Provokation? Sie bestand allein in den bunten Streifen seiner Bilder. Das war einst – „Avantgarde“, die damals aber noch wie Pfefferspray auf einer offenen Wunde wirkte. Das war damals. Heute kann man mit Kunst kaum mehr provozieren. Selbst das echte Schwein, das säuberlich in der Mitte durchgeschnitten, die beiden Hälften leicht versetzt, in einem Glaskasten im Hamburger Bahnhof steht, einem Museum für Gegenwartskunst, findet vor allem bei Kindern Interesse. Die Avantgarde ist, wie unsere Dichterin sagt, verstaubt, in ihrem kleinen Gefängnis der Zeitlosigkeit. Sie braucht gerade mal sechs Worte für eine Geschichte der modernen Kunst. Das ist, der Name sagt es, Dichtung. Darüber kann man streiten, sicher. Oder, ein anderes Beispiel, sich einfach freuen (Zitat): „Urs Noel Glutz von Blotzheim hat das Handbuch der Vögel Mitteleuropas geschrieben. Ich mag seinen Namen und die Tatsache, dass jemand, der so heißt, Ornithologe wurde.“ Die Formulierung ist originell, aber, das ist ihr Clou, sie beschreibt doch nur eine Tatsache.

Unser Streit hat aber auch Spaß gemacht, weil sich in den Einsendungen das jeweilige – sich doch erheblich verändernde – Bewusstsein der jeweiligen Generation dokumentierte, unabhängig von aller literarischen Bewertung. Die Stimmungslage der Jugend. Und dabei, von Jahr zu Jahr deutlicher sichtbar, ihre Entpolitisierung, ein zunehmendes Desinteresse an politischen, gesellschaftlichen, sozialen Fragen. Vielleicht genauer gesagt: die Einsicht in die Ohnmacht – nicht nur der Individuen, sondern der Politik überhaupt. Die Politik reguliert unseren Verbrauch an Glühbirnen und steht hilflos dem Finanzkapital und einer globalisierten Wirtschaft gegenüber. Das macht auch Angst. In der Erzählung von Friedrich Hermann „Paradies“ steht ein Ich plötzlich sich selbst gegenüber, ratlos. Es ist eine diffuse, offenbar nicht fassbare Angst, die sich dementsprechend nur vage und undeutlich, aber immer öfter ausdrückt. Elisa Wächtershäuser erzählt („Draußen schießen sie wieder“) genau davon. Die Sinnfrage wird, nicht plakativ, sondern eher verschwiegen, gestellt.

Der Literaturhistoriker Heinz Schlaffer nahm kürzlich in einem aufschlussreichen Essay „Zur Situation der Literatur“ einen ernüchternden, – so sein Titel – „Abschied von den Toten“. Er verwarf die einstige Hoffnung der Dichter, später einmal im Rang eines Klassikers unsterblich zu werden. Sie setze nämlich voraus, dass die Nachwelt frühere literarische Werke als „zeitlos“ zu lesen vermochte. Kein vernünftiger Autor glaubt daran heute noch. Im Gegenteil, was allein zählt, ist der gegenwärtige Erfolg. Nur im Enthusiasmus, der gegenwärtiger Literatur, ich möchte einfügen: gelegentlich, noch entgegengebracht werde, sei noch das Nachwirkung früherer Verehrung klassischer Literatur zu spüren. Doch die Nebenwirkung hebt Schlaffer ebenfalls hervor: „Mit der Gegenwartsliteratur beschäftigen sich heute vorwiegend ältere Leute.“ Und, so wäre Schlaffer noch zu ergänzen, darunter vorwiegend Frauen. „Die Jüngeren, von der Zeit zum Umgang mit anderen Medien erzogen, kümmern sich nicht um die Bücher ihrer schriftstellernden Altersgenossen. Die Literatur der Gegenwart ist etwas für Leser, die sich an der Vergangenheit orientieren, am Wert, der einst der schönen Literatur zugesprochen wurde.“

Na und? Die Literatur wurde schon so oft totgesagt. Die Grabreden ergäben ein hübsches Buch. Siegfried Unseld, der große Verleger des Frankfurter Suhrkamp-Verlages, erzählte oft und gern, dass Marshall McLuhan das Ende der Buchkultur vorausgesagt habe. Nun, sagte er dann triumphierend, McLuhan sei tot. Die Buchkultur – lebe.
Der Beweis liegt hier vor. Über sechshundert Jugendliche haben auch in diesem Jahr wieder versucht, ihren Liebeskummer, ihre Erfahrungen mit Krankheit und Tod, ihr Mitgefühl, die Glücksmomente ihres Lebens, ihr soziales Engagement, ihre Ängste und ihre Hoffnungen, die Erkundung ihrer Umwelt durch eine sprachliche Anstrengung auszudrücken. Einige von ihnen werden uns vielleicht, wie Daniela Danz, einst Preisträgerin, jetzt Jurorin, Peter Henning, Ricarda Junge oder Thomas Hettche, frühere Preisträger, im Schaufenster einer Buchhandlung wieder begegnen. Andere als Automechaniker, Friseuse oder Rechtsanwalt.

Auf jeden Fall haben sie alle, wenigstens einmal in ihrem Leben demonstriert, dass sie ihre Gefühle und ihre Empfindungen, ihre Seh- und Sichtweisen, ihre Welterfahrung in eine sprachliche Form gebracht haben, die literarisch genannt werden darf. Immerhin! Das ist schon was! Die amerikanische Erzählerin Flannery O’Connor bemerkte in diesem Zusammenhang treffend: „Viele Bestseller hätte ein guter Lehrer verhindern können.“

Und, darf ich hinzufügen, wie viele Bäume hätte er damit gerettet!

Wiesbaden, 25. April 2015

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erstellt am 27.4.2015

Preisverleihung 32. Junges Literaturforum Hessen-Thüringen
Foto: Björn Jager

Martin Lüdke trägt seine Rede zur Preisverleihung vor
Foto: Björn Jager

Preisverleihung 32. Junges Literaturforum Hessen-Thüringen
Foto: Björn Jager

Preisverleihung 32. Junges Literaturforum Hessen-Thüringen
Foto: Björn Jager