Ausgehend von Hans Blumenbergs Bemerkung, dass wohl keiner der Ratschläge eines Philosophen weniger befolgt worden sei als der letzte Hauptsatz von Ludwig Wittgensteins Tractatus, versucht Ingo Ebener in seiner Annäherung, Wittgensteins eigenem Verstoß gegen das Schweigen in der Lecture on Ethics bis zu den Grenzen der Sprache zu folgen.

Essay

Das Schweigen brechen, um über das Schweigen zu sprechen

Eine Annäherung an Wittgensteins »Lecture on Ethics«

Von Ingo Ebener

„Von allen Ratschlägen, die jemals von Philosophen für ihresgleichen und für andere gegeben worden sind“, so Hans Blumenberg, „ist wohl keiner weniger befolgt worden als der letzte Hauptsatz von Wittgensteins „Tractatus“: Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen.“ 1 Blumenberg setzt damit voraus, dass Wittgensteins Tractatus zumindest so etwas wie einen praktischen Ratschlag für Philosophen und für andere enthält, der dann auf bemerkenswerte Weise (quasi in der Praxis) gescheitert ist. Damit ist weder gesagt, dass dieser letzte Ratschlag von Wittgenstein ohne Berechtigung aufgestellt wurde, noch erklärt, warum es zu diesem Verstoß kommen konnte. Diese beiden Punkte sollten wir auch in der folgenden Annäherung an das Ethische bei Wittgenstein in Erinnerung behalten.

Gerade für Leser des Tractatus 2 ist Wittgensteins Lecture on Ethics 3 von besonderem Reiz: denn einerseits wird im Tractatus klar gesagt, dass sich über das Ethische nicht sprechen lässt (es kann keine Sätze der Ethik geben, 6.42) und – wie Blumenberg bereits zitiert – wovon sich nicht sprechen lässt, darüber muss man bekanntlich schweigen (7), andererseits spricht Wittgenstein eben doch über Ethik. Allerdings scheinen gerade die Worte, die er im Tractatus nicht über Ethik sagt, die wichtigeren zu sein. In einem Brief von 1919 an den Herausgeber des Brenner Ludwig von Ficker schreibt Wittgenstein:

[…] Sie werden es nicht verstehen; der Stoff wird Ihnen ganz fremd erscheinen. In Wirklichkeit ist er Ihnen nicht fremd, denn der Sinn des Buches ist ein Ethischer. Ich wollte einmal in das Vorwort einen Satz geben, der […] Ihnen vielleicht ein Schlüssel sein wird: Ich wollte nämlich schreiben, mein Werk besteht aus zwei Teilen: aus dem, der hier vorliegt und aus alledem, was ich nicht geschrieben habe. Und gerade dieser zweite Teil ist der Wichtige. Es wird nämlich das Ethische durch mein Buch gleichsam von Innen her begrenzt. 4

Tatsächlich lässt sich dieser begründeten Furcht 5 vor Miss- und Unverständnis entnehmen, warum es Wittgenstein selbst mit seinem eigenen Ratschlag nicht ganz genau genommen hat. Was nützt es, das Ethische bereits von Innen her begrenzt zu haben, wenn niemand sonst an diese Grenzen stößt oder sie gar bemerkt? Wittgensteins Lecture wäre demnach der Versuch, sich – trotz gewisser Schwierigkeiten (9) – offener über Ethik zu äußern und käme damit einem Sprechen gleich, das sich paradoxerweise über das Schweigen hinwegsetzt, um dem Schweigen und also dem Ethischen zur Geltung zu verhelfen. Wittgensteins Sprechen und Vortragen wird bereits mit Beginn durch das Schweigen legitimiert bzw. durch etwas, das „von allgemeiner Bedeutung“ (of general importance) ist. (10)

In seiner Lecture on Ethics 6 bedient sich Wittgenstein zunächst eines Satzes über Ethik aus dem Buch Principia Ethica 7 seines Freundes G.E. Moore: „Die Ethik ist die allgemeine Untersuchung dessen, was gut ist.“ (Ethics is the general enquiry into what is good). (10) Um den Gegenstand der Ethik deutlich zu machen, legt Wittgenstein eine Reihe – seiner Meinung nach – synonymer Ausdrücke vor, die die „charakteristischen Merkmale der Ethik“ sichtbar machen sollen. (10) So meint er, dass man neben der Moorschen Formulierung auch sagen könnte, „die Ethik sei die Untersuchung dessen, was Wert hat, bzw. dessen, was wirklich wichtig ist.“ Oder: „[…] in der Ethik gehe es darum, den Sinn des Lebens zu erkunden, zu untersuchen, was das Leben lebenswert macht, oder zu erforschen, welches die rechte Art zu leben ist.“ (10f.) In der Anschauung all dieser Formulierungen soll sich also „eine ungefähre Vorstellung davon gewinnen [lassen], womit sich die Ethik beschäftigt.“ (11) Dabei bemerkt Wittgenstein, dass jeder Ausdruck „eigentlich in zwei ganz verschiedenen Bedeutungen verwendet wird“, und unterscheidet zwischen einem relativen und einem absoluten oder ethischen Sinn. (11) Mit dieser Unterscheidung weist er darauf hin, dass man in der Alltäglichkeit der Rede nachlässig mit dem ethischen Vokabular umgeht, indem man z.B. von einem guten Pianisten spricht, davon dass es wichtig ist, keinen Schnupfen zu bekommen oder die richtige Straße entlangzufahren.

Diese Beispiele dienen ihm, um zu zeigen, dass der relative Gebrauch darauf abzielt, in einer gewissen sprachlichen Ordnung 8 zu verbleiben. Diese Ordnung impliziert – so Wittgenstein im Tractatus – eine Welt, die die Gesamtheit der Tatsachen ist (1.1), wobei diese Gesamtheit bestimmt, was der Fall ist und was nicht der Fall ist (1.12). „Das logische Bild kann die Welt abbilden“ (2.19), wobei die Darstellung des Bildes sein Sinn ist (2.221) und sich im Abgleich mit der Wirklichkeit die Wahrheit oder Falschheit des Sinnes ergibt (2.222; vgl. auch 4.06). Die Form des Sinns ist in Sätzen enthalten (3.13); „[n]ur der Satz hat Sinn (3.3) und „Die Gesamtheit der Sätze ist die Sprache.“ (4.001)

Man kann also – mit Blick auf diese Beispiele – qua Beschreibung angeben, was Sinn ergibt, indem man es gut, wichtig oder richtig nennt. Mit der sprachlichen Beschreibung des Sinnes wird der Sinn selbst als relativ bestimmt. Die Verwendung der Ausdrücke in dieser Weise wirft für Wittgenstein „keine schwierigen oder tiefen Probleme auf.“ (11) Beschreibungen können als logisches Bild die Welt abbilden und dieses Bild wiederum ergibt über den Vergleich oder Abgleich mit der Wirklichkeit dessen Wahrheit oder Falschheit.

Um weiter zu demonstrieren, dass sich relativer und ethischer Sinn unterscheiden, bringt Wittgenstein zwei neue Beispiele:
Im Falle eines Tennisspiels könnte jemand zu mir treten und mich auf mein schlechtes Spiel hinweisen, wobei ich entgegnen könnte, dass ich weiß, wie schlecht ich spiele, aber gar nicht beabsichtige besser zu spielen. Diese Antwort muss genügen, damit es mein Gesprächspartner bei einem „Dann ist ja alles in Ordnung!“ bewenden lässt. (11) Das erfolgte Werturteil wäre ein relatives, da es bloß eine Aussage ist, die über Faktisches getroffen wird und auch in einer Weise formuliert werden kann, die „nicht mehr wie ein Werturteil wirkt“. (12) Mit der Formulierung „ein schlechter oder guter Tennisspieler“ ist also nur gemeint, dass man z.B. viele Spiele verliert oder gewinnt, besonders feste und präzise Aufschlagen kann etc. (12)
Im Falle einer „aberwitzigen“ Lüge (a preposterous lie) meinerseits könnte ich auf eine erfolgenden Rüge angeben, dass ich weiß, wie schlecht ich mich benehme, mich aber gar nicht besser benehmen möchte. Der andere könnte mir nicht mehr mit der zuvor gebrauchten Wendung begegnen und müsste sich eines ethischen oder absoluten Werturteils bedienen: „Na, dann sollten Sie sich aber besser benehmen wollen.“ (11) Wittgensteins These ist es, dass relative Werturteile, als Aussagen über Faktisches, niemals „ein absolutes Werturteil abgeben oder implizieren“ können. (12) Selbst mit allen Beschreibungen der Welt, d.h. allen relativen Werturteilen, wahren Aussagen und wissenschaftlichen Sätzen, kann man nicht ein einziges ethisches Werturteil angeben. (12) In dieser Hinsicht ist es nun auch wenig überraschend, dass Wittgenstein darauf insistiert, dass es überhaupt keine Sätze gibt, „die in einem absoluten Sinne erhaben, wichtig oder belanglos sind (sublime, important, or trivial).“ (12)

Im Tractatus hatte Wittgenstein ähnlich geschrieben, dass es keine Sätze der Ethik geben kann. „Sätze können nichts Höheres ausdrücken.“ (6.42) Damit ist auch gemeint, dass so etwas wie Bewusstseinszustände – Wittgenstein bemerkt dies in der Lecture mit Blick auf Hamlet – als beschreibbare Tatsachen verstanden werden müssen, diese wiederum können „in keinem ethischen Sinne gut oder böse“ sein. (12) Das Ethische wird somit von Wittgenstein gerade dadurch ausgezeichnet, dass es sich nicht ausdrücken oder aussprechen lässt. (Vgl. auch 6.421) Es bleibt transzendental (6.421), un- und über-faktisch, übernatürlich (13) und unaussprechlich. Da es für die Ethik und den ethischen Sinn keine Sprache bzw. keinerlei Sprachen gibt, können sie auch nicht in Sprache ausgedrückt werden; es ist also sinnlos nicht über die Ethik zu schweigen; der ethische Sinn wird (in Sätzen) weder berührt noch evoziert, gefasst oder gebannt. Was für Wittgenstein übrig bleibt oder erst entsteht, wenn das Denken daran scheitert, die Sache, d.h. den eigentlichen Sinn der Ethik zu fassen, zu begreifen und zu Begriffen zu machen, ist ein Gefühl (feeling). (13) Ethos und Pathos berühren sich also für Wittgenstein fundamental, kommen gleichsam schweigend überein.

Das Besondere am Gefühl ist, dass es als Begleiterscheinung eines Erlebnisses par excellence (my experience par excellence) gedacht werden muss (14), also eines Erlebnisses aller Erlebnisse. Wenn nun jeder über sein Erlebnis par excellence verfügt, auch, wenn es hierfür keine Worte gibt, kann es eine „gemeinsame Grundlage“ (14) geben, die Wittgenstein ja gerade mit Hilfe von Beispielen oder Beschreibungen zu berühren versucht. Wittgenstein ruft Platons und Aristoteles' Überlegungen zum thaumazein in Erinnerung, indem er vom Staunen „über die Existenz der Welt“ (14) spricht, das für ihn ein Erlebnis ist. Gäbe es – so möchte ich behaupten – nicht die Möglichkeit des Staunen-Könnens oder Erstaunens als Anstoß-Punkt des Fragens, Einordnens und Erkennen-Wollens als ein Gemeinsames, als Teilhabe oder partage 9 – so gäbe es gar nicht die Möglichkeit, sich über Ethik zu verständigen. 10

Das Staunen wird nun von Wittgenstein weiter differenziert, denn man kann über alles staunen, „was im gewöhnlichen Sinne des Wortes aus dem Rahmen fällt“, wobei man eigentlich darüber staunt, „daß etwas der Fall ist, wovon ich mir vorstellen könnte, daß es nicht der Fall wäre“ und nur – so Wittgenstein weiter – in einem solchen Fall hat eine Aussage darüber Sinn. Dementsprechend muss alles Staunen über die Welt als Unsinn bezeichnet werden, da man sich die Nichtexistenz der Welt gar nicht vorstellen kann. (15) Wittgenstein führt daran anschließend den Begriff des Wunders 11 ein, der in seiner Nähe zum Staunen auf einen „charakteristische[n] Mißbrauch der Sprache durch alle ethischen und religiösen Ausdrucksformen“ aufmerksam machen soll. (16) Wittgenstein geht es darum, die Verbindungslinie, die durch Gleichnisse oder Allegorien zwischen dem ethischen und relativen Gebrauch vermutet wird, als eine scheinbare auszuweisen und zu durchschneiden. (Vgl. 16) Während es den Anschein hat, dass sich die ethische oder religiöse Sprache pausenlos der Gleichnisse bedient, betont Wittgenstein hier, dass Gleichnisse doch immer Gleichnisse für etwas sind, d.h. sie sprechen selbst bloß für eine Tatsache, die von ihren Schnörkeln befreit, auch so für sich selbst sprechen können müsste. Dies geschieht jedoch gar nicht, da es die, einem Gleichnis zugrundeliegenden Tatsachen gar nicht gibt. (16f.) Das „erste“ Erlebnis des Staunens über die Existenz nennt Wittgenstein (nun endlich) Wunder. Dabei ist ein Wunder „offenbar nichts weiter als ein Ereignis“, das wir noch nie erlebt haben.

Dies beschreibt Wittgenstein folgendermaßen: „Nun wollen wir annehmen, ein solches Ereignis habe sich zugetragen. Setzen wir den Fall, einem von Ihnen wachse plötzlich ein Löwenkopf und er begänne zu brüllen. Etwas Ungewöhnlicheres kann ich mir kaum ausmalen.“ (17) In der Untersuchung solch ungewöhnlicher Ereignisse kann man entweder mit wissenschaftlichen Erklärungen, die Tatsache hinter dem Ereignis ermitteln oder es ist „uns bisher nicht gelungen […], diese Tatsache mit anderen in einem wissenschaftlichen System zusammenzustellen.“ (17) In beiden Fälle wäre alles Wunderbare in einem absoluten oder ethischen Sinne verschwunden, wobei Wittgenstein sogar der Auffassung ist, dass auch der Gebrauch des Wortes 12 ‚Wunder‘ eine Vermischung des relativen und des absoluten Sinnes darstellt. (17f.) Das Erlebnis des Staunens über die Existenz der Welt kann zwar als „Erlebnis, bei dem man die Welt als Wunder sieht“ beschrieben werden, doch „der richtige sprachliche Ausdruck für dieses Wunder“ müsste „die Existenz der Sprache selbst“ sein und nicht ein „_in_ der Sprache geäußerter Satz“. (18) Wir bleiben aber außerstande, das, „was wir ausdrücken wollen, zum Ausdruck zu bringen“, da wir keine sinnvolle Sprache des Ethischen oder absolut Wunderbaren haben. So gedacht sind wir mit unseren sprachlichen Möglichkeiten in einem Käfig gefangen und müssen erkennen, dass der Drang „gegen die Grenzen der Sprache anzurennen“ auch bedeutet, dass wir „über die sinnvolle Sprache“ hinausgelangen wollen. Dabei müssen wir jedoch auch verstehen, dass gerade die Unsinnigkeit das eigentliche Wesen der Ethik ausmacht. (Vgl. 18f.)

Blicken wir nun zurück auf Blumenbergs Feststellung, so sind wir gezwungen, uns zu fragen, ob wir Wittgensteins Philosophie überhaupt eine Lehre entnehmen dürfen, die ethisch ist? Kann der letzte Satz des Tractatus also eigentlich als (praktischer) Ratschlag verstanden werden oder wird er gerade in der Berührung mit der Ethik zu bloßem Unsinn? Darüber hinaus müssen wir uns fragen, ob Wittgenstein nicht gerade den Verstoß provoziert oder fordert. Im Tractatus spricht Wittgenstein bekanntlich von der Leiter, die man nachdem man auf ihr hinaufgestiegen ist, wegwerfen muss. (6.54) Vielleicht muss man sich auch ganz anders fragen, ob Wittgenstein, anstatt die Ethik auszuzeichnen, sie gerade mitsamt der Sprache herabsetzt? Sollte nicht gerade über Ethik gesprochen werden dürfen (d.h. auch, darf Ethik überhaupt so absolut aufgefasst werden?), ohne dass dieses Sprechen als Unsinn ausgewiesen wird, und spricht nicht auch hierfür Wittgensteins eigener Verstoß, um etwas von allgemeiner Bedeutung mitzuteilen, dessen Ursprung ein Erlebnis par excellence ist?

1 Hans Blumenberg, Das Schweigen, um Philosoph zu bleiben, in: ders. Die Verführbarkeit des Philosophen, herausgegeben vom Hans Blumenberg-Archiv in Verbindung mit Manfred Sommer, Frankfurt am Main 2000, S. 197.

2 Ludwig Wittgenstein, Tractatus logico-philosophicus, in: ders. Werksausgabe Bd.1, Frankfurt am Main 1984; Angabe der Nummern im Text.

3 Ludwig Wittgenstein, Vortrag über Ethik und andere kleine Schriften, herausgegeben von Joachim Schulte, Frankfurt am Main 1989. Zitate folgen der deutschen Übersetzung, werden aber stellenweise durch Ausdrücke aus dem Original (The Philosophical Review, Vol. 74, No. 1. (Jan. 1965) ergänzt.

4 Brian F. McGuinness/ Georg Henrik von Wright (Hg.), Ludwig Wittgenstein. Briefwechsel, Frankfurt am Main 1980, S. 96.

5 Darüber berichtet z.B. Ray Monk in seiner Biographie Ludwig Wittgenstein: The Duty of Genius (London 1990).

6 Doch für Wittgenstein umfasst die Ethik im weitesten Sinne auch die Ästhetik. Ethik und Ästhetik sind für Wittgenstein transzendental. In 6.421 des Tractatus schreibt Wittgenstein eingeklammert: „(Ethik und Ästhetik sind Eins.)“.

7 Moore glaubt dort, dass „viele der offenkundigsten Schwierigkeiten und Mißverständnisse der Philosophie“ verschwinden müssten, wenn Philosophen, bevor sie versuchen, Fragen zu beantworten, klären, was für eine Frage sie beantworten möchten. G.E. Moore, Principia Ethica, Stuttgart 1996, S.3.

8 Ich denke, dass man hier bereits – etwas vorgreifend – von Käfig sprechen kann.

9 Jean-Luc Nancy, Die Mit-Teilung der Stimmen, dt. von Alexandru Bulucz, Zürich 2014.

10 Verständigung, also trotz der Unsinnigkeit, Erlebnisse sprachlich auszudrücken. (15)

11 Heidegger spricht z.B. im Nachwort zu Was ist Metaphysik? vom „Wunder aller Wunder, daß Seiendes ist“ (Wegmarken, Frankfurt am Main 1967, S.103), womit er auch Husserls Rede „vom Wunder aller Wunder“ zitiert. (Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen Philosophie, Den Haag 1971, 75 § 12) Die Konstellation Heidegger–Wittgenstein galt in gewissen Kreisen lange Zeit als so undenkbar, dass die Verwalter von Wittgensteins philosophischem Erbe es verantworten konnten, Wittgensteins Äußerungen über Heidegger verborgen zu halten, da diese nichts Abfälliges beinhalteten. Heideggers Beschäftigung mit Wittgenstein ist ebenfalls belegt. Inzwischen liegen zahlreiche Arbeiten zu philosophischen Gemeinsamkeiten und Unterschieden vor (z.B. Thomas Rentsch, Heidegger und Wittgenstein, Stuttgart 2003 – Erstveröffentl. bereits 1983).

12 Dies zeigt wiederum nur, dass Sprache für Wittgenstein mit Klarheit verbunden ist und unklare Ausdrücke wie das Wunder selbst ziemlich unsinnig sind.

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erstellt am 26.4.2015

Ludwig Wittgenstein
Ludwig Wittgenstein

»Gerade für Leser des Tractatus ist Wittgensteins Lecture on Ethics von besonderem Reiz: denn einerseits wird im Tractatus klar gesagt, dass sich über das Ethische nicht sprechen lässt, andererseits spricht Wittgenstein eben doch über Ethik.«

»Wittgensteins Lecture wäre demnach der Versuch, sich offener über Ethik zu äußern und käme damit einem Sprechen gleich, das sich paradoxerweise über das Schweigen hinwegsetzt, um dem Schweigen und also dem Ethischen zur Geltung zu verhelfen.«

»Da es für die Ethik und den ethischen Sinn keine Sprache bzw. keinerlei Sprachen gibt, können sie auch nicht in Sprache ausgedrückt werden; es ist also sinnlos nicht über die Ethik zu schweigen; der ethische Sinn wird (in Sätzen) weder berührt noch evoziert, gefasst oder gebannt.«

»Ethos und Pathos berühren sich also für Wittgenstein fundamental, kommen gleichsam schweigend überein.«

»Gäbe es nicht die Möglichkeit des Staunen-Könnens oder Erstaunens als Anstoß-Punkt des Fragens, Einordnens und Erkennen-Wollens als ein Gemeinsames, als Teilhabe oder partage, so gäbe es gar nicht die Möglichkeit, sich über Ethik zu verständigen.«

»Kann der letzte Satz des Tractatus also eigentlich als (praktischer) Ratschlag verstanden werden oder wird er gerade in der Berührung mit der Ethik zu bloßem Unsinn?«