Seine Oper „Silvana“ wollte Carl Maria von Weber gerne in Stuttgart uraufgeführt sehen, aber dann wurde er am 9. Februar 1810 im Theater wegen Silberdiebstahls, Unterschlagung und Bestechlichkeit verhaftet. Obwohl unschuldig, musste er 2600 Gulden bezahlen und wurde vom König des Landes verwiesen. Hans-Klaus Jungheinrich beschreibt, was den Stuttgartern entgangen ist.

Oper

Waldmädchen und Jägerromantik

Mehr als eine Vorübung: Carl Maria von Webers frühe Oper »Silvana«

Von Hans-Klaus Jungheinrich

Man reibt sich verwundert die Augen, denn kein Gedenkjahr in Sachen Carl Maria von Weber ist in Sicht. Der „Freischütz“-Komponist hat heuer seinen 189. Todestag und 219. Geburtstag, also ziemlich krumme Daten. Und dennoch kommt seine Rezeption momentan ganz schön auf Tour. Noch Ende 2014 legte Christoph Schwandt (im Mainzer Schott-Verlag) seine materialreiche, akribisch recherchierte, angenehm lesbare Weber-Biographie vor, in der auch mit der Ideologie vom „deutschesten“ aller Komponisten (lanciert von Richard Wagner und Konsorten) aufgeräumt wird; schließlich war der politisch unbefangene, wohl auch eher mäßig interessierte Weber sogar eine Zeitlang in Diensten eines napoleonischen Adligen gewesen. Dass er stets vom wünschenswerten Kulturphänomen einer „teutschen“ Oper schwärmte (sein „Freischütz“ wurde die allgemein bejubelte deutsche „National“-Oper), war in der Zunft spätestens seit Mozart so üblich. In diesen Tagen denkwürdig auch die Erinnerung an das größte Opern-Schmerzenskind Webers, das musikalisch entflammte Ritterstück „Euryanthe“ mit dem berüchtigten Libretto von Helmina von Chézy, deren wunderlich emanzipatorisches Frauenleben (mit stets schrill reklamiertem Anspruch auf die Protektion berühmter Männer) als Journalistin und alleinerziehende Mutter wohl weitaus fesselnder war als ihre Theaterreimwerke (auch Schubert hatte damit bei der Schauspielmusik „Rosamunde“ zu tun). Die Oper Frankfurt brachte jetzt „Euryanthe“ in einer phantastisch-visionären Inszenierung von Johannes Erath so fulminant heraus, dass man für dieses Werk auf einen Rezeptionsschub hoffen darf.

Für ein früheres Projekt Webers verspricht dies eine CD-Veröffentlichung, deren sich Ulf Schirmer annahm, einer der für Rarissima der Opernliteratur engagiertesten Dirigenten heute. Webers „Silvana“ entstand in Zusammenarbeit mit dem Münchner Rundfunkorchester (nicht zu verwechseln mit dem mehr den philharmonischen Repräsentier-Klangkörpern zugehörigen Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks), das eine so reiche Zahl von Opern-Interessantheiten CD-reif absolvierte wie kein anderer Klangkörper in Europa. Am „Silvana“-Stoff versuchte sich Weber schon als Kind auf Betreiben des ehrgeizigen Vaters, eines meist mit geringer Fortune durch die deutschen Lande ziehenden Theaterdirektors. Das „Silvana“-Elaborat des knapp Vierzehnjährigen machte bei seiner Aufführung 1800 aber kaum den Eindruck einer Wunderkind-Arbeit. Zehn Jahre später nahm sich Weber des Sujets nochmals an und brachte es mit verbessertem Libretto 1810 in Frankfurt am Main heraus. Ein durchschlagender Erfolg war’s nicht, wohl aber eine wichtige Station auf Webers Weg als Opernkomponist. Auch Schwandt würdigt die Meriten dieses Stückes einlässlich.

„Silvana“ gibt sich als dramaturgische Kuriosität, weil die (auf der Bühne durchaus präsente) Titelfigur keinen einzigen Ton singt. Als stummes Waldmädchen schreitet sie durch das Stück, eine Ikone der Unschuld und ritterlicher Minne. (Stumme Frauen lernte Weber dann spätestens wohl zu bewundern, als er Nervensägen wie Helmina von Chézy kennenlernte). Ganz vereinzelt sind sprachlose Bühnenwesen in der Literatur freilich nicht; man denke an die Protagonistin der Oper „La Muette de Portici“ von Auber oder die Schauspielgestalt „Yvonne, die Burgunderprinzessin“ von Gombrowicz. Für den aufmerksamen Hörer der CD gewinnt Silvana durchaus Kontur – in den sensiblen und lebhaften Umrissen, die Webers Instrumentalgestalten ihr geben. Silvana wirkt als eine typisch romantische Männerphantasie, als ein mit den Ambivalenzen der Domestizierung oder der Integration in die „normale“ Gesellschaft konfrontiertes Naturwesen, nicht unähnlich den Opernnixen Undine (E.T.A. Hoffmann, Lortzing) oder Rusalka (Dvorák) und der Melisande Debussys. Auch sonst enthält die Oper die Romantik-Ingredienzen des „Freischütz“-Komponisten. Also viel Hörnerschall, Jägerchor, Knappen-Humorigkeit und Edelfrauengefühle. Mit den Motiven Zwangsheirat und Liebesunfähigkeit werden auch psychologisch ernste Töne angeschlagen. Zweierlei Musikmerkmale fallen in dieser durchaus „reif“ und eigenständig anmutenden en Partitur auf: Webers Fähigkeit, Mozarts Vokalkomplexität in kunstvollen Ensembles aufzugreifen und weiterzuentwickeln und seine eminent „theaterhafte“ Arzt des unterstreichenden, rhetorischen und gleichsam „inszenierenden“ Musikmachens. Weber arbeitete in seiner nur rund 25 Jahre umfassenden produktiven Zeit mit einer begrenzten Zahl tonsprachlicher „Modelle“, so dass man in „Silvana“ vielen Charakteren begegnet, die auf die späteren Opern vorausweisen; so wird auch schon die emotionale Aufgeladenheit des „Freischütz“-Kaspar in einer Arie mit zweimal grell angehaltenen Fortissimo-„Fermaten“ vorweggenommen. Orchester- und Chorleistung der Einspielung lassen keine Wünsche offen; die „groß“ angelegten Vokal-Hauptpartien werden zureichend realisiert, zeigen aber auch einige Mühe: Ferdinand von Bothmer als tenoral eng mensurierter Graf Rudolph und Michaela Kaune als höhensichere, nicht sonderlich nuancierte Mechthilde. Mit fast zweieinhalb Stunden Musikdauer hat „Silvana“ durchaus das Großformat der späteren Trias „Freischütz“, „Euryanthe“ und „Oberon“.

Noch eine themenverwandte diskographische Fußnote. Weber war in seinen frühen Jahren eng befreundet mit dem fünf Jahre jüngeren Meyerbeer, in dessen Berliner Elternhaus er als ständig ambulanter Theatermensch einen gerne aufgesuchten Hafen fand. Damals trafen Meyerbeer und Weber übrigens auch mehrfach mit Helmina von Chézy zusammen und schmiedeten Pläne. Nachdem Meyerbeer als Großmeister der Pariser Grand‘ Opéra weltberühmt geworden war, konzipierte er mit seinem Librettisten Eugène Scribe als letztes Werk eine Monumentaloper, die posthum als „L’Africaine“ uraufgeführt und bis ins 20. Jahrhundert populär wurde. In der Version mit dem zutreffenderen Titel „Vasco de Gama“ (das „de“ anstatt des portugiesischen „da“ ist dem Französischen geschuldet) wurde sie unlängst in Chemnitz aufgeführt und in voller Länge (viereinviertel Stunden Musik wie bei den „Meistersingern von Nürnberg“) als CD veröffentlicht. Eine mit all ihren Riesenpartien staunenswert gelungene Interpretation! Und die Musik immer wieder zündend, auch in ihrer instrumentalen Prägnanz (Robert-Schumann-Philharmonie mit Frank Beermann), die oft an das Raffinement von Berlioz erinnert.

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erstellt am 21.4.2015

Carl Maria von Weber. Stich von 1823

Carl Maria von Weber
Silvana
Michaela Kaune, Ines Krapp, Detlef Roth, Simon Pauly, Chor des Bayerischen Rundfunks, Münchner Rundfunkorchester, Ulf Schirmer
cpo 777 727-2

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