Was bedeutet „Deutschsein” heute, 25 Jahre nach der Wiedervereinigung? Vier Autoren gehen dieser Frage bei Faust-Kultur aus eigener, biographischer Sicht nach. Den Auftakt macht Eugen El, der 1997 nach Deutschland kam und sich seitdem in die Sprache Heines, nicht aber in manch eine deutsche Eigenart verliebt hat.

Being German

Sprache, Pass und Wanderjacken

Von Eugen El

Mein Name ist Eugen El, ich wurde 1984 im weißrussischen Minsk geboren. Damals war Weißrussland Teil der Sowjetunion. In Deutschland lebe ich seit 1997. Mein Nachname stammt aus dem Hebräischen. Die Vorfahren meines Vaters waren Juden. Weißrussland wurde im Zweiten Weltkrieg von der Wehrmacht besetzt. Ein Viertel der Bevölkerung kam in dieser Zeit um. Mein Großvater väterlicherseits hat den Krieg als Kind in der Evakuation in Usbekistan überlebt. Als er nach Weißrussland zurückkam, musste er ins Waisenhaus.

Sie könnten erwarten, dass mein Verhältnis zu Deutschland deswegen belastet und distanziert ist. Nun, das könnte sogar sein. Dennoch ist mein – inzwischen leider verstorbener – Großvater im Jahr 1999 unserer Familie und der Familie meiner Tante nach Deutschland gefolgt. Die deutsche Geschichte ist auch in unserer Familie präsent. Man kann sie nicht vergessen oder wiedergutmachen. Mein Großvater aber sah bei aller Skepsis die Chancen, die sich seinen Kindern, also meinem Vater und meiner Tante, und vor allem seinen Enkelkindern, also mir, meinem Bruder, meiner Cousine und Cousin eröffneten.

Eigentlich ist mein Vorname nicht Eugen. Geboren wurde ich als Ewgenij (Евгений) . Nach der Unabhängigkeit Weißrusslands und dem Ende der Sowjetunion im Jahr 1991 wurde daraus Jaugen (Яўген). Das klingt reichlich exotisch, kommt Eugen aber recht nahe, dachte ich mit meinen Eltern übereinstimmend, und so heiße ich seit 2000 in meinen Papieren Eugen.

Als ich im Jahr 1996 als Sechstklässler erfahren habe, dass wir nach Deutschland auswandern, hatte ich so gut wie keine Vorstellung von dem Land, das uns erwartete. Die sowjetische Erzählung vom faschistischen Besatzer Deutschland war aus der Mode gekommen. Im Fernsehen lief bei uns VIVA, und ein junger Moderator namens Stefan Raab turnte durch das Studio. In mein Vokabelheft zeichnete ich eine Stadtlandschaft aus Wolkenkratzern und futuristischen Hochbahnen. So stellte ich mir Deutschland vor.

Eugen El am Frankfurter Hauptbahnhof im Jahr 1997
Eugen El am Frankfurter Hauptbahnhof im Jahr 1997. Foto: privat

Nach einer eineinhalbtägigen Zugfahrt erreichten wir, mit reichlich Gepäck beladen, am 12. August 1997 den Hauptbahnhof von Frankfurt am Main. In Sachen Hochhäuser war es schon mal die richtige Stadt, doch mussten wir sogleich in Richtung Fulda aufbrechen. In einem kleinen Städtchen im östlichen Main-Kinzig-Kreis kamen wir dann – für neun Jahre – unter. Ich ging gleich in die achte Klasse der Gesamtschule und lernte schnell Deutsch. In Deutschland habe ich Abitur gemacht, ich habe hier studiert. Ich lebe seit etwa siebzehneinhalb Jahren, abgesehen von einigen Reisen, ununterbrochen in Deutschland, seit drei Jahren in Frankfurt. Seit 2005 habe ich sogar den deutschen Pass. Bin ich deshalb deutsch?

Fragen Sie mich etwas Einfacheres.

Den Daten nach könnte ich deutscher nicht sein, bis auf den Schönheitsfehler der Geburt in Minsk. Aber verrät mich nicht mein Akzent sofort? Und erst recht mein Nachname? Ja, das tun sie! Mein Vater wird immer noch oft gefragt, ob er denn aus Ägypten käme. Zum Glück kommt die Frage, ob es uns in Deutschland gefalle, nicht mehr so oft. Aber ja, gefällt uns. Und nein, wir gehen nicht zurück.

Spätestens hier sind wir schon beim eigentlichen Problem. Was heißt es, deutsch zu sein? Ist es die Sprache, der Pass, die Herkunft, oder gar eine bestimmte Idee, der man folgt? Nach langen und erkenntnisreichen Jahren würde ich behaupten: ich weiß es nicht.

Ich versuche immer pünktlich zu Terminen zu kommen und lege Wert auf Zuverlässigkeit. Wenn ich in Frankfurt Straßenbahn fahre und rundum kein Wort Deutsch höre, dann ärgere ich mich manchmal. Dennoch fühle ich mich fremd. Ich fühle mich als Ausländer und möchte keine schwarz-rot-goldenen Fahnen schwenken. Ich bin wohl vorbildlich integriert und doch werde ich kaum das Wort „Heimat“ im Zusammenhang mit Deutschland in den Mund nehmen.

Freunden, die noch nicht lange hier leben, helfe ich mit meinen Sprachkenntnissen aus. Als Journalist bin ich ohnehin auf fehlerfreies Deutsch angewiesen. Es ist vor allem die deutsche Sprache, die mir Türen geöffnet hat. Ich habe mich in die Sprache Heines verliebt.

Nicht verliebt habe ich mich in die DFB-Elf, ins Autofahren, Bausparen, ins Wanderjacken-Tragen, Tatort-Gucken und was sonst als ziemlich deutsch gilt.

Dennoch, ich habe seit 2005 noch keine Landtags- und Bundestagswahl versäumt. Ich bin nicht besonders politisch, dennoch verfolge ich täglich die Nachrichten. Es geht mich sehr wohl an, was in der Stadt, in dem Land, in dem ich lebe, passiert, welche politische Entwicklung es nimmt. Denn ich lebe hier und werde es hoffentlich noch lange tun. Vielleicht ist es das, was mich am ehesten deutsch macht: die Sorge um Gegenwart und Zukunft der eigenen Lebensumwelt, und ich meine das überhaupt nicht ökologisch. Ich möchte, dass dieses Land genauso entspannt, anregend, überraschend, interessant bleibt, vielleicht sogar ein Stückchen mehr.

Dies soll nicht wie eine Politikerrede klingen. Ich möchte nicht der erste Amtsträger mit sonstwelchem Hintergrund werden. Ich möchte auch keinen Integrationspreis. Aber erlauben sie mir eine vielleicht gewagte, vielleicht selbstverständliche, aber längst überfällige Feststellung.

Ob ich deutsch bin oder nicht, ist vielleicht sogar egal, aber eins weiß ich: dieses Deutschland ist mittlerweile mein Land.

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erstellt am 20.4.2015

Die Wiedervereinigung 1990 haben die heute 14- bis 19-Jährigen nicht miterlebt. Gibt es aber trotzdem etwas, woran sie bei der Feier von 25 Jahren Deutsche Einheit in Frankfurt am 3. Oktober 2015 anknüpfen können? Ist es das eigene „Deutschsein”? Was bedeutet das überhaupt heute?
Die Auftaktveranstaltung des Projektes „Being German, Deutschsein, Alman Olmak…“ der Jugendkulturkirche Sanktpeter Frankfurt und der Evangelischen Akademie Frankfurt in Kooperation mit der Evangelischen Akademie Thüringen fand am 24. März 2015 statt. Ziel war das Erarbeiten von vier Thesen, die das „Deutschsein“ von Jugendlichen beschreiben. Dazu wurden vier Referenten (Eugen El, Isil Yönter, Nina Yao, Annegreth Schilling) eingeladen, die einen Einblick in die eigene Geschichte und das eigene „Deutschsein“ gaben. Nach den Impulsreferaten wurde im methodischen Teil ein Austausch über das Thema gewagt, bis dann später im Plenum vier Bedeutungen eines „Deutschseins“ gefunden werden konnten.
Diese vier Thesen werden im zweiten Teil der Veranstaltung von den Schülern gemeinsam mit vier Künstlern auf unterschiedliche Art und Weise gestaltet. Die Ergebnisse werden im Oktober in einer Ausstellung vorgestellt, bei der die Teilnehmer der Ev. Akademie Thüringen aus Erfurt auch dabei sein werden. Die Eröffnung der Ausstellung findet am 2. Oktober 2015 um 19.00 Uhr in der jugend-kultur-kirche sankt peter, Stephanstr. 6, 60313 Frankfurt statt. Sonja Kruse

Faust-Kultur dokumentiert die vier Impulsvorträge des Projektes „Being German, Deutschsein, Alman Olmak…“ in loser Folge.