Eine CD enthält jetzt sämtliche Studioaufnahmen, die der Trompeter Miles Davis und der Tenorsaxophonist Sonny Rollins miteinander gemacht haben. Der deutsche Trompeter Martin Auer hat sich kürzlich an Davis' berühmte LP „Kind of Blue“ gewagt. Ebenfalls neu auf CD erschienen sind die Studioaufnahmen des Jimmy Giuffre Trios, berichtet Thomas Rothschild.

CD

Neue Jazz-Aufnahmen

Von Thomas Rothschild

Brüder im Geiste

Es gibt in der Geschichte des Jazz wenig Bläserduos, die so harmonisch zusammengepasst haben wie der Trompeter Miles Davis und der Tenorsaxophonist Sonny Rollins. Eine CD enthält jetzt sämtliche Studioaufnahmen, die die beiden miteinander gemacht haben. Wenn sie unisono spielen, klingt das wie aus einem Guss. In den Soli können sie sich dann individuell entfalten, wobei der auffälligste Unterschied im Staccato von Davis versus dem Legato von Sonny Rollins liegt, und der verdankt sich eher der Eigenart ihrer Instrumente als dem Personalstil.

Sollte man einen Höhepunkt unter den 28 Titeln nennen, wäre „'Round Midnight“ von Thelonious Monk ein Kandidat. Leider ist Denzil Bests aufregendes Up-tempo-Stück „Move“ einer von drei für den Rundfunk live aufgenommenen Bonus Tracks, die technisch so katastrophal sind, dass man keine rechte Freude daran hat. Zu den Mitspielenden gehören einige der Superstars des Jazz, unter ihnen Charlie Parker, J.J. Johnson, die so unterschiedlichen Pianisten John Lewis und Horace Silver, Charles Mingus, Percy Heath und Art Blakey. Sie können sich in einzelnen Soli profilieren. Zu den schönsten zählt das Piano-Solo von Horace Silver in der Sonny Rollins-Komposition „Doxy“, einem frühen Beispiel jenes Musikstils, den man Funk nannte.

Ohne Sonny Rollins kommt eine der berühmtesten LPs von Miles Davis aus: „Kind of Blue“. Wenn heute ein Theaterstück vom Ende der fünfziger Jahre inszeniert wird – zum Beispiel „Die Geburtstagsfeier“ oder „Der Hausmeister“ von Pinter, „Caligula“ von Camus, „Andorra“ von Frisch, „Die Nashörner“ von Ionesco, „Die Polizei“ von Mrożek, „Die Zoogeschichte“ von Albee, „Die Geisel“ oder „Richards Korkbein“ von Behan –, tauchen regelmäßig die Partizipien „veraltet“, „verstaubt“, „überholt“ auf. Wer käme auf die Idee, das Miles Davis-Album von 1959 veraltet, verstaubt oder überholt zu nennen? Offenbar hat Musik eine längere Halbwertzeit als das Drama. Eben erst hat die amerikanische Band mit dem kuriosen Namen Mostly Other People Do the Killing die Jahrhundert-Aufnahme Ton für Ton auf CD nachgespielt, ein musikalisches Reenactment sozusagen.

Auch der deutsche Trompeter Martin Auer hat sich an „Kind of Blue“ gewagt. Die Besetzung gleicht jener der Vorlage, mit der Ausnahme, dass es statt der beiden Saxophonisten Cannonball Adderley und John Coltrane nur einen, Florian Trübsbach, gibt, und der bläst Alt- und Sopransaxophon. Auf den Sound des Tenorsaxophons muss man also verzichten. „Kind of Blue“ enthält fünf Kompositionen von Miles Davis, und jedes Mitglied des Martin Auer Quintetts hat das Arrangement eines Titels übernommen. Daran werden nur Miles Davis-Fundamentalisten Anstoß nehmen. Wer seine Aufnahmen nicht für unantastbare Heiligtümer und eine bloße Kopie im Zeitalter der Tonkonserve für schwachsinnig hält, wird an „Our Kind Of…“ von Martin Auer und seinen Freunden durchaus Freude haben. Und sei es beim minutiösen Vergleich mit dem Meister himself.

Der Zug und der Fluss

In einem der filmisch wie musikalisch schönsten Jazzfilme aller Zeiten, in Bert Sterns „Jazz on a Summer's Day“, hört man gleich zu Beginn ein faszinierendes Musikstück: „The Train and the River“ vom Jimmy Giuffre Trio. Es kann geradezu als Musterbeispiel für jene Richtung gelten, die man Cool Jazz nannte. Zurückhaltung prägt diese Musik, gebremste Power, und dass das Trio ohne Schlagzeug auskommt, ist ein Indikator für die Intention. An Drive fehlt es, diesem scheinbaren Manko zum Trotz, keineswegs. Der aber steht seinerseits der Intimität, dem kammermusikalischen Ansatz nicht im Wege. Das hat Schule gemacht. Ein Jan Garbarek, aber auch ein John Surman ist ohne Jimmy Giuffre und den geistesverwandte Paul Desmond schwer denkbar.

Eine Box mit vier CDs und sämtlichen Studioaufnahmen des Jimmy Giuffre Trios enthält gleich drei Versionen von „The Train and the River“. Streng genommen gibt es das Jimmy Giuffre Trio nicht, sondern nur das Duo Jimmy Giuffre und Jim Hall mit wechselnden Kontrabassisten oder mit Bob Brookmeyer an der Ventilposaune und gelegentlich am Klavier. Giuffre allerdings und der Gitarrist Jim Hall sind die idealen Partner, unüberhörbar verwandt in ihrem musikalischen Verständnis und unübertrefflich kompatibel im Sound. Umso erstaunlicher, dass sich die Bassisten, die allerdings zur ersten Garnitur zählen, allesamt fugenlos in diesen Sound und den Stil einpassen. Einige Passagen, in denen Jim Halls Gitarre Zwiesprache mit dem Bass hält, können sich durchaus an Jimmy Giuffres Vorgaben messen. Dass der zur Not auch alleine zurecht kommt, beweist er auf zwei Bonustracks.

Jimmy Giuffre spielt abwechselnd Klarinette, Tenor- und Baritonsaxophon und manchmal auch alles gleichzeitig – dank der damals noch ungebräuchlichen Technik des Playback. So kann er seine eigene Komposition „Four Brothers“ mit vier Saxophon-Spuren plus Gitarre und Piano bewältigen. Stilistisch bleibt er sich treu, welchen Sound er auch bevorzugen mag. Neben Giuffres Eigenkompositionen interpretiert das Trio unter anderem Stücke von so unterschiedlichen Autoren wie Kern und Hammerstein, Hoagy Carmichael, Thelonious Monk, Kurt Weill (klar, „Mack The Knife“) oder Arlen und Mercer („Come Rain Or Come Shine“).

Filmausschnitt „Jazz on a Summer's Day“. Quelle: YouTube

Kommentare


Wolfgang Krust - ( 23-04-2015 11:30:50 )
Vielen Dank für diese Bedprechung. Es wäre schön, wenn auch die vollständigen discographischen Angaben wie Titel/Interpret, Label und evtl. Auch der Vertrieb sngegeben wären. Das würde sehr helfen beim "Nachhören". Viele Grüße

Wolfgang Krust - ( 24-04-2015 12:38:46 )
Sorry, die Angaben sind da. Man muss halt alles lesen.

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erstellt am 20.4.2015

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