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Sinti und Roma sind nicht heimatlos. Sie sind Bürger des Landes, in dem sie leben, dort ist ihre Heimat. Doch oft scheint man ihnen dies nicht glauben zu wollen. Wie falsch diese Haltung ist, hat Romeo Franz, Geschäftsführer der Hildegard Lagrenne Stiftung, während der Berliner Kulturwoche „Gestatten, das sind wir!“ erklärt. Katharina König war vor Ort und berichtet über das von Angehörigen der Sinti und Roma initiierte Projekt.

Kulturwoche der Sinti und Roma

Gegen Vorurteile und Klischees

Kulturwoche in Berlin setzt Vorurteilen ein eigenes Bild entgegen

Von Katharina König

„Gestatten, das sind wir!“ – unter diesem Titel veranstaltete die Hildegard Lagrenne Stiftung im April 2015 ihre zweite Kulturwoche in Berlin. Die 2012 von Sinti und Roma aus eigenen Mitteln ins Leben gerufene Stiftung wurde nach der Zeitzeugin und langjährigen Bürgerrechtlerin Hildegard Lagrenne benannt. Sie setzt sich bundesweit für die Bildungs- und Inklusionsförderung von Sinti und Roma in Deutschland ein.

Ziel der Kulturwoche war es, das Wissen über die Volksgruppe der Sinti und Roma zu stärken und weit verbreiteten Informationslücken entgegenzuwirken. Der Geschäftsführer der Hildegard Lagrenne Stiftung, Romeo Franz, machte beispielsweise deutlich, dass es nicht, wie oft behauptet, die eine homogene Kultur von Sinti und Roma gibt. Vielmehr handele es sich um viele Kulturen. Wer diese Vielfalt zeige, mache diese Unterschiede sichtbar und wirke so Pauschalurteilen entgegen.

Die verschiedenen Beiträge in Form von klassischer Musik, Lyrik und Theater in Berlin zeigten Ausschnitte aus dieser Vielfalt. Weiter wies Franz darauf hin, dass Roma und Sinti keineswegs heimatlose Gruppen sind, sondern im Gegenteil eben in den Ländern beheimatet sind, in denen sie leben. Vor dem Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma nannte er das Ziel, die „Minderheits- und Mehrheitsgesellschaft zu einer Gesellschaft der Vielfalt und Akzeptanz der Unterschiede zu entwickeln“.

Unter anderem dafür sollten durch politische Diskussionen alle Teile der Gesellschaft sensibilisiert werden. Antiziganismus schade nicht nur den Betroffenen. Vielmehr verhindere er, dass die Potenziale eines Teils der Gesellschaft genutzt werden können. Er stelle somit einen Verlust für alle dar.

Antiziganismus überwinden

Daniel Strauß vom Kulturhaus RomnoKher betonte bei der Eröffnungsveranstaltung, Antiziganismus sei ein Problem der Mehrheitsgesellschaft. Nicht diejenigen, die von Diskriminierung betroffen sind, seien dafür verantwortlich, dass diese negativen Stereotype existieren. Gleichzeitig müssten Sinti und Roma daran beteiligt werden, Antiziganismus abzubauen: „Nur die Betroffenen selbst können erklären, wie sich Diskriminierung anfühlt“, argumentierte Romeo Franz.

Die Kulturwoche schloss den Internationalen Tag der Roma am 8. April ein. Das Datum nimmt Bezug auf das erste internationale Treffen von Roma-Selbstorganisationen im Jahr 1971. Ort der Kundgebung an diesem Tag war das Denkmal der im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma. In den Ansprachen verknüpften die RednerInnen die Vergangenheit und Zeit der Verfolgung mit der Gegenwart. Christine Lüders, Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, machte darauf aufmerksam, dass Sinti und Roma heute noch Gleichgültigkeit bis hin zu Ablehnung und Hass erfahren. Beispielhaft nannte sie die hetzerischen Plakate der NPD im letzten Bundestagswahlkampf und die öffentliche Diskussion um „Armutszuwanderung“. Romeo Franz ergänzte Hinweise auf die Pegida-Demonstrationen und bezeichnete das Verständnis einiger PolitikerInnen für die Bewegung als einen Schlag ins Gesicht der Opfer und derer, die sich gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassimus engagieren.

»Kein leeres Erinnern und kaltes Vergessen«

Sowohl Romeo Franz als auch Uwe Neumärker, Direktor der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, bezogen sich auf den ersten Artikel des deutschen Grundgesetzes: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Während Neumärker betonte, dass es dabei nicht nur um die Würde von Deutschen ginge, kritisierte Franz, die Würde einiger Menschen werde mit Füßen getreten. Die Realität beweise, dass derzeit die Würde verschiedener Menschen nicht gleich viel wiegt. Die Vorsitzende des Bundes Roma Verbands Nizaqete Bislimi forderte kein „leeres Erinnern und kaltes Vergessen“. Sie stellte in ihrer Rede einen Bezug zu Abschiebungen von Menschen her, die teilweise seit 20 Jahren in Deutschland lebten.

In der Diskussion „Antiziganismus überwinden“ sprachen Selbstorganisationen und AktivistInnen über ihre Projekte und beklagten geringe politische Unterstützung, um Strategien der Initiativen und Organisationen zu konkretisieren. Die Journalistin Gilda Horvath berichtete über ihr Heimatland Österreich, wobei sie eine Aufteilung in autochthone und eingewanderte Roma infrage stellte. Es bestehe kein Unterschied bei der Betroffenheit aller in Österreich lebenden Roma durch Antiziganismus. Eine Unterscheidung der beiden Gruppen, wenn es um ihre Selbstvertretung ginge, führe nur zu Streit untereinander. Sie stellte die Frage, ob dieser politisch gewollt sei. Auch problematisierte sie, dass von Sinti und Roma verlangt werde, einer Meinung zu sein.

Mit diesem Vorwurf der Uneinigkeit zwischen den Organisationen gingen die VertreterInnen unterschiedlich um. Als sich die Soziologin Iovanca Gaspar eine bessere Zusammenarbeit der Organisationen von Sinti und Roma wünschte und anmerkte: „Wir kennen uns nicht“, unterbrach Daniel Strauß. Diesen Vorwurf sollten sich Selbstorganisationen nicht zu eigen machen, denn mit dieser Haltung würden die Roma-Organisationen wieder selbst zum Problem. Das Problem sei aber vielmehr der Antiziganismus, für dessen Bekämpfung nicht die Selbstorganisationen zuständig seien.

Kulturförderung: »falsche Inhalte verhindern«

Gilda Horvath ging auch auf die Vergabe von Fördermitteln ein. Dafür gebe es Hürden, die insbesondere kleine Vereine nicht erfüllen könnten. So entstehe eine „Roma-Industrie“, in der Nicht-Roma in großen etablierten Vereinen Gelder beantragen und erhalten und derart die Projektgestaltung und -führung bestimmen. Besonders problematisch sei es, wenn Sinti und Roma zwar an Projekten mitarbeiten, die Führung daran aber nicht aus der Hand gegeben wird. Ein Beispiel für ein geplantes Projekt ist ein Online-Archiv, das von der Kulturstiftung des Bundes eingerichtet werden soll. Romeo Franz forderte, dass das Projekt in gleichberechtigter Zusammenarbeit mit Roma, Sinti und der Bundeskulturstiftung ausgeführt werden müsse.

Insbesondere von Kenan Emini, stellvertretender Vorsitzenden des Bundes Roma Verbands, gab es Kritik, weil die Organisation nicht informiert wurde. „Der Kuchen ist schon gebacken, ohne unser Wissen“, so Emini. Gilda Horvath bezeichnete es als Pflicht der Selbstorganisationen, bei einem solchen Vorhaben mitzumachen, schon allein „um falsche Inhalte zu verhindern“. Darauf meldete sich Isabel Raabe zu Wort, eine der Initiatorinnen des Digitalen Archivs und Forums der Sinti und Roma in Europa, wie der Arbeitstitel des Projekts lautet. Die Kulturstiftung habe mit Roma- und Sinti-AktivistInnen gesprochen, die vielfach den Wunsch nach einem Ort äußerten, an dem Kultur sichtbar gemacht werden könne. Die Kulturstiftung verwalte die Gelder des Projekts, während ein Beirat aktuell zusammengesetzt werde. Der Zentralrat sei dabei beratend tätig, der „Bundes Roma Verband im Gespräch“. „Mit wem?“, lautete eine Frage aus dem Publikum, die unbeantwortet blieb. Raabe verwies darauf, dass die Einladungen zur Mitarbeit noch nicht verschickt seien.

Isidora Randjelovic berichtete abschießend vom feministischen Archivprojekt RomaniPhen, an dem seit Jahren ehrenamtlich gearbeitet und um Stellen gekämpft wird. Auch die Mitarbeiterinnen hätten bisher keinen Kontakt zur Kulturstiftung und würden sich gerne in die Planung des Online-Archivs einbezogen sehen. Es bleibt abzuwarten, ob die Umsetzung des Digitalen Archivs und Forums der Sinti und Roma den Selbstvertretungsansprüchen gerecht wird und somit zu einem Beispiel für eine von Romeo Franz geforderte Arbeit „auf Augenhöhe“ werden kann.

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erstellt am 20.4.2015

Kulturwoche

»Gestatten, das sind wir!«

Zum Programm

Kundgebung vor dem Denkmal am 8. April
Foto: RomnoKher

Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma in Berlin
Foto: RomnoKher

Romeo Franz (links) mit dem Samson Schmitt Ensemble
Foto: RomnoKher

Marionettentheater von David Weiss

Fotos: RomnoKher

Die Roma-Künstlerin Delaine Le Bas

Galerie Kai Dikhas

Ausstellung zeitgenössischer Kunst von Roma- und Sinti-KünstlerInnen aus der ganzen Welt

Aufbau Haus am Moritzplatz

Kai Dikhas