Mit Messern, Gabeln und Marmorköpfen der britischen Denker verteidigten zuletzt die Belagerten von Krishnapur ihr Leben. Von einer grotesken wie wahren Geschichte aus dem Indien der Kolonialzeit handelt James Gordon Farrells Buch „Die Belagerung von Krishnapur“. Clair Lüdenbach hat es gelesen.

Buchkritik

Der erste Schritt

Von Clair Lüdenbach

Das Blut stand knietief in den Straßen Delhis, heißt es in einem Lied. Es beschreibt die grausame Rache der Engländer für den Aufstand indischer Soldaten in der britischen Armee im Jahre 1857. In Indien gilt dieser Aufstand bis heute als der erste Schritt zur Unabhängigkeit. Für die Briten war die Niederschlagung der Rebellion damals ein Triumph ihrer mutigen Soldaten über die „Wilden“ in Indien. Heute wird dieser Konflikt differenzierter gesehen. Und auch schon damals gab es Kritik am brutalen Vorgehen der Engländer. In der New-York Daily Tribune schrieb Karl Marx über die englische Herrschaft in Indien: “Wie schändlich das Vorgehen der Sepoys auch immer sein mag, es ist nur in konzentrierter Form der Reflex von Englands eigenem Vorgehen in Indien … Um diese Herrschaft zu charakterisieren, genügt die Feststellung, dass die Folter einen organischen Bestandteil ihrer Finanzpolitik bildete. … Da Delhi nicht durch bloße Windstöße gefallen ist wie die Mauern von Jericho, sollen John Bulls Ohren von Rachegeschrei gellen, damit er vergisst, dass seine Regierung verantwortlich ist für das ausgebrütete Unheil und dafür, dass es solche kolossalen Ausmaße annehmen konnte“.

Der früh verstorbene englische Autor James Gordon Farrell schrieb „Die Belagerung von Krishnapur“ als zweiten Teil einer Trilogie über das britische Empire, wofür er 1973 den Man Booker Preis erhielt. Erst jetzt wurde das Buch, elegant und präzise übersetzt von Grete Osterwald, in deutscher Sprache herausgebracht.

Wie aus dem Nichts steigt die Stadt Krishnapur aus der weiten Landschaft im Gangesdelta hervor. Farrell beschreibt zu Anfang einen verlassenen Ort, an dem nur noch die Gräber der Toten, verfallene Moscheen und Ruinen der Häuser Zeugen der Vergangenheit sind. Man hat den Eindruck, dass sich hier einst ein englischer Verwaltungsort befand, umgeben von einer überschaubaren Dorfgemeinschaft. Doch die Geschichte basiert auf der tatsächlichen Belagerung von Lucknow, einer prominenten Stadt im Norden Indiens, einst ein Zentrum moslemischer Kunst und Kultur. Aber davon erzählt dieses Buch nicht, sondern davon, wie eine kleine englische Kolonialgemeinde aus dem Einerlei trivialer Zerstreuungen in einen Ausnahmezustand gerät. Farrell zeichnet das Bild strenggläubiger Christen, deren weiblicher Teil sich ganz der Brutpflege und der Vorbereitung auf eine gute Partie hingibt, während die Männer den Handel, Wandel und die öffentliche Ordnung im Blick haben. Bei den Mädchen stehen lustige Offiziere höher in der Gunst als Schöngeister, die aus dem alten England herüberkommen und das Leben der Einheimischen erkunden wollen. Der Autor baut seine Szenen sorgsam auf: Mit einem neugierigen jungen Dichter, einer Reihe schmucker Offiziere, einem strengen Pfarrer, einem gefallenen Mädchen, dem ahnungsvollen Collector und vielen anderen Haupt- und Nebendarstellern. Diese englische Gesellschaft ist von der Vorstellung beseelt, den Fortschritt in dieses Land zu bringen. Wie die „Eingeborenen“ die neue Zeit wahrnehmen, interessiert sie nicht, weil etwas Besseres als die Segnungen des beginnenden Industriezeitalters undenkbar ist. Farrell hat einen Gesellschaftsroman verfasst, der einerseits meisterhaft die englische Oberschicht in den Kolonien karikiert und gleichzeitig ein zentrales Ereignis in der englischen Kolonialgeschichte nachzeichnet. Wie nebenbei lernt der Leser die arrogante, selbstherrliche und menschenverachtende Haltung der englischen Besatzermacht kennen. So fragt der junge Dichter, der ein Buch über den Fortschritt der Zivilisation in Indien schreiben möchte, einen englischen Beamten: „Wenn die indischen Völker unter Ihrer Herrschaft glücklicher sind, warum bleiben sie dann in einheimischen Staaten wie Hyderabad, die so miserabel regiert werden, und wandern nicht aus, um hierher zu kommen und in Britisch-Indien zu leben?“ Da bekommt er zur Antwort: „Die Apathie des Eingeborenen ist allgemein bekannt, er ist nicht unternehmerisch.“ Indem das Verhängnis seinen Lauf nimmt, verändern sich die heiteren Szenen englischer Geselligkeit in einen Ausnahmezustand. Ganz allmählich entsteht die Belagerung, die Herrscher werden zu den Beherrschten, und am Rande stehen die „Eingeborenen“ und schauen den dramatischen Überlebenskämpfen zu. Was damals eine der größten englischen Niederlagen war, wird bis heute in Indien als der Beginn der Unabhängigkeitsbewegung gefeiert. Tatsächlich war der Aufstand ein fast dreijähriger Kampf um Respekt, Menschenrechte und Selbstbestimmung. Denn die englische Ostindien-Kompanie beutete Land und Leute durch den Anbau und die Herstellung von Opium aus, sie vernichtete das Kunsthandwerk zu Gunsten von Billigwaren für den englischen Markt, plante die Eisenbahn und förderte die Christianisierung. Das Fass zum Überlaufen brachte aber die Munition für die neuen Enfield-Gewehre, deren Kugeln mit tierischem Fett eingerieben waren. Die indischen Soldaten, die Sepoy, mussten die Packung mit dem Mund aufreißen, wobei sie in Kontakt mit dem Fett kamen. Das war für fromme Muslime wie Hindus unannehmbar. Aus einem ersten Protest, der mit einem Todesurteil geahndet wurde, entstand ein Flächenbrand der Insurrektion, der sich über ganz Nordindien ausbreitete. Die zweifache Belagerung von Lucknow gehört zu den tragischsten Ereignissen. Der Autor erzählt detailliert aus der Perspektive der Belagerten den grausamen Kampf ums Überleben. Das wirkt wie ein großartig inszeniertes Theaterstück, worin die Akteure immer noch Zeit finden, die Grundsätze ihrer englischen Kultur und Religion zu diskutieren, während gleichzeitig täglich Dutzende Miteingeschlossene sterben. Es überlebten letztlich nur Wenige, und die setzten bald ihr altes Leben fort. Als die britische Armee mit Granaten die indische Übermacht beendete, tat sie das mit dem bis heute besungenen Blutbad.

James Gordon Farrell hat diesem bitteren Teil britisch-indischer Geschichte ein würdiges, traurig-schönes Denkmal gesetzt.

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erstellt am 18.4.2015

James Gordon Farrell
Die Belagerung von Krishnapur
Aus dem Englischen von Grete Osterwald
Gebunden, 400 Seiten
ISBN: 978-3-95757-078-9
Matthes & Seitz, Berlin 2015

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