Buchkritik

»SISYPHOS, LACHEND«

So haben wir ihn noch nie gesehen: Albert Camus in Bildern & Dokumenten

Von Peter Henning

Bislang kannte man vor allem die wenigen längst ikonographischen, auf Plakaten und Buchumschlägen regelmäßig wiederkehrenden Aufnahmen jenes reinen, unerschütterlichen Moralisten, der – 1913 im ostalgerischen Mondovi geboren – aus ärmsten Verhältnissen stammend kraft seiner Bücher und seines engagierten Auftretens zur Leitfigur ganzer, nach Sinn und Bestimmung suchender Generationen aufstieg – und 1957 gerade mal 44-jährig den Literaturnobelpreis erhielt. Doch Albert Camus war stets mehr als das, was die zumeist strengen und allesamt auf den Denker in entsprechender Pose fokussierten Schwarzweißaufnahmen erkennen ließen.

Auch der großartige, soeben erschienene und von Camus’ Tochter Catherine unter dem Titel „Albert Camus in Bildern & Dokumenten“ herausgegebene Band versammelt diese Fotos – präsentiert darüber hinaus aber auch einen ganz anderen, bislang unbekannten Camus: den verschmitzten und im Umgang mit dem Kameraauge bisweilen geradezu genießerisch agierenden Spaßvogel und Familienvater, dessen künstlerische Strenge fern des Schriftstellers, der seine Daseinsberechtigung einzig in der „Creation“, dem Schaffen seines Werkes sah, vielfach durch Lässigkeit gebrochen wird.

„Leben heißt, in Bewegung sein, und mir gefällt der Gedanke, einen Vater gehabt zu haben, der sich frei fühlte. Ich besitze keine Wahrheit über Camus“. Dies schreibt Catherine Camus in ihrem Vorwort, und sie erklärt damit auf ihre Weise die Zusammenstellung des von ihr edierten Bandes, die sich als durch und durch subjektiv erweist. Denn es ist vor allem ein liebesvolles Durchstreifen des eigenen Bildarchivs, an dem uns die im September 1945 geborene Camus-Tochter nun anhand es vorliegenden großartigen Bandes über ihren frühverstorbenen Vater teilhaben lässt. Und dass sie keine verlässliche Wahrheit über diesen besitzt, das macht die vorliegende Bildauswahl auf das Schönste deutlich: Denn der früh vom Drang nach Selbstverwirklichung getriebene junge Camus ist darin ebenso oft zu sehen wie der spätere reife Dichter der Revolte, dessen letzte, die Fünfzigerjahre umreißenden und nicht selten von großer Bitterkeit grundierte Tagebücher ahnen lassen, welch innere Kämpfe der nach außen hin oft leicht, erfolgreich und scheinbar unbeschwert wirkende Mann mit der hohen Stirn und den klaren Gesichtszügen bis zuletzt hatte ausfechten müssen. Er, der nach der Entgegennahme des Nobelpreises quälend lange brauchte, um seine Schreibblockade aufzulösen – und mit der Niederschrift des unabgeschlossen gebliebenen großen Romans „Der erste Mensch“ zu beginnen, den er immer als sein eigentliches Hauptwerk bezeichnete.

Was immer einen großen Denker auszeichnen mag – Originalität, Problembewusstsein, Kritikfähigkeit und rationale, sich in konsistenter Argumentation widerspiegelnde Kraft: all das hat man Camus zeitlebens zu- aber auch abgesprochen; ihm, diesem großen Vielseitigen, der so vieles gleichzeitig sein konnte: Schauspieler, Verlagslektor, Journalist, Regisseur, Dramatiker, Essayist, Prosaschriftsteller und Philosoph. All diese zum Teil widersprüchlichen Facetten des Menschen Albert Camus fängt der vorliegende Band noch einmal in faszinierenden und so noch nie gesehenen Bildern ein – verdichtet zur faszinierenden Geschichte eines Mannes, der sich bis zuletzt geborgen fand „im Herzen eines königlichen Glücks“. Dass der vorliegende Band darüber hinaus auch Francine, die zweite Frau Camus, in zahlreichen Aufnahmen zeigt, dokumentiert, welche große Nähe der für seine diversen Affären bekannte Camus bis zuletzt zu der aus Oran stammende Frau fühlte; einer treuen Gefährtin auf seinem Weg aus der Enge und Begrenztheit seiner algerischen Herkunft, von der ihm bis zuletzt die Furcht vor den im Treppenhaus lauernden Schaben blieb, bis ganz nach oben auf den Gipfel des Nobelpreises. Und so erzählen die von ihr gemachten Aufnahmen nur scheinbar nebenbei die Geschichte einer Frau mit, deren Dasein an der Seite Camus zunächst von Liebe und Bewunderung geprägt war, bis an deren Stelle irgendwann Befremden und Resignation treten sollten. So ist der vorliegende Band vor allem auch dies: die in Bildern von bisweilen anrührender Schönheit nachgezeichnete wechselvolle Chronik einer exemplarischen algerischen Familie, an deren Ende die Trümmer eines an einer Platane zerschellten Wagens standen.

Mit den Worten „Meine Kinder und meine Enkelkinder, meine Neffen und meine Großnichte haben ihn nie kennengelernt. Für sie wollte ich all die Bilder noch einmal durchgehen“, skizziert Catherine Camus im Vorwort ihren Versuch einer fotographischen Annäherung an den Vater. „Um sein Lachen, seine Unbekümmertheit, seine Großzügigkeit wiederzufinden, um die Begegnung mit diesem aufmerksamen und warmherzigen Menschen noch einmal zu suchen, der mir den Weg ins Leben gewiesen hat.“

So gewährt uns der vorliegende Band – so weit dies bei einem vor sechzig Jahren verstorbenen Menschen überhaupt möglich ist – noch einmal die Begegnung mit einem zeitlebens für seine Haltung gepriesenen Künstler, der Mut und Beharrlichkeit bewies in seinem Widerstand gegen Ausbeutung, Unterdrückung, Zerstörung und seinem gleichzeitigen Eintreten für eine bessere, humanere und tolerantere Gesellschaft.

In seinem „Tagebuch 1951-1959“ notierte Camus dereinst: „Antwort auf die Frage nach meinen zehn bevorzugten Lieblingswörtern: Die Welt, der Schmerz, die Erde, die Mutter, die Menschen, die Wüste, die Ehre, der Sommer, das Meer.“ Sie alle finden in dem Band ihre optische Entsprechung. In Fotografien und Dokumenten, die einen auf direktem Weg zurückführen ins Zentrum seines Werks, das – im Gegensatz zu seinem 1960 verstorbenen Schöpfer – noch da ist. Und das sich zu lesen lohnt. Immer noch. Oder: schon wieder.

erstellt am 02.2.2011

Catherine Camus
Albert Camus in Bildern & Dokumenten
Edition Olms, Zürich 2010
224 S., mit ca. 550 Fotos und Dokumenten

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