Der Philosoph Friedrich Nietzsche wusste, dass man für andere „eine in die Augen springende Einzelheit“ ist, „welche den Eindruck bestimmt“. Daher könne der „sanftmütigste und billigste Mensch, wenn er nur einen großen Schnurrbart hat, gleichsam im Schatten desselben sitzen“. Vielleicht bleibt einem dann nur übrig, am Abgrund unter dem eigenen Schnurrbart seine Beine baumeln zu lassen, so wie es Nietzsche bei Otto A. Böhmer tut.

Holzwege

Einsamer Wanderer

Der Philosoph Friedrich Nietzsche

Von Otto A. Böhmer

Der Philosoph Friedrich Nietzsche saß am Abgrund und ließ die Beine baumeln. „Sie sind kalkweiß im Gesicht, mein Bester“, sagte er zu dem neben ihm sitzenden Freund Deussen, der die Arme gegen den Boden presste und so erwartungsvoll-steif dasaß, als habe er einen Souvenirstock verschluckt. „Rührt Euch“, lachte Nietzsche, „sitzen Sie bequem!“ „Mir ist es hier, mit Verlaub, etwas zu hoch über dem vertrauten Erdbo­den“, sagte Deussen und starrte auf den schäumenden Gebirgsbach, der einige hundert Meter unter ihm dahinjagte. „Mir wird eigentlich schon blümerant, wenn ich auf einer Leiter stehe…“ „Dann sind Sie ja gerade der Richtige fürs Hochgebirge“, sagte der Philosoph. „Die Schwindelgefühle werden Ihnen übrigens hier in Windeseile ausgetrieben. Sie werden zur Wahrheit ver­donnert, oder Sie fallen sehr tief…“ „Lieber nicht“, murmelte Deussen. „Ich glaube Ihnen ja, dass dieses, zugegeben, wildromantische Fleckchen Erde Ihr Lieb­lingsplatz ist, aber ich werde hier, denke ich, nicht so recht heimisch. Wollen wir nicht zurückkehren?“ „Gehen Sie schon vor, lieber Deussen“, sagte Nietzsche, „den Weg zum Hotel kennen Sie ja. Ich komme nach. Grüßen Sie Ihre Frau, die fast zu gut für Sie ist, und lassen Sie ein üppiges Abendessen vorbereiten. In Gedanken habe ich schon wieder einen Mordsappetit – und in der Wirklichkeit werde ich, wie zuletzt immer, kaum einen Bissen herunterbekommen…“ „Ihr Wunsch ist mir ein höchst einsichtiger Befehl“, sagte Deussen und erhob sich so vorsichtig, als könnte eine einzige tapsige Bewegung von ihm den ganzen großen Philosophenhang hoch über Sils-Maria zum Einsturz bringen. „Achten Sie auf Ihre Gebeine, wenn Sie zu Tale stolpern“, sagte Nietzsche. „Wenn ich sterbe, was ver­mutlich schon bald geschehen wird, ist das nicht weiter tragisch, aber Sie, Deussen, ein Gelehrter mit Sammlertalent, sollten uns noch lange erhalten bleiben. Im Interesse der Menschheit und, mehr noch, Ihrer Frau.“

Als der Freund gegangen war, lehnte der Philosoph sich zurück. Er sah die Wolken am Himmel dahinzie­hen; die Berge glänzten im Licht. Nietzsche spürte seine vertraut gewordenen Schmerzen, und er schloss die Augen. Es war ihm, als bewegte er sich, über Schründe und Felsspalten hinweg, auf einen Fluchtpunkt am Horizont zu. Jetzt wird abgerechnet, dachte er. Dabei schreiben wir doch erst das Jahr 1887. Aber es scheint so, als ob ich schuldig geworden wäre – und das nach bestem Wissen und Gewissen. Ich bin am Ende, und – es geht weiter. Wer, wie ich, nur einigermaßen zur Freiheit der Vernunft gekommen ist, kann sich auf Erden nicht anders fühlen denn als Wanderer – wenn auch nicht als Reisender nach einem letzten Ziele; denn dieses gibt es nicht… Freilich werden einem solchen Menschen böse Nächte kommen, wo er müde ist und das Tor der Stadt, welche ihm Rast bieten sollte, ver­schlossen findet. Geht ihm dann aber die Morgen­sonne auf, glühend wie eine Gottheit des Zorns, öffnet sich die Stadt – und der Tag ist fast schlimmer als die Nacht. So mag es wohl einmal dem Wanderer ergehen; aber dann kommen, als Entgelt, die wonnevollen Mor­gen anderer Gegenden und Tage, wo er schon im Grauen des Lichts die Musenschwärme im Nebel des Gebirges nahe an sich vorbeitanzen sieht und wo ihm nachher, wenn er still, in dem Gleichmaß der Vormit­tagsseele, unter Bäumen sich ergeht, aus deren Wipfeln und Laubverstecken heraus lauter gute und helle Dinge zugeworfen werden, die Geschenke aller jener freien Geister, die in Berg, Wald und Einsamkeit zu Hause sind und welche, gleich ihm, in ihrer bald fröhlichen, bald nachdenklichen Weise, Wanderer und Philosophen sind. Geboren aus den Geheimnissen der Frühe, sinnen sie darüber nach, wie der Tag ein so reines, durch­leuchtetes, verklärt-heiteres Gesicht haben könne: Sie suchen die Philosophie des Vormittags. – Jemand zwackte ihn in den Arm. „Wieso Vormittag“, rief Nietz­sche, „bin ich denn schon tot, und man kneift mich auf zum Jüngsten Gericht?“ Er sah eine junge Frau, die sich über ihn beugte. Diese Frau kenne ich, dachte der Philosoph, aber jetzt ist es zu spät, für die Liebe schon immer, und man hat mich hier aufgebahrt, auf dass die Nachwelt mir die allerletzte Schmähung erweise. „Ein­samkeit“, sagte die junge Frau lächelnd, „war der erste, starke Eindruck, durch den Nietzsches Erscheinung fesselte. Dem flüchtigen Beschauer bot sie nichts Auffal­lendes; der mittelgroße Mann in seiner überaus einfa­chen, aber auch überaus sorgfältigen Kleidung, mit den ruhigen Zügen und dem schlicht zurückgestrichenen braunen Haar konnte leicht übersehen werden. Man konnte sich schwer diese Gestalt inmitten einer Men­schenmenge vorstellen – sie trug das Gepräge des Abseitsstehens, des Alleinstehens. Wahrhaft verräterisch sprachen auch die Augen. Halb blind, besaßen sie dennoch nichts vom Spähenden, Blinzelnden, ungewollt Zudringlichen vieler Kurzsichtigen; vielmehr sahen sie aus wie Hüter und Bewahrer eigener Schätze, stummer Geheimnisse, die kein unberufener Blick streifen sollte… Wenn er sich einmal gab, wie er war, im Banne eines ihn erregenden Gesprächs zu zweien, dann konnte in seine Augen ein ergreifendes Leuchten kommen und schwinden; wenn er aber in finsterer Stimmung war, dann sprach die Einsamkeit düster, beinahe drohend aus ihnen wie aus unheimlichen Tiefen…“

,,Unheimliche Tiefen“, flüsterte Nietzsche, „ach, Lou, versuchst du dich jetzt schon an einem Nachruf auf mich… Ein Zuruf von dir, damals, wäre besser gewe­sen…“ Wieder zwackte ihn jemand am Arm, und der Philosoph schlug die Augen auf. „Verzeihen Sie, lieber Nietzsche, dass ich Ihren Gedankentraum störe“, sagte Deussen, „ich bin zurückgekehrt, ohne es eigentlich zu wollen. Ich habe mich verlaufen. Kommen Sie – einer wie ich bleibt wohl ein Leben lang auf Ihren Zuspruch verwiesen. Daraus allein erwächst ihm die menschen­mögliche Orientierung…“

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erstellt am 16.4.2015

Otto A. Böhmers Reihe Holzwege berichtet von den mal erhabenen, mal erheiternden Bemühungen der Philosophen, im Geschäftsbetrieb des Alltags Haltung zu bewahren und der eigenen Rede Sinn nicht zu vergessen. Die kleinen Begebenheiten im Leben großer Philosophen, die der Autor zu sich bittet, erzielen fast immer angemessene Wirkung: Sie passen so trefflich ins Bild der jeweiligen Philosophie, dass man vermuten muss, sie könnten erdacht worden sein, um den dazugehörigen Philosophen bei merk- und denkwürdiger Laune zu halten.

Friedrich Nietzsche