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Der Focus-Autor Michael Klonovsky positioniert sich deutlich rechts von der politischen Mitte und liefert mit dem Band „Aphorismen und Ähnliches“ einen Rundumschlag. Klonovsky steht für eine meinungsstarke oder zumindest meinungsgetriebene Spielart zeitgenössischer Aphoristik. Gleichwohl sind viele seiner Aphorismen plakativ, meint Tobias Grüterich.

Buchkritik

Die Vulgarität des Hasses

Von Tobias Grüterich

An Michael Klonovsky scheiden sich die Geister. Der Autor des im September 2014 erschienenen Bandes „Aphorismen und Ähnliches“ positioniert sich deutlich rechts von der politischen Mitte und liefert einen Rundumschlag. Einige Auszüge mögen den Katalog der erklärten Feindbilder umreißen:
„Der Sozialstaat ist am beliebtesten bei den Asozialen.“
„Das Unangenehme an den öffentlichen homosexuellen Bekenntnissen ist, dass niemand danach gefragt hat.“
„Der vollendete Ausdruck einer vitalen Demokratie ist eine Schlägerei im Parlament.“
„Die Ökumene ist das Gender-Mainstreaming der Kirchen.“
„Der Schlachtruf des Feminismus: Arbeit macht frei.“
Dem gleichermaßen verachteten Islam gewinnt er noch einen Vorzug ab: „Die muslimische Invasion Europas würde nicht nur Nachteile mit sich bringen; Feminismus, Gender-Studies und Regietheater würden immerhin verschwinden.“

Die Reaktionen auf ein solches Buch sind vorhersehbar. PI News lobt die Ausnahme vom typischen „gekauften oder rotgrün gepolten“ Journalisten. Nils Wegner (Sezession im Netz) meint Querverbindungen zu Botho Strauß’ Abrechnung mit der Massengesellschaft („Der Plurimi-Faktor“) herstellen zu können, verkennt jedoch die Niveauunterschiede. Richard Gebhardts Besprechung in der Zeit fällt hingegen kritischer aus und betont den Widerspruch zwischen Klonovskys Beruf als Focus-Autor und seiner Geißelung medialer Meinungsmache. Dies ist jedoch ein biographisches Paradox, kein literarisches. Überhaupt scheint die literarische Dimension nebensächlich zu werden. Das Problem vieler Aphorismen Klonovskys ist ihre Plakativität, was die Frage aufwirft, ob hier wirklich von eben dieser Kürzestprosagattung die Rede sein kann, welche sich gemeinhin durch Doppelbödigkeit, überraschende Kippmomente und reizvolle Perspektivwechsel auszeichnet. Oder sind die dargebotenen Erkenntnisse doch nur persönliche Bekenntnisse? Dem eingangs zitierten Satz zur Demokratie ist lediglich zu entnehmen, dass sein Verfasser diese Regierungsform ablehnt. Über die Demokratie selbst sagt das recht wenig aus. Die Verknüpfung von „vital“ und „Schlägerei“ reizt, wenn überhaupt, nur einmal zum Lachen. Wie eine Fußnote zu Helmut Mauchers zynischer Begriffsprägung „Wohlstandsmüll“, dem Unwort des Jahres 1997, wirkt obige Einlassung zum Sozialstaat. Die KZ-Parole „Arbeit macht frei“ zum „Schlachtruf des Feminismus“ zu erklären, ist jedoch völlig geschmacklos und markiert einen der Tiefpunkte des vorliegenden Bandes – ethisch wie ästhetisch: Zwei drastische Teilaussaugen prallen aufeinander, und fertig ist der Knalleffekt. Klonovsky muss sich an seiner eigenen Einsicht messen lassen: „Welchen Gegenstand ein Buch behandelt[,] ist zweitrangig verglichen damit, auf welche Weise es ihn behandelt.“

Als Leser hofft man, wenn schon ein Autor im Modus der Verachtung schreibt, auf etwas mehr Hinterhältigkeit oder mal einen guten Witz. Gelegentlich gehen diese Wünsche in Erfüllung. Eine der besten Anti-Habermas-Sentenzen, an denen es nicht mangelt, lautet: „Die ‚Theorie des kommunikativen Handelns’ ist ein Vorschlag des Beutetiers an den Jäger.“ Auch für sein Unbehagen an der Mitmach- und 2.0-Kultur findet Klonovsky ein amüsantes Beispiel: „Die authentische Signatur unserer Zeit ist der ‚Gefällt mir’-Button für Kants ‚Kritik der Urteilskraft’.“ Sein großes Vorbild, der kolumbianische Philosoph Nicolás Gómez Dávila (1913–1994), dessen Aphorismen Klonovsky 2007 in einer Auswahl für den Reclam Verlag zusammenstellte, dürfte darin zustimmen, dass „je mehr sich die Kirche für die Gesellschaft interessiert, desto geringer … ihr Einfluss auf sie“ wird. In politischen und philosophischen Belangen teilen beide den Standpunkt, aber auch in religiösen Fragen kommen der Katholik Gómez Dávila und der Atheist Klonovsky oft zum selben Ergebnis. Die ‚Adoration’, wie es auf Klonovskys Website heißt, wird mit großem Nachdruck bekundet, die Selbstbezeichnung „reaktionär“, ein Markenzeichen des „kolumbianischen Nietzsche“ (Franco Volpi), im Vorwort auf das eigene Werk angewandt. Wahrscheinlich können nur tote Lehrer so eifrige Schüler haben.

Ein Vergleich mit dem aphoristischen Debüt „Jede Seite ist die falsche“ (2008) zeigt keine wesentlichen inhaltlichen oder stilistischen Unterschiede. Etwas in den Hintergrund gerückt ist vielleicht die Kritik an der Hirnforschung, und mit dem „Transatlantiker“ hat ein neuer Missetäter die Bühne betreten, der vor sieben Jahren zumindest noch nicht als Begriff vorkam. Auf den letzten Seiten (107 bis 125) häufen sich beim Lesen die Déjà-vu-Erlebnisse. Hier stößt man, ohne dass sie besonders gekennzeichnet sind, fast ausschließlich auf solche Sätze, die bereits 2008 veröffentlicht wurden. Es sind über 100 Stück und damit rund ein Drittel der ersten Sammlung. Was soll der Wiederabdruck? Warum konnte der neue Band nicht auf Seite 106 enden?

Zugutehalten muss man Klonovsky, dass er abgegriffene Wortspiele und Sprichwortvariationen meidet. Vorgeprägten Mustern auf mechanische Weise eine Idee abzutrotzen, liegt ihm fern. Dass es – von Gómez Dávila abgesehen – keinerlei Bezüge zu aktuellen oder historischen Aphoristikern gibt, sei als Spezifikum hervorgehoben, welches weder für noch gegen den Autor spricht.

Klonovsky steht für eine meinungsstarke oder zumindest meinungsgetriebene Spielart zeitgenössischer Aphoristik. Auch wenn – innerhalb dieser Literaturform – sein jüngster Band nicht zu den wichtigsten Publikationen zählt, lohnen die Passagen der Lektüre, in denen der Autor Axt gegen Florett tauscht und der distinguierte Vorbehalt an die Stelle des vulgären Hasses tritt: „Es hat etwas Befriedigendes zu erleben, wie Menschen, die man unabhängig voneinander ablehnte, sich untereinander verstehen.“

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erstellt am 16.4.2015

Michael Klonovsky
Aphorismen und Ähnliches
Gebunden, 125 Seiten
ISBN: 978-3-85418-159-0
Karolinger Verlag, Wien und Leipzig 2014

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