Der Tod des Schriftstellers Günter Grass zog vielfältige Berichterstattung in den deutschen Feuilletons nach sich. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung hat dabei provinziell agiert, meint Martin Lüdke.

Medien

Der Tod von Günter Grass und das Frankfurter Trauerspiel

Kurze Klage aus dem italienischen Norden

Von Martin Lüdke

Es wird, auch im Ausland, immer schwieriger, Zeitungen zu kaufen. Die entsprechenden Verkaufsstellen verschwinden wie die Moral im Gewerbe. Unsere Gegend, in Norditalien, bildet, aus unschönen Gründen, nämlich der Überalterung der Deutschen, die sich hier aufhalten, eine Ausnahme.

Auch deshalb haben wir uns früh auf dem Weg gemacht. Und Glück gehabt. F.A.Z., kein Problem, nur die Süddeutsche war in zwei Geschäften bereits ausverkauft.

Zufall? Eher nicht. Ich spürte plötzlich die „unsichtbare Hand“, die alles Marktgeschehen, auch den Verkauf von Zeitungen und zwar zum Guten regelt.

Die F.A.Z. – als Ladenhüter. Die Süddeutsche als Renner. Es geht vielleicht doch gerecht zu auf dieser Welt, dachte ich in einem leicht wehmütigen Widerspruch zum großen Grass, der so neoliberal nie hätte denken können.

Ich begann zu lesen, zunächst – als Frankfurter naturgemäß – die F.A.Z. Immerhin, schon auf der ersten Seite, der Aufmacher von der Literaturchefin Felicitas von Lovenberg, eine Meldung des Todes und einige Reaktionen darauf, rein referierend und so auch in Ordnung. Dann der Leitartikel von Hubert Spiegel. Auch noch in Ordnung, auch wenn die leicht apologetische Tendenz des großen Coups, den die F.A.Z. seinerzeit beim Erscheinen von Grass' Erinnerungen „Beim Häuten der Zwiebel“ gelandet hatte, nicht unbedingt noch einmal in einem Nachruf neu aufgewärmt werden muss. Das Lese-Exemplar des Buches war vom Steidl-Verlag großzügig an die Presse vorweg verteilt worden. Allein beim SPIEGEL sollen unzählige Exemplare im Umlauf gewesen sein. Keinem der vielen (Vorweg-)Leser war aber aufgefallen, dass Grass neben anderen Jugendsünden, etwa dem Glauben an den Endsieg noch bis zur endgültigen Niederlage, auch noch bekannte, dass er mit 17 Jahren eingezogen, einige Monate bei der Waffen-SS gekämpft hatte. Der Junge war siebzehn. (Ein Rechthaber ist er allerdings sein Leben lang geblieben.) Na und? – so dachten wie ich damals viele. Nur Hubert Spiegel und seinem Chef Frank Schirrmacher war aufgegangen, welchen Sprengstoff dieses lapidare Bekenntnis enthielt. Nach allen Regeln journalistischer Kunst hat die F.A.Z. damals diesen Fall als Riesenskandal inszeniert. Ich empfand es als ein bisschen skrupellos, aber es wurde tatsächlich der erwartete Knüller. Die ganze Welt reagierte damals auf diese von der F.A.Z. produzierte Sensation.

Nur leider hat sich diese Zeitung offenbar bis heute noch nicht wieder von diesem Coup erholt. Denn selbst der eher knapp gehaltene Nachruf von Andreas Platthaus, der auf das Werk von Grass, auf den Weltruhm, auf die Bekenntnisse von Gabriel García Márquez oder Salman Rushdie, nur durch das Vorbild von Grass zu ihrer Literatur gefunden zu haben, überhaupt nicht eingeht, sondern sich nochmal ausführlich mit dem 17-jährigem Grass, dann, nicht minder ausführlich, mit dem Zeichner Grass beschäftigt, ist ein großes Frankfurter Trauerspiel. Und das ist, als wäre dem Weltblatt das Papier ausgegangen, alles.

In der Süddeutschen dagegen, Meldung auf der ersten Seite von Jens Bisky, Leitartikel von Lothar Müller, dem Literaturchef, eine ganze Seite Nachruf auf Seite drei von Thomas Steinfeld, übrigens hervorragend, und dann drei volle Seiten im Feuilleton, in denen sich Willi Winkler, Franziska Augstein, der Kunstredakteur Gottfried Knapp, der Polen-Korrespondent Thomas Urban, Joseph Hanimann und Christoph Bartmann mit verschiedenen Aspekten des Lebens-Werkes von Günter Grass auseinandersetzen. Dazu noch Stimmen von Schriftstellern, Künstlern und Politikern.

Keineswegs unkritisch, und doch in einer Art und Weise, die einem Weltblatt angemessen ist. Der Auftritt der Frankfurter Allgemeinen, im Untertitel immer noch als „Zeitung für Deutschland“ ausgewiesen, schien mir eher vom Vordertaunus inspiriert. Provinziell. Und schade.

Kommentare


Friedrich Philipps - ( 17-04-2015 11:24:21 )
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erstellt am 15.4.2015

Günter Grass (1927 - 2015)