Neapel gehört zu den problematischsten Metropolen an der europäischen Mittelmeerküste, aber auch zu den kulturgeschichtsträchtigsten – es ist gewissermaßen der Mikrokosmos eines unsichtbaren Europas, meint die Literaturwissenschaftlerin Marion Gees, die in den letzten Jahren immer wieder nach Neapel gereist ist. Geleitet von der Lektüre neapolitanischer Schriftsteller und von Reminiszenzen der neorealistischen Filme, ebenso wie von geschichtlichen Überblicken, hat sie die Stadt erwandert und ihre Eindrücke festgehalten. Diese Aufzeichnungen sind Teil eines größeren Projekts, das Faust-Kultur hiermit vorstellt.

Originaltext

Neapel. Sichtbar Verborgen

Erster Teil

Von Marion Gees

Der Vesuv blieb uns immer zur linken Seite, gewaltsam dampfend, und ich war still für mich erfreut, dass ich diesen merk­würdigen Gegenstand endlich auch mit Augen sah. Der Himmel ward immer klärer und zuletzt schien die Sonne recht heiß in unsere enge, rollende Wohnung. Bei ganz reinheller Atmosphäre kamen wir Neapel näher und fanden uns wirklich in einem andern Lande. (Goethe)

Großartige Einfahrt: In den weichen Felsen, auf dem die Stadt erbaut wurde, ist eine breite Straße gehauen worden, die zum Meer hinunter­führt. Festes Mauerwerk. – Die Albergo de’Poveri ist das erste Gebäude. Das ist etwas ganz anderes als jene viel gepriesene Bonbon­schachtel, die sogenannte Porta del Popolo in Rom. (Stendhal)

When I saw Naples from the airplane, I got a hard on. (Furio Giunta von den „Sopranos“)

Hier fühle ich mich zu Hause! (Joseph Beuys)

Wie immer der Blick auf Neapel auch sei – er kommt einem Spiel mit einem Kaleidoskop gleich: Beständig erneuern sich Form und Sinngebung – Zufallsprodukte also, eher vom Prinzip der Unbestimmt­heit getragen als von dem der Kausalität. (Fabrizia Ramondino)

Das Meer und am Horizont die Inseln. Sie bilden eine Begrenzung, vage Haltepunkte für das Auge. Ein Morgen im September. Auf dem Schreibtisch Bücher, Zeitungen, Broschüren, der Kopf voller Bilder, Erinnerun­gen, Lektüren. Von unten dröhnt der Verkehrslärm hinauf, das Hupen und Bremsen der Motorinos, die alles übertönenden Sirenen der Carabinieri, die man aus Filmen kennt. Und dann öffnet sich kurz die beige-graue Wolkendecke, die Farbe Blau erscheint über dem Golf in ihrer ganzen Kraft, die Bucht entfaltet sich mit zunehmendem Licht und zeigt ihre Umrisse mit Öltanks und Containern zur Linken und den eng bebauten Hügeln des Posillipo zur Rechten, hinter denen die phlegrä­ischen Felder des antiken Pozzuoli lodern.

Zwischen den Inseln bahnen sich Winde aus Afrika beharrlich ihren Weg zur Küste hin, sagen die Leute. Es sind schwüle, staubige Winde aus der afrikanischen Wüste. Sie verändern das Klima binnen Minuten. Ein sandfarbener Schleier fegt für Stunden oder Tage in nervösen Bewegun­gen und unschlüssigen Schleifen über den Golf, über Schiffe, die durch die Luftspiegelungen zu Schimären werden, über den Hafen, die flirrende Küstenstraße, die barocken Kirchen, die standhaften Heiligen, die dunklen Altstadtgassen, den Müll, die Terrassen der Palazzi, und verbreitet über die gesamte Stadt eine diffuse Unruhe.

Die Ankunft vor einer Woche. Der stets kühne Anflug. Wieder schwebte die Maschine mit heulenden Geräuschen tief über den Dächern. Das Meer und ein Streifen Sonne rechts, schroffe Hügel­landschaft links, unten dicht bebautes, undurchdringliches Gelände. Umrisse von Menschen, Katzen, Pflan­zen auf den Terrassen zum Greifen nahe. Plötzlich ent­fernte sich die Maschine wieder von den Dächern, zog einen gewaltigen Bogen über das Meer, ins Grelle, Blendende hinein, fast bis zu den Inseln. Lichtblauer Himmel, silbernes Wasser, glitzernder Hori­zont. Nach einer erneuten Kurve, einer extremen Schräg­lage – die Landschaft verschob sich ins Abstrakte, die betonierte Küste lief diagonal durchs Bild – der grenzen­lose Hafen mit den Containern, die sich kilometer­weit aus­dehnen bis in die Vororte und von oben ein großes Muster aus Lego­steinen bilden. Eine gläserne Skyline schraffierte den Hintergrund. Dann ein kurzer Blick auf den Berg, in den Krater hinein. Friedliches Grün umgibt ihn, rostrotes Gestein, zerklüftete weiße Dörfer drängen beharr­lich den Hang hinauf, tief darunter der unsicht­bare glühende Magma-See.

Die Furcht vor der Landung inmitten des Häusermeers. Hände entkrampften sich, Handys klingelten los, Rollkommandos dröhnten in Abfertigungshallen. Eine Gruppe aus Deutschland hastete zum Ausgang, zum schnellen Transfer auf die Inseln. Der Linienbus in Richtung Zentrum, vorbei an unwir­schen Vorstädten, fensterlosen Betonruinen, Zitronenbäumen und in die Lüfte gebauten bröckelnden Stadt­auto­bahnen. Endstation oberhalb des Hafens an Europas südlichem Rand.

Neapels Gegensätze, seine vermeintlichen Widersprüche, der Glanz und das Elend, ein untrennbares Ganzes. Eine Stadt, deren Bedeutung und Schönheit, deren Zauber und Bedrohungen unendlich oft beschrieben wurden: ehemals wichtiges Zentrum Europas, des Mittel­meerraumes, grie­chisch, römisch, byzan­tinisch, nor­man­nisch, Hauptstadt des spani­schen Reiches, unter­brochen durch die Herrschaft Napoleons, eingenommen von den Deut­schen und dann von den Alliierten. Es gibt kaum eine Stadt, die so unentwegt bedrohte Kampfzone war, deren Bewohner den Aufstand wagten und Besatzer wieder und wieder vertrieben haben.

Die reine Anschauung ist trüge­risch. Erleb­tes und Wissen, reale und imaginierte Landschaft sind kaum zu unter­scheiden. Bei noch so kru­der Gegenwärtigkeit blickt der Betrachter immer auch auf eine beschriftete Land­schaft, betritt er unwill­kürlich die Kulissen und Phan­tasie­räume der Reisenden der „Grand Tour“ und der deutschen Roman­tik, selbst wenn er sie weg­schieben möchte, um die Jetztzeit zu sehen, sucht er Sicherheit und Beistand in überlieferten Bildern, in der Literatur, zugleich entstehen ver­lockende Verzeich­nungen, Überlagerun­gen, die Grenzen zerfließen.

„Reisen wird beflügelt von literarischer Spurensuche“, betont Dieter Richter, „so wie umgekehrt Lesen einhergeht mit topographischer Neugier. Die großen Reise­land­schaften entstehen als ‚Schau-Plätze’ der Literatur. Es geht um den Zusammenhang von Sehen und Lesen …“

Sehend und lesend die Stadt erkunden, den Einstieg finden …

„Festzu­halten: dass ich mit den größten Schwierigkeiten zu kämpfen habe aufgrund der Vielzahl der Bilder, die sich einstellen und die Realität maskieren.“ Und: „Wäre es nicht ‚getreuer’, mit dem Autobus zu begin­nen, in dem ich mich befand, als ich jene Landschaft erlebte“, so notiert Francis Ponge in ‚La Mounine’ über die Ankunft im Süden, im mediterranen Frank­reich allerdings, und setzt neu an, um nicht gleich zu Beginn von der Über­macht der Landschaft überwältigt zu werden.

Nochmals ankommen, nochmals neu beginnen mit dem Autobus:

Die Stadtautobahn am Rande des Vulkans, Vesuvio mit Monte Somma, der Schlafende, der in seiner harmlosen Form dennoch die Aura immer­währender Erhaben­heit, Bedrohung und Unheimlichkeit ausstrahlt. Darüber schwebende Wolken werden unwillkürlich als Rauch wahrge­nommen. Endloses Hupen, überladene und beinahe kolli­dierende Last­wagen, harmo­nisieren­de Pinien im Hintergrund, lichtblauer Himmel, monströse Vororte mit verfallenen Bauernhäusern und weiden­den Schafen zwischen monströsen Hochhäusern und Müllbergen. Schilder mit den nach­klingen­den Orts­namen Torre del Greco, Ercolano, Pompeji, Castellammare di Stabia, Scampia, Secondigliano. Sich über­lagernde Echos, über­mäch­tige Ansichten, brutal und verlockend zugleich, alles verzerrt, ver­wischt durch die Schnelligkeit des Linien­busses. Betonierung, Unüber­sicht­lichkeit, Ra­serei, der Preis für die schöne Landschaft?

Metropole am Meer und ihre Landschaft. Sie sind nicht voneinander zu trennen. Ein Terrain, das sich auf­teilt in einen vergilischen und einen homerischen Teil (Raffaele La Capria). Die vergilische Seite des Golfs: die gelb-braune Farbe des weichen löchrigen Tuffsteins vom Posillipo bis Capo Miseno, dazwischen Pozzuoli, Solfatara und die Inseln Procida, Vivara, Ischia.

Die homerische Seite: die grauen, härteren zerklüfteten Felsen von Sorrent, Capri und der ganzen amalfitanischen Steilküste. Die beiden Farben und Land­schaften sind heute nicht mehr genau voneinander zu trennen. Ein breiter einfarbiger Betongürtel hat die Unterschiede ange­glichen. Nur das Licht am späten Nachmittag kann den alten Eindruck dieser zweige­teilten Erde noch schemen­haft und für Momente herstellen.

Der Gang hinunter zum Wasser, zum Hafen. Der Himmel ist leicht bedeckt. Sirenen, Echos von einem im Stau steckenden Krankenwagen auf der Via Nuova Marina, der Via Cristoforo Colombo oder der Via Alcide de Gasperi. Kolonnen von Lastwagen verlassen das Hafen­gelände. Matrosen kommen vorbei. Riesige Plakat­wände mit Frau­en in muschel­förmigen Thermal­becken. Die Fähren nach Sorrent und Capri laufen ein. Passa­giere, die meisten Italiener mit dunklen Sonnen­brillen und teurem Gepäck, einige Eng­länder, Deutsche, Russen, Japa­ner. Dane­ben ein riesiger Luxus­dampfer. Von hoch oben, etwa vom 6. Stock aus, schaut eine Reisegruppe hinunter zur Mole. Sie scheint auf dem Schiff zu bleiben, auf sicherem Stützpunkt, während einige zu einem Tages­ausflug in die Stadt aufbrechen. Indische und pakistanische Ver­käufer zeigen den unten Vorübergehenden oder Warten­den Schmuck in Koffern, die sich beim Öffnen in kleine aber reich drapierte orientalische Schau­fenster verwandeln. Eine Frau mit einem Säugling im Tragetuch hält beharrlich die Hand auf, danach ein zitternder Mann mit entstelltem Gesicht und gebeugtem Rücken. Tanker und Frachtschiffe in Richtung Palermo, Tunis oder Tanger ziehen graue unscharfe Linien am Horizont. Eines mit der Aufschrift Messina, ein anderes mit einem Kran an Bord. Weiter vorne im Hafen­becken Fähren nach Ischia, Procida, Porto Vecchio, Cagliari, Ustica, Lipari oder Catania, die beim Herein- oder Heraus­manö­vrieren Spuren hinterlassen, weiße graphische Muster, die sich langsam in graue ölige Schlieren verwandeln. Wieder Sirenen im Hintergrund. Der Himmel klart langsam auf.

Warum nicht Rom, Mailand, Florenz, Venedig oder Italien als Land? Und warum diese Stadt, wenn doch die Blicke des Zeitgeistes in ganz andere Richtungen gehen, nach Istanbul, Mumbai, Kairo, Berlin?

Warum Neapel, wohin kaum jemand mehr fahren will? Eine der leben­digsten Metropolen, scheinbar am Rande, vergangenheitsbezogen, ge­heimnisvoll, schön, verkommen, ultramodern, offener, ver­borgener Brenn­punkt des alten und auch gegen­wärtigen Europas und seiner Grenzen.

Traum und Albtraum zugleich. Mediterrane Verlockung, ständige Reiz­überschüttung, pulsierendes Chaos, ein Durchgeschütteltwerden im Guten, im Schlech­ten. Kaum ein anderer Ort hinterlässt diese „wütende Sehn­sucht“, so befindet Humbert Fink schon 1979 so treffend. Weil Neapel, „etwas von Algier besitzt und ein wenig von Kairo und eine Spur süßer lasziver alexandrinischer Lasterhaftigkeit und eine vage Erinnerung von Tanger und Marseille und vielleicht auch einen Abglanz dieser palermita­nischen Rücksichts­losig­keit, obgleich man hier nicht so drama­tisch und schwer­blütig ist wie auf Sizilien – weil Neapel alle Grausamkeit und alle Schönheit des mediterranen Raumes in sich ver­einigt, ohne dass es deshalb mit irgend­einem Schauplatz oder mit irgend­einer Stadt oder mit irgendeinem Charakter des mediterranen Raumes vergleichbar wäre.“
Ja, das trifft es vielleicht: Dieser Ort hinterlässt eine Art wütende Sehnsucht.

Neapel, Porosität. Walter Benjamin und Asja Lacis haben diese Analogie in ihrem Aufsatz „Neapel“ eingeführt, um sowohl die geologische als auch die gesellschaft­liche Beschaffenheit der Stadt zu beschreiben, die Porosität komplexer urbaner Lebensformen. Ernst Bloch greift das Bild in „Italien und Porosität“ variierend auf und überträgt es auf das ganze Land. Im Norden das Konturierte, das Abgeteilte, „die bürgerlich klare Fassade und maßvolle Ratio“. Dagegen im Süden Arabeske und Barock, Formen, die das Chaotische nicht ausblenden.

„Das Ideal des Kaput­ten“ (1926) von Alfred Sohn-Rethel beschwört ein ähnliches Gegen­modell zu den technischen Perfektionsvorstellungen des Nordens. Das Kaputte wird als willkommener Widerstand gegen die zunehmende Vorherrschaft der Technik gedeutet.

Die Porosität des weichen Unter­grundes der Stadt wird zur Metapher für eine städtische archaische Gemein­schaft, die zum Teil in den Bassi, in den für das spanische Viertel typi­schen Kellerwohnungen lebt, die sich einer staatlichen oder bürgerlichen Ordnung ent­zieht. Die Bassi auch als Sinnbild für die Durch­lässigkeit des städti­schen Raums, feuchte dunkle Höhlen als Schwellen zur tuffstein­artigen Unterwelt der Stadt.

Porosität also, so Dieter Richter, als „Entwurf eines urbanistischen und geistigen Gegen­projekts zu den Entfremdungs­erscheinungen der Mo­derne: Durch­lässigkeit gegen Abgeschlossen­heit, Transparenz zwischen Öffentlichem und Privatem statt rigider Separation, Ver­mischung von Heiligem und Weltlichem statt kategorialer Trennungen.“

Brücke zwischen Nord und Süd ist Neapel stets gewesen, „zwischen erster und dritter Welt – heute haben wir diese Widersprüche überall. In Deutschland, in Amerika, usw.“, bemerkt Fabrizia Ramon­dino. Neapel wird zum „sinnbildlichen Ort für eine allgemeine condition humaine in unserer Zeit (…) Früher hieß es „Napoli è Italia“, heute könnte man sagen: Neapel ist die Welt, auch in der Hinsicht, dass die Schere zwischen Reichen und Armen immer weiter auseinandergeht, was in Neapel schon sehr früh der Fall war.“

Die Literatur nach 1945: Autoren wie Domenico Rea, Raffaele La Capria, Anna Maria Ortese (letztere widmet sich später märchenhaften und historisierenden Stoffen) beschreiben neben der Schönheit den Verfall und die Gefährdung der Stadt, suchen neben dem für die Neapelliteratur typischen Saggio narrativo (des erzählenden Essays) oder der Anekdote nach neuen Formen. Da sie häufig auch für Zeitungen schreiben, zeigt sich ein journa­listischer Einfluss sowie die Nach­wirkun­gen des Neorealis­mo, der nicht zufällig im benachteiligten veramten Süden seine filmischen Höhepunkte hervorbrachte. Poesie und littéra­ture engagée bilden keine Widersprüche, im Gegenteil, sie erzeugen subtile Formen eines ästhetischen Widerstandes.

Guiseppe Marotta und Luciano De Crescenzo bevorzugen einen eher harmo­nisieren­den oder humoristischen Zugang, in dem sie die Leben­digkeit und das Chaos der Stadt als „Komponente der mensch­lichen Seele“ ihrer einfachen Be­wohner porträtieren, Szenarien, die allerdings die gegenwärtige Situation kaum mehr fassen, auch wenn etwa De Crescenzo zurecht darauf beharrt, weiterhin über Phänomene zu reden, die nach 1945 so gut wie verbannt wurden, über „das Meer, die Sonne und das neapolitanische Herz“.

Andere, wie Domenico Rea, warnen davor, weiterhin die Bassi und die Verarmung der Altstadt zu poetisieren, wünschen sich angemessen provokante literarische Formen. Eine gnadenlose Sicht von Guido Ceronetti aus den achtziger Jahren: „Der ganze Golf ist mittlerweile eine komplette städtische, administra­tive, touristische, gastronomische, moralische Kloake; alle Schönheit ist zerstört; jede Redlichkeit von der Schwefelsäure der Camorra verun­staltet; wenn man noch Herz und Augen hat, kann man sie einzig zum Weinen benutzen.“

„Il Mare non bagna Napoli“ (mit dem im Deutschen entstellten Titel „Neapel, Stadt ohne Gnade“). Ein kompromissloses düsteres Bild ohne jegliche neapolitanische Lebensfreude, verfasst aber in einer mit­reißenden Beschreibungs­euphorie, inszeniert Anna Maria Ortese in ihrem Erzählband aus den 50er Jahren. Ein labyrinthisches, lichtloses Nach­kriegs­­neapel, in dem das Blau des Meeres und die Sonne des Golfs die städtischen Armen­viertel niemals erreichen. Nicht alle Autoren der Gruppe um die Zeit­schrift „Sud“, der auch Ortese angehörte, teilten diese pessimistische Sicht.

Die mittlerweile restaurierten Granili, ein riesiger Gebäudekomplex in der Küstenzone am Rande der Stadt in Richtung Vesuv, ehemalige Getreidespeicher und Kasernen der Bourbonen, verfallen durch die Geschichte und die Bombardements des zweiten Weltkrieges, bewohn­ten in der Nachkriegszeit die Ärmsten der Armen. Die Granili hielt Ortese für „eines der eindrück­lichsten Phäno­mene einer Welt, (…) die für unsere fortschrittliche Zeit schon tot ist“. Sie beschreibt diesen Ort mit akribischer Genauigkeit. Er wird zum Mikrokosmos eines dunklen, nach Fäkalien riechenden Neapels und südlichen Italiens, moderne Carceri für die Armen, die keine Auswege ermöglichen. Er ist zugleich Ausdruck einer an den Abgründen der Moderne leidenden Autorin, die Granili der sinnbildliche Raum künstlerischer Melancholie.

Das Haus, von dem man meinen könnte, „es sei ein Hügel oder ein kahler Berg, von dem Termiten Besitz ergriffen haben, die auf ihm herumlaufen ohne irgendein Geräusch noch Anzeichen eines beson­deren Zweckes“, so heißt es in „Il Mare non bagna Napoli“. „Allein auf der Vorderseite habe ich hundert­vierundsiebzig Öffnungen zählen können von einer für modernen Geschmack unerhörten Breite und Höhe, zum größten Teil verrammelt, ein paar kleine Terrassen und, auf der Rückseite, acht Abzugsrohre, die am, am dritten Stock angebracht, ihre trägen Wasser am stillen Gemäuer entlang rinnen lassen. Es sind drei Stockwerke und ein Erdgeschoss, das zur Hälfte im Boden steckt und von einem Graben geschützt wird; und alles das umschließt dreihundert­achtundvierzig gleichmäßige hohe und große Zimmer; diese liegen in vollkommener Regelmäßigkeit rechts und links von den vier Fluren – einer für jedes Stockwerk -, deren Gesamtmaß einen Kilometer und zweihundert Meter beträgt.“

Der steil abfallende Weg von der Altstadt hinunter zum Hafen, schon seit Jahren provisorisch mit Holz gepflastert, entlang des Zauns an einer großen antiken Aus­grabung neben dem Castel Nuovo, vorbei an aus den Tiefen der Jahrhunderte heraus­geschäl­ten Säulenresten, wird von afrikani­schen Händlern und ihren Ständen in Beschlag genommen. Sie bilden eine Reihe, die von hoch oben bis auf die laute Via Ammiraglio führt. Dahinter die in den Himmel ragenden Ozeanriesen, die einen Auftrag haben. Die wider­hallenden Marschschritte der Touri­sten, welche die Stadt möglichst meiden, die schnell ihre Fähren oder ihr Kreuz­fahrt­schiff er­reichen wollen, dröhnen dumpf wie auf einer alten Freilicht­bühne. Sie gehen hastig, schauen beiläufig auf die antiken Reste, schielen mit gespielter Verachtung kurz auf die Auslagen der Verkäufer. Die Gier ist stärker als die Gering­schätzung oder das Mit­gefühl. Die Händler stehen dort mit ernsten Gesichtern, gelassen und selbstbewusst, die Waren, die sie verkaufen, werden im Hafen sowieso illegal verschoben. Die stolzen Geknech­teten auf der unter­sten Stufe des Geschäfts schauen aufs Meer. In ihren Gedanken und Träumen sind sie vielleicht weiter im Norden oder weiter im Süden.

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erstellt am 13.4.2015

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