Artur Rubinsteins Ruhm als Ausnahmepianist hält an. Wenn man seine Aufnahmen des Konzerts für Klavier und Orchester in a-Moll von Edvard Grieg aus dem Jahr 1962 und der Rhapsodie über ein Thema von Paganini von Sergei Rachmaninoff aus dem Jahr 1956 anhört, wird man an der Berechtigung dieses Ruhms kaum zweifeln, meint Thomas Rothschild.

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Die Kunst der Verzögerung

Von Thomas Rothschild

Manchmal fällt es schwer, ohne Bluff und Imponiergehabe zu beschreiben, was die Superstars der Künste von den zahlreichen Talenten unterscheidet, die es nicht zu solcher Prominenz gebracht haben. Ist die öffentliche Meinung wirklich fundiert, oder plappert sie nur nach, was ihr etablierte Autoritäten einflüstern? Gibt es den Konsens überhaupt, oder ist auch er nur eine Suggestion einflussreicher Medien? All die Superlative und Bestenlisten sind ja, genau besehen, eher Konstrukte als Aussagen über die Wirklichkeit. Sie sind Verwandte der Werbung, nicht der Erkenntnis.

Aber dann gibt es doch Legenden, die sich als begründet erweisen. Artur Rubinstein ist nun schon 33 Jahre tot, aber sein Ruhm als Ausnahmepianist hält an. Wenn man seine Aufnahmen des Konzerts für Klavier und Orchester in a-Moll von Edvard Grieg mit dem RCA Victor Symphony Orchestra unter Alfred Wallenstein aus dem Jahr 1962 und der Rhapsodie über ein Thema von Paganini von Sergei Rachmaninoff mit dem Chicago Symphony Orchestra unter Fritz Reiner aus dem Jahr 1956 anhört, wird man an der Berechtigung dieses Ruhms kaum zweifeln. Diese dramatischen Kompositionen scheinen auf das Hollywood des Tonfilms vorauszuweisen, und sie wurden in der Tat in unzähligen Filmen verwendet. Auch ohne Film beschwören sie visuelle Eindrücke. Sie geben Rubinstein mit ihrem üppigen thematischen Material und den wechselnden Stimmungen Gelegenheit, seine Fähigkeiten voll zu entfalten. Es sind in erster Linie die Tempi, die subtilen Varianten des Rubato, die seinen Vortrag auszeichnen. Sie geben der Musik jene Individualität, die mit Virtuosität allein nicht zu erlangen ist. Aber auch in der Dynamik scheint jeder Anschlag zu stimmen, jede Nuance genau zu passen.

Den lyrischen Rubinstein lernt man dann bei Chopin kennen. Hier ersetzt das Liedhafte das Gestische. Und wiederum verblüfft die Tatsache, dass so differenzierte Klänge aus Saiten gewonnen werden können, die durch den komplizierten Mechanismus eines Flügels auf dem Umweg über Tasten und Hämmerchen angeschlagen werden.

Rachmaninoff, der nur 14 Jahre vor Rubinstein geboren wurde, war selbst ein charismatischer Pianist. So ist es sowohl von musikalischem wie von dokumentarischem Wert, ihn sein zweites und drittes Klavierkonzert – mit dem Philadelphia Orchestra unter Leopold Stokowski und Eugene Ormandy – sowie vier Preludes und eine Serenade spielen zu hören. Das Vergnügen wird lediglich geschmälert durch die technische Qualität der Aufnahmen aus den Jahren 1929-1940. Wir sind heute so sehr durch die Perfektion jüngerer Aufnahmen konditioniert, dass wir kaum von ihr abstrahieren können. Immerhin kann man hier Rachmaninoffs hämmernden Anschlag, seine sparsame Nutzung des Pedals studieren, die einer auffälligen Eigenart seiner Kompositionen entsprechen.

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erstellt am 11.4.2015

Artur Rubinstein (1963) Foto © ErlingMandelmann.ch

Artur Rubinstein
Grieg: Concerto in A Minor. Rachmaninoff: Rhapsody on a Theme of Paganini
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Minuet/in-akustik 428402

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Sergei Rachmaninoff
Concerto No. 2 in C Minor, Op. 18
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Minuet/in-akustik 428403

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