Im Mittelpunkt des neuen Romans von Silvio Blatter stehen zwei ältere Menschen, die eigentlich zufrieden auf ihre Vergangenheit zurückblicken können. Und doch werden sie von der Frage umgetrieben, wie sie das letzte Lebensdrittel gestalten sollen, ohne es am Ende zu bereuen. Die Lektüre ist schmerzhaft, aber auch befreiend, meint Peter Henning.

Buchkritik

Ungewisse Bilanz

Silvio Blatters Familienroman »Wir zählen unsere Tage nicht«

Von Peter Henning

Es sind zwei starke Charaktere, die im neuen Roman des aus Bremgarten stammenden Autors Silvio Blatter im Zentrum stehen. Da ist Isa Lerch, die erfolgreiche Radiomoderatorin, die an der Schwelle zur Pensionierung steht und sich – damit hebt der Roman an – auf einen letzten großen Abend vorbereitet. Und da ist Severin, ihr Mann, der sich als Bildhauer einen Namen gemacht hat, und ebenfalls an einem Wendepunkt angelangt ist. Zwei Menschen, die, losgelöst von ihren bereits großen Kindern Matthias und Sandra, eigentlich zufrieden auf ihre erfolgreich verlaufene Vergangenheit zurückblicken können, und die doch von der sie beide betreffenden Frage umgetrieben werden: Wie sollen, wie können wir das letzte Lebensdrittel so gestalten, dass es in ein Ende mündet, mit dem wir einverstanden sein können, ohne dann, wenn es dereinst soweit ist, wehmütig sagen zu müssen: Warum haben wir es nicht anders gemacht?

Kunstvoll senkt Blatter seine Sätze wie Sonden in die Psychen seiner Figuren, um hör- und fühlbar zu machen, was sie umtreibt, wie sie denken und fühlen, nun, da der letzte große Einschnitt in ihr beider Leben bevorsteht. Und er wirft dabei spannende Fragen auf, die da etwa lauten: Was macht das alles mit uns? Das Neue, Unbekannte, das uns dazu zwingt, uns noch einmal neu zu definieren. Wird es uns noch enger zusammenschweißen? Oder wird es uns vielmehr voneinander entfernen?

Ganz langsam treibt der Spielleiter Blatter seine Figuren auf diesen Konflikt zu. Bis eines Tages Unbekannte sein in einer Kiesgrube gelegenes Atelier abseits der Stadt angreifen, es zu einer folgenschweren blutigen Auseinandersetzung kommt – und Severin begreifen muss, dass es für ihn dort kein Bleiben mehr geben kann.

Silvio Blatter, 1946 geboren, wurde mit seiner sogenannten, 1978 begonnenen und zehn Jahre später erfolgreich abgeschlossenen „Freiamt“-Trilogie über die Grenzen der Schweiz hinaus bekannt. Zuletzt publizierte er die Romane „Zwei Affen“ (2008) und „Vier Tage im August“ vor zwei Jahren; Bücher, die jeweils eindrucksvoll Blatters Fähigkeit, sich in seine Figuren einzufühlen, demonstrierten. In seinem neuen Roman „Wir zählen unsere Tage nicht“ führt der Autor dies mit großer epischer Ruhe fort. Und er tut es in Form eines bewusst offen gestalteten Familienromans,- reiht alternierend episodische Snapshots aneinander, die an seine Protagonisten, die Eltern wie die Kinder, indirekt die Frage richten: seid ihr die geworden, die ihr habt werden und sein wollen? Und er zeigt, was es bedeutet, liebgewordene und lange Zeit identitätsstiftend wirkende Selbstbilder aufgeben zu müssen. Das zu lesen ist schmerzhaft, aber auch befreiend. Denn wovon, wenn nicht von Themen wie Glück, Zufriedenheit, Angst oder Verunsicherung handelt wirkliche Literatur? Die von Silvio Blatter tut es jedenfalls!

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erstellt am 10.4.2015

Silvio Blatter
Wir zählen unsere Tage nicht
Roman
Gebunden mit Schutzumschlag, 304 Seiten
ISBN: 978-3-492-05645-8
Piper Verlag, München 2015

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