Ricardo Domeneck, Lyriker zwischen Brasilien und Berlin, befasst sich im zweiten Teil seines Brasilien-Beitrags mit der Ironie und der Sprachreflexion als Grundlagen einer alternativen Geschichte brasilianischer Lyrik. Damit setzt er die Reihe Babelsprech.International unter der Betreuung von Max Czollek und Max Oravin fort.

Lyrik

Zeitgenössische brasilianische Dichtung

Zweiter Teil

Von Ricardo Domeneck

Man könnte sagen, dass portugiesischsprachige brasilianische Dichtung zwischen dem Zeichen des Kreuzes und den Spottliedern geboren wurde. Das Zeichen des Kreuzes war vom Priester und bedeutenden Dichter Antonio Vieira wohlvertreten, aber unser erster großer Dichter in portugiesischer Sprache war Gregório de Matos (1636 – 1696), der unglaubliche Satiriker, der allerdings selbst auch viele fromme Sonette produzierte. Sein satirisches Werk bleibt für uns aber am lebendigsten. Heute als Teil der Barockliteratur erforscht, ist er aus vielen Gründen hochinteressant für unsere Diskussion gegenwärtiger Lyrik. Gregório de Matos, der wegen seiner satirischen Lieder als Höllenmund bekannt war, hat seine scharfe Zunge mit dem Exil bezahlt. Seine Gedichte zeigen uns, dass unsere gegenwärtige Scheinheiligkeit, Regierungskorruption und Gewalt eine lange Tradition hat, seit der Kolonialzeit. Man muss traurigerweise bemerken, dass selbst sein Werk befleckt ist vom Rassismus seiner Zeit.

Als Vorboten portugiesischsprachiger brasilianischer Literatur leiten Gregório de Matos’ satirischen Werke eine starke Abstammungslinie brasilianischer Dichtung und Prosa ein – die satirische und beißende politische Kritik, in der einige unserer stärksten Schriftsteller sich ausgezeichnet haben, von Tomás Antonio Gonzaga in seinen “Cartas Chilenas” im achtzehnten Jahrhundert, zu Schriftstellern des neunzehnten Jahrhunderts wie dem großen Romancier Machado de Assis (1939 – 1908), oder dem Dramatiker und Nonsensdichter Qorpo-Santo (1829 – 1883), ein Vorläufer der surrealistischen und absurden Dichter des zwanzigsten Jahrhunderts – ein Mann, der von seiner Familie als verrückt erklärt wurde, aber fortfuhr, Texte zu schreiben, die ihn zu einem großen Freund von Alfred Jarry & Co gemacht hätten. Oder auch Luiz Gama (1830 – 1882), ein Sklavensohn, der ein bedeutender Rechtsanwalt und Sklavereigegner wurde und der seine scharfe Zunge gegen den Rassismus und die Gewalt der Gesellschaft seiner Zeit wendete.

Gregório de Matos’ gelegentliche Experimente mit indigenen Wörtern in seinen Gedichten weisen auch auf Joaquim de Sousândrade und sein “Wall Street Inferno” voraus (siehe Teil I dieses Artikels). Es besteht jedoch, worauf Eduardo Sterzi mich hingewiesen hat, ein deutlicher Unterschied: die indigenen Kulturen werden bei Gregório de Matos nie als heroisch dargestellt, wie es bei Sousândrade und anderen Dichtern des neunzehnten Jahrhunderts der Fall wäre.

Und nicht zuletzt erscheint uns Gregório de Matos, in seiner sehr barocken Praktik der Aneignung von Texten anderer Schriftsteller (besonders spanischer Autoren wie Luís de Gôngora und Francisco de Quevedo), als ein Vorläufer vieler gegenwärtiger poetischer Praktiken und Strategien, die sich heute mit Textaneignung auseinandersetzen. Das kann in zeitgenössischer Dichtung auf vielfache Weise gespürt werden, von einer Unzahl an sehr verschiedenen Dichtern verwendet.

Nationale Tradition und Identität

Wie in Deutschland, wo die Obsession mit einer “Nationaltradition” mit den Romantikern beginnt, wollte im neunzehnten Jahrhundert, nach der Unabhängigkeit von Portugal, die brasilianische romantische Strömung eine “brasilianische Literatur” als geschlossenes System erzeugen. Das sollte für lange Zeit Folgen für die Literaturkritik des Landes haben.

Unsere erste Generation moderner Schriftsteller jedoch, die in den letzten beiden Jahrzehnten des neunzehnten Jahrhunderts (und im frühen zwanzigsten Jahrhundert) zur Reife kam, richteten ihre Augen auf brasilianische Politik und Gesellschaft und erzeugten einige unserer stärksten Texte und vernichtendsten Kritiken, die das Land je erhalten hatte. Das war eine erste kraftvolle Generation, die durchwegs bedeutende Werke schuf, welche nur in in Brasilien geschrieben werden konnten und doch eine unbestreitbare internationale Qualität hatten. In Romanen wir “Die nachträglichen Memoiren des Brás Cubas” (1881) von Machado de Assis; im gewalttätigen “Das Athenäum” (1893) von Raul Pompeia; im Anti-Epos “Os Sertões” (1902) von Euclides da Cunha – in den Vereinigten Staaten von Samuel Putnam übersetzt als “Rebellion in the Backlands” und in Deutschland von Berthold Zilly als “Krieg im Sertão” – ein Bericht über den Krieg von Canudos, den blutigsten Bürgerkrieg Brasiliens; in “Das traurige Ende des Policarpo Quaresma” von Lima Barreto, in dem ein brasilianischer Nationalist, der sich wünscht, das Land spräche Tupi und hätte eine unabhängige und isolierte Kultur, sein trauriges Ende findet; oder in den Gedichten von Joaquim de Sousândrade, Cruz e Sousa und Luiz Gama, wird Brasilien in seiner Gewalt, seinem Rassismus und den andauernden Konflikten porträtiert.

In den Werken der Gruppe von 1922, die gegen das literarische Establishment ihrer Zeit rebellierten und einen Korpus in der gesprochenen Sprache des Volkes schufen, ohne Archaismen, die europäische Tradition verlassend, erscheint uns heute dieser Impetus einer Nationalliteratur, obwohl oft kritisch gegenüber der brasilianischen Elite, als viel zu affirmativ. Mit diesen modernistischen Schriftstellern und Denkern wurde das Konzept einer “Rassendemokratie” (Democracia racial) und ethnischen Durchmischung (Miscigenação) als Wert, der den europäischen Fiktionen von Reinheit überlegen ist, zum Grundmythos des Landes für die folgenden Jahrzehnte.

Diese Schriftsteller standen von Natur aus dem Land sehr kritisch gegenüber, und hier muss ich erneut Eduardo Sterzi dankbar sein, der mich auf einige Beispiele ihrer Werke hingewiesen hat, wie Oswald de Andrades “Poems of the colonization” aus den 1920ern:

Levant
Oswald de Andrade

It is said a bunch were hanged
And the skulls in spikes
Of the uninhabited farm
Meowed at night
In the wind from the bush

Sterzi hat mich auch daran erinnert, dass Mário de Andrade seinen experimentellen Roman “Macunaíma” (1928) mit dem Massaker der Indios enden lässt. Nur ein Papagei bleibt am Leben, um die Geschichte zu erzählen.

Dies ist nicht der Ort, um die enorm komplexen und kontroversen Ideen rund um den multiethnischen Ursprung des Landes zu diskutieren, die einige der brillantesten Werke der brasilianischen Literatur von den 1920ern bis zu den 1940ern nach sich zogen. Pflichtlektüre wäre hier das Monumentalwerk von Gilberto Freyre, “Casa Grande & Senzala” (Herrenhaus und Sklavenhütte, 1933), in den Vereinigten Staaten als “The Masters and the Slaves” publiziert.

Was mir persönlich problematisch erscheint ist deren (offensichtlicher) Glaube an die Möglichkeit einer einheitlichen Kultur, ein “Ursprungsmythos”, der im Herzen jedes Nationalepos liegt. Aber so, wie Kriege gegen das Andere oft im Zentrum der Gründungsepen anderer Kulturen liegen, haben solche Texte in Brasilien immer von Inneren Kriegen geschöpft: wie in Euclides da Cunhas Anti-Epos über den brasilianischen Bürgerkrieg in Canudos (von 1895 bis 1897), mit dem Massaker der Rebellen, die sich in der Stadt Canudos verschanzt haben, oder, wie Sterzi aufzeigt, in Mário de Andrades Ursprungsmythos in “Macunaíma” mit einem Massaker an Indios. Denn ein Gründungsmythos für ein Land wie Brasilien muss immer in Gewalt geschwisterlicher Gewalt geformt werden, Brüder gegen Brüder, Brüder gegen Schwestern. Brazil ist ein einziges riesiges Massengrab.

So ist der Mythos einer “Rassendemokratie” (Democracia racial) oder Darcy Ribeiros Glaube an Brasilien als das zukünftige tropische Rom seither ein extrem zwiespältiges Konzept in der brasilianischen Kultur geblieben, da die Regierung sich solche Ideen für Propagandazwecke aneignet und es oft als friedlicher Prozess dargestellt wird, obwohl es doch im extrem gewaltsamen Verhältnis zwischen indigenen, afrikanischen und europäischen Völkern und deren Kulturerbe erzeugt wurde, die zweifellos das Land und seine Kultur formen.

Nichtsdestoweniger bleibt Oswald de Andrade einer der wichtigsten und einflussreichsten Schriftsteller dieser Gruppe, der in seinem “Anthropophagischem Manifest” (1928) als Rezept für die Erschaffung einer genuin brasilianischen Kultur empfiehlt, “fremde Einflüsse zu fressen und sie in uns eigene Artefakte zu verdauen”, basierend auf dem rituellen Kannibalismus gewisser brasilianischer Stämme wie den Kaeté, die glaubten, man könnte sich die besten Eigenschaften eines Feindes einverleiben, indem man ihn aufaß.

Anthropophagic Manifesto (excerpts)
Oswald de Andrade

Only anthropophagy unites us. Socially. Economically. Philosophically.

The world’s one and only law. Masked expression of all individualisms, of all collectivisms. Of all religions. Of all peace treaties.

Tupi, or not Tupi, that is the question.

Against all catechizations. And against the mother of the Gracchi.

I am only interested in what is not mine. Law of man. Law of the anthropophagus.

We are tired of all the distrustful Catholic husbands put in drama. Freud finished off the woman-enigma and other dreads of printed psychology.

The one thing that trampled over truth was clothing, the impermeable layer between the inner world and the outer world. Reaction against the clad man. American movies will tell.

Children of the sun, mother of the living. Fiercely met and loved, with all the hypocrisy of longing, by immigrants, slaves and tourists. In the country of the great snake.

That is because we never had grammars or collections of old plants. And we never knew what was urban, suburban, frontier and continental. Loafers on the world map of Brazil.

A participating consciousness, a religious rhythmics.

(…)

Joy is the real proof.

In the matriarchy of Pindorama.

Against Memory as source of habit. The personal experience made anew.

We are concretists. Ideas take hold, react, burn people in public squares. Let us suppress ideas and other paralyses. For routes. To believe in signs, to believe in instruments and stars.

Against Goethe, the mother of the Gracchi, and the Court of Don John VI.

But there came no crusaders. There came fugitives from a civilization we are eating up, because we are as strong and as vengeful as the Tortoise.

Das ist natürlich von jeher der Weg gewesen, in dem Kulturen sich gebildet haben. Portugal selbst ist ein Produkt der römischen und arabischen Zivilisationen in seinem Territorium, die ihre unlöschbare Spuren in der Kultur gelassen haben – selbst eine gemischtethnische Kultur, wie jedes europäische Land. Unsere Sprache selbst, Portugiesisch, ist die Frucht eines solchen Prozesses, mit ihren lateinischen und arabischen Spuren.

Dieses Programm war aber sehr wichtig für die Dichter und Künstler der Nachkriegszeit in Brasilien, die diese Konflikte geerbt hatten. Die Bewegung der Konkreten Dichtung bewahrte des Werk von Oswald de Andrade vor dem Vergessen und nahm als erstes einige der Herausforderungen dieses Werkes an, besonders die Idee, dass brasilianische Künstler von nun an Kultur exportieren sollten anstatt sie zu importieren, und dass diese Kultur auf kritische Weise zu erschaffen sei, sowohl nationale als auch fremde Artefakte aufnehmend.

Einige der brillantesten Antworten auf diese Fragen gaben die brasilianischen Künstler der 1960er, wie jene der Tropicalismo-Bewegung, und Künstler wie Hélio Oiticica und Lygia Clark.

Brasilien, das einen enorm starken Werkskorpus erzeugt hatte, zur selben Zeit brasilianisch und international, wie wir es in der Dichtung von João Cabral de Melo Neto, in der Architektur Oscar Niemeyers, in der Musik João Gilbertos, in der Kunst Alfredo Volpis, in der Bewegung der Konkreten Poesie, bei den Tropikalisten und anderen Künstlern der 1960er sehen können, wurde von einer blutigen Militärdiktatur in den Abgrund gerissen, die viele ihrer Künstler ins Exil trieb, Tausende umbrachte und diese Periode intensiver Schöpfung und politischer Debatte vorzeitig abbrach und auf diese Weise andere Strategien für die nächsten zwei Jahrzehnte notwendig machte.

Gegenwärtige brasilianische Dichter, die die Bühne nach Ende der Diktatur betraten, sollten diese Fragen und Dilemmas erben, und müssen besonders spezifische Wege finden, mit diesen Traditionen und Praktiken umzugehen. Für sie muss Satire, konzeptuelle Theorie und Identität direkt konfrontiert werden, jedoch ohne Dichotomien. In diesem Sinn sind sie ebenso Erben von Oswald de Andrade. Heute jedoch denke ich gerne an den Vorschlag des mexikanischen Künstlers Pablo León de la Barra für eine kleinen Wendung in Oswald de Andrades Programm: Zwing deine Feinde, dich zu fressen. (Lassen wir dies, lieber Leser, als Warnung an dich stehen.)

Satirisches I

Gegenwärtige Dichtung in Brasilien hat oft ihre Kraft aus dieser satirischen Tradition geschöpft, wie auch von den Goliarden, Nonsense und DADA. Einige der besten brasilianischen Dichter der Gegenwart haben sich mit diesen Kräften verbündet. Das kann man in den Werken vieler Dichter und Dichterinnen sehen, mit verschiedensten Herangehensweisen: Ricardo Aleixo (geb. 1960), Pádua Fernandes (geb. 1971), Veronica Stigger (geb. 1973), Angélica Freitas (geb. 1973), Marcus Fabiano Gonçalves (geb. 1973), Eduardo Sterzi (geb. 1973), Fabiano Calixto (geb. 1973), Paulo Ferraz (geb. 1974), Dirceu Villa (geb. 1975), Érica Zíngano (geb. 1980), Fabiana Faleiros (geb. 1980), or Ismar Tirelli Neto (geb. 1985), um einige wenige zu nennen.

[MAKELLOSES GEBISS, hör mir gut zu:]
Angélica Freitas

MAKELLOSES GEBISS, hör mir gut zu:
du bringst es nicht weit.
tomaten sind es und zwiebeln, die uns stärken
und erbsen und möhren, du makelloses gebiss.
ja, stimmt, shakespeare ist auch nicht schlecht
aber was ist mit roter rübe, chicoree und kresse?
mit reis, bohnen und kohl?
strahlezähnchen, das rind das du isst
graste gestern auf feld & flur. und du am quengeln
das fleisch sei zu zäh.
zu zäh ist das leben, du makelloses gebiss.
aber iss nur, iss alles was dir zwischen die zähne kommt,
vergiss diesen schwatz
und nix wie rein mit dem besteck.

was dem geiger durch den Kopf ging, bei dem der tod die blässe noch betonte als er mit seinem schwarzen haarschopf und seiner stradivari beim großen flugzeugunglück von gestern abstürzte
Angélica Freitas

ce
de
e
ich denke an béla bártok
ich denke an rita lee
ich denke an die stradivari
und was meine karriere mich
alles gekostet hat
und jetzt versagt die turbine
und jetzt bricht die kabine entzwei
und jetzt fällt das ganze gerümpel aus den gepäckfächern
und ich falle auch
schön und bleich mit meinem schwarzen haarschopf
meine geige an die brust gedrückt
der typ vor mir betet
ich denke nur
ce
de
e
ich denke an stravinski
an den bart von klaus kinski
an die nase von karabtchevsky
an ein gedicht von joseph brodsky
das ich einst las
unversehrte damen lösen sie den gurt
was ist der boden so schön & und schon kommt er näher
one
two
three

ich schlafe mit mir/ auf dem bauch liegend schlaf ich mit mir/ auf der rechten
seite liegend schlaf ich mit mir/ ich schlafe mit mir und umarme mich selbst/
keine nacht ist so lang dass ich nicht mit mir schlafe/ wie ein troubadour der
an die laute sich klammert schlaf ich mit mir/ ich schlafe mit mir unterm
sternenhimmel/ ich schlafe mit mir während andere geburtstag feiern/ ich
schlafe mit mir manchmal mit brille/ und selbst im dunkeln weiß ich ich schlafe
mit mir/ und wer mit mir schlafen will muss neben mir schlafen

(Poems by Angélica Freitas translated by Odile Kennel, in »Rilke Shake und andere Gedichte«, Luxbooks, 2011)

Ballade vom fliegenden Heilkräuterhändler
Dirceu Villa

warum vertäust du, fliegender Händler
am Sonnenuntergang dein blaues Gebet
von Frühe und Federn, von Stroh und von Tau
von Buntglas und Glitzern in Dosen?

und wie ein Traum beleben sich Blätter
saugen an Furchen Fasern Adern
ein Sprießen, ein Knistern hallt wider
flackert nicht, haftet Blüte um Blüte an der Struktur:

dies hier befestigt sich wie ein Seil, atmet
verschwindet im Innern, Flaniern ohne Füße
nur Fließen, oh Wolkengewächs – Amulett aus Stein
trifft auf Brust, auf olivgrünes Tattoo

die rustikalen Räder der Dämmerung rattern
was für ein Lachen, sanftes Gelb durch die Scheibe
Hände wie rissige Erde, Fingernagelgalgant
fliegende Heilkräutertiere pflanzt du

pflückst im Grünen Insekten und Feuer
niemand, nicht mal ein Mysterium bewahrt
ganze Kontinente in einem Rauchwolkenkörper
in einem Hauch Spiralen aus flüssiger göttlicher

Geometrie auf dem Grund der Tasse verdampfender Duft
warum erntest du, fliegender Händler
Jahreszeiten, trocknest Knospen
gesammelte Falter auf Nadeln?

(Translated by Odile Kennel, published in the »Neue Rundschau« 124. Jahrgang 2013, Heft 3)

Auszug aus einer Kritik in einer Sonntagsbeilage
Paulo Ferraz

I. (der Künstler: ein Porträt)

Die Vernissage des 32-jährigen
J.G.C. am Donnerstag macht
deutlich, dass hier ein
großer, wahrhaft zeitgemäßer
Künstler am Werk ist. Die
letzten 12 Jahre widmete
er sich Workshops, Kursen,
Reisen und Ausstellungsbe-
suchen, und so konnte
sein Werk reifen und hebt
sich deshalb von der für
Duchamps Doppelgänger
so typischen Naivität ab,
beherrscht der Künstler
doch Raum und Materie
meisterhaft, zeugt von
großer suggestiver Kraft
und ruft bei dem mit der
abgebildeten Realität
kaum oder gar nicht ver-
trauten Publikum in-
existente Gefühle hervor.

II. (der Künstler: Selbstdarstellung)

Von 20 bis 30 habe ich in Europa
studiert, eine intensive und
lehrreiche Zeit, aber entscheidend
für meinen Stil waren die zwei
Jahre nach meiner Rückkehr,
ich habe Monate auf der Straße
und in Favelas verbracht, hatte
mit Leuten in Sozialwohnungen,
Hütten oder der Gosse zu tun,
ich kenne sie und ihre Hunde
beim Namen, am Ende habe ich mich
sogar wie einer von ihnen gefühlt.

III (das Werk: Konzept)

Vor dem Hintergrund dieser
bizarren Erfahrung schleppte
er säckeweise Blechdosen in
die Galerie, Stapel von Pappe
(zum Anfassen für das Publikum)
und zwei Leiterwagen, die jeder
nach Belieben herumschieben
darf. Die Szenerie ist auf ihre
ganz eigene Art vergnüglich:
Es wird viel gelacht, zumal die
akademischen Muskeln dem kilo-
schweren Müll allzu oft nicht
gewachsen sind. Auch die übrigen
Exponate gewinnen in diesem
Universum der Ausgeschlossenen
noch an Tiefe: Betonbänke
(betten), übersäht mit Ex-
krementen, alte Stofffetzen,
zum Trocknen in die Sonne ge-
hängt (einem Flutlichtstrahler)
– Fackeln in den Ritzen führen
durch den Raum –, kerosin-
getränkte Decken, die nur auf
ein Streichholz warten, und in der
Mitte eine authentische Baracke,
in die zehn Besucher passen.
Darin: alte Matratzen, Bretter
vor den Mauerritzen (wer auf-
merksam hinschaut, bemerkt die
unterschiedliche Beschaffenheit
der zahllosen Bretter), Töpfe,
in denen Reste kleben, vor Schmutz
starrende Wäsche – alles ziemlich
unhygienisch. Der Besuch dauert
höchstens zwei Minuten, und alles
wirkt so echt, dass sich bei der
Vernissage einige übergeben mussten.
Damit hatte J.G.C. gerechnet, wussten
doch die Besucher so wenig wie er,
was unbewohnbar bedeutet.

IV. (Schlussbemerkung)

Die vormaligen Bewohner
erhielten für die Baracke
und ihren Inhalt ein-
schließlich der Kleidung
einen fairen Preis, der es
der Familie ermöglichte,
aufs Land zurückzukehren,
von wo die Bedauernswerten
nie hätten weggehen sollen.
Sollten Sie neugierig
geworden sein, jedoch des
Drecks wegen Bedenken
haben: Mitarbeiter vor Ort
sorgen bei Verlassen
des Ausstellungsraumes
für sofortige Keimfreiheit.
(ah, es gab exzellenten Jahrgangswein)

(Paulo Ferraz, übersetzt von Matias Mariani)

Figuren (Exzerpt)
Eduardo Sterzi

Eduardo Stenzi
beging mit 18 Selbstmord.
Er gab sich der „Leidenschaft“ hin.
Das war damals en vogue.

Eduardo Sturzi,
Fürst der zahnlosen
Dichter,
ertrank in der Adria.
Zwei, drei seiner Freunde
ließen
Öl ins Meer
an seiner vermuteten Todesstelle
und steckten
es in Brand.

Eduardo Spencer,
der dank seines Fracks
in der Klatschspalte landete,
war nicht mal einen Monat verheiratet.
Denise ließ ihn für einen Uruguayer sitzen.

Eduardo Strazzi
starb vor Traurigkeit.
Dies zumindest vermutet seine Mutter,
behält es aber für sich.

Edoardo Stronzo,
der Dorftrottel,
der Narr ohne Hof,
der Dorfpolizistensohn: Was haben wir für ihn
von unserer Reise mitgebracht?

Eduardo Stelzi
litt an extremer Kleinwüchsigkeit.
Er probierte alle Gegenmittel aus.
Gab schließlich auf.
Erkrankte
an einer anderen Krankheit.
Magerte ab.
Heute macht er sich nichts mehr vor.

Eduardo Stesso
wurde immer mit seinem Zwilling Roberto
verwechselt.
Er erwog Haarefärben
und plastische Chirurgie.
Er sprach mit seinen Freunden darüber,
doch die rieten ihm davon ab.

Eduardo Esteves:
So hieß der Trainer
der Fußballmannschaft
des Flamengo Rio de Janeiro.
Ein Pseudonym.
Sein wirklicher Name: Mario Nikolaus.

Eduardo Stern,
angeblich verwandt mit H. Stern,
“und zwar ziemlich eng”.
Quälte jedesmal seine Enkel mit dieser fragwürdigen Information,
wenn er an der Bijouterie
in Copacabana vorbeikam.

Eduardo Stereo,
wie vorauszusehen, DJ.

Eduardo Sterli,
Finanzexperte, 53 Jahre,
behauptet nicht zu wissen, was eine Krise ist.
Als letztes Jahr an der Börse alle alles verloren,
sahnte er ab. Sein Geheimnis?
Verrät er nicht.

Eduardo Stecher,
begnadeter Redner,
gebildet, sympathisch.
Sein Nachname belastet ihn, er hat schon versucht, ihn zu ändern.

Eduardo Stretto,
Dirigent des Symphonieorchesters seiner Stadt,
glaubt, dass Nomen Omen sind.
Er schrieb ein Buch darüber, das jedoch keinen Verleger fand.

Eduardo Strezzi
erhält regelmäßig Post
an seinen Namen
mit nur einem z,
schlimmer noch, mit ss.

Eduardo Estéril
hat fünf Bastardkinder.
Seine Frau weiß von zweien. Von zwei weiteren ahnt sie etwas. Vom letzten, nicht einmal das.

Edoardo Stento,
Ingenieur aus Mailand,

besitzt ein Landhaus in der Toskana. Er vermietet es
an einen norwegischen Schriftsteller,
der seit zwei Jahren
kein Wort geschrieben hat, weil er es satt hat, Klischee zu sein,
es aber nicht lassen kann.

Eduardo Stenio,
Schauspieler, spielte einen großartigen Prospero
in der Inszenierung am Theater Jedermann.
Sein Name war für alle Preise im Gespräch.
Er erhielt nicht einen.

(Auszug aus “Personagens”, Gedicht von Eduardo Sterzi, übersetzt von Odile Kennel)

Fabiana Faleiros is ein gutes Beispiel einer gegenwärtigen Dichterin, die aus Praktiken und Strategien schöpft, die abwechselnd satirisch, konzeptuell, lyrisch oder performativ genannt werden können. Eines ihrer wenigen publizierten Bücher ist “Alles, was ich in einem Monat schrieb”, das in einem riesigen Band sowohl die Sprache als auch die digitalen Codes ihrer Produktionen dieses Monats sammelt, was sie vermutlich an Praktiken in den Vereinigten Staaten ausrichtet, wie jene Kenneth Goldsmiths oder Vanessa Places. In ihrem Video “Zeichen und ähnliches lesen” liest sie einfach die alltägliche “visuelle / gefundene Textualität” vor, die uns täglich umgibt.

Wie Dirceu Villa über ihr Werk gesagt hat, ist es Dichtung, die sich selbst als Dichtung in Frage stellt, genau wie ihre Musik und Performances unsere Vorstellungen davon in Frage stellen, was Musik und Performance sein können. Es besteht ein Bruch zwischen den Genres, den ich für enorm zuträglich für die gegenwärtigen Praktiken halte.

Fabiana Faleiros, “A woman goes, a woman thinks”: Der Text stammt von einem von Angélica Freitas’ “Googlagen”, an denen sie in Brasilien schon gearbeitet hat, bevor FLARL-Dichtung in den Vereinigten Staaten hervortrat. Unten der Text in Hilary Kaplans Übersetzung:

“a woman goes” (googlage by Angélica Freitas)

a woman goes to the movies
a woman goes to get ready
a woman is going to ovulate
a woman is going to feel pleasure
a woman is going to ask for more
a woman is going to be crazy for you
a woman goes to sleep
a woman goes to the doctor, complaining
a woman begins noticing the growth of her stomach
a woman is going to spend nine months with a child in her belly
a woman goes to her first ultrasound
a woman goes into surgery and gets anaesthesia
a woman is going to get married have kids and take care of her husband and children
a woman goes to a healer for a serious haemorrhoid problem
a woman begins feeling abandoned
a woman begins wasting her primary follicles
a woman is going to regret it forever
a woman goes to the kennel ready to buy a dog
a woman goes to the back of the van and sits down weeping
a woman is going to put the house in order
a woman goes to the supermarket to buy provisions
a woman goes home to prepare the meal
a woman is going to stop trying to change men
a woman goes to the agency earlier
a woman goes to work, leaving the man in the kitchen
a woman goes away, leaving a gaggle of children
a woman is going to go out with someone else in the end
a woman is going to get a place in the sun
a woman is going to be able to drive in afghanistan

Poem by Fabiana Faleiros

The face is the most expressive part of the body
due to its close proximity to the brain.
.
Launched in our furthest extremities
one of the toes is called index on hands.
.
Away from the brain and close to the ground
are the soles of the feet.

(Übersetzung: Ricardo Domeneck)

Auch die von Veronica Stigger praktizierte Aneignung von auf der Straße gehörten Konversationen, präsentiert als Dichtung, könnte man sowohl konzeptuell als auch satirisch nennen. Eines ihrer Bücher, “Delírio de Damasco” (Damaskus-Delirium), arbeitet hauptsächlich mit dieser Methode. Einige Beispiele zeigen uns ein Röntgenbild der brasilianischen Mentalität: den Rassismus, die Misogynie, die Korruption. Und die Weise, in der Brasilianer die Sprache verwenden:

Poor Indians!
They used to live in peace.
Then human beings came and killed them all.
:
Here´s a good place.
There are only
rich men.
:
When I was young,
I used to vomit
beautifully.
:
He dreamed of becoming a waiter
in the United States.
He left for France.

Aber es bestand nie das Bedürfnis, diese Praktiken in Brasilien “konzeptuell” oder “uncreative writing” zu nennen, da viele dieser Herangehensweisen bereits zur satirischen Tradition gehörten, wie man auf der berühmten Seite von Machado de Assis Roman “Die nachträglichen Memoiren des Bras Cubas” (1881) sieht, oder in Oswald de Andrades found-text-Dichtung aus den 1920ern.

Analytischer Lyrizismus

Die Debatte über den Tod/die Notwendigkeit der Ermordung des “Ich” (I, je, eu, yo) in der Dichtung wütete in Brasilien genau wie in vielen anderen Ländern. In Brasilien wurde dieser Prozess besonders von einem der bedeutenden Dichter der Nachkriegszeit, João Cabral de Melo Neto (1920 – 1999), und seiner Abscheu gegenüber allem beeinflusst, was zu musisch, zu subjektiv, zu emotional ist. Unterstützt vom Einfluss der Noigandres-Gruppe (der São-Paulo-Zweig der Internationalen Bewegung für Konkrete Dichtung), nahm ein solches Misstrauen gegenüber allem zu persönlichem die brasilianische Poetikdebatte und -praxis in den 1990ern und frühen 2000ern ein. In den letzten Jahren scheinen ein paar brasilianische Dichter die Strategie der Trennung der lyrischen Stimme vom Innen zu verfolgen. Sie verwenden dabei mehrere Kunstgriffe und schöpfen aus verschiedenen Quellen: etwa die Essays und Gedichte der L=A=N=G=U=A=G=E-schriftsteller oder französische Dichter von den 1970ern bis hinein in die 1990er, wie Emmanuel Hocquard, Jean-Michel Epistallier, Charles Pennequin oder Nathalie Quintane.

Das konnte in den 1990ern in einem Dichter wie Marcos Siscar (geb. 1964) gespürt werden, der ein wichtiger Referenzpunkt für eine Diskussion dieser Praktiken ist. Die falsche Dichotomie zwischen Subjektivität und Objektivität wird von ihm in verschiedenen Gedichten angegriffen, wie in “Ficção de começo”, unten übersetzt vom deutschen Dichter Jan Wagner.

Fiktion des Anfangs
Marcos Siscar

innen beginnen. im innern wo sie beginnen die dinge. ihre schwindelerregende  ellipse zu ende bringen. das innere ist das ende des aufbruchs. beginn der rückkehr. sich aufmachen als kehrte man zurück. zurückkehren als machte man sich auf. die fiktion reise.

seiner eigenen sache nahe zu sein ist vom verlust nicht weit weg. sieh dort die hände des jugendlichen von kaltem schweiß bedeckt doch nicht in der lage die seiten eines buches umzublättern.

das innere ist der ort des verlusts. an dem man nicht bleibt. was für ein ort ist ein ort an dem man nicht bleibt? wenn man an die grenze gelangt. die grenze das innere.

das innere verläßt man. wie kleinstädte you know you have to leave. man bleibt nicht. im innern kommt man an. das innere verläßt man. man bleibt nicht dort wo man ankommt im innern. sand ziege stein und schrei. wo man jedoch nicht bleibt.

das innere verrät man verwirklicht man. verwirklicht es indem man es verrät. das äußere der dinge ist wenn man das innere verrät. deshalb gibt es kein reines außen keine reine poesie. jenes das man nicht verrät.

keine stille die nicht verraten würde.

im innern klingen die dinge hohl. zu sehen ist nichts. so hört das ohr nur hohle dinge klingen. unterm maulbeerbaum erklingt ein umgedrehtes boot das der fluß zurückgab.

die fiktion ursprung. die fiktion muß kultiviert die erinnerung gestutzt die lüge gestützt werden. der barmherzigkeit halber. alte geschichte lauer betrug der literatur.

die fiktion inneres ist ganz und gar wirklich. ist die erde. ein boden auf den man fallen kann. einen ort zu haben an dem man sich fallen lassen kann ist grund genug zum aufbruch.

das innere. wenn ich schon aufbreche will ich es nicht verlassen. hier beginnt alles mit einer art und weise den fall zu vermeiden. braucht einer der nie vom baum fiel sicherheit? kennt einer der sich vom baum geworfen hat den schmerz des falls?

(stille) spricht die stille

du klagst nicht bittest nicht akzeptierst nicht bleibst nicht rührst dich nicht vom fleck. das innere verschließt sich bietet sich dar. klette borstiges erbarmen.

Andernorts habe ich diese Dichter “Analytische Lyrizisten” genannt. Ein Beispiel ist Marília Garcia und ihr “it´s a lovestory and it´s about an accident” im vorigen Teil des Artikels, in dem sie die Zeilen ihres eigenen lyrischen Gedichts in alphabetische Reihung bringt und somit die sogenannte Notwendigkeit des Lyrischen Impulses im Ausdruck in Frage stellt. Alles kann einfach anders sein. Narration und Struktur.

Eine weitere großartige Dichterin, die hier erwähnt werden sollte, ist Juliana Krapp (geb. 1980). Leider sind ihre Gedichte sehr schwer zu übersetzen, da in ihnen die Idee eines subjektiven Ausdrucks von Sprache, Grammatik, Kontext, Etymologie bestimmt scheinen – diese Faktoren kontrollieren und bedingen, was zuletzt gefühlt wird. Wie die brasilianische Romanschriftstellerin Clarice Lispector (1920 – 1977) einmal schrieb: “Ich versuche zu sprechen, aber ich drücke nicht aus, was ich fühle, sondern vielmehr wird das, was ich fühle, langsam zu dem, was ich sage.”

Für jene, die Portugiesisch sprechen, hier eines ihrer Gedichte:

Limite
Juliana Krapp

Sebe é um acúmulo de varas entretecidas
cerceando
por vezes sim por vezes não

eu sei
do esforço para persuadir
naturezas terríveis

simultaneamente
à graça dos perímetros
que permanecem estanques

(a dor de coabitar
tanto as frinchas quanto os
confinamentos)

Quando rarefeitos, os movimentos
aguardam mais do que a conclusão, preferem
o desdém e o resguardo
ou mesmo esse estalido
(um arquejo)
embalado
pelo embaraço hipnótico
das pequenas sombras

Somente as ventanias são de fato enamoradas
e apenas nelas alijam-se
as imundícias mais profundas

como somente os ramos
estraçalham-se e engravidam-se
num único carretel de músculos em escombros

(um aparelho de tensões
alimentado pelo ritmo
dos sumidouros)

Érica Zíngano ist eine Dichterin, die an der Grenze zwischen Subjektivität und Objektivismus arbeitet und erzeugt in vielen Fällen einen stark satirischen Effekt. Subjektivität ist in ihrem Werk meist nur als Selbsterniedrigung erlaubt.

genre-theorie
Érica Zíngano

dieses gedicht ist, wie könnte es anders sein,
meiner mutter gewidmet

Lyrika® ist ein Medikament gegen Fibromyalgie, das meine Mutter jeden Abend (vor dem Einschlafen) nimmt, wenn sie einen Schub hat. Fibromyalgie ist eine Art Rheuma – nur, dass sie Muskeln, Sehnen und Bänder betrifft – und verursacht unter anderem Schmerzen, Müdigkeit, Unwohlsein. Neben der Einnahme von Lyrika® (jeden Abend) vor dem Einschlafen geht meine Mutter drei Mal pro Woche zur Physiotherapie, wodurch sie wesentlich weniger Schmerzen habe, berichtet sie überzeugt. Lyrika® wird von Pfizer™ hergestellt, einem Pharmaproduzenten, der in der Sparte Herzmedikamente den Markt dominiert: Norvasc® zum Beispiel, das meine Mutter auch nimmt (jeden Abend vor dem Einschlafen), ist mit Sicherheit das am meisten verkaufte Medikament gegen Bluthochdruck. Das nordamerikanische Unternehmen Pfizer™ wurde weltweit bekannt durch die Herstellung von Viagra®, das meine Mutter wegen geschlechtlicher Unverträglichkeit natürlich nicht nimmt.

(dieses gedicht enthält daten aus Google Inc. die dichterin übernimmt im falle der weiterverbreitung dieser angaben keine haftung. leider scheint das gedicht für Pfizer™ werbung zu machen, dem anschein zum trotz garantiert sie, dass sie mit diesem gedicht ursprünglich nicht beabsichtigt hat, in irgendeiner form werbung zu machen, sondern eine schlichte würdigung der regelmäßigen medikamenteneinnahme ihrer mutter zu verfassen – wenn sie an dieser aufgabe gescheitert sein sollte, bittet sie um entschuldigung und weist darauf hin, dass sie es weiter versuchen wird)

die Konservativen sollten mal was Nützliches tun
Érica Zingano

Seriengedicht, das durch die Sängerin Cláudia Leitte inspiriert wurde, die ins Guinness-Buch der Rekorde kam, weil sie eine nie dagewesene Welle an Simultanküssen auslöste: 8372 Paare (was 16744 Personen entspricht) küssten sich auf dem Musikfestival Axé Brasil in Belo Horizonte am 3.4.2009 zu dem Hit “Ich will noch mehr Küsse” auf den Mund. Dieses Gedicht ist meiner Zahnärtzin Dr. Laura gewidmet, die mir davon erzählte und mir auf diese Weise poetischen Stoff lieferte. Und da ich nicht möchte, dass ihre Zahnarzthelferin Meire sauer auf mich ist, widme ich dieses Gedicht auch ihr.

1.

Manche behaupten
die
Heutige Poesie
sei am Ende
Damals
“im Goldenen Zeitalter
der Poesie”
seien
die Poeten
nach Art der Griechen
sportlicher gewesen
(zum Verständnis des Verhältnisses
von Sport und Körper
in der Klassischen Antike
vgl. Ilias)
schließlich
hat unser Guter
Alter
Luís de C’mões
über seinem Bad in der
Griechisch-Lateinischen Tradition
die Sportliche Betätigung
nicht vergessen
Im Gegenteil
C’mões war Soldat
und reichlich beeinflusst
von den Klassikern
aus ihm wurde der Größte Dichter
Portugiesischer Sprache
eigentlich aber
der Größte
Schwimmende
Dichter Portugiesischer
Sprache, denn als er
auf dem offenen Meer
Schiffbruch erlitt
rettete er sich
und seine Unersetzlichen Verse
schwimmend
im Freistil
hauptsächlich Kraul
Auf eine Art haben
die Konservativen Recht
C’mões ist
unschlagbar
mit Ganzkörpereinsatz
und viel Gutem Willen
rettete er
schwimmend
Die Lusiaden
Epos in 10 Gesängen
mit 1102 Strophen
Achtzeiler im diesem Fall
da aus je 8 Verszeilen bestehend
mit je 10 Silben
was also insgesamt
8816 zehnsilbige
Verse macht – Fakten
die
die Konservativen
nutzen sollten
für die längst
fällige Kampagne
“C’mões, ein Dichter,
ein Schwimmer:
vom Kanon
zum Guinness-Buch”
mit diesen Zahlen
käm er ganz sicher
ins Buch der Rekorde
erst recht wenn wir
bedenken
dass
er einäugig war
er schwamm
und schrieb dies alles
mit nur einem Auge
unglaublich!
Verlieren wir also keine Zeit
Guinness-Buch Jetzt
für den einäugigen C’mões!

2.

Zu den wenigen
Schriftstellern
im Guinness-Buch
gehört der
südbrasilianische Dichter
Luiz de Miranda
er ist der einzig
Lebende Dichter
der Welt
mit einer Büste
auf einem
Fußballfeld –
was werden sie nur tun
wenn er stirbt
Ganz sicher
wird Luiz de Miranda
der einzige
Tote Dichter
der Welt
mit einer Büste auf
einem Fußballfeld sein
(vorerst zumindest
und wer weiß
wie lange)
Der Klassischen
Tradition zufolge
die Sport und Kultur
wertschätzt
hat Luiz de Miranda
Fußball gespielt in Uruguaiana
aber denken Sie
bloß nicht
der Sport
hätte ihn
vor der Bohème bewahrt
den Titel
des Nachtprotokollanten
überreichte ihm
Lupicínio Rodrigues persönlich
darüber hinaus war
Luiz de Miranda
Pate der Farra-Bar
in Recife
(wo
an der Wand
Photos von ihm
prangen)
und wurde
vom Haus des Dichters
zum Dichterfürst
von Rio Grande
ernannt
einer Tradition folgend
die 1916 ihren Anfang nahm
als Olavo Bilac
diesen Titel
Zeferino Brasil
verlieh
Deshalb und aus
anderen Gründen
sollten die Konservativen
die längst fällige
Kampagne
Guinness-Buch
für den einäugigen C’mões
in Angriff nehmen
denken Sie nicht?

3.

Noch eine Angenehme
Überraschung
(um nicht zu sagen
Illustre Anwesenheit)
im Guinness-Buch
ist das
Akademiemitglied
Paulo Coelho
der
zweimal ins Buch
der Rekorde kam:
zuerst 2003
weil er auf der
Frankfurter Buchmesse
der Meistsignierende
Autor seines Buches
in unterschiedlichen
Editionen war
und erneut 2008
weil Der Alchimist
das Meistübersetzte
Buch der Welt ist
(vorerst zumindest
und wer weiß
wie lange
in 67 Sprachen)
Und vorerst
ist es mit dem Zauber
Paulo Coelhos
nicht vorbei
als er am 25. Juli 2002
in die Brasilianische
Akademie der Sprache
auf Platz 21
zum Nachfolger
des Wirtschaftswissenschaftlers
Roberto Campos
gewählt wurde
und die Wahl
mit 22 Stimmen
und 15 Gegenstimmen gewann
(die der Soziologe
Hélio Jaguaribe erhielt)
meinte er, nun sollten sich
die Literaturkritiker
die ihn für einen schlechten
Schriftsteller
hielten
mit seinem Eintritt
in die Welt
der Unsterblichen
auseinandersetzen
Schenken wir doch
den Worten
seiner Antrittsrede
ein wenig
Aufmerksamkeit
“Und trotz allem
müssen wir singen
mehr denn je
müssen wir singen.”
Vinícius de Moraes
ist ein Meister
solcher Sätze.
In Erinnerung an
Gertrude Stein
und ihr Gedicht
“A rose is
a rose is a rose”
sagt er einfach nur
wir müssen singen.
Keine Erklärungen
keine Rechtfertigungen
keine Metaphern.
Als ich mich auf diesen
Platz bewarb und
wie es das Ritual verlangt
an die Mitglieder
der Casa de Machado
de Assis herantrat
hörte ich von
Josué Montello
ähnliches. Er sagte
zu mir:
“Jeder Mensch muss
der Straße folgen
die durch sein Dorf führt.”
Davon ausgehend
dass
Der Tejo schöner ist
als der Fluss
durch mein Dorf,
Aber der Tejo
ist nicht schöner
als der Fluss
durch mein Dorf
Weil der Tejo nicht
durch mein Dorf
fließt
bin ich überzeugt
dass
es keiner weiteren
plausiblen Argumente
bedarf
um die Konservativen
zu überzeugen
dass sie
etwas Nützliches tun
und den Großen Einäugigen
C’mões
vorschlagen sollten
fürs Guinness-Buch
der Rekorde

p.s. don’t let the shuttlecock fall
Érica Zingano

i don’t know
if i can still say
i was lucky to be born
in a land
where birds
sing
for no reason
sing
just sing
in the morning
in the afternoon
at night
i don’t know
if i can still say
i was lucky to be born
because i have a sister
named consuelo
consuelo is younger
than me
she’s prettier
than me
but much more
machiavellian
than me
consuelo never liked
the birds’
chirping
and spent her whole
childhood
trying to kill them
in the morning
in the afternoon
at night
consuelo with her
pañuelo
was infallible
mi hermanita fea
muy fea, muy mala
la pobrecita…
consuelo with her
plumero peludo
and her colorful
plastic feathers
MERELY PHOTOCOPIES
PHOTOCOPIES — arrest her!
arrest her, please!
te odio consuelo
how can you do that?
do you have ice
cubes
for a heart?
maybe
consuelo liked
the silence more
than i did
or maybe
she learned
faster
earlier and
faster
for my consolation
to keep
the secret
of the mermaids

envelope-poem
Érica Zingano

You know, the points turn in different directions
It is immediate as well as simple
I am 33 and I just sold my library
I cannot carry it in any appropriate way
go up stairs, keep the shelves tidy, store the dust
of the air in tiny cups for microscope analysis
but it is not a criterion of importance
carrying the time can be quite heavy
even more when I don’t know how to define it
well, can I borrow your
timer? yes, I could sleep “ here ”
if “ here ” was cozy – where you waved me
I get wrapped in the feathers of a plastic goose
whatever you send me I repeat aloud
through the window of a computer turned on
thank you, you were kind
I just hope the stamps don’t leave such
deep marks in your fingers
It might hurt longer than it should

(both English poems Translated by: Rafael Mantovani)

Wie manche der Frauen, die mit der L=A=N=G=U=A=G=E-bewegung verbunden werden (Lyn Hejinian, Susan Howe, Rae Armantrout, Rosmarie Waldrop), stellen einige dieser brasilianischen Dichterinnen immer wieder die allzu einfachen Verbindungen von Genre und Gender in Frage.

Ricardo Domeneck, 1977 in São Paulo geboren, lebt seit 2002 in Berlin. Er hat Hans Arp, H.C. Artmann und Thomas Brasch ins Portugiesische übersetzt.

Aus dem Englischen von Max Oravin

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erstellt am 08.4.2015

Das Projekt Babelsprech ist ein zweijähriges, selbstorganisiertes und durch öffentliche Gelder finanziertes Projekt, dem es um die Vernetzung junger LyrikerInnen aus Deutschland, der Schweiz und Österreich geht. Nach einem ersten Treffen junger LyrikerInnen im September 2013 in Lana (Südtirol) finden regelmäßig Live-Lesungen in den drei beteiligten Ländern statt. Das Projekt endet mit der Herausgabe von Lyrik von Jetzt 3 durch die Kuratoren im Wallstein Verlag. Kuratoren sind die Autoren Robert Prosser (Österreich), Max Czollek (Deutschland) und Michael Fehr (Schweiz). Die Plattform www.babelsprech.org dient der öffentlichen Darstellung junger AutorInnen sowie der gemeinsamen Diskussion und gegenseitigen Information.

Die Reihe Babelsprech.International erweitert den babelsprech-Kreis junger deutschsprachiger Dichtung. Sie befasst sich mit der Darstellung von Lyrikszenen in bestimmbaren Orten. Diese können geographisch sein (Brasilien, Finnland, etc.) oder aber Bezogen auf ein bestimmtes Feld (wie z.B. der Gastbeitrag von Fullstop zum lyrischen Ich im Internet zeigt). Diese Erweiterung bilden wir auch organisatorisch ab: das Hilda Magazine, das US-amerikanische Magazin Full Stop und die holländische Seite Samplekanon und die Slowenische Seite I.D.I.O.T. sind Teil einer Kooperation, die sich der internationalen Vernetzung widmet.

Gilberto Freyre, Cover einer der amerikanischen Ausgaben von “The Masters and the Slaves”

Décio Pignatari, “beba coca cola”

Caetano Veloso – “Tropicália”

“H.O.”, movie by Ivan Cardoso about Hélio Oiticica (English subtitles)

Fabiana Faleiros, “Reading Signs and the Like”

Seite aus Machado de Assiss Roman “Die nachträglichen Memoiren des Bras Cubas” (1881), das Kapitel betitelt “Der alte Dialog zwischen Adam und Eva”