An der Oper in Valencia hat der Intendant Davide Livermore zuletzt als einzige Eigenproduktion der Saison „Norma“ inszeniert. Wir sind es gewohnt, dass Regisseure bei Vincenzo Bellinis beliebtestem Werk nach mehr oder weniger aktuellen Entsprechungen suchen, um den Stoff näher an unsere Gegenwart zu rücken. Nicht so in Valencia, berichtet Thomas Rothschild.

Oper

Druiden versus Römer

Von Thomas Rothschild

Das Guggenheim-Museum in Bilbao gehört zu den meist bewunderten und in den Medien beschriebenen architektonischen Schöpfungen der vergangenen Jahrzehnte. Vielleicht liegt das an der Tatsache, dass es der zuvor als trist und unattraktiv geltenden Industriestadt im Baskenland Glanz verliehen und den Tourismus gefördert hat. Jedenfalls kann sich die Ciudad de las Artes y de las Ciencias in Valencia, der drittgrößten und einstmals, im Mittelalter, sogar größten Stadt Spaniens, nicht solcher Popularität erfreuen, obwohl sie in den Ausmaßen mit ihren mehreren Gebäuden das Guggenheim-Museum überragt und in ihrer architektonischen Kühnheit mit diesem durchaus konkurrieren kann.

Ciudad de las Artes y de las Ciencias, Valencia. Foto: Ka13. Quelle: Wikipedia

In einem der Gebäude des Komplexes, im Palau de les Arts Reina Sofía mit seinen vier Sälen, ist auch die Oper von Valencia mit mehr als 1400 Plätzen untergebracht. Der von Anfang an äußerst konventionelle Spielplan, der kaum Überraschungen bietet, steht in sonderbarem Kontrast zur Modernität des Bauwerks, das man ohne Übertreibung als gigantomanisch bezeichnen darf. Von den fünf Produktionen der laufenden Spielzeit sind vier Übernahmen aus Madrid, Parma, Florenz und München. Zuletzt hat Davide Livermore als einzige Eigenproduktion der Saison „Norma“ inszeniert. Der Italiener hat erst vor kurzem die unter Korruptionsverdacht stehende Österreicherin Helga Schmidt als Intendant des Palau de les Arts Reina Sofía abgelöst.

Wir sind es gewohnt, dass Regisseure bei Vincenzo Bellinis beliebtestem Werk nach mehr oder weniger aktuellen Entsprechungen suchen, um den Stoff näher an unsere Gegenwart zu rücken. Nicht so in Valencia. Davide Livermore begibt sich hemmungslos und mit üppigen Kostümen in die romantische Sicht der Römerzeit mit Druiden-Priesterinnen und kriegslüsternen gallischen Recken, die man heute nur noch im Umkreis von Asterix vermutet. Was stofflich eher komisch als melodramatisch anmutet, versucht Livermore durch ein multimediales Spektakel zu retten. Gleich zu Beginn, während der Ouvertüre, wird die Story mit der Projektion von aufwendigen computeranimierten Projektionen auf einen transparenten Vorhang, mit Ballettzutaten und Lichteffekten vorweggenommen. Da scheint Tolkien näher als Vincenzo Bellinis musikalische Tragödie.

So sehr die Regie einem vom Fernsehentertainment, von Ausstattungsfilmen und von Broadway-Shows geprägten Geschmack entgegenzukommen scheint, so wenig ihr an einer gedanklichen Durchdringung der Fabel liegt – einziger Interpretationsansatz ist Normas Sohn, der nach dem Ende, offenbar zur Rache bereit, mit einem Minischwert an der Rampe steht (not the show, but the war must go on) –, so erfreulich waren, aufmerksam begleitet vom Orchester und vom Chor der autonomen Region Valencia unter der Leitung von Gustavo Gimeno, die sängerischen Leistungen, die sich auch an renommierteren Opernhäusern hören lassen könnten. Die international erfahrene, für die Titelrolle aber an die Altersgrenze rührende Mariella Devia wurde lediglich übertroffen durch den kraftvollen, strahlenden amerikanischen Tenor Russell Thomas als römischer Prokonsul Pollione und durch den russischen Bass Sergej Artamonov als Normas Vater Oroveso. Der Palau de les Arts Reina Sofía, der noch keine zehn Jahre alt ist, bietet sich dem Besucher zurzeit eingerüstet an, nachdem sich vor knapp zwei Jahren Teile der Keramikverkleidung gelöst hatten. Drinnen aber, im Opernsaal, hielt sie dem Belcanto stand.

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erstellt am 05.4.2015

Szenenfoto Norma, Palau de les Arts Reina Sofía, Valencia

Oper in Valencia

Norma

Von Vincenzo Bellini

Palau de les Arts Reina Sofía

Szenenfoto Norma, Palau de les Arts Reina Sofía, Valencia