Der Politiker, Anwalt, Redner, Konsul, Schriftsteller und Philosoph Marcus Tullius Cicero war ein überzeugter Mann der römischen Republik. Als solcher kam er verschiedentlich in Konflikt mit machtgierigen Herrschern. Auf seinem Landgut Tusculum, weiß Otto A. Böhmer, dachte er über das glückliche Leben nach, scheiterte aber an der Gerechtigkeit.

Holzwege

Wieder klug gedacht

Der Philosoph Cicero

Von Otto A. Böhmer

Der Philosoph Marcus Tullius Cicero war guter Dinge; er schaute hinaus ins Freie, welches sich ihm hier, an seinem Orte, als eine grüne wohlgeordnete Landschaft darbot, die zudem noch den Vorteil hatte, dass sie dem Philosophen selber gehörte: ein ganzes Landgut durfte er sein eigen nennen, Tusculum, in den Albaner Bergen gelegen, abseits vom missratenen Rom, aus dem Cicero, dessen Ansichten schon länger auf heftigen Widerwillen stießen, vor knapp einem Jahr verbannt worden war. Es ging ihm gut, gleichwohl, das musste er sich nur oft genug sagen; es ging ihm gut, weil er unerhört frei war, trotz allem, und weil er es sich leisten konnte, einen Rückzug zu proben, den keine lästigen Überlegungen zur materiellen Daseinsbewältigung mehr behelligten. Sein Leben, begünstigt und geordnet, beschränkte sich nunmehr auf das Wesentliche; er konnte nachdenken, disputieren, er schrieb auf, was ihm, planmäßig, in den Sinn kam, und für alles andere zeigte sich die von ihm erwählte Dienerschaft verantwortlich. Cicero, ein an sich bescheidener Mensch, der von seinen außerordentlichen Fähigkeiten jedoch fest überzeugt war, pflegte die selbstverordnete Zufriedenheit; den Tag begann er mit einem ersten Rundblick über sein Anwesen, und da ging ihm bereits das Herz auf: Grüne wohlgeordnete Landschaft, wie gesagt, die sich zum Horizont, der in dieser Umgebung jegliche Härten vermied, noch einmal öffnete; eine solche Kenntnisnahme tat gut, gerade am frühen Morgen, und danach konnte er sich der unumgänglichen Pflicht einer Niederschrift seiner Gedanken widmen, die über Nacht oft, so als wären sie durch das Zutun von Träumen noch angereichert worden, einen bemerkenswerten Reifegrad erreichten, der nur zu halten war, wenn man sich ohne unnötiges Zögern daran begab, sie festzuhalten; kaum waren seine Gedanken nämlich notiert, ließ ihre Überzeugungskraft merklich nach, und gegen Mittag beschlichen den Philosophen oft regelrechte Zweifel, die er aber, unter wiederholtem Hinweis auf das seinem Haus eigene Wohlbefinden, nicht weiter zu beachten pflegte. Er nahm eine bescheidene Mahlzeit zu sich, welche nach den von ihm selbst entworfenen Ernährungsrichtlinien zusammengestellt wurde; Abweichungen von diesen Vorschriften, etwa eine Überwürzung der Speisen oder die Dreingabe unerwünschter Zutaten, registrierte Cicero sofort, und er zeigte sich dann einigermaßen ungnädig. Nach dem Essen hielt er ein knapp bemessenes Mittagsschläfchen, das in der Regel nicht länger als eine halbe Stunde dauerte; sein erster Diener Lutatius hatte die Anweisung, ihn sofort und unsanft zu wecken, wenn sich eine Ausweitung der dem Schlummer gewidmeten Zeit abzeichnete. Den Nach­mittag begann der Philosoph erfrischt durch die ihm widerfahrene Seelenruhe; wiederum gönnte er sich einen ausgiebigen Blick über sein Anwesen, das, erfreulich genug, weder geschrumpft war noch an Schönheit verloren hatte; er konnte also, so wie jetzt, ungestört weiterarbeiten. Seine Überlegungen galten der Wohlausgewogenheit des Daseins, für die er noch immer, obgleich ihm ja in der Politik zuletzt wenig Glück beschieden war, bewundernde Worte fand; – „wenn die Seele das gute Wissensgeschäft betreibt“, hatte er geschrieben, „und wenn sie Tag und Nacht über selbiges nachdenkt, dann entsteht wohl jene gottbefohlene Einsicht, dass der Geist sich selbst erkennt, wodurch er mit unersättlicher Freude erfüllt wird. Mit welcher Ruhe erwägt er dann das Menschliche und Irdische! Daraus entspringt die Erkenntnis der Vollkommenheit, es blühen auf die Arten und Teile der Tugenden; man findet, was es sei, worauf die Natur zielt, was das Höchste im Guten, im Übel das Äußerste, worauf man die Pflichten beziehen, welche Weise, das Leben zu führen, man wählen müsse – und vieles andere mehr. Erforscht man diese und ähnliche Dinge, ergibt sich, dass die sittliche Persönlichkeit sich selbst genügt, um glücklich zu leben…“

Cicero lächelte. Das war klug gedacht, so wie er eben dachte, und gemessen an den Begünstigungen, die er, zumindest im privaten Leben, erfuhr, hatten seine Erörterungen auch ihre Richtigkeit; trotzdem musste man zugeben, dass die Wohlausgewogenheit, welche er so sehr schätzte, nicht für alle galt: Im sogenannten normalen Leben gab es, vordergründig betrachtet, sehr viel Unordnung; die Menschen benahmen sich nicht so, wie sie sollten. Von der Gerechtigkeit, die jedermann für erstrebenswert hielt, war die Gesellschaft, für die sich die Götter nicht mehr so sehr zu interessieren schienen, noch weit entfernt; hinzu kam, dass die Rechtsprechung, die im Namen der Gerechtigkeit durchgeführt wurde, selber nur Menschenwerk blieb und damit nicht nur fehlbar war, sondern oft genug auch auf traurige Weise komisch. Der Philosoph dachte an seinen alten Freund Livius Catulus, der als pensionierter Richter Konflikte in der Nachbarschaft schlichtete; er tat dies in der Regel kostenlos und aus dem edlen Betreiben heraus, den Menschen nach bestem Wissen und Gewissen zu helfen, was seine Klienten zu schätzen wussten, auch wenn sie die Schiedssprüche Catulus’ nicht immer befolgten. Vor Tagen nun war bei dem Richter, wie er Cicero erzählte, eine junge Frau vorstellig geworden, die ihn unter Tränen davon in Kenntnis setzte, dass sie mit ihrem Vater sowie ihrem Ehemann unter einem Dach lebe und von beiden regelmäßig verprügelt werde. Catulus zitierte deswegen den Vater, einen älteren Herrn namens Fannius, zu sich und stellte ihn zur Rede. „Euer Schwiegersohn ist ein bekannter Trunkenbold und Grobian“, sagte er. „Dass dieses Subjekt Eure Tochter schlägt, ist zwar verwerflich, aber nicht weiter überraschend. Ihr jedoch, Fannius, ein Mensch mit ordentlichem Leumund, wie könnt Ihr Euer eigenes Kind nur derart züchtigen?“ „Aus Gründen der Gerechtigkeit“, erklärte Fannius dem verdutzten Richter. „Wisst Ihr, ehrwürdiger Catulus, man darf sich im Leben nicht alles gefallen lassen, und so begegne ich dem Trunkenbold und Grobian, der mein Schwiegersohn ist, in der Sprache, die er versteht: Schlägt er mir meine Tochter, schlag’ ich ihm seine Frau, woraus Ihr folgern könnt, dass ich in meinem Hause wirklich und wahrhaftig um Gerechtigkeit bemüht bin.“

Cicero erhob sich. Müde war er geworden, mit einem Mal; vielleicht, dachte er noch, bevor er sich als freier Philosoph zu einem außerplanmäßigen Schläfchen begab, vielleicht sollte ich mich um eine realistischere Sicht der Dinge bemühen. Im Leben geht es nicht gerecht zu, sondern bodenlos heiter, wie aber soll man schreiben über etwas, dass keinen Boden, keinen Grund mehr hat; man wäre nur noch auf Vermutungen angewiesen, was ganz einfach zu wenig ist – für einen wie mich.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 02.4.2015

Otto A. Böhmers Reihe Holzwege berichtet von den mal erhabenen, mal erheiternden Bemühungen der Philosophen, im Geschäftsbetrieb des Alltags Haltung zu bewahren und der eigenen Rede Sinn nicht zu vergessen. Die kleinen Begebenheiten im Leben großer Philosophen, die der Autor zu sich bittet, erzielen fast immer angemessene Wirkung: Sie passen so trefflich ins Bild der jeweiligen Philosophie, dass man vermuten muss, sie könnten erdacht worden sein, um den dazugehörigen Philosophen bei merk- und denkwürdiger Laune zu halten.

Cicero