Der Lyriker Horst Samson ist ein Kind der Verbannung. „Und wenn du willst, vergiss“ versammelt Samsons Gedichte aus drei Bänden. Zwei sind unter den Bedingungen der Überwachung und Zensur geschrieben, einen hat Horst Samson als freier Schriftsteller verfasst, berichtet Eric Giebel.

Buchkritik

Finis terrae: In die Steppe!

Von Eric Giebel

Das Ende der Welt ist eine willkürliche Festlegung des Machtapparats. Ferit Edgü musste von Istanbul bis Pikanis gehen (1350 km), Bohumil Modrý von Prag bis Jáchymov (120 km), Carlo Levi von Turin bis Aliano (800 km). Und Christoph Ransmayr zeichnet 1988 Ovids Weg von Rom nach Tomi (1350 km).

Der Lyriker Horst Samson ist ein Kind der Verbannung. Er wurde in Tomi geboren. Sein Tomi heißt Salcimi. Das liegt 750 km von Teremia Mică, dem Heimatort der Eltern im Banat, entfernt. Mit dem Maßstab unserer globalisierten (und doch für das Wort, des Menschen gefährlichstes Gut, längst nicht entgrenzten) Welt schrumpft diese Distanz. Hier, in der Unkenntlichkeit, in der Aufhebung von Zeit und Raum, liegt der Ursprung.

„Unter der fleckigen Sonne / Der Baragansteppe / Wurde ich geboren, / Neben einer Distel / Oder an einem anderen Tag.“

„Und wenn du willst, vergiss“ versammelt Gedichte aus drei Bänden. Zwei sind unter den Bedingungen der Überwachung und Zensur geschrieben („Tiefflug“, 1981, und „Reibfläche“, 1982). Einen („Was noch blieb von Edom“, 1994) hat Samson als freier Schriftsteller verfasst. Aber welche Freiheit lässt ein Bann? Und wie bildet sich dieses lebenslange Gefangensein im System Totalitarismus in einer Sprache ab, die im Exil Freiheit erlangt und doch um ihre Zerbrechlichkeit weiß?

„die augen zudrücken / und über strickmuster reden / denke ich / das wär doch die formel zum überleben“

Über Strickmuster zu sprechen, beinhaltet meiner Meinung Aspekte, die für den vorliegenden Band prägend sind. Zuvorderst meint es eine Abkehr vom lyrisch-kritischen Sprechen hin zu einer banalisierten Sprache, unpolitischen Alltagsgesprächen, die die Großwetterlage als unvermeidliches, hinzunehmendes Übel akzeptieren. Der Autor schreibt im Konjunktiv, denn er weiß, diesen Schritt zu gehen, könnte vor Repression schützen, führte aber unweigerlich zu Gleichschaltung, zur Auslöschung der Identität. Wenn Samson meint, er „gehe genau wie horst samson“, sehen wir einen Menschen, der bereits verunsichert um seine Identität ringt. Um sich nicht der Selbstverleugnung auszusetzen, arbeitet Samson mit seinem Sprachmaterial an einer Verschwörung. Die Mehrfachcodierung der Bilder ist Handwerk und Überlebensreflex zugleich.

„morgen um acht / geht mein kopf in flammen auf // sage ich konspirativ zu dir / und wir schweigen uns einen maulkorb / in diese malerische wohnung“.

Vielleicht träumen wir uns die Staatsintelligenz als dumpfen Apparat, der mit der Intelligenz der Dichter nicht mithalten kann (————————-Censoren————-Dummköpfe————-). Die Realität weltweit sieht wohl anders aus. Die Verschwörung des freien Worts und die Bekämpfung desselben führen in eine Eskalation. Der Autor muss immer mehr Deutungen in Alltagssprache packen, der Zensor immer mehr Codes knacken. Publikationsverbote, Verhaftungen, Morddrohungen, Suizide und Exekutionen. Strickmuster sind ja keine Anleitungen zur Bearbeitung eines Wollfadens. Wie Menschen gestrickt sind, darüber muss Samson sprechen. Er versucht, die Angst zu überwinden, das ist seine Überlebensformel.

„ihm hätte vorige nacht geträumt / er sei an land gestiegen / von dem kein verschonter spricht / und er sei braun geworden / und gesund / er hätte sich endlich ausgesprochen / die duldsamkeit vergessen / die übliche angst etwas zu verlieren“

Die Aran Islands vor der Westküste Irlands sind eine Sprachinsel. Hier hat sich Gälisch wehrhaft gegen die Kolonisierung durch die englische Sprache gezeigt. John Millington Synge, ein irischer Dramatiker, blieb Ende des 19. Jahrhunderts mehrere Sommer auf den Inseln, um die Menschen und ihre Sprache zu studieren. Ich weiß nicht, ob er sich auch mit Strickmustern beschäftigt hat. Er hätte es tun können. Die Inseln haben über Generationen eine Vielfalt an Mustern hervorgebracht. Sie sind, wenngleich heute jeder Tourist sie als Wollpullover in den Läden für etwas Geld mitnehmen kann, Ausdruck einer kulturellen Identität geblieben, die ihre Heimat in der Großfamilie hat. Wenn ich von dieser Sprachinsel virtuell zu einer anderen zurückkehre, ins Banat (2300 km), gilt es, Heimat im Gepäck mitzunehmen, wahlweise in Samsons vielen Koffern oder Reisetaschen, die den Band während unzähliger Zugfahrten wie rote, dicke Wollfäden durchziehen. Angekommen, werde ich, ein verspäteter Gast, der Familie vorgestellt.

„großmutter rückt ihre brille zurecht / sie schneidet meine gedichte aus den zeitungen aus“, „mutter trinkt nicht / sie kocht und schweigt“, „bruder schnitzt / sieht fussball / kauft fischfutter“, „meine frau / verbringt ihre freizeit / in der bushaltestelle“, „wann gehen wir in den krieg / fragt mein sohn / und die ungeduld / flackert in seinen augen“, „ein leben für die koffer / sagt vater / und er reibt sich wund / an der last seiner heimat“, „wir stehen vor dem eichenbett / in dem großvater / zuletzt doch gesagt hat was er dachte / und verbringen ein wochenende auf dem land“.

Horst Samson hat die Erbschaft seines Großvaters und seines Vaters angenommen. Er stellt sie uns zur Verfügung, damit wir nicht vergessen, die Rechte der Menschen zu würdigen und zu verteidigen.

Gedicht von Horst Samson

VON DER HOFFNUNG

          stephan hermlin gewidmet

ein lastwagen hält
das mädchen steigt in die fernfahrerkabine
schlägt die tür hinter sich zu
und ich spüre wie etwas von mir abfällt
und regungslos liegen bleibt
quer und beliebig
und gleich neben mir

ich sehe etwas
davonfahrendem nach
bis die stopplichter aufleuchten
und hinter einer ecke verschwinden
wie die nachmittage
eines jugendlichen vom lande
der brav in die achtziger hinübergeht

breitgewalzt
zwischen gräben führt die landstraße
am wesentlichen vorbei
und keinem fällt es auf
wie schnell der abend da ist
ein auto nähert sich
lichtkegel gleiten über mich weg
ich versuche sorgenlos auszusehen
ein auto ist vorübergefahren

ich lehne mich an einen baum
und ich weiß
dass es ein baum ist
was denn sonst könnte es sein
mit dem man zugleich etwas ausspricht
und verschweigt
 
zweige brechen im gehölz
hallo lebt da noch jemand
frage ich ins dunkel
und lauere mir auf
ich bewege mich nicht
ich merke ängstlich
wie ich mir näher komme
und verschwinde

(1978)

Gedicht: „Von der Hoffnung“ , in: „Und wenn du willst, vergiss“, Pop Verlag Ludwigsburg 2010, erstmals in: „Tiefflug“, Dacia Verlag Klausenburg, 1981

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Pop Verlags Ludwigsburg

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erstellt am 01.4.2015

Horst Samson
Und wenn du willst, vergiss
Gedichte. Mit einem Nachwort von Andreas Saurer
130 Seiten
ISBN: 978-3-937139-92-0
Pop Verlag, Ludwigsburg 2010

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