Er wollte im Alleingang den Krieg stoppen: Georg Elser plante ein Attentat, das Hitler und die Gesamtführung der NSDAP im Münchener Bürgerbräukeller Anfang November 1939 töten sollte. Aber Hitler hatte die Kundgebung dreizehn Minuten früher als erwartet verlassen. Bis vor wenigen Jahren blieb Elser eine historische Nebenfigur. Zu seinem 70. Todestag startet der Film „Elser“ des Regisseurs Oliver Hirschbiegel. Für Faust-Kultur erinnert Helmut Ortner, der schon 1999 eine Elser-Biographie veröffentlicht hat, an den verkannten Helden.

Deutsche Geschichte

Dreizehn Minuten

Georg Elser und sein Attentat auf Hitler

Von Helmut Ortner

Am Abend des 8. November 1939, um 21.20 Uhr, explodiert die Bombe: Balken krachen, Mauern zerbersten, ein Teil der Decke stürzt ein. Schreie, Entsetzen, Panik. Sieben Menschen sterben unter den Trümmern, ein achter wird die Verletzungen nicht überleben. Über sechzig Personen sind teilweise schwer verletzt. Hitler, dem die Bombe galt, überlebt. Dreizehn Minuten vor der Detonation hatte er seine Rede in dem mit über 3 000 „alten Kämpfern“ gefüllten Bürgerbräu-Saal in München beendet. Während die braunen Parteigenossen immer wieder in „Heil“-Rufe einstimmten, war ihr Führer vom Rednerpult gestiegen und hatte – ganz entgegen seiner sonstigen Gewohnheit – mit seinem Gefolge den Saal verlassen, um noch am Abend einen Sonderzug nach Berlin zu erreichen. Hätte Hitler noch an seinem Rednerpult gestanden, er hätte den Anschlag nicht überlebt. Als ihn im Zug die Nachricht vom Bombenattentat erreicht, sagt er zu seinen Begleitern: „Dass ich den Bürgerbräukeller früher als sonst verlassen habe, ist mir eine Bestätigung, dass die Vorsehung mich mein Ziel erreichen lassen will.“

Die nationale Hatz nach dem Attentäter hat ein rasches Ende. Noch während Hitler seine gekürzte Rede hielt, war ein schmächtiger Mann beim Versuch, die Grenze zur Schweiz illegal zu überschreiten, bei Konstanz festgenommen worden. Sein Name: Georg Elser, 36 Jahre alt, Schreinergeselle von der Ostalb. Die Zöllner finden bei ihm belastende Gegenstände: eine Ansichtskarte vom Münchner Bürgerbräukeller, Drähte und Hülsen, ein Notizbuch mit Adressen von Sprengstoff-Fabrikanten. Doch der kleine schmächtige Mann schweigt. Die Beamten bringen Elser zur Gestapo. Die Verhöre werden härter. Ohne Erfolg. Am nächsten Morgen wird er nach München gebracht. Hier ermittelt eine Sonderkommission. Diesmal bleibt es nicht bei Drohungen. Es setzt auch Prügel. Vier Tage lang. Ohne Ergebnis. Am fünften Tag gesteht Elser. Er fragt seine Peiniger: „Was kriegt einer, der so etwas gemacht hat?“.

Wer aber ist dieser unscheinbare Handwerker? Ein Möchtegern-Märtyrer? Tatsächlich ist Georg Elser alles andere als ein idealistischer Spinner. Die Königsbronner kennen ihn als zurückhaltenden Individualisten, der ein gewöhnliches Leben führt. Er ist kein Parteimitglied. Politik interessiert ihn nicht. Aber er leidet an dem, was um ihn herum, unter dem Jubel seiner Landsleute, passiert.

Die württembergische Ostalb ist eine Hochburg des Pietismus. Die Menschen dort verfügen über einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Und einer wie Elser, ein pedantisch-penibler Handwerker, will am liebsten sein eigener Herr sein. Ihm fehlt jede Voraussetzung dafür, sich an die nationale Aufbruchstimmung anzupassen. Sein Gerechtigkeitssinn, sein tief verwurzelter pietistischer Charakter geben ihm die Energie, von Herbst 1938 an über ein Jahr lang mit der ihm eigenen Gewissenhaftigkeit und Ausdauer das Attentat zu planen und vorzubereiten. Eine schwierige Gewissensfrage war dem vorausgegangen: Dem Pietisten ist Gewalt zutiefst fremd, seine Religiosität verbietet ihm eigentlich den Tyrannenmord. Elser entscheidet sich dennoch für den Anschlag. Er sieht keine andere Möglichkeit, das drohende Unheil zu stoppen. Ein Mann mit Eigensinn und Mut in einem Ozean von Opportunismus.

Er inspiziert in München den Bürgerbräukeller, fertigt Zeichnungen, besorgt Sprengstoff. In der Nacht zum 5. August 1939 beginnt er, an der Säule zu arbeiten, die seine Bombe verbergen soll. Unter dem Schein seiner Taschenlampe bricht er Stück für Stück des Mauerwerks heraus. Den Schutt wirft er in die Isar. Er arbeitet 35 Nächte. In der Nacht zum 6. November ist er mit dem Einbau fertig. Einen Tag später kehrt er noch einmal zurück, um zu prüfen, ob die eingebauten Uhrwerke funktionieren. Dann fährt er nach Konstanz.

Drei Wochen später, nach seiner Verhaftung an der schweizerischen Grenze, seinem Geständnis in München und weiteren Verhören in den Räumen des Berliner Reichssicherheitshauptamtes, wird Elser aus dem Gefängnis abgeholt und in das 80 Kilometer entfernte KZ Sachsenhausen gebracht. Der Plan der Nazis: In einem Schauprozess soll er nach dem Kriegsende als Zeuge gegen den britischen Geheimdienst vorgeführt werden. Als Werkzeug britischer Spione, die Hitler töten wollten. Als ein für die NS-Propaganda wichtiger Häftling genießt er Vorzugsbehandlung. Er lebt in einer Zwei-Mann-Zelle, arbeitet in einer kleinen Schreinerei. Ansonsten wird er völlig isoliert. Kein Brief erreicht ihn, eigene Briefe bleiben unbeantwortet.

Fünf Jahre später droht Deutschland die Niederlage im Krieg. Der Kronzeuge Georg Elser wird nicht mehr gebraucht. Ende 1944 wird er nach Dachau gebracht. Am 5. April 1945 erreicht ein Schnellbrief Himmlers den dortigen Lagerkommandanten. Darin heißt es knapp: „Wegen unseres Schutzhäftlings Elser wurde erneut an höchster Stelle Vortrag gehalten. Folgende Weisung ist ergangen: Bei einem der nächsten Terrorangriffe auf München bzw. die Umgebung von Dachau ist angeblich Elser verunglückt. Ich bitte zu diesem Zweck Elser in absolut unauffälliger Weise zu liquidieren.“ Genauso wird verfahren. Am 9. April wird Elser rücklings von KZ-Wächtern erschossen.

In der Galerie deutscher Widerstandskämpfer führte Georg Elser bis vor wenigen Jahren ein Schattendasein. Anders als der vier Jahre ältere Graf von Stauffenberg eignete er sich nicht für die Rolle des staatlich verklärten Helden. Hier der gebildete Offizier, der zunächst den Verheißungen des NS-Regimes vertraut, engagiert mitgemacht hat und erst später umgekehrt ist, dann aber entschieden zur Tat schritt. Dort der spröde, zurückhaltende Schreinergeselle Elser, der bereits 1939, als Stauffenberg und Millionen andere Deutsche noch dem Führer zujubelten, als Schreinergeselle mit Volksschulabschluss den mörderischen Charakter des Regimes erkannte und den Entschluss zum Attentat fasste.

Stauffenberg verstand sich zuerst als Soldat, ganz nach der jahrhundertealten Tradition seiner Familie. Obwohl er später jegliche Begeisterung zum Nationalsozialismus verlieren sollte, hatte er für die parlamentarische Demokratie zeitlebens nur Verachtung übrig. Sein Moralverständnis war ein vielschichtiges Konglomerat aus katholischer Lehre, einem aristokratischen Ehrenkodex, dem Ethos des alten Griechenland und deutscher romantischer Dichtung. Sein kühner Entschluss, Hitler mit einer Bombe zu töten, war eher Ausdruck von militärischen als von moralischen Überlegungen. Der Zufall, durch den Hitler mit dem Leben davonkam, die aussichtslose Lage der Mitverschwörer, die hastige Hinrichtung Stauffenbergs – das alles ist ein tiefe Tragödie. Graf von Stauffenberg war ein mutiger Patriot – aber auch ein strikter Anti-Demokrat.

Keine Frage: Georg Elser war eine Herausforderung – nicht nur für seine Heimatregion – auch für die deutsche Öffentlichkeit. Er machte deutlich, dass ein einfacher Mann aus dem Volke sich zu einer weltgeschichtlichen Tat aufraffen konnte. Er strafte all jene Lügen, die sich weiterhin einredeten, sie hätten dem Terror des NS-Staates nichts entgegensetzen können. Seine Tat beschämte viele Deutschen.

Elser war immer ein Einzelgänger. Er fühlte sich zwar der Arbeiterbewegung verbunden, stand der Kommunistischen Partei nahe, ohne Mitglied zu sein. Zum festen, gar vorbildlichen Genossen ließ er sich nicht stilisieren. Ideologische Fragen interessierten ihn wenig. Wie aber kann die öffentliche Würdigung für einen solchen Mann aussehen? Wie das Erinnern?

Gesellschaften erinnern sich der Vergangenheit nicht allein in Anerkennung des für sich Großen. Erinnerung bedarf einer sie tragenden Gruppe: der adelige, militärische, sozialdemokratische, der kommunistische oder kirchliche Widerstand wird von Adel, Militär, Partei oder Kirche im Gedächtnis gehalten. Wohin also mit Elser?

Vierzig Jahre wurde in München über Elsers Tat gestritten, ehe sich die Stadt zu einer Ehrung durchrang: An einer Schule leuchtet nun jeden Abend um 21.20 Uhr – dem Zeitpunkt der Explosion – ein roter Neonschriftzug auf. Mehr als vierzig Straßen und Plätze und drei Schulen sind mittlerweile im ganz Deutschland nach ihm benannt und die Post legte sogar 2003 eine Georg-Elser-Sondermarke auf. Sein Geburtsort erinnert seit 2010 an ihn mit einem Denkmal aus Stahl. Es ist 2,10 Meter hoch und steht gleich am Bahnhof der schwäbischen Kleinstadt. Im Berliner Regierungsviertel wiederum steht am Spreeufer in der „Straße der Erinnerung“ eine Elser-Büste, neben Thomas Mann, Edith Stein und Walter Rathenau, dem ermordeten Außenminister der Weimarer Republik. Und seit November 2011 gibt es inmitten des alten Regierungsbezirks an der Wilhelmsstraße das „Denkzeichen Georg Elser“, ein siebzehn Meter hoher Stahlmast, der an seiner Spitze das Profil Elsers zeigt. Die Silhouette, so wollen es die Initiatoren um den Schriftsteller Rolf Hochhuth, soll sich in der Nähe des einstigen Bunkers von Adolf Hitler „über den Ort der Täter erheben“. Am Abend, wenn es dunkel wird, leuchtet die Silhouette fast reklamehaft. Dennoch ist die Figur, die hier geehrt wird, nicht gleich erkennbar, und nur wenige Passanten werden die kleine Informationstafel tatsächlich lesen. So bleibt Georg Elser, der Zurückgezogene, der sich zum Widerstand entschloss, der Einzelgänger, der seinem Gerechtigkeitssinn folgte, trotz des Denkmals ein Unbekannter.

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erstellt am 30.3.2015

Georg Elser

»Ich hab den Krieg verhindern wollen.«

Helmut Ortner
Der einsame Attentäter

Georg Elser – Der Mann, der Hitler töten wollte
Gebunden, 240 Seiten
ISBN: 978-3-939816-03-4
Nomen Verlag, Frankfurt

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Filmstart: 9. April 2015

Filmtrailer: »Elser – Er hätte die Welt verändert« (2015)

Filmtrailer: Georg Elser – einer aus Deutschland (Klaus Maria Brandauer) (2006)

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