Walter Hasenclever und Kurt Tucholsky schrieben die Komödie „Christoph Kolumbus oder Die Entdeckung Amerikas“ im Jahr 1932, kurz vor Ende der Weimarer Republik. Nun wurde sie am Theater Konstanz wiederentdeckt. Der ganz große Wurf ist dieses Stück nicht, meint Thomas Rothschild.

Theater

Widewidewitt bum bum

Von Thomas Rothschild

Ein Scherzlied, das Jugendliche auf Klassenfahrten gerne singen, wenn die kollektive Hochstimmung über jeden intellektuellen Anspruch gesiegt hat, berichtet von einem „Mann, der sich Kolumbus nannt“. Da heißt es unter anderem: „Das Volk am Land stand stumm und zag,/ Da sagt Kolumbus: Guten Tag!/ Ist hier vielleicht Amerika?/ Da schrien all Wilden: Ja!“

Was man jetzt in der Spiegelhalle, der anmutig schäbigen Nebenspielstätte des Konstanzer Theaters, bestaunen kann, geht – jedenfalls stofflich, aber auch formal – kaum über das Niveau dieses Kinderlieds hinaus. Dabei tragen seine Autoren stolze Namen: Walter Hasenclever und Kurt Tucholsky. In Konstanz hat man ihre Komödie „Christoph Kolumbus oder Die Entdeckung Amerikas“ ausgegraben. Entstanden ist das Stück 1932, drei Jahre vor Tucholskys Selbstmord, als eins seiner letzten Werke. Hasenclever nahm sich viereinhalb Jahre später, wenige Tage nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Frankreich, wohin er geflohen war, das Leben.

Also sagen wir mal so: der ganz große Wurf ist dieses Stück nicht. Wollte man Kurt Tucholsky und Walter Hasenclever nach ihm und sonst nichts beurteilen, täte man den Beiden Unrecht. Wenn man es heute auferstehen lässt und auf die Bühne bringt, hängt alles von der Umsetzung ab. Es bedürfte einiger Anstrengung, um aus diesem Stein Funken zu schlagen. Der Regisseur Oliver Vorwerk und ein ambitioniertes Ensemble tun ihr Bestes, aber auch dieses Beste ist nicht gut genug. Gloria, Viktoria, widewidewitt bum bum.

Wer wollte leugnen, dass „Christoph Kolumbus oder Die Entdeckung Amerikas“, das seine Wiederentdeckung am Konstanzer Theater zweifellos auch dem Jahresmotto „Auf nach Amerika“ zu verdanken hat, heute, im Jahr 2015, auf andere Zustände trifft als im Jahr 1932. Hasenclever und Tucholsky begaben sich in die Vergangenheit von 1492, um etwas über ihre Zeit auszusagen. Das Stück belehrt uns über Amerika und zugleich über das Ende der Weimarer Republik, das kennen sollte, wer Pegida, zum Beispiel, in ihrem Kontext verstehen will, aber es tut das leider ziemlich flach und klischeehaft. Auch dass die Fahrten des Kolumbus etwas mit Gold zu tun hatten, dürfte eine wenig überraschende Erkenntnis sein. Dass Hasenclever und Tucholsky das Thema als Komödie abhandeln, wäre kein Nachteil, aber so viel lustiger als auf der Klassenfahrt geht es auch in der Spiegelhalle nicht zu.

Die Komik entsteht in erster Linie durch Trivialisierung und Anachronismus. Wie Egon Friedell und Alfred Polgar 14 Jahre zuvor in ihrem „Goethe“, so lassen Hasenclever und Tucholsky ihre gemeinhin überhöhten historischen Figuren in einem zeitgenössischen Alltagsjargon sprechen und ganz und gar unheroisch handeln: Verkleinerung als Karikatur.

Den Anachronismus unterstreicht Vorwerk, indem er gleich zu Beginn die Herrschaften in heutige Anzüge steckt. Nur der Kanzler trägt eine Perücke, die er später kurz abnimmt, um sich auf der Glatze zu kratzen. Kolumbus hingegen trägt ein Wams und eine Melonenhose. Diesen Kontrast verstärkt die Inszenierung, indem sie Kolumbus meist statisch, mit starrem Blick frontal zum nur einen Meter entfernten Publikum sprechen lässt, während vor allem der Kanzler (Andreas Haase) und der Schatzmeister (Jürgen Bierfreund) in boulevardesker Manier grimassieren. Das machen sie, zugegeben, virtuos. Aber braucht es dafür Hasenclever und Tucholsky?

Später wird eine kreisende Galerie mit weißen Vorhängen zum Schiff, die Besatzung trägt Plastikregenmäntel, auch ein Stahlhelm als Kopfbedeckung sorgt für Zeitlosigkeit. Und wenn Amerika dann schließlich entdeckt wird, erinnert eine Zuspielung an die Mondlandung.

Den Kolumbus hat Vorwerk mit einer Frau (Natalie Hüning) besetzt, die Königin Isabella von Castilien im Gegenzug mit einem Mann (Philip Heimke). Der Indianerhäuptling wiederum wird von einer glatzköpfigen Frau (Gabi Geist) verkörpert, die eine Kartoffelpflanze begießt, ehe José Vendrino, der Tucholsky-Lesern bekannt vorkommt, die Kartoffel nach Spanien einführt. Das erbringt zwar nichts für das Verständnis des Stücks, aber es liefert jenen Futter, die es komisch oder gar sinnlich finden, wenn ein als Frau verkleideter Mann senkrechte Stangen mit Armen und Beinen umfasst.

Einen Moment gibt es, der ahnen lässt, was sich mit etwas mehr Mühe aus dem dürftigen Material hätte machen lassen. Kolumbus begegnet dem Indianermädchen Anaconda (Jana Alexia Rödiger). Da treffen zwei Kulturen auf einander, zwei Codes. Und da decken sie sich tatsächlich – die Vergangenheit von 1492, die jüngere Vergangenheit von Hasenclever und Tucholsky und unsere Gegenwart.

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erstellt am 29.3.2015

Szenenfoto Theater Konstanz: Ilja Mess

Theater in Konstanz

Christoph Kolumbus oder die Entdeckung Amerikas

Von Walter Hasenclever und Kurt Tucholsky

Regie Oliver Vorwerk
Ausstattung/Bühne David König
Dramaturgie Adrian Herrmann

Spiegelhalle/Theater Konstanz

Szenenfoto Theater Konstanz: Ilja Mess