Jugendkult, verinnerlichtes Scheitern, Akademie-Folklore: Gemeinsam begünstigen diese Zutaten die Herausbildung von Kunsthochschulkunst. Darin findet sich der Galgenhumor und das spröde Understatement jener, die den wirklichen Grund zum Sarkasmus eigentlich noch vor sich haben, meint Christian Janecke.

Maschen der Kunst

Kunsthochschulkunst

Von Christian Janecke

Bevor der Austausch in Dingen der Kunst oder der Wissenschaft, bevor die Reisemöglichkeiten der Künstler so ausgeprägt waren wie heute, gab es Stile oder ›Schulen‹ dieser oder jener Akademie und mit ihnen ganzer Kunstzentren. Wahrscheinlich hätte man zu solchen Zeiten den Ausdruck ›Kunsthochschulkunst‹ auf ein für eine bestimmte Akademie charakteristisches Merkmalsgepräge bezogen, das sich mehr oder weniger deutlich in den künstlerischen Erzeugnissen der Angehörigen dieser Institution niederschlug. Solche Unterschiede sind mittlerweile weitgehend nivelliert: dank Internet und Globalisierung, dank des Englischen als lingua franca an Kunsthochschulen und dank reger Austauschprogramme. Dennoch bleiben verinnerlichte Klischees über den eigenen Stall bedeutsam für das Selbstverständnis vieler dort Studierender, und sei es nur, dass die Einzelnen vor dem Hintergrund ihrer Hazardeur-Entscheidung für ein Kunststudium die Genugtuung erfahren, für einige wichtige Jahre ihres Lebens Teil von etwas Großem, Respektablem und gegenüber allfälligen Neuerungen Unverweslichem geworden zu sein, dem zu folgen oder an dem abzuarbeiten sich gelohnt hat. Die Hassliebe, mit der sich junge angehende Künstler einem auf ihre Ausbildungsstätte bezogenen, wie auch immer diffusen oder auch nur noch eingebildeten Erbe stellen, ist ein mentalitärer Baustein des Phänomens einer Kunsthochschulkunst.

Dass nur die wenigsten Absolventen in der komfortablen Situation sind, künstlerisch früh erfolgversprechend und umflort von den schmeichelhaften Missverständnissen oder Projektionen der Kunstwelt hinsichtlich einer traditionsreichen Akademie zu leben, heißt allerdings nicht, dass es dem Gros der Übrigen erspart bliebe, sich entsprechend zu positionieren – nur eben meistenteils nicht vor dem Hintergrund einer ganz bestimmten namhaften Institution, sondern der Institution Kunsthochschule als solcher.

Während nun etliche Kunsthochschulen ihre Absolventen für den weitgehend aussichtslosen Kampf um Anerkennung und Markterfolg immer noch auf brave Weise rüsten (»Berufsvorbereitende Kurse«), sie also gewissermaßen die defizitäre Lage des Kunstanfängers ehrlich voraussetzend diese doch zugleich wacker auszugleichen suchen, sind die gefragteren Akademien bereits einen Schritt weiter, wohl wissend, dass aus eben jenem Status des Defizitären, des noch Unzureichenden das eigentliche Kapital zu schlagen ist. Der Kunstmarkt wie zuvor schon der Aufmerksamkeitsmarkt im engen Umfeld der Diplomverleihungen einer Kunsthochschule verlangt zwar, was auch in nichtkünstlerischen Berufsfeldern unabdingbar wäre: nämlich Ankurbelung des selten wirklich sauberen, des niemals wirklich glorreichen Übergangs vom Lernen zum Ausüben, vom Studium zum Beruf. Aber das Feld der Kunst ist eben anders strukturiert, und deshalb muss Ehrgeiz als Lässigkeit, muss unbedingte Chancenwahrung als wählerische Haltung auftreten – was insoweit noch als altbekannte dandyistische Attitüde durchginge und vor allem ohne Kunsthochschulkunst auskäme. Entscheidend für Kunsthochschulkunst ist aber, dass nun auch noch die schwierigen Begleitumstände der Ausbildungssituation, die weitgehende Chancenlosigkeit als Gütesiegel oben draufgepackt werden, dass also das Unfertigsein zur Tugend erhoben, dass gegebenenfalls unleugbarer Erfolg durch Larmoyanz ins Kunstverträgliche geläutert wird. In Kunsthochschulkunst ist ihre Herkunft aus Kunsthochschulen daher nur die trivial notwendige, nicht die hinreichende Bedingung, für deren Erfüllung es vielmehr darauf ankommt, die Institution Kunsthochschule als solche – also einen nach Kräften gedehnten und zeitlich gestreckten Schnittpunkt aus abjekten, prekarisierenden Momenten einerseits und zukunftsträchtigem Schimmer andererseits – als Firnis über Persona und Werk der jungen Absolventen zu ziehen.

Obwohl in den Akademien ein Traum von Künstlerschaft genährt und in habitueller Distinktion konstruiert wird, verläuft das Studium selten in einer von Alltagszwängen und ökonomischen Erfordernissen befreiten Enklave künstlerischer Selbstfindung. Die geringen Erfolgsaussichten inspirieren daher bereits studienbegleitend ebenso sehr Durchstarter-Effekte, wie sie Sarkasmus schüren. Kunststudierende werden nicht allein zu Erfüllern, sondern – das ist das Opfer, das jede Routine dem Routinier auferlegt – im Lauf der Jahre auch zu Verwaltern des in sie gesenkten Versprechens. Mit all den Widersprüchlichkeiten, die auch Kandidaten von Casting-Shows durchleben: Obwohl der eigene Erfolg nach Art eines Nullsummenspiels den Misserfolg der vielen anderen voraussetzt, teilt man mit diesen anderen dennoch einen Kunsthochschulalltag. Dies begünstigt eine latent verwahrloste, von der würzigen Mischung aus Kumpanei und Ichsucht untermalte Mentalität, die nur einem die institutionelle Faktur darin nicht mehr erkennenden Laien als liebenswerte Künstlermarotte, als bohemistischer Mutterwitz der Künstlernaturen erscheinen kann.

Ein weiterer Aspekt wird bezeichnet durch den Umstand, dass Jugend heute zur knappen Ressource wird, sie also auch in der Kunst zum Wert an sich gerät – und als ebensolcher in den Kunsthochschulen prozessiert wird, einerlei ob es um ein »Festival­ Junger Talente« oder die vielen Preise Junger Kunst geht, oder überhaupt um die Vorstellung, junge Kunst sei zwangsläufig Kunst junger Menschen. Eine beobachtbare Auswirkung an Kunsthochschulen ist, dass auf die vormals gewohnte Besserwisserei der älteren Lehrenden (die von Gaststudierenden aus autoritäreren Ländern immer noch als Meistertümelei erwartet wird!) nun längst deren Ehrfurcht vor den unergründlichen Setzungen und sprudelnden Einfällen der Jugend getreten ist. In den ohnehin schon unglückseligen Ritualen der Diplomverteidigung kommt es regelmäßig vor, dass hermetisch Jugendkulturelles vom Malus zum Bonus umgewertet wird und die versammelte Professorenschaft sich verquält selbstironisch den Freuden der retroaktiven Sozialisation hingibt. Der Anspruch generationenübergreifender Verständlichkeit des künstlerisch Artikulierten wird von alternden (und ergo jugendbegeisterten) Lehrenden daher bedenkenlos in den Orkus unzeitgemäßer Universalismen verbannt.

Damit wären die Zutaten beieinander: Jugendkult, verinnerlichtes Scheitern, Akademie-Folklore. Gemeinsam begünstigen sie die Herausbildung von etwas, das vermutlich niemand, einschließlich der jungen Künstler selbst, ersehnt hat, nämlich Kunsthochschulkunst.

In der Bildung dieses Begriffes folge ich der inhärenten Polemik der verwandten Neuwortschöpfung ›Kunsthistorikerkunst‹ – das wäre Kunst, die als Steilvorlage für Interpretationsversuche geradezu ersonnen worden zu sein scheint, zum Beispiel manche der Werke von Jeff Wall. Analog zu solcher Kunsthistorikerkunst, in der ein Epiphänomen, die spätere Deutung, zum eigentlichen Movens, also gewissermaßen die Wirkung zur Ursache wird, gerät auch in Kunsthochschulkunst der unvermeidliche Beigeschmack der Ausbildungsstätte zur gesuchten kulinarischen Finesse. Es handelt sich mithin um Kunst jener noch jungen Menschen, die im Zeitalter der Trendscouts und Galeristen auf Vordiplomausstellungen mittlerweile selbst merken, dass sie so etwas wie die kostbare Ressource ›Kreativjugend‹ stellen, um eine Kunst, in der sich narzisstische Sehnsüchte nach Erfolg und Ruhm mit eleganten oder verzagten Attitüden der Selbsterübrigung kreuzen. In Kunsthochschulkunst findet sich der leise Ennui vorweggenommenen Scheiterns, der Galgenhumor und das spröde Understatement jener, die den wirklichen Grund zum Sarkasmus eigentlich noch ein Weilchen vor sich haben. Also Kippenberger light, aber wahlweise auch ›Neue Romantik‹.

Nüchtern von außen Beobachtende könnten ob all dessen zu dem Eindruck gelangen, Akademien würden heute zusehends Orte der Bewältigung bzw. Thematisierung hausgemachter Dispositionen. Nur wer sollte es den davon Profitierenden verübeln? Verrät doch der Umstand, dass an Werken dieser jungen Künstler mittlerweile gerne auch mal ein »schlummerndes Potential« bewundert oder ihnen vielleicht gönnerhaft »Sprunghaftigkeit« verziehen wird, dass enthusiasmierte Kuratoren längst dazu übergegangen sind, gewisse ursprünglich für entwicklungsfähige Wesen, also wohl für die jungen Produzenten selbst ersonnene Schmeicheleien ungeniert nun auch auf deren Produkte anzuwenden. (Genau dies übrigens und nicht bloß bemühter Politisierungsjargon scheint mir verantwortlich zu sein für manche Stolperstelle in Textbeigaben junger Kunst, etwa wenn man sich, wieder einmal mit dem Satzsubjekt ringend, fragt, wie ausgerechnet eine künstlerische Arbeit etwas solle »verhandeln« können.)

Aus: Christian Janecke: Maschen der Kunst. Mit freundlicher Genehmigung © Zu Klampen Verlag, Springe

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erstellt am 27.3.2015

Aus vielen Lebensgebieten kennen und schätzen wir womöglich sogar das Instituierende und Kreativitätsersparende des wie auch immer Vorgestanzten. Niemand käme auf die Idee, gewisse ‘Maschen des Anmachens’, ‘Maschen der Werbung’ o.ä. zu leugnen oder auch nur besonders verwerflich zu finden. Mitunter zollen wir dem, der die ‘Trickkiste’ eines Gebietes wie z. B. Fußball beherrscht, sogar besonderen Respekt.

Auch die hehre Kunst hat sich längst in einer stattlichen Zahl von ‘Schubladen’ eingerichtet. Und die artigen Vertreter von Kunstwissenschaft und -kritik belassen es oftmals dabei, das eine oder andere Stück daraus hervorziehen, um es im Verhältnis zur direkten Nachbarschaft zu begutachten – statt über die Schubladen, eben einschlägige Maschen zu reden: über je nachdem offenkundige oder verborgene Muster der Effekterzielung, über zuweilen verengende, mitunter aber durchaus produktive Routinen der Kunst.

Eindrücke vom Rundgang 2015 der Kunstakademie Düsseldorf