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Thomas Bernhard: 80. Geburtstag am 9.2.2011

Über die Notwendigkeit von Feinden und den Nutzen

fröhlicher Angriffe auf dieselben

Ein Blick auf den öffentlichen Bernhard

Von Raimund Fellinger

Mehr als 20 Jahre nach dem Tod von Thomas Bernhard ist das Urteil über dessen öffentliches Auftreten einhellig: Er hat sich in seinen von deutschsprachigen Zeitungen publizierten Artikeln und Leserbriefen, in den teils vom Fernsehen gesendeten, teils (vor- oder wieder-) abgedruckten Interviews, in seinen persönlich vor Publikum vorgetragenen (meist kürzeren) Äußerungen zu einer Figur aus einem seiner Romane und/oder Theaterstücke stilisiert. Die in der Regel mit derartigen Stellungnahmen verbundenen Erwartungen »authentischer«, da vom Autor selbst stammender Informationen über das eigene Werk – dessen Entstehung, Form, Sinn etc. – oder das eigene Leben – Herkunft, »ergreifendstes Erlebnis«, wichtigstes Anliegen etc. – werden nicht erfüllt. Der Leser, Hörer oder Zuschauer ist bei Bernhard zurückverwiesen auf das Werk, von dessen Verfasser es sich die definitiven Hinweise auf das (in diesem Fall angeblich besonders schwere) Verständnis erhofft hatte.

Deshalb lautet gegenwärtig der Konsens über die »nicht-literarischen« Auslassungen: Er gibt den Bernhard, er ist ein Bernhard-Darsteller. Denn er hat sich jedem Gespräch, jeder »Vereinnahmung« (Alexander Schimmelbusch) entzogen, er hat in den Interviews soviel geredet, um nichts sagen zu müssen, in seinen »vermeintlich direkten Wortmeldungen« finden sich dieselben inhaltlichen und formalen Strukturen wie in seiner »theatralischen Prosa« (Andreas Herzog), eine ganze Diplomarbeit ist dem Nachweis der Identität des künstlerisch-ästhetischen Charakters von literarischem Werk und Interviews gewidmet (Heidrun Isabella Stiftner).

Die einzig mögliche Konsequenz aus dieser Behauptung: Die öffentlichen Äußerungen Thomas Bernhards sind integraler Bestandteil seines Oeuvres, sie sind Kunstwerke.

Das macht mehrere Fragen unumgänglich: War sein Leben als Ganzes ein Gesamtkunstwerk, gehören also z.B. seine Briefe an Kollegen, Regisseure, Schauspieler, Verleger gleichfalls zum Bereich des Literarisch-Fiktiven? Kannte er keine Differenz zwischen Öffentlichen und Privatem, ging Thomas Bernhard in seiner Rolle als Schriftsteller Thomas Bernhard restlos auf? Wieso verlieh er seinem Leben ästhetischen Schein und dem ästhetischen Schein Leben? Inszenierte er seine Beschimpfungen, um den normalerweise damit verbundenen Sanktionen zu entgehen? Und: Hat eine solche Lesart des »Scheltredners« nicht zur Konsequenz, Werk und öffentliche Stellungnahmen ästhetisch wie (gesellschafts- und kultur-) politisch zu verharmlosen nach dem Motto: So ernst gemeint ist das alles (Literatur und Skandalisierung) ja nicht?

Diese Auffassung teilten zum Zeitpunkt der öffentlichen Auseinandersetzungen um Person und Werk Bernhards weder Öffentlichkeit noch Autor.

Der Intendant des Salzburger Landestheaters glaubte sich 1955 gegen einen harmlosen Zeitungsartikel Bernhards juristisch wehren zu müssen; die Übergabe des Anton-Wildgans-Preises der österreichischen Industrie 1968 fand erst gar nicht statt, da die Stifter einen (weiteren) Eklat fürchteten; das von Krista Fleischmann gedrehte Fernsehporträt zu seinem 50. Geburtstag sollte im ORF nicht ausgestrahlt werden, nachdem der Autor eine Biographie des ehemaligen österreichischen Bundeskanzlers Bruno Kreisky vernichtend rezensiert hatte (und den Porträtierten gleich mit in Grund und Boden verdammt hatte); als Bernhard den zu diesem Zeitpunkt als Finanzminister amtierenden Franz Vranitzky 1985 angriff, weil er den Salzburger Festspielen nahegelegt hatte, auf die Stücke Bernhards zu verzichten, erklärte der damals für Kultur zuständige Bundesminister Herbert Moritz (auch unter Bezug auf dessen Roman Alte Meister), dieser Schreiber werde immer mehr zu einem Objekt der Psychiatrie.

Auch die Zeitungs- und Zeitschriftenredakteure und -herausgeber verstanden Thomas Bernhards Ausfälle als veritable Angriffe auf den Staat, dessen Bewohner und dessen Politiker: Der Vorwurf an die österreichische Wochenzeitschrift Die Furche, sie betreibe »eine Quadratur des perversen katholisch-nazistischen Stumpfsinns«, trug ihm 1969 eine Klage ein; die deutsche Wochenzeitung Die Zeit druckte Bernhards Brief an die ZEIT erst am 29. Juli 1979, also zwei Monate nach der österreichischen Nationalratswahl, aus der der Beschimpfte Kreisky als Sieger hervorgegangen war; im Anschluß an die erwähnte Kreisky-Schelte hielt die Redaktion der Wochenzeitschrift profil die Anmerkung für notwendig, die vom Gastkommentator geäußerte Meinung sei nicht identisch mit der ihren; den Abdruck des gegen Vranitzky gerichteten Leserbriefs stellte die Wiener Tageszeitung Die Presse 1985 unter die Überschrift »Bernhard. Ein Problem« und wollte den »verbalisierten Wutausbruch« als »Zeitstück, freilich kein lustiges«, verstehen, als »Selbstentlarvung«, als »Dokumentation, daß – und wie sehr – ein Dichter hassen kann, sogar sein Vaterland«.

Die Leser und Zuschauer hielten Bernhards Beschimpfungen ebenfalls für aggressive und ad hominen gerichtete Intervention: Die Kritik am Spielplan des Salzburger Landestheaters rief 1955 einen Salzburger Bürger auf den Plan, der den Intendanten verteidigte; die bereits mehrfach erwähnte Kreisky-(Buch-)Kritik provozierte empörte Leserbriefe (nur in geringem Ausmaß beipflichtende Stimmen), von denen eine kleine Auswahl 1981 in zwei Ausgaben von profil erschienen. Auf gleiche Weise attackiert fühlten sie sich allerdings auch von der Literatur Bernhards: Es seien erwähnt: der Aufschrei der Augsburger im Jahr 1974 über die Titulierung ihrer Stadt als »Lechkloake«, wie der Zirkusdirektor Carribaldi sie im Theaterstück Die Macht der Gewohnheit nennt, und ein Salzburger Stadtpfarrer, der sich 1975 in Bernhards Autobiographie Die Ursache anscheinend zu treffend geschildert sah. Die Folgen der Behauptung Gerhard Lampersbergs, er sei im Roman Holzfällen eine der Hauptfiguren, die Beschlagnahmung des Buches im Herbst 1984, sind bekannt.

Der Schluß, den der Verfasser des beschlagnahmten Buches aus der gerichtlich konstatierten Nicht-Anerkennung der Differenz von Kunst (dem literarischen Protagonisten Auersberg) und Meinungsäußerung (Aussagen über den realen Lampersberg) zog, nämlich ein Auslieferungsverbot seiner Bücher nach Österreich und ein Aufführungsverbot seiner Stücke an den Bühnen) macht deutlich: Der Urheber dieser Skandale und Skandälchen, der echten oder gespielten öffentlichen Erregungen, der Entgegnungen und Prozesse hielt sich keinesfalls für den Regisseur, der auf der österreichisch-deutschen Bühne die Marionetten tanzen läßt – Titel des Stücks: Thomas Bernhard gegen den Rest der Welt – und über die von ihm selbst mit sich in der Hauptrolle inszenierte Verrenkungen ins Lachen, wenn nicht ins Verlachen gerät. Er verstand seine Stellungnahmen vielmehr als vielleicht riskante, aber durchaus ernste, ja engagiert vorgetragene Artikulationen der eigenen Überzeugungen. Deshalb konnte sein deutscher Verleger, Siegfried Unseld, nur mit allergrößter Überredungskunst das Auslieferungs- und Aufführungsverbot rückgängig machen; deshalb legte er als seinen letzten Willen schriftlich nieder, daß in Österreich nichts, »in welcher Form auch immer, von mir Verfaßtes, Geschriebenes aufgeführt, gedruckt oder auch nur vorgetragen werden« dürfe.

Ansätze eines veränderten Verständnisses von Werk, öffentlichen Äußerungen und Person stellten sich nach der Publikation des ersten Bandes der autobiographischen Erzählung ein: Die Ursache. Eine Andeutung. Jene Leser, die sich, entsprechend dem Untertitel, Aufschlüsse über die Hintergründe und Motive des Schreibens und des Autors hatten, wurden enttäuscht: Sein Leben, zumindest in der Form, wie Bernhard es hier wiedergab, war nichts anderes als ein weiterer Roman von ihm. Ein entscheidender weiterer Schritt in der veränderten Rezeption – weg vom Stereotyp des düsteren Autors und misanthropen Einzelgängers, hin zum humoristischen und selbstironischen Übertreibungskünstlers – vollzog sich 1981 nach der Ausstrahlung von Monologe auf Mallorca, dem (Selbst-) Porträt, zu dem Krista Fleischmann Bernhard bewegen konnte. Als Beleg hierfür sei sein Kollege Rainald Goetz angeführt: »Da parliert der 50jährige so vor sich hin, während im Hintergrund die Wellen gemächlich an den Strand von Mallorca treiben; spricht in unbekümmert freier Rede über sich, seine Idiosynkrasien, Erfahrungen und Resümees. […] Nein, ich täusche mich nicht: Wir sollten Thomas Bernhard mit etwas weniger Ehrfurcht und tiefsinnigem Schaudern lesen und ihn dadurch zugleich ernster nehmen.« Schließlich titulierte Wendelin Schmidt-Dengler ihn auf dem Bernhard-Symposium in Linz 1984 – da er sich und den Zuhörern dessen »Scheltreden, also die öffentlichen Äußerungen, nicht anders erklären konnte, weil sie ihm eher kindisch-ungezogen vorkamen – als »Übertreibungskünstler«.

Wie ist dieser Gegensatz zwischen zeitgenössischer Rezeption und nachträglichem Verständnis aufzulösen? Eine Möglichkeit besteht darin, die damalige Aufnahme der Äußerungen auf eine Verkennung der rhetorischen Strategien zurückzuführen – erst das mit dem Tod des Autors abgeschlossene Werk erlaubt die Einsicht, daß Wendelin Schmidt-Dengler recht hatte und er der große Übertreibungskünstler war, als der sich der Ich-Erzähler in Auslöschung (fertiggestellt 1982, publiziert 1986) bezeichnet, der alles nicht so meinte, wie er es sagte. Die zeitgenössische Aufregung wird in dieser Perspektive zum Beweis für das restlose Gelingen seiner Ironie des So-und-auch-ganz anders-Meinens. Unerklärt bliebe bei dieser Hypothese, wieso er, wenn er den polternden und dampfplaudernden Darsteller seiner selbst geben wollte, über das von ihm ausgelöste Echo erstaunt, verletzt und empört war.

Auffallend an Bernhards Stellungnahmen ist die zentrale Position von »Feind« oder »feindlich«, sei es in Wortform oder in der Struktur der (geäußerten oder geschriebenen) Sätze. 1955 führte er das niedrige Niveau des Salzburger Theaterrepertoires unter anderem auf die »kulturfeindliche« Einstellung der Stadt zurück. In seinem Selbstporträt formulierte er 1959: »Seine Arbeit aber verrichtet er mit Energie, mit Zähigkeit und mit Gleichgültigkeit gegenüber seinen Feinden« ? hier sind die Schriftstellerkollegen im Visier. 1975 nahm er eine weitere Feinderklärung vor: »Das Publikum ist der Feind des Geistes, deshalb habe ich für das Publikum nichts übrig, es haßt den Geist und es haßt die Kunst und es will nur das Dümmste zur Unterhaltung, alles andere ist nichts als Lüge, mir aber ist das Dümmste zur Unterhaltung immer verhaßt gewesen, also muß mir das Publikum verhaßt sein, es ist und muß Feind bleiben, bin ich anderer Ansicht, gehöre ich auf den Misthaufen des Publikums, das ich heute verabscheue, denn es tritt mit Füßen, was mir das Wichtigste ist«. 1982 erfolgte die allgemeine Feinderklärung: »Ich und meine Arbeit haben so viele Feinde, wie Österreich Einwohner hat, die Kirche, die Regierung auf dem Ballhausplatz und das Parlament auf dem Ring eingeschlossen. Abgesehen von ein paar Ausnahmen. Von diesen Ausnahmen zehre und existiere ich. Damit habe ich Ihre rohe, gleichzeitig delikate Frage genauso ehrlich wie erschöpfend beantwortet«.

Solche All-Feinderklärungen lösen beim Leser unweigerlich Heiterkeit aus, die bis hin zu lautem Auflachen reichen kann. Dieser Umstand macht verständlich, warum sich der Eindruck einprägen könnte, der Autor stelle es geradezu auf dieses Lachen ab – wodurch jedoch verborgen bleibt, daß der Autor das, was er sagt, ernst meint, ernst meinen muß, alleine schon, um seine Produktivität zu bewahren.
Ein Blick in andere Literaturen und in ein anderes Jahrhundert verdeutlicht: Schreibende Zeitgenossen zu Feinden zu erklären gehört seit langem zu der conditio sine qua non jedes Schriftstellerlebens. Ein Beispiel aus dem 19. Jahrhundert möge genügen: 1832 fragte der 33jährige Honoré de Balzac seinen Kollegen Eugène Sue: »Haben Sie sehr viele Feinde?« Der, gerade 28 Jahre alt, antwortete stolz: »Die Feinde? Gewiß! Sehr viele, vortreffliche und zahlreich.«

Thomas Bernhard ging einen Schritt weiter: Alles und jeden erklärte er, wenn es sich für seine Existenz als Schreiber als notwendig erwies, zum Feind. Das Ziel: Durch das Verdammen und Verlachen alles und jedes, aller und jeder, also gegen die größtmöglichen Widerstände, die größtmögliche literarische Wirkung zu entfalten.

Der Freund Wieland Schmied vermerkte in einer Skizze: »Thomas Bernhard brauchte mit den Jahren immer mehr Feinde. Feinde haben ihn zum Schreiben inspiriert. Er brauchte das. Er brauchte die Gegnerschaft, er hat sie gepflegt und ist den anderen nichts schuldig geblieben.«

Bernhard trieb diese Selbsterzeugung der Bedingungen der eigenen Produktivität durch die Selbsterzeugung von Feinden so weit, daß er sich selbst zu seinem ersten und wichtigsten Feind erklärte: 1970 bekundete er, auf einer Parkbank in Hamburg sitzend: »Und ganz früh hab‘ ich – so bis siebzehn, achtzehn Jahre ?, hab ich nichts so gehaßt wie Bücher. […] Und wahrscheinlich … warum bin ich eigentlich zum Schreiben gekommen, warum schreibe ich Bücher? Aus Opposition gegen mich selbst plötzlich […].« Und wer von diesen Ausgangsbedingungen aus sein Schreiben auf Sätze mit Allaussagen gründet, der tritt, bei den literarischen wie bei sämtlichen anderen Feinderklärungen, als alles Auslöschender in Erscheinung; der wird, mit Freuden, alle »meine Feinde« attackieren: den Kollegen Herbert Eisenreich als Rezensenten wie den Kollegen Elias Canetti, die Österreicher Bruno Kreisky und Franz Vranitzky beschimpfen, wegen des Deutschen Walter Scheel einer Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung ihr Ende wünschen, der wird alle Österreicher für geist- und kunstfeindlich halten und in Bausch und Bogen als Nationalsozialisten verurteilen, dem reicht ein Gerücht, um den österreichischen Botschafter für inkompetent zu erklären. Und der dann doch einsehen muß, daß auch Feinde zu Verbündeten werden können – zumindest vorübergehend.

Von dieser Warte aus, ergäbe eine Lektüre der Kunst des Bernhardschen Schreibens als Kunst der Beleidigung und Befeindung originelle Einsichten in dessen Werk.

erstellt am 02.2.2011

Thomas Bernhard und Siegfried Unseld

Thomas Bernhard mit seinem Verleger Siegfried Unseld auf der Pressekonferenz zu dem Buch »Holzfällen« 1984, fotografiert von Barbara Klemm

Die Veröffentlichung von »Holzfällen« löste einen Skandal aus, nicht zuletzt deshalb, weil sich ein Bekannter und früherer Freund Bernhards, der österreichische Komponist Gerhard Lampersberg, in der Figur des Herrn Auersberger zu erkennen glaubte und Ehrenbeleidigungsklage einreichte.