Alexandra Friedmann, 1984 im weißrussischen Gomel geboren, kam 1989 mit ihrer Familie nach Deutschland. In ihrem autobiografisch gefärbten Romandebüt „Besserland“ erzählt die in Berlin lebende Autorin von einer hürdenreichen und zuweilen abenteuerlichen Auswanderung. Eugen El hat das Buch gelesen.

Buchkritik

Abenteuerreise nach Besserland

Von Eugen El

Eine Generation erzählt. Die Kinder der jüdischen Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion, die vor allem in den neunziger Jahren in großer Zahl nach Deutschland kamen, werden zu einer festen Größe auf dem deutschen Buchmarkt. Neben Lena Gorelik und Olga Grjasnowa, die bereits einige Aufmerksamkeit erhalten haben, kamen in letzter Zeit einige neue Stimmen dazu. Jan Himmelfarb, Jahrgang 1985, legte kürzlich sein Debüt „Sterndeutung“ vor. Alexandra Friedmann wurde 1984 im weißrussischen Gomel geboren. 1989, also noch vor Beginn der großen Einwanderungswelle, kam sie mit ihrer Familie nach Krefeld. Von einer hürdenreichen Auswanderung erzählt Friedmann in ihrem autobiografisch gefärbten Roman „Besserland“.

Die Handlung des Romans setzt in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre an, als der neue sowjetische Staatschef Michail Gorbatschow sich an die „Perestrojka“ (Umbau) wagt und zaghafte wirtschaftliche Reformen einleitet. Die jüdische Familie Friedmann lebt in Gomel, Weißrussland. Wie so viele leiden sie unter der Mangelwirtschaft und dem allgegenwärtigen Antisemitismus. So wird die Auswanderung zur Option. Das eigentliche Ziel der Friedmanns ist das Sehnsuchtsland schlechthin: Amerika. Der Weg dorthin führt in jener Zeit oft über ein israelisches Visum und Zwischenstationen in Rom und Wien, wo Organisationen wie HIAS (Hebrew Immigrant Aid Society) und Sochnut (Jewish Agency for Israel) ihre Büros haben und sich der jüdischen Immigranten aus der Sowjetunion annehmen. So treten auch die Friedmanns und die mitreisenden Grosmanns die Zugreise nach Wien an. Schon ein Ticket für den Zug zu ergattern, gleicht einer Herkulesaufgabe, nicht zu schweigen vom Einschnitt, den die Ausreise ohne Option auf Rückkehr und Wiedersehen bedeutet. Für sie selbst überraschend, gelingt es den beiden Familien, mit Hilfe zwielichtiger Vermittler nach Deutschland einzureisen und Asyl zu beantragen. Vor allem die in Weißrussland verbliebene Großmutter hadert zu Beginn mit dieser Wendung. Als auch ihr die Ausreise gelingt, übernimmt sie im Hause Friedmann in Kempen das Regiment. Bald schon werden weitere Familienmitglieder nachziehen können.

Der Roman wird rückblickend aus der Perspektive der kleinen Tochter Alexandra erzählt. „Besserland“ ist die elterliche Verheißung einer fernen neuen, besseren Heimat für die Tochter. Aus der kindlichen Perspektive erscheinen die Strapazen der Immigration in einem milderen Licht. Das Kind erlebt Abenteuer und entdeckt eine neue Welt, während die Eltern mit der Organisation des Alltags und einer unüberwindlich erscheinenden Sprachbarriere zu kämpfen haben. So wirkt sogar die waghalsige, unwissentliche Überquerung einer Autobahn bei helllichtem Tage durch die beiden Familien wenig bedrohlich. Ihre Figuren zeichnet Friedmann liebevoll, auch wenn sie all ihre Schrullen und Eigenheiten nicht verbirgt. Zudem gelingt ihr immer wieder ein spielerischer Umgang mit der Sprache: „Das Täubchen gurrte, schüttelte seine Federn, wischte sich die Tränen vom geröteten Schnabel und nickte“. Die liebkosende Bezeichnung für die Mutter wird hier zu einem magischen Sprachbild.

Der Roman endet im Jahr 1991, als mit dem offiziellen Beginn der russlanddeutschen und jüdischen Einwanderung aus der zerfallenden Sowjetunion in die Bundesrepublik die Hürden abgebaut wurden. Den Neuankömmlingen blieb dadurch manch ein Abenteuer, das die Friedmanns und Grosmanns noch durchleben mussten, erspart. Alexandra Friedmann beschreibt, wie ganze Turnhallen zu Notunterkünften umfunktioniert wurden. Ein wenig lässt das an unsere Gegenwart und den nie dagewesenen Zustrom von Flüchtlingen denken, so zum Beispiel aus Syrien. Möglicherweise wird in spätestens zwanzig Jahren auch aus ihren Erfahrungen deutsche Literatur entstehen.

Alexandra Friedmann liest aus „Besserland“

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erstellt am 26.3.2015

Alexandra Friedmann
Besserland
Roman
Gebunden, 272 Seiten
ISBN: 9783862200528
Graf Verlag, 2014

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