Pierre Boulez war der dritte der drei Musketiere der Neuen Musik. Mit Karlheinz Stockhausen und Luigi Nono repräsentierte er die junge Generation, die bei den Darmstädter Ferienkursen vom Anfang der 50er Jahre an den Ton vorgab. Als Komponist, Dirigent, Institutsleiter (IRCAM) und Organisator wirkte er nicht nur in Frankreich auf die Musikentwicklung ein. Hans-Klaus Jungheinrich gratuliert Pierre Boulez zum 90. Geburtstag.

Pierre Boulez zum 90. Geburtstag

Eine journalistische „Ausgrabung“ zum 90. Geburtstag von Pierre Boulez am 26. März: Der folgende Text wurde am 14. April 1985 in der „Frankfurter Rundschau“ veröffentlicht; er versuchte, Elemente einer Konzertkritik mit der umfassenderen Würdigung des prominenten Künstlers zu verbinden. Anlass war damals der gerade zurückliegende 60. Geburtstag von Pierre Boulez, zu dessen Ehren eine kleine Konzertserie in Baden-Baden stattfand (am Schluss des Aufsatzes gibt es noch eine Reminiszenz an Boulez’ 40. Geburtstag). Dreißig Jahre später ist den namhaft gemachten Motiven und Tendenzen dieser Vita nichts Wesentliches hinzuzufügen. Boulez’ Rolle als Repräsentant einer kämpferischen Avantgarde hat sich – bei zunehmenden Jahren nicht eigentlich verwunderlich – weiter entspannt; die Phase des rigid vertretenen Serialismus (ca. 1953-1960) minimiert Boulez heute mit altersweiser Ironie zu einem „Tunnel von zwei Jahren“. Nicht ganz zu Boulez’ eigener Befriedigung entspannte sich der auch für die weitere Lebenspraxis zentrale Konflikt zwischen dem Komponisten und dem immer erfolgreicheren, weltweit gefragten Dirigenten. Noch mit weit über 80 sprach Boulez oft und mit leicht bitterer Miene davon, endlich den lästig-lukrativen Musikbetriebs-Trott (oder Tort) der ihm auferlegten „Mahlerzyklen“ fahren zu lassen und stattdessen das ihm vorschwebende kompositorische Erdenpensum zu absolvieren. Zu „Hauptwerken“ von der Dignität der in der ersten Lebenshälfte entstandenen auratischen Titel „Le Marteau sans Maître“, „Pli selon pli“ oder „Rituel“ kam es seitdem nicht mehr; wohl aber versah Boulez ältere Stücke gerne mit Ergänzungen, Anbauten, Bereicherungen, die ihnen, wie Jahresringe, sozusagen einen größeren Reifegrad zumaßen – etwa den kontinuierlich bearbeiteten Klavierminiaturen „Notations“, die in splendiden Orchesterfassungen zum Teil geradezu reißerisches Format erreichten. Als Dirigent erweiterte Boulez sein Repertoire noch spät. So um einige Brucknersymphonien und die spröde „Totenhaus“-Oper von Janácek (eine letzte Zusammenarbeit mit Patrice Chéreau). Eine ganz neue Liebe muss wohl Utopie bleiben: Der über 90-Jährige traut sich nun doch nicht mehr zu, sich den Lieblingswunsch eines „Rosenkavalier“-Dirigates zu erfüllen. HKJ

Pierre-Boulez-Festival in Baden-Baden

Das Gitter und die Biegsamkeit

Von Hans-Klaus Jungheinrich

Für verwickelte Zusammenhänge von Kulturbetrieb und Persönlichkeit, Tradition und Avantgarde, Anpassung und Verweigerung bietet die Laufbahn von Pierre Boulez eindrucksvollen Anschauungsstoff. Sie zeigt, wie ein Außenseiter kraft umfassender künstlerischer Autorität mächtige Positionen gewann und wie er sie, da es ihm nicht in erster Linie um Macht ging, auch wieder aufgab; wie der „große“ Musikbetrieb trotz aller Partikularisierung, Gettoisierung und Kommerzialisierung doch auch noch einigermaßen durchlässig ist für Impulse aus der produktiven, innovativen Sphäre; wie begrenzt schließlich die kompositorische Entwicklung eines Musikers vom Range Boulez' beeinflussbar ist von „Karriere“-Faktoren. Boulez arriverte nicht eigentlich zum glanzvollen Repräsentanten gegenwärtiger Musikkultur; indem er spröder Einzelgänger blieb, modifizierte er auch den eigenen „gesetzgeberischen“ Impetus, als gelte es, die Richtigkeit des Erkannten undogmatisch zu relativieren, die Setzung ästhetischer Prämissen mehr subjektiv zu verantworten als mittels kulturpolitischer Instrumentarien (deren Boulez sich frei bedient) durchzudrücken. Boulez weicht scheu der Aura irrationalen Künstlertums aus, verlässt sich einzig auf die professionelle, zuvörderst technische Kompetenz. Diese gewinnt bei ihm freilich eine Dimension, die sich vom geheimnislosen Technokratentum weit entfernt, sozusagen ihren eigenen auratischen Überschuss schafft. Bewusste Entzauberung und distinkte Abkehr vom geschmacklosen Starkult bekommen im Kontext zum allgemeinen Getriebe den Nimbus einer sachlichen Magie: „reine“ Meisterschaft, Errettung der Moderne aus avantgardistischer Geistigkeit, verknüpft mit den esoterischen Wurzeln der Tradition. Boulez scheint heute weniger bedeutsam als Lehr- und Zuchtmeister einer autoritären musikalischen Richtung, vielmehr als einzelner, der auch den im Widerstand zu ihm sprachfähig gewordenen Komponisten (der Generation Wolfgang Rihms etwa) das Beispiel unbestechlicher Subjektivität gibt.

Am vergangenen 26. März wurde Boulez sechzig Jahre alt. Aus diesem Anlass veranstaltete der seiner Arbeit besonders verbundene Südwestfunk diverse Konzerte; in der Kunsthalle Baden-Baden wurde außerdem eine Ausstellung mit allen optischen und akustischen Lebensdokumenten öffentlichen Interesses eingerichtet. Ein umfängliches Geburtstagsbrimborium, an dem sich Boulez selbst zwar nicht mit einer ursprünglich für diese Festivität geplanten neuen Komposition, aber als Dirigent zahlreicher Werke aus verschiedenen Lebensperioden beteiligte.

Obgleich Boulez – der als Direktor des IRCAM-Forschungszentrums im Centre Pompidou überwiegend in Paris lebt, aber einige Wochen im Jahr auch in seinem Haus in Baden-Baden residiert – eher zum solitären und unzugänglichen Musikertyp gehört, fühlten sich dennoch eine Vielzahl von Kollegen aufgerufen, seinen Geburtstag mittels klingender Präsente mitzufeiern. Mit solcher an einen großen Mann adressierten Ehrung ehren sich die Gratulanten nicht zuletzt selbst; auch die Institution, die zu dieser Cour aufrief – der Südwestfunk – heimst wohl einen kräftigen Ehrenanteil dabei ein. Der eigentliche Empfänger mag von soviel familiärer Nestwärme gemischt berührt sein, sich dabei wohl auch innewerden, wie stark von Insidergefühlen die einigermaßen hermetische Szene der „neuen Musik“ nach wie vor erfüllt scheint.

Das klang auch in der niveauvollen Laudatio des Stuttgarter Musikologen und Rundfunkredakteurs Clytus Gottwald durch, die gelehrsam altniederländische Polyphonie und Boulez-Avantgarde verknüpfte und Polemik geburtstäglich in die passenden Bahnen lenkte, so dass sich der geehrte mit seinem Lebenswerk purgiert sah von allem Anschein kulturindustrieller Vereinnahmung und falschen Bewusstseins.

Die Revue passierenden Geburtstagskompositionen erwiesen sich als „klassische“ Gelegenheitsarbeiten überwiegend leichtgewichtiger Art. Peter Eötvös versuchte, nach dem Modell der Straussschen Helden-„Friedenswerke“, Zitate aus Boulez' eigenen und von ihm prominent dirigierten Stücken (Wozzeck, Parsifal, Ring) zusammenzubacken und so etwas wie eine klingende Kurzbiographie zu entwerfen. Bescheiden und farblos gerieten Stücke von Elliot Carter, York Höller, Luciano Berio. Das Prinzip, dass die bekanntesten Autoren sich mit den lakonischsten Geburtstagspiècen einzustellen pflegen, wurde durchbrochen von einer rituell vierteiligen Hornetüde Stockhausens, die, teils witzig, teils eloquent, Freundschaft suggerierte. Komprimierter und individuell ausgeprägt ein Ensemblestück von Wolfgang Rihm, eine am Rande des Verlöschens entlangtastende Studie von Heinz Holliger. Den profiliertesten Beitrag bot Luigi Nono mit einem leisen Parergon aus dem Umkreis seines „Prometeo“: den Bassflöten- und Kontrabassklarinettenseufzern seines „A Pierre – Dell'azzurro silenzio – Inquietum“.

Erbrachte diese Séance mehr Ermüdung als Anregung, so war die Wiederbegegnung mit den Boulez-Stücken selbst in manchen Fällen geradezu Wiederentdeckung. „Le Marteau sans Maître“ nach Gedichten von René Char, 1953/55 komponiert, zählt zu den bezwingendsten Hervorbringungen der streng „seriellen“ Periode. Die neuerliche Aufführung mit Mitgliedern des Ensembles InterContemporain (das auch den größten Teil der Geburtstagsstücke gespielt hatte) wirkte nun unter der Leitung von Boulez ruhig, entspannt, „klassisch“. In der Diktion von Elizabeth Laurence geriet dabei auch der Gesangspart weniger dekorativ-kühl als sirenenhaft beschwörend, durchaus menschliche „Stimme“, nicht bloß quasi instrumentales Lineament.

Wie Boulez mit klangsinnlichem Raffinement Form konstruiert, verdeutlicht am besten der Schluss dieses Werkes, bei dem die bis dahin schweigenden Gongs eine sublime Finalwirkung herstellen. Ähnlich fungieren am Schluss der „Improvisation III sur Mallarmé“ (aus dem Zyklus „Pli selon pli“) Laute und Gitarre. Tonsprachliche Dynamik, ja Dramatik, die sich durch den Gegensatz von biegsamen, „freien“ Charakteren und strengen, verdichteten Abläufen ergeben, sind für viele Boulez-Stücke bestimmend: etwa für die Bestandteile des „Livre pour Quatuor“ (exzellent wiedergegeben vom Londoner Arditti-Streichquartett), für die Char-Kantate „Le Soleil des eaux“ von 1965 oder das in memoriam Brundo Maderna 1974 geschriebene Orchesterwerk „Rituel“.

Als ausformulierte Großform steht das zuletzt genannte Werk nahezu einzig da in der neueren Boulez-Produktion, die, etwa bei „Répons“ und „Notations“, immer mehr zum Fragmenthaften tendiert, das aus sich heraus Wachstumsenergien entwickelt, die zu zyklischen Werkreihen führen, in denen der „Werkbegriff“ ebenso doppelsinnig aufgehoben ist wie die konzeptuelle Idee eines permanenten work in progress. Mit „Notations I-IV“, einem orchestralen Zyklus äußerst knapper formaler Einheiten, schloss ein von der Europäischen Rundfunkunion weltweit live ausgestrahltes Konzert, bei dem Boulez das Südwestfunk-Sinfonieorchester dirigierte.

Die Fragmentprojekte, mit denen der keineswegs verstummende Komponist Boulez kontinuierlich umgeht, beleuchten ihrerseits auch den reproduktiven Musiker Boulez. Während etwa Nono mit der subtilen Nutzung von Liveelektronik die hergebrachten Relationen der Aufführungspraxis verwischt und verändert, hält Boulez weitgehend am Habitus des eindeutig formierten „lebendigen“ Klangapparates fest (wie dies auf seine Art auch Stockhausen tut). Wenn, wie im Chor- und Orchesterstück „Cummings ist der Dichter“ (1970) für den (RIAS-Kammer-)Chor ein Subdirigent hinzutritt (bei der erwähnten Aufführung Uwe Gronostay), dann bleibt doch klar, dass seine Funktion der des Hauptdirigenten untergeordnet ist. Den Anschein einer virtuos entfesselten und zugleich dirigentisch präzis überwachten großorchestralen Aktion hinterließen vor allem die „Notations”-Sätze, die fast als Illustrationsbeispiele unangreifbarer Herrschaft des überlegenen einzelnen über ein Kollektiv daherkommen. Setzt dieser Beherrschungsanschein aus wie in den „freien“ Abschnitten des „Rituel“, dann ergibt sich, fast natürlich, ein merklicher Spannungsabfall: Die in den Apparat eingespannten Musiker sind dann nicht in der Lage, wirklich „rituell“, mit selbstgewählter äußerster Teilnahme, zu spielen. Für die – ästhetischen und moralischen – Aporien der Aufführungspraxis findet auch Boulez offenbar keine Lösung.

Es scheint unbillig, einem Sechzigjährigen vorab Resignation unterschieben zu wollen. Boulez wirkt um so ungebrochener und vitaler, als er auf jede narzisstische Demonstration von Jugendlichkeit verzichtet. Ihn seit dreißig Jahren „unverändert“ zu finden – das wäre indes gleichfalls ein schlechtes Geburtstagskompliment. Die zunehmende Lockerheit des Dirigenten, die unangestrengte Selbstverständlichkeit, mit der er musikalische Gestalten nunmehr ohne abrupte Zeitzergliederung modelliert – das mag wohl in eins gehen mit Erweiterung der intellektuellen und kompositorischen Perspektive, und niemals war Boulez ein Fachidiot; er gehört zu den Musikern, die über ihre Werke so zu schreiben verstehen, dass es auch Nichtmusiker interessiert.

Ich entsinne mich an eine kuriose Geburtstagskonstellation 1965 im britischen Fernsehen, wo der 40-jährige Boulez, vielleicht zu seiner eigenen Überraschung, neben dem 60-jährigen Michael Tippett auftrat. Spürbar war eine an Berührungsscheu grenzende Reserve des Jüngeren zu dem Älteren, der ihm mit einer gleichsam unverantwortlich jungenhaften Bewunderung entgegenkam. Boulez mochte in ihm einen halbwegs skurrilen Dilettanten erkennen, einen Mann von einem anderen Stern. Sein Verhältnis zu John Cage könnte man sich ähnlich vorstellen. Das Gefühl der eigenen Zuständigkeit ist ein Käfig. Doch seine Gitter können mit der Zeit biegsamer werden.

Der Text ist am 14. April 1985 in der Frankfurter Rundschau erschienen.

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erstellt am 24.3.2015

Pierre Boulez (2009)
Pierre Boulez (2009)
Pierre Boulez (1968). Foto: Joost Evers / Anefo
Zum 90. Geburtstag von Pierre Boulez

Konzert auf arte

Sonntag, 29. März um 18:30 Uhr (43 Min.)

Ausschnitt

SWR Mediathek

Hommage an den Komponisten Pierre Boulez

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