Barbara Weber hatte am Schauspielhaus Zürich nicht den Ehrgeiz, Ödön von Horváths viel gespieltes Stück aus der Endzeit der Weimarer Republik neu zu erfinden. Sie nimmt den Text ernst. Die Aktualität von „Kasimir und Karoline“ liegt im Wunsch nach sozialem Aufstieg, zumal in Zeiten der drohenden Arbeitslosigkeit, meint Thomas Rothschild.

Theater

Die Menschen wären gar nicht schlecht

„Kasimir und Karoline“ in Zürich

Von Thomas Rothschild

Dass dies kein fröhliches Oktoberfest wird, teilt sich dem Publikum gleich zu Beginn mit, wenn sich der Vorhang öffnet, an den Kasimir und Karoline, vom Zuschauerraum aus die Bühne betretend und Einlass begehrend, geklopft haben. Düster ist Patrick Bannwarts Bühnenbild, dunkel und trist der Ort, an den sich der Arbeitslose (Christian Baumbach) mit seiner Verlobten (Marie Rosa Tietjen) begeben hat. Am Mast einer Peitschenlampe sind Wegweiser angebracht. Sie zeigen nicht nur das WC, sondern auch die Lüge, die Liebe und die Wahrheit an.

Barbara Weber hatte am Schauspielhaus Zürich nicht den Ehrgeiz, Ödön von Horváths viel gespieltes Stück aus der Endzeit der Weimarer Republik neu zu erfinden. Sie nimmt den Text ernst. Hinzuerfunden hat sie oder ihre Dramaturgie einen „merkwürdigen Schutzengel“ (Siggi Schwientek), der besser zu Frank Capra oder Ferenc Molnár passt als in ein Volksstück von Horváth, aber sei's drum. Dankbar muss man der Regie sein für den Rhythmus, den sie mit präzisem Gespür einhält. Die Pausen im Dialog, die der Horváth-Schüler Franz Xaver Kroetz später zur Methode gemacht hat, bestimmen das Tempo.

Bekanntlich hat Ödön von Horváth für die Dialoge eine Kunstsprache benutzt, die sich dem (bayrisch-österreichischen) Dialekt annähert. Barbara Weber tut das Gleiche mit der Körpersprache: Sie gebraucht stilisierte Gesten, die alltäglichen Gesten ähneln, sie gleichsam zitieren. Jahrmarktsstimmung kommt nicht auf. Der Ausrufer, den man im Hintergrund mehr ahnt als sieht, lädt betont sachlich zu seinen Attraktionen ein.

Einzelne „Regieeinfälle“ wirken dann doch eher aufgesetzt als funktional. Etwa wenn Karoline zu einem Song von Goldfrapp als „White Horse“ über die Bühne tanzt. Darauf könnte man verzichten.

Die Aktualität von „Kasimir und Karoline“ muss man nicht gewaltsam suggerieren. Sie liegt im Wunsch nach sozialem Aufstieg, zumal in Zeiten der drohenden Arbeitslosigkeit. Karoline, die Angestellte, will keine Proletarierin sein. Den theoretischen Text zur Problematik hat Siegfried Kracauer zwei Jahre vor der Uraufführung von „Kasimir und Karoline“ veröffentlicht, und die Zürcher Inszenierung macht sie sinnlich begreifbar.

Sympathisch ist er nicht, der Kleinkriminelle und Macho Franz Merkl (André Willmund), der mit dem Striezi Alfred aus den „Geschichten aus dem Wiener Wald“ verwandt scheint. Aber Horváth verurteilt sie nicht, sondern deutet an, dass deren Gaunereien die gleichen Ursachen haben wie Kasimirs Arbeitslosigkeit. Die wirklichen Negativfiguren sind der Kommerzienrat Rauch (Michael von Burg) und der Landgerichtsdirektor Speer (Claudius Körber).

„Die Menschen wären doch gar nicht schlecht, wenn es ihnen nicht schlecht gehen tät“, erkennt dem Merkl Franz seine Erna (Henrike Johanna Jörissen). Das ist die Horváthsche Variante von der fast zur gleichen Zeit formulierten Einsicht Brechts: „Ein guter Mensch sein! Ja, wer wär's nicht gern?/ Sein Gut den Armen geben, warum nicht?/ Wenn alle gut sind, ist Sein Reich nicht fern/ Wer säße nicht sehr gern in Seinem Licht?/ Ein guter Mensch sein? Ja, wer wär's nicht gern?/ Doch leider sind auf diesem Sterne eben/ Die Mittel kärglich und die Menschen roh./ Wer möchte nicht in Fried und Eintracht leben?/ Doch die Verhältnisse, sie sind nicht so!“ Horváth oder Brecht: sie verkünden über ihre Figuren die Milieutheorie. Ein alte Hut? Nun ja. Aber man muss ihn in Erinnerung rufen, wo immer noch und wieder von schlechten Erbanlagen und kriminellem Charakter die Rede ist.

Nicht erkennbar wird die Absicht, wenn Barbara Weber den Kommerzienrat und den Landgerichtsdirektor gegen die Konvention und gegen den Text mit zwei jungen Schauspielern besetzt. Das Unbehagen steigert sich, wenn man sich nach bald fünfzig Jahren noch daran erinnert, wie Hugo Lindinger diesen Kommerzienrat verkörpert hat. Glück und Leid des Kritikers: die Erinnerungen an große Theatermomente und die Ernüchterung beim Vergleich.

P.S.: Ein Leserkommentar zur Beprechung auf www.nachtkritik.de stellt klar: “der schutzengel ist wahrscheinlich mitnichten 'hinzugedichtet', sondern so eine figur taucht nämlich in einer arbeitsfassung von horváth auf (…). muss jetzt ein zuschauer mitm reclamheftchen nicht wissen, aber ein schlauer kritiker, der dann beurteilt, was gut und schlecht gewesen ist, der sollte sich schon mal mit dem stück vielleicht mal nicht nur oberflächlich beschäftigt haben, oder?” Ich bekenne: ich bin kein Horváth-Philologe. Mir ist die erwähnte Arbeitsfassung nicht bekannt, aber ich danke dem pseudonymen Kommentator für die Richtigstellung, die auch meine Rezension betrifft. Also doch nicht nur Capra und Molnár…

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erstellt am 23.3.2015

Szenenfoto Schauspielhaus Zürich © Toni Suter / T+T Fotografie

Theater in Zürich

Kasimir und Karoline

Von Ödön von Horváth

Regie Barbara Weber
Bühne Patrick Bannwart
Kostüme Sara Giancane
Musik Karsten Riedel

Schauspielhaus Zürich

Szenenfoto Schauspielhaus Zürich © Toni Suter / T+T Fotografie