Als Ludwig Börne aus Paris seine berühmten Briefe schrieb, wurde Wilhelm Dilthey in Wiesbaden-Biebrich geboren. Dilthey wurde später der Philosoph, der die Theorie der Geisteswissenschaft begründete, um sie vom Naturalismus zu lösen. Biebrich aber macht ihn, wie Otto A. Böhmer weiß, unglücklich, weil ihn dort zu viele Menschen kannten.

Holzwege

»Willy ist schon richtig«

Der Philosoph Wilhelm Dilthey

Von Otto A. Böhmer

Der Philosoph Wilhelm Dilthey war nach Jahren in seine Heimatstadt Biebrich zurückgekehrt. Er sollte vor dem örtlichen Kulturverein einen Vortrag über „Philosophie als Wissenschaft des Wirklichen“ halten. Vom Bahnhof aus ließ Dilthey sich zur Pension „Rheinblick“ bringen; dort, genauer gesagt: im gleichnamigen Café hatte er sein erstes Stelldichein hinter sich gebracht. Veronika hieß sein damaliger Schwarm, ein schüchternes Mädchen mit hellblauen Augen, die ihn sogleich zu einem verzückten Gedicht angeleitet hatte, das er ihr (hieß sie denn überhaupt Veronika? Oder vielleicht doch nur Erika?) auf dem Postwege zukommen ließ. Das Gedicht hatte allerdings eine andere Wirkung, als er es sich erträumen durfte: Das Mädchen, das ohnehin nicht allzu gesprächig war, verstummte vollends; es schaute nur noch zu Boden, und Dilthey, der sich mit hochrotem Kopf darum bemühte, seine gesammelten Artigkeiten loszuwerden, bekam eine erste Ahnung davon, dass manche Amouren sich schon nach kurzer Zeit zu dem auswachsen, was man als „verlorene Liebesmüh“ zu bezeichnen pflegt. Was aus ihr, aus Veronika oder wie sie heißen mochte, wohl geworden war? Ich will es gar nicht wissen, dachte der Philosoph, im Zusammenleben der Menschen ist kein Platz mehr für Überraschungen. Wir steuern auf ein Zeitalter der Durchschaubarkeit zu, der bedingten Reglementierung. Schlecht ist das nicht, aber es hat seinen Preis. Jede Wette hätte er eingehen mögen, dass aus dem Mädchen genau das geworden war, was die Vorschrift, die Ausnahmen noch immer zuließ, verlangte: eine Frau, eine stämmige Mutter, die ihre Pflichten erfüllt sah und nun von den späten Wallungen der Gefühle in absehbare Verlegenheit gestürzt wurde. – „Nein danke!“ sagte der Philosoph laut und deutlich. Der Kutscher drehte sich um. „Wie bitte?“ fragte er. „Ich hab’ nicht recht verstanden.“ Sie fuhren am Rhein entlang, der hier breit war und schwarz; ein mächtiger Strom, dem die Lieblichkeit der sattsam bekannten, uralten Lieder völlig abging. Dunkle Wolken zogen am Himmel dahin, und ein kalter Wind blies. Dilthey fröstelte; er schlug den Kragen hoch. Der Frühling wird noch zum Winter, dachte er. Angleichung der Jahreszeiten. Auch das gehört zur Moderne. Abermals drehte sich der Kutscher um. „Ich bitte sehr um Verzeihung“, sagte er. „Aber Sie kommen mir – irgendwie – bekannt vor.“ „Ach ja?“ sagte der Philosoph. „Das mag wohl sein. Ich bin hier in Biebrich aufgewachsen; allerdings ist das schon ein paar Tage her.“ Der Kutscher sah ihn forschend an; es war ihm anzumerken, dass er der Vergangenheit beizukommen suchte; in seinem Kopf warf er die verbliebenen Namen zusammen und rief sie zur Ordnung. „Gleich“, murmelte er, „gleich, es liegt mir auf der Zunge. Sie müssen wissen, dass wir Kutscher grundsätzlich ein gutes Gedächtnis haben“, sagte er, wie um sich und seinem Berufsstand noch einmal Mut zu machen. „All die vielen Fahrgäste – und, ob Sie’s glauben oder nicht –, letztlich vergisst man doch keinen von ihnen, fast keinen.“ Schließlich hatte er die erwartete Erleuchtung: „Jetzt weiß ich’s“ rief er, „Sie sind der Sohn vom alten Medizinalrat Fletschinger, der Willy, der in Berlin ein hohes Tier geworden ist. Im Ministerium. Stimmt’s?“ Er lächelte triumphierend, und Dilthey tat es fast leid, ihn enttäuschen zu müssen. „Nicht ganz“, sagte er, „aber Willy ist schon richtig.“

Als sie an der Pension „Rheinblick“ ankamen, hatte der Philosoph das Gefühl, sich wider Willen ins Arge hinein, bis hin zum Unkenntlichen, verändert zu haben. Ich bin unschuldig, dachte er, unschuldig; das war nun mal nicht vorgesehen. Er trug sich in die Gästeliste ein und ließ sein Gepäck aufs Zimmer bringen. Der Pensionsinhaber, der Dilthey keineswegs unbekannt vorkam, lächelte ihn an wie einen harmlosen Fremden. Im Café „Rheinblick“ saßen nur zwei Gäste, die den Philosophen anstarrten, als er sich an ein Tischchen in der Ecke setzte und ein Glas Wein bestellte. Ihm gegenüber kauerte ein alter hohlwangiger Mann; er schien schon seit Stunden auf Dilthey gewartet zu haben. Nun beäugte er ihn und machte dabei das gleiche Gesicht wie der Kutscher; der kennt mich auch, dachte der Philosoph, aber vom Resultat seiner fieberhaften Überlegungen möchte ich, bitte schön, gar nicht in Kenntnis gesetzt werden. Zwei Tische weiter saß eine korpulente Dame unschätzbaren Alters – als ihr ein mächtiges Stück Torte gebracht wurde, fand sie den Neuankömmling kaum noch interessant; sie stach nun mit der Kuchengabel zu und hatte sehr gierige Augen. Ach, Veronika, dachte Dilthey für einen Moment, das also ist aus dir geworden! – Er nahm einen kräftigen Schluck Wein und holte sein Notizbuch hervor, das er fast immer bei sich trug. „Auf andere Gedanken kommen“, schrieb er unter dem Datum des Tages. „Andere Gedanken. Der Grundgedanke meiner Philosophie ist, dass bisher noch niemals die ganze, volle, unverstümmelte Erfahrung dem Philosophieren zugrunde gelegt worden ist, mithin noch niemals die ganze und volle Wirklichkeit.“ Mehr fiel ihm nicht ein; er nahm eine Zeitung zur Hand und versuchte zu lesen. Im Lokalteil entdeckte er unter der Rubrik „Veranstaltungshinweise“ eine kurze Mitteilung, die ihn interessieren musste: „Der Kulturverein Biebrich“, las er, „lädt zu einem Vortrag im Unkelsaal ein. Es spricht der bekannte Philosoph Wilhelm Dillbein über das Thema ‚Philosophie als Täuschung und Wirklichkeit‘. Um reges Erscheinen wird gebeten!“ Dilthey ließ die Zeitung sinken; seine ehemals zufriedenstellende Laune war ihm endgültig vergangen. In diesem Augenblick hatte sich auch der hohlwangige Alte am Nachbartisch zu einer wichtigen Entscheidung durchgerungen; mit spitzem Finger zeigte er auf den Philosophen und krächzte: „Ich kenne Sie! Ich weiß, wer Sie sind. Sie sind der…“ – „Nein!“ brüllte Dilthey, und die korpulente Dame schaute erschrocken zu ihm herüber. „Nein! Ich bin – es nicht! Merken Sie sich das…“

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 22.3.2015

Otto A. Böhmers Reihe Holzwege berichtet von den mal erhabenen, mal erheiternden Bemühungen der Philosophen, im Geschäftsbetrieb des Alltags Haltung zu bewahren und der eigenen Rede Sinn nicht zu vergessen. Die kleinen Begebenheiten im Leben großer Philosophen, die der Autor zu sich bittet, erzielen fast immer angemessene Wirkung: Sie passen so trefflich ins Bild der jeweiligen Philosophie, dass man vermuten muss, sie könnten erdacht worden sein, um den dazugehörigen Philosophen bei merk- und denkwürdiger Laune zu halten.

Wilhelm Dilthey
Wilhelm Dilthey