Die Geschichte des Andreas Temme: Der Beamte des Hessischen Verfassungsschutzes war anwesend, als der »Nationalsozialistische Untergrund/NSU« den 21-jährigen Halit Yozgat in dessen Internet-Café in Kassel erschoss, im April 2006. Temme war Augen- und Ohrenzeuge. Seitdem tobt ein Kampf um Deutungen, Gewissheiten, Wahrheiten, berichtet Johannes Winter.

Essay

Nichts gesehen, nichts gehört

Von Johannes Winter

Geheimdienste sind für die Welt des Bösen zuständig. Sie sollen es bannen, eindämmen, verhindern, zunichtemachen. Ohne sich dabei erwischen zu lassen. Sie leben in einer eigenen Welt, abgeschottet, verdeckt. Manchmal trennt die beiden Welten wenig voneinander. Die Dienste setzen verbotene, strafbare Mittel ein. Eine gefährliche Nähe, wie Feuerwehrmann und Brandstifter, verführerisch. Grenzen verschwimmen. Für Übertritte ziehen sie Unterwanderstiefel an. Um Bösewichte zu beobachten, zu verfolgen. Wir haben es mit einer Welt der Uneindeutigkeiten zu tun, der Mutmaßungen, der mangelnden Beweise.

Geheimdienste haben einen widersprüchlichen Auftrag. Sind ans geltende Recht gebunden. Sind aber auch gehalten, sich auf die Waffen des Gegners einzulassen. Das geht nicht ohne Heimlichkeiten. Ihre Leute tragen Decknamen, manchmal Perücken. Schnüffeln, haben Zuträger aus dem Gegenmilieu an der Leine, führen Kriminelle als Spitzel, steuern willfährige Verräter. Nur so sei an „Erkenntnisse“ zu kommen, behaupten sie. Ihr Mantra heißt „Sicherheit“. Wem soll man da trauen?
Im Dienst sind Beamte alias Schlapphüte. Eine freundliche alte Metapher, der die Farbe Grau anhaftet. Sie zapfen Telefone an, hören ab, werten aus. Selten passiert ihnen dies selbst, sind sie im Visier, werden die Seiten vertauscht. In Hessen wurde der Verfassungsschutz zum Objekt geheimer „Maßnahmen“. Nicht die Konkurrenz, sondern die Polizei nahm sich die Schlapphüte vor.

In Kassel geschah dies, der Stadt des Herkules und der documenta. Kassel, der Ort des letzten von insgesamt neun Morden an Migranten, die der „Nationalsozialistische Untergrund/NSU“ verübt hat. Nach Jahren der Ermittlungen war geklärt, dass Aktivisten der Neonazi-Szene, die in engem Kontakt mit dem NSU standen, vom Verfassungsschutz geführt oder geduldet oder gar geschützt und mit Geld unterstützt wurden. Im Geheimdienstjargon „V-Männer“ genannt.

Das rief nach Aufklärung. Die Öffentlichkeit wollte Näheres über die Verbrechen und ihre Beteiligten wissen. An der Sisyphusarbeit sind oder waren Untersuchungsausschüsse beteiligt, von Parlamenten eingesetzte Gremien. In München beißt sich die Justiz im Prozess gegen Beate Zschäpe „und vier mutmaßliche NSU-Unterstützer“ die Zähne aus. Zschäpe, die bisher gekonnt das Phantom der treusorgenden WG-Köchin mimt. Die schweigt bis zum Gehtnichtmehr. Die zu verdecken sucht, was sie tat, um ihren beiden Wohngenossen das Morden zu erleichtern. Davon kann man, wie im Prozess zu beobachten, krank werden. Oder: Krankheit als Waffe? Der NSU-Ausschuss in Hessen, von der schwarz-grünen Koalition nicht gewollt und lange verschleppt, macht einen neuen Versuch. Der Landesregierung unter Ministerpräsident Bouffier bekommt das nicht gut, sie wird kräftig durchgeschüttelt. Die Anwälte der Familie von Halit Yozgat, Nebenkläger im NSU-Prozess in München, legten neues Material vor. Auszüge aus Abschriften von Telefonabhör-Maßnahmen der Kriminalpolizei, die die interne Kommunikation von Verfassungsschützern mit V-Männern mitgeschnitten hat.

Halit Yozgat
Halit Yozgat

Anlass dafür war der Mordfall, der knapp neun Jahre zurückliegt. Am Nachmittag des 6. April 2006 wurde in seinem Internet-Café in Kassels Holländischer Straße Halit Yozgat erschossen. 21 Jahre war er alt. Hingerichtet an seinem Tisch zwischen sieben eng angeordneten Computer-Plätzen und sechs Telefonzellen, die zum Surfen, Skypen, Chatten oder Anrufen eingerichtet waren.

Das Einzigartige an dem Fall: Während des Mordes in dem winzigen Laden war ein Beamter des Hessischen Verfassungsschutzes, Außenstelle Kassel, anwesend. War er dienstlich, war er privat zugegen? Darüber wird gerätselt und gestritten. Daran scheiden sich die Geister. Der Geheimdienst tat seitdem alles, die prekäre Präsenz des Kollegen in eine Kette von Zufällen einzuwickeln.

Grundsätzlich bleibt der Verfassungsschutz dabei, sein Mann sei „zur falschen Zeit am falschen Ort“ gewesen. Die Anwälte der Eltern des Ermordeten dagegen behaupten, seit diesem Mord – im Jahre 2006, also nicht erst seit dem Showdown des NSU im November 2011 – habe der Verfassungsschutz gewusst, dass es sich bei den Tätern um Rechtsterroristen handelte. Sie haben das kürzlich mit abgehörtem Material untermauert.

Der Name des Beamten ist Andreas Temme, Deckname „Alexander Thomsen“, ein Baum von einem Mann, früherer Postbeamter, zur Tatzeit zehn Jahre bei der Behörde, im privaten Leben werdender Vater, Mitglied eines Motorradclubs, Sportschütze mit Kontakt zu einem Mitglied der Hells Angels. Beruflich fungierte er als V-Mannführer, war für Observation geschult, fuhr zu Treffs mit seinen V-Männern in Restaurants und auf Parkplätzen einen Dienstwagen, lernte Arabisch. In seiner Jugend sei er, erinnerte sich ein Nachbar, als Klein-Adolf durchs Dorf in Nordhessen gelaufen, in Springerstiefeln und langen Mänteln.

Günstige Voraussetzungen für einen Job bei den Schlapphüten? Temme schien ganz bei sich zu sein, keine Ambivalenzen zu kennen, mit eindeutigem Weltbild, in dem Migranten unverrückbar Ausländer und also nicht deutsch sind. Nah am Milieu, das er zu bekämpfen hatte. Tarnkappe unwesentlich, die Maske des Biedermanns unnötig. Galt das als Vorteil, als Entree? Ein Ermittler der Polizei beschrieb ihn als „Mitläufer, der sich von anderen leiten lässt“. Von wem? Der Spiegel ernannte ihn zum „fassbaren Symbol des Unfassbaren“. Als V-Mannführer hatte der Beamte Aktivisten aus der rechtsterroristischen (und islamistischen) Szene als Spitzel anzuwerben, sie auszuhorchen, abzuschöpfen, zu betreuen – und für ihre Informationen zu bezahlen. (Steuer-)Geld floss. Wie weit ging die Angewiesenheit des Dienstes? Gab es eine Grenze für Sympathien? Verschmolzen Milieus bis zur Kumpanei? Temmes wichtigster V-Mann hieß Benjamin Gärtner, VP 389 (Vertrauensperson), Deckname „Gemüse“, ein Kasseler Neonazi mit Kontakten zum gewalttätigen „Sturm 18“ in Kassel und Dortmund sowie ins benachbarte Thüringen, dem Zentrum terroristischer Neonazi-Banden. Was Gärtner seinem V-Mannführer verriet, ist nicht bekannt, vor allem nicht, was er über Verbindungen mitteilte. Welches Netz der NSU über Hessen ausgeworfen hatte, wie er im Norden des Bundeslandes verankert war. Vor allem, ob er Material lieferte für oder gegen die bis heute vertretene These der Sicherheitsbehörden von der Alleintäterschaft des NSU. Botenlohn: etwa 250 Euro pro Monat.

Temme arbeitete im Auftrag seines Geheimdienstes, der den Auftrag hat, die Verfassung zu schützen. Ein Dienst, dessen Versagen, dessen Blindheit im Fall des NSU so eklatant wie skandalös ist. Der angeprangert wird, der im Licht der Öffentlichkeit steht. Ein Dienst, der sich zur Wehr setzt. Mit allen Mitteln. Um sich selbst zu schützen. Wissend, dass er verrufen ist. Das hat sich ausgewirkt.

Daraus entstand eine Spirale, und mit jeder Drehung wurde, gleich einem Automatismus, die Frage lauter, was der Verfassungsschutz zu verbergen habe, was er verschweigt. Das Misstrauen hörte nicht auf zu wachsen, wurde gespeist von Maßnahmen wie der Vernichtung von Akten zum Komplex NSU. Aus Selbstschutz, wie das offiziell hieß. Es war das auffallendste Beispiel, das bekannt wurde, aus dem Hauptquartier des Dienstes, dem Kölner Bundesamt für Verfassungsschutz. Dessen Leitung der sozialdemokratische Präsident Heinz Fromm innehatte. Dessen Vizechef Klaus-Dieter Fritsche wird uns noch begegnen. Aktenvernichtung als deutlicher Hinweis darauf, was sich strukturell ausschließt: existenzsichernde Heimlichtuerei einer Behörde und legitimes Aufklärungsinteresse der Öffentlichkeit.

Den Komplex aus NSU, Geheimdiensten, Polizei, Staatsanwaltschaften, Politik und Ausschüssen, darin das Kapitel des Mordes von Kassel, haben Stefan Aust und Dirk Laabs in ihrem Buch „Heimatschutz“ (München 2014) rekonstruiert. Verblüffende Quellen, Fakten und Erkenntnisse haben sie gesammelt und präsentiert. Material für eine kritische Würdigung des Skandals, den Kasseler Verfassungsschützer Andreas Temme inbegriffen.

Zur Vorgeschichte des 6. April 2006 in Kassel gehört ein Schreiben von Dr. Iris Pilling, Leiterin der Abteilung Informations-Beschaffung des Hessischen Landesamtes für Verfassungsschutz in Wiesbaden, an ihre V-Mannführer vom März 2006, in dem es um Unterstützung der Ermittlungen ging, die das Bundeskriminalamt nach bis zu diesem Zeitpunkt sieben Morden an Migranten erbat.

„Hallo und guten Morgen“, schrieb Dr. Pilling an ihre Mitarbeiter, „hier komme ich endlich mal wieder und noch kurz vor meinem URLAUB, ich weiß noch, wie man das schreibt und wie man ihn macht!!!!, mit ein paar Informationen rüber: Ausländer:… insg. 7 Tötungsdelikte gegen polizeilich nicht auffällige Türken mit einem geschäftlichen Bezug (nur ein Grieche war dabei)… Die Tatwaffe ist immer ein und die selbe – aber keiner weiß was darüber… Gibt es Dinge, die VM [V-Männer] dazu sagen könnten?!“ Fragte Dr. Pilling in die Runde und trat ihren wohlverdienten Urlaub an.

Unter den Empfängern der launigen Mail war auch Andreas Temme in der Außenstelle Kassel. Zehn Tage nach der Pilling-Mail, am 4. April 2006, wurde der 39-jährige Mehmet Kubasik in seinem Kiosk in Dortmund erschossen. Zwölf Tage später, am 6. April, Halit Yozgat in seinem Internet-Café in Kassel. An jenem Tag telefonierte V-Mannführer Temme zwei Mal mit seinem V-Mann Benjamin Gärtner alias „Gemüse“. Der hatte ihn zunächst für einen kurzen Austausch kontaktiert. Länger unterhielt man sich am Nachmittag, 50 Minuten vor dem Mord. Worüber? Wozu taugten die Mitteilungen? Bei der Vernehmung im Bundeskriminalamt erinnerte sich Temme nicht an das Gespräch. Im Ausschuss des Bundestages tat er dies. Es ist das Glatteis, auf das gerät, wer sporadisch lügt. Oder willkürlich „vergisst“.

Mit Gärtner, behaupten die Nebenkläger, soll Temme jeweils telefoniert haben, als am 8.6.2005 in Nürnberg und am 14.6.2005 in München zwei Morde an Migranten begangen wurden. Es waren, so schrieb die „Welt am Sonntag“, „die Nummern 6 und 7 der Mordserie, und jedes Mal sei der V-Mann Gärtner zur Tatzeit in der Stadt“ gewesen, in der der Mord verübt wurde. Gewann der Geheimdienst daraus Erkenntnisse?

Unmittelbar nach dem zweiten Gespräch mit Gärtner am Tag des Mordes suchte Temme das Internet-Café von Halit Yozgat auf. Er war dort Stammgast, hatte einen eigenen Schlüssel für einen PC-Schrank. Er loggte sich bei „ilove.de“ ein, indem er sein Pseudonym „wildman70“ nutzte. Und trieb sich exakt elf Minuten in einem Chatroom herum, einem sogenannten Flirt-Forum oder auch Sex-Chat. Mit „tanymany“. Oder mit „hotbitch87“, „sexgoettin1983“, „pussyalarm“ oder „schwein90“. Ermittelte die Kasseler Kriminalpolizei, die im Mordfall Halit Yozgat zuständige Behörde. Fast in derselben Minute, als Temme sich ausloggte, um das Café zu verlassen, wurde Halit Yozgat mit zwei Kopfschüssen aus einer Česká-Pistole ermordet. Wenige Meter entfernt von Temmes Chat-Platz, in Sicht- und Hörweite. Bei den Ermittlungen wird längst in Sekunden ab- und nachgerechnet. Oder hatte der Verfassungsschutz-Beamte das Café schon verlassen? Der „Waffenfachmann“ (FAZ) gab an, weder die beiden Schüsse gehört, noch das blutüberströmte Opfer am Boden neben dem Schreibtisch, den er hatte passieren müssen, um vor dem Verlassen des Cafés die 50-Cent-Münze fürs Chatten abzulegen, gesehen zu haben. Dabei hätte er, so die FAZ, „geradezu stolpern müssen über den Körper von Halit Yozgat.“ Vom wahrnehmbaren Pulverdampf nicht zu reden.

Alles bestürzend normal? War Temme eingeweiht? Reagierte er gebannt, blieb er kaltblütig? Sah er in einen Abgrund? Hatte er es bloß mit einer dienstlichen Angelegenheit zu tun? War er schon weg? Wer in seinem Interesse argumentiert, sieht ihn zum Zeitpunkt des Mordes auf der Straße. Die Ermittler zerlegten den Ablauf in ein Sekunden-Puzzle.

Um die zeitliche Abfolge zu klären, drehte die Kasseler Kripo ein Video, das Temmes Glaubwürdigkeit zu testen hatte. Bei seinem Auftritt gab er sich, ganz Laiendarsteller, ziemlich viel Mühe, seine Version von den Drei Affen bildlich zu bestätigen. Die Polizei fügte alle greifbaren Details zu einem stimmigen Ablauf. Das Ergebnis trug Kriminaldirektor Gerald Hoffmann, der die Mordkommission in Kassel leitete, als Zeuge im Berliner Untersuchungsausschuss vor. Nach Prüfung aller Aussagen und Unterlagen, sagte Hoffmann, der keinerlei Zweifel an der Anwesenheit des Beamten des Verfassungsschutzes während des Mordes äußerte, er sei der Überzeugung, „dass der Herr Temme zum einen die Schussgeräusche hat wahrnehmen müssen und zum anderen mit einer hohen Wahrscheinlichkeit auch die Leiche hat sehen müssen.“

Die Frage seiner Anwesenheit am Tatort des Mordes, der wie bei allen anderen NSU-Mordtaten mit derselben Česká-83-Pistole begangen wurde, ist damit geklärt. Dass Temme sich in die Aussage „keine Erinnerung“ flüchtete, entsprach seiner Strategie.

Die „Welt am Sonntag“ recherchierte, was am Montag, vier Tage nach dem Mord, beim Verfassungsschutz in Kassel geschah. V-Mannführer Temme war nach dem Wochenende zum Dienst erschienen, traf sich mit seinem V-Mann Benjamin Gärtner in einem Burger-King, hielt mit einer Kollegin ein Schwätzchen, das sich um den jüngsten Mordfall drehte. Und sei dabei mit seiner Sicht herausgerückt: Die Tat habe „keinen regionalen Bezug“, denn die benutzte Waffe sei bei einer bundesweiten Mordserie eingesetzt worden. Dies, darauf beharrt die Nebenklage, habe Temme am Vormittag des 10. April 2006 geäußert. Woher aber habe er zu diesem Zeitpunkt gewusst, dass der junge Halit Yozgat in seinem Internet-Café mit einer Česká-Pistole erschossen worden war? Denn die Polizei trat mit dieser Information erst am Nachmittag jenes Tages vor die Öffentlichkeit. Ermittlungstechnisch, so die „Welt am Sonntag“, handele es sich bei dem, was Temme seiner Kollegin offenbart habe, um „Täterwissen“.

Die Česká, die Tatwaffe bei allen neun Migranten-Morden, fand die Polizei fünf Jahre nach dem Mord in Kassel im Schutt des von Beate Zschäpe in Brand gesetzten Wohnhauses in Zwickau. Sie lag dort in der Nähe eines verkohlten Falk-Stadtplanes von Kassel mit handschriftlichen Anmerkungen – ein unübersehbarer Hinweis auf die Verbindungen von Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos, den beiden Mitbewohnern des Hauses, nach Kassel. Auf dem Plan waren zehn Adressen markiert, mit je einer Nummer eines türkischen oder iranischen Vereins, einem Stern und dem Zusatz „Ali“.

Auf anderen Fundstücken waren 17 weitere Objekte markiert. Ein roter Stern schien für ein politisches Ziel zu stehen, ein gelber für Migranten, ein Smiley mit Brille für jüdische Objekte. Recherchen eines Nebenklägers, im Münchner Prozess vorgelegt, brachten zutage, dass alle Markierungen (außer einer) auf den täglichen Fahrtrouten des Verfassungsschutzbeamten Temme zwischen Wohnung und Büro zu finden seien. Unter anderem die Adresse einer Tarnwohnung, die „Alexander Thomsen“ benutzt habe.

Unter den Asservaten aus dem abgebrannten NSU-Wohnhaus in Zwickau befand sich auch ein Zettel mit Zahlenkolonnen – der Funkkanäle des Polizeipräsidiums Nordhessen und der Leitstellen von Rettungsdiensten in Kassel. Einer der Kanäle, schrieb die „Welt am Sonntag“ sei „nicht so leicht herauszufinden“ gewesen: Es handele sich dabei um zwei Funkmasten des Hessischen Ministeriums des Inneren. Frage: Wer kannte die Funkkanäle des HMI?

Die Kasseler Kriminalpolizei setzte ihre Mord-Ermittlungen fort, fünf Tage nach der Tat vernahm sie einen Augenzeugen aus dem Internet-Café. Der damals 15-Jährige war sich sicher: Der Mann, der außer ihm im Raum gewesen sei, „sah aus wie ein richtiger Deutscher, so 30 bis 35 Jahre alt, groß und breit, ganz kurz geschorene Haare, so zwei bis drei Millimeter lang. Hatte eine Lidl-Plastiktüte in der Hand … Ich glaube, die war schon schwer, die hat nämlich nach unten gezogen.“

Die Aussage bewog die Sonderkommission „Café“ der Polizei, sämtliche Computer des Ladens zu untersuchen. Sie fand eine Handynummer – und am Ende der Kette waren die Ermittler auf den Verfassungsschützer Andreas Temme gestoßen. Einen Tag später war er als Tatverdächtiger festgenommen worden. Bei der Durchsuchung seines Büros und seiner Wohnungen fand die Polizei Waffen (Pistolen, ein Gewehr, einen Wehrmachtskarabiner, Munition, eine Basketballkeule, einen Holzknüppel), ein Buch mit dem Titel „Immer wieder töten – Serienmörder und das Erstellen von Täterprofilen“, ein internes Handbuch für Counter-Maßnahmen sowie verfassungsfeindliche (NS-)Literatur, darunter Schulungsmaterial der nationalsozialistischen Terror-Organisation SS. Beim Hessischen Verfassungsschutz brach Panik aus.

Zu den bisher nicht aufgelösten Geheimnissen des Skandals zählt denn auch die Frage, warum der Beamte des Amtes trotz belastender Indizien und trotz des sichergestellten Materials nach wenigen Stunden frei kam. Seitdem hielt er es mit den Drei Affen. Das wirkte abgesprochen.

Temmes Verhalten konnte nicht überraschen, es bestätigte den Eindruck, den man im NSU-Prozess in München gewinnen konnte, von Angeklagter und Zeugen aus der NSU-Szene bzw. aus den Sicherheitsorganen. Das (Ver-)Schweigen, die Gedächtnislücken als Essenz der Auftritte. Temme blieb bei seiner Strategie. Reicherte sie mit Opfer-Fantasien an. Was als Voraussetzung dafür verstanden werden kann, dass das Landesamt seine schützende Hand über den Kollegen hielt und hält. Dies führte zu Konflikten mit anderen Behörden, vor allem mit der Polizei, wegen unterschiedlicher Aufklärungs-Interessen.

Auch ein Geheimdienst hat seine Hierarchien, seine Dienstwege, es kommt zu Konkurrenzen, zu Überschneidungen, Eifersüchteleien. Man kennt sich, man kennt sich aus in politischen Milieus der Verbrechen. Lebt von Berufs wegen nah am Bösen. Weiß Geheimhaltung zu schätzen, ist Skurrilem nicht abgeneigt. Hat seine Vorlieben, seine Schwarz-Weiß-Welt, seine politischen, seine Ordnungs-, seine Moralvorstellungen, auch wenn die zuweilen mit den Gegebenheiten einer komplexen Gesellschaft in hartem Widerspruch stehen.

Im Münchner NSU-Prozess lieferte Lutz Irrgang, der ehemalige Präsident des hessischen Verfassungsschutzes als Zeuge dafür ein Indiz, als er ausführte, dass „es sich [bis 2011] um ein internes Problem der betroffenen Bevölkerung“ gehandelt habe. Bis die Wirklichkeit sich nicht mehr zurichten ließ, sondern zum Zwangskorrektiv wurde. Muss man das glauben?

Über Jahre hatte der Verfassungsschutz sämtliche Vermutungen des Vaters von Halit Yozgat, nur Rechtsterroristen kämen als Mörder seines Sohnes in Frage, ignoriert. Hatte wie in den anderen Mordfällen ausschließlich in der deutsch-türkischen Migranten-Szene nach Tätern gesucht – eine Sonderkommission trug die Bezeichnung „BAO Bosporus“. Es kam einer regelrechten Fixierung nahe, wie der Geheimdienst seine Verdachtsfabrikation auf die Lebenswelt deutsch-türkischer Migranten-Familien ausrichtete. Es wurde nichts vertuscht, nein, zu vertuschen fand man erst gar nichts. Wollte man nichts finden?

In seiner scheuklappenhaften Unerbittlichkeit nahm das Vorgehen der Behörde Züge psychischer Folter an. Welche Folgen dies für die betroffenen Familien hatte, ist in der bewegenden Trauerfeier des Bundestages zu spüren gewesen.

Ist es überzeugend, dass erst der explosive Wohnwagen-Showdown von Uwe B. und Uwe M. in Eisenach und die heiße Wohnungsauflösung ihrer Kumpanin Beate Z. in Zwickau fünf Jahre später, Ende 2011, die Aufklärungsrichtung des Geheimdienstes änderten? Als der Verfassungsschutz im wahrsten Sinne des Wortes mit Gewalt dazu gebracht wurde, auf die Neonazi-Schiene umzusteigen? Eindeutig wirkt, wie das Hessische Landesamt nicht nur seinen (ehemaligen) Mitarbeiter Temme, sondern auch sich selbst zu schützen versucht. Ob das legitim, ob es durchzuhalten ist, wird nicht zuletzt der Wiesbadener Untersuchungsausschuss erweisen. Im Wesentlichen ist es bisher den Anwälten der Opferfamilien als Nebenkläger zu verdanken, dass die Omertà schrittweise aufgebrochen wurde und wird. Ein Whistleblower mit Zivilcourage, scheint es, würde die Sache in Bewegung bringen. Oberster Verantwortlicher für die behördliche Schutzgemeinschaft in Hessen war im Jahr 2006, wie erwähnt, Volker Bouffier, damals Innenminister. Nach den Wahlen 2013 wurde Bouffier Ministerpräsident dieses Bundeslandes in Koalition mit den Grünen. Den Grünen, die sich, erstmals in der Geschichte der Länder-Untersuchungsausschüsse, bei der Einsetzung des hessischen gemeinsam mit ihrem Partner CDU der Stimme enthielten.

Die Mord-Kommission der Polizei setzte die Ermittlungen fort, ohne Scheuklappen, sie erwirkte eine Abhör-Genehmigung. Temmes Telefonate wurden mitgeschnitten. Von den Gesprächen gibt es Abschriften. Sie konnten von den Anwälten von Halit Yozgats Eltern, die beim NSU-Prozess in München die Nebenklage vertreten, unter abenteuerlichen Umständen in Karlsruhe eingesehen werden: keine Kopien, nur handschriftliche Notizen.

In einem der abgehörten Telefonate erhielt Temme den Rat eines Kollegen aus dem hessischen Landesamt, gegen sich selbst ein Disziplinarerfahren einzuleiten – eine gängige Praxis in derartigen Fällen. Der belehrte ihn: „Die Folge davon ist, dass Sie dann vom Dienst weiter suspendiert werden, Ihre Bezüge im Moment nach dem Willen des Ministers behalten.“

Der fürsorgliche Minister hieß Volker Bouffier. Doch als Verfassungsschützer zu halten war Temme nicht mehr. Zunächst verlor er die „Ermächtigung“, so der Fachbegriff, zum Führen von V-Männern. Bis die Behörde die Zusammenarbeit beendete, ihn aber nicht fallen ließ, sondern fürsorglich betreute. Im Januar 2007 wünschte der neue hessische Geheimdienstchef Alexander Eisvogel dem Kollegen „für Ihren weiteren Lebens- und Berufsweg … alles Gute!“ Das Disziplinarverfahren gegen ihn, schrieb er, sei „einzustellen“ gewesen. Temme wurde im Kasseler Regierungspräsidium rentengesichert untergebracht, ohne dass er seinen Beamtenstatus verloren hätte.

Die Abschriften der Gespräche zwischen Temme und seinen Kollegen aus dem Amt haben es in sich. Der FR-Korrespondent Pitt von Bebenburg schaute bei der Lektüre in einen „Abgrund der Ungeheuerlichkeiten“. Die FAZ sprach von „Täterschutz“, vom „Erklärungsnotstand“ der Behörde. Man kam nicht umhin, dem gern zitierten gesunden Menschenverstand nachzusinnen. Juristisch zwar ohne Belang. Beweisanträge aber sind prozesstauglich, sie sind Geschütze.

Aufhorchen ließ ein Satz aus einem Gespräch zwischen dem Geheimschutzbeauftragten beim Landesamt für Verfassungsschutz, Hess, mit Andreas Temme ein paar Wochen nach dem Mord. Hess: „Ich sach ja jedem, äh, wenn er weiß, dass irgendwo so etwas passiert: Bitte nicht vorbeifahren.“ Ein kryptischer Satz? Eher ein Satz, der Deutungsmöglichkeiten birgt, vielleicht auch Sprengstoff. Was sagte das Präsens aus – statt des Imperfekts? Oder spricht hier bloß die Ungenauigkeit der Alltagssprache?

Mit den Mitteln der Philologie machten sich Juristen darüber her. Die Anwälte schlossen daraus, „dass Temme (und also der Verfassungsschutz, d. A.) schon vor der Tat wusste, „dass … so etwas passiert“ – entgegen den Anweisungen aber trotzdem „vorbeigefahren“ ist.“ In ihren Beweisanträgen, gestellt im NSU-Prozess in München, heißt es weiter, der Satz sei „in den ursprünglichen Abhörprotollen nicht zu finden, wohl aber noch auf den originalen Abhörbändern“. Träfe das zu, wäre es eine „Ungeheuerlichkeit“ (FR). Es wäre nicht nur ein „Desaster“ (SZ) für die Anklage im NSU-Prozess, es wäre eine „Staatsaffäre“. Es würde „alles, was bisher an Skandalösem rund um den NSU ans Licht kam, weit in den Schatten stellen“.

Die Bundesanwaltschaft ging ihrerseits an die Textdeutung, ihre Interpretation folgte auf dem Fuße. Sie widersprach. Im Münchner NSU-Prozess trug Oberstaatsanwalt Jochen Weingarten vor, der Satz des Geheimschutzbeauftragten beziehe sich darauf, so zitierte ihn die SZ, „dass kein Mitarbeiter des Verfassungsschutzes dem damals unter Verdacht stehenden Kollegen [Temme] einen Besuch abgestattet habe.“ In den Umgang mit Sprache schleicht sich leicht auch eine Prise Willkür ein. Bei den Deutern schien nicht von Bedeutung, ob es sich um Präsens, Imperfekt oder Perfekt handelte.

Auf den Tonbändern der Telefongespräche fand sich nach Angaben der Nebenkläger auch der professionelle Rat eines Verfassungsschutz-Kollegen. Der Geheimschutzbeauftragte Hess riet Temme wörtlich, er solle „so nah wie möglich an der Wahrheit bleiben.“ Bedeutete dies: nicht die ganze Wahrheit sagen? Wäre dies die Logik des Satzes? Oder war er eine schlichte Aufforderung, die wörtlich zu nehmen wäre? Ein Satz mit doppeltem Sinn, eine Zweideutigkeit. Die Welt der Geheimdienste tat sich einen Spalt auf, ließ ihre Sprache, ihr Denken, ihre Kommunikationsformen erkennen. Aus Eindeutigkeit wurde ein Clinch der Deutungen. Welch ein Romanstoff.

Was dieser Satz wirklich meinen, welche Logik ihm innewohnen könnte, wird vielleicht verständlich, wenn man ein weiteres Telefonat heranzieht. Anno 2006 steckte der Verfassungsschutzbeamte Andreas Temme tief im Schlamassel. Ob er beunruhigt war? Eher unwahrscheinlich, folgt man seinen von heiterem Gemüt geprägten Worten über die Szene im Café. Nichts Bedrückendes schwang mit, vielmehr „der ganze Spaß“; und wenn der „rum“ sei, so versprach er einem Kollegen fernmündlich, „dann kann ich dir das mal erzählen, das ist am Telefon ein bisschen schlecht. Auch wegen dem ganzen anderen Drumrum, von wegen, dass ja auch niemand außerhalb auch nur irgendwas darüber erfahren darf … Da muss man ja bisschen aufpassen.“

Beispiele für die Alltags-Kommunikation in einem deutschen Geheimdienst. Dort plauderte man über einen Mordfall an einem jungen Migranten in sorglosem Tonfall von „der ganze Spaß“ oder von „Drumrum“. Offenbar ohne jede Besorgnis, dass etwas aufkommen könnte. Gab es Mitwisser?

Die Kulissen, hinter denen damals die internen Drähte der Behörden heiß liefen, Drähte, die vom Hessischen Innenministerium geknüpft wurden, dem sowohl Verfassungsschutz als auch Polizei unterstehen, standen wie Mauern, fest und unverrückbar. Interne Ermittlungsergebnisse landeten in der Schublade. Ob Temmes Anwesenheit beim Mord im Café oder die Plastiktüte samt Inhalt oder der V-Mann „Gemüse“ oder die Tatwaffe – die Öffentlichkeit blieb außen vor. In der Fachsprache hieß das: Quellenschutz geht vor Täterermittlung. Oder, wie es Sebastian Edathy, damaliger Vorsitzender im Untersuchungsausschuss des Bundestages, in einem Schlagabtausch mit dem hessischen Geheimdienstchef Irrgang formulierte: „V-Leute-Schutz um jeden Preis, und sei es, die Aufklärung eines Mordes zu verhindern.“

Die Kasseler Kriminalpolizei ermittelte weiter. Sie hörte nicht nur Andreas Temme, sondern auch seiner Frau beim Telefonieren zu. Das Ehepaar wurde heimlich und diskret abgeklopft. Dabei wurde ein bizarres Gespräch zwischen Frau Temme und einer Freundin protokolliert. Es ging um die Frage, O-Ton Frau Temme, „ob Leute Schusswaffen besitzen und sie gebrauchen und ob sie irgendwie chatten oder ob sie gedenken, in der nächsten Zeit mal irgendwelche Türken niederzumetzeln“ – wörtlicher Auszug aus einem Zwiegespräch am Telefon.

Dem schloss sich der legendäre Plastiktüten-Dialog an, in dem sich die beiden Frauen über Männer austauschten, die derartige Behältnisse beim Einkaufen benutzen. „Männer, die Plastiktüten tragen, sehen doof aus.“ Sagte gemäß Mitschnitt Frau Temme über ihren „Andy“ zu ihrer Freundin.

Erkennbar war, wie genervt Frau Temme, gerade Mutter geworden, von den Ermittlungen der Polizei war, zunehmend genervt. Gegenüber Freundinnen, so die Abhörprotolle, empörte sie sich heftig, dass Andy ihr seinen Umgang mit Waffen verschwiegen habe, sein Depot im Haus der Eltern, seine Schießübungen. Dass er sich wie der „König von Kassel“ aufführe, klagt sie. Dies alles steigerte ihren Unmut über sein „Gejammer über sein aktuelles Schicksal“. Immer müsse sie sich anhören, „wie toll sein Amt und wie toll sein Chef und tralala und wie doof die Polizei“ sei.

Es waren Tage, in denen der vom Dienst suspendierte V-Mannführer zu Hause saß, viel Zeit hatte – und telefonierte. Reiche Beute für die Lauscher. Und Lehrmaterial für die Öffentlichkeit. Es fand sich der Satz des Kollegen Michael H., der Temme von den Gesprächen zwischen Chef und Kollegen im Dienst erzählte: „Was der Boss so gesagt hat: äh, dass eben der Typ in dem Café da umgedaddelt worden wäre.“ „Deformation professionelle“ wäre eine mögliche Diagnose.

Auf der Liste von Temmes Anrufern fand sich auch Frank-Ulrich Fehling, Leiter der LfV-Außenstelle Kassel, mithin sein örtlicher Chef. Es gehe um „die Kasseler Problematik“, meinte er vielsagend. Da „sitzt du ja ein bisschen drin, ne? Hast ja vieles zugegeben [beim Verhör durch die Kripo]“.

Es klang nach Agentenjargon, als er fortfuhr, er sei „überzeugt, dass Kassel nicht mehr läuft. Dass du da verbrannt bist.“ Doch Fehling schien auch die Aufgabe zu haben, Temme zu beruhigen. Im Amt hätten sie, betonte er, „alles im Griff. Keiner weiß was, für alle bist du krank“. Das sei „nicht schlimm“.

Auch bei Temmes V-Männern sorgte Fehling für Kontinuität. Er selbst, versprach er, werde „die drei Kasseler bzw. den 631, den 389 [Benjamin Gärtner] und den 650 weiter in deinem Sinne“ führen. Benjamin Gärtner wurde indessen vom Verfassungsschutz in seinem Status herabgestuft, von der „VP“ (Vertrauensperson) zur „GP“ (Gewährsperson). Um bald darauf „abgeschaltet“ zu werden. Was nicht bedeutete, dass der Dienst ihn fallen gelassen hätte. Im Gegenteil. Als Gärtner 2013 bei NSU-Prozess in München als Zeuge auftrat, wurde er von einem Rechtsbeistand begleitet, der, wie die Opferanwälte herausfanden, „vom Verfassungsschutz bezahlt“ worden sei. Als Journalisten ihn wegen eines Interviews zuhause aufsuchten, öffnete ihnen die Polizei – dein „Freund und Helfer“. Das alte, nette Etikett – es war schon fast vergessen.

Der Geheimschutzbeauftrage Hess hatte sich am 9. Mai bei Temme gemeldet. Hess war als Kümmerer wie als Kontrolleur eingesetzt. Als sei er in der Rolle des Ermittlers, konfrontierte er ihn mit drei Fragen.

Die erste: „Ab wann Sie als Person mit der Frage konfrontiert worden sind oder mitbekommen haben, da sind in der Bundesrepublik … Morde passiert?“ Die zweite Frage: „Ab wann ist Ihnen klar geworden, einen [Mord] mitbekommen haben oder möglicherweise an einem Tatort anwesend waren?“ Die dritte, in der dritten Person: „Hätte der Kollege [Temme] sich dann vielleicht mal äußern müssen – also dem Amt gegenüber?“

Auf alle drei Fragen reagierte Temme hörbar mit „Mhmh“. Ging zumindest am Telefon nicht auf sie ein. Sagte nicht, dass er niemals von der Mordserie gehört habe. Sprach aber auch nicht vom Informationsschreiben seiner Vorgesetzten Dr. Pilling, das ihn wenige Wochen vor dem Mord in Kassel über die vorherigen Morde ins Bild gesetzt hatte. Immerhin: es war für ihn eine Trainingseinheit. Er war vorbereitet auf weitere Vernehmungen durch die Polizei. Das Gespräch half ihm dabei, auch im Untersuchungsausschuss des Bundestages seine Linie zu halten: mit Gedächtnisschwund oder -lücken. „Diese Mordserie [des NSU]“, so Temme in Berlin auf Vorhalt des CDU-Bundestagsabgeordneten Clemens Binninger, „hatte ich bis dahin, so, in dieser Form, noch nicht wahrgenommen … Vielleicht habe ich irgendwo in der Zeitung etwas darüber gelesen, aber ohne, dass es mir im Gedächtnis geblieben wäre, wenn ich etwas gesehen hätte … Also, in dem Moment erschien es mir neu … Dienstlich war es definitiv kein Thema.“ Wäre es nicht so ernst, könnte man sich solche Worte und Sätze auf der Zunge zergehen lassen.

Zumal, wenn das von Temme zur Schau getragene Desinteresse an den Serienmorden so offensichtlich mit dem Thema eines Werks über Serienmorde mit dem Titel „Immer wieder töten“ kollidierte, das sich im Bücherregal des Verfassungsschützers gefunden hatte. Diese Koinzidenz, stellte der Grünen-Abgeordnete Wolfgang Wieland im Bundestagsausschuss erschüttert fest, „hätte Sie doch nun als Serienmordinteressierten geradezu heiß machen müssen.“

Bevor die polizeilichen Vernehmungen fortgesetzt wurden, verabredete sich Temme, noch immer suspendiert, mit Dr. Iris Pilling, seiner Wiesbadener Vorgesetzten, die, frisch aus dem Urlaub, entschied, sich mit ihm „net unbedingt auf der Außenstelle“ (Temmes Büro in Kassel), sondern so kinoreif wie konspirativ auf einer hessischen Autobahnraststätte irgendwo zwischen Frankfurt und Kassel zu treffen. Nicht ohne dabei von der Kasseler Kriminalpolizei observiert zu werden. Schwächlicher Agentenfilm: Eine Verfassungsschutz-Abteilungsleiterin trifft sich mit einem von der Polizei des Mordes verdächtigen Verfassungsschützer und V-Mannführer dort, wo Touristen tanken und Lkw-Fahrer duschen.

In einer Hauptrolle Dr. Iris Pilling, die, wie Stefan Aust schreibt, dem Chef der Kripo Kassel, Gerald Hoffmann, gegenüber mehrfach betont habe, Temme sei „ihr bester Mann“. Ein Ersuchen der Ermittler, an der Vernehmung eines von insgesamt sechs V-Männern, die Temme führte, teilnehmen zu können, bei der es um Temmes Alibi für den Zeitpunkt des achten NSU-Mordes in Dortmund gehen sollte, lehnte Dr. Pilling gleichwohl ab. Auf ihren „besten Mann“ ließ sie nichts kommen, über den hielt sie ihre schützende Hand. Das registrierte die Kripo mit Verbitterung. Die Stimmung zwischen den Behörden wurde angespannt, wurde frostig.

Im Untersuchungsausschuss des Bundestages nahm dessen Vorsitzender Sebastian Edathy die Gelegenheit wahr, den Zeugen Temme zum Autobahnraststättentreffen mit seiner Vorgesetzten zu befragen. Vergeblich. Dort sei es, darauf beharrte Temme unbeirrbar, „schlicht um menschliche Dinge“ gegangen.

Temmes Ehefrau abzuhören, zählte auch weiterhin zu den Ermittlungsvorhaben der Polizei. Fantasien über die Reaktionen der Lauscher mögen sich dabei einstellen. Frau Temme, eine Anhängerin deutlicher Formulierungen, berichtete einer Bekannten, ihrem Ehemann sei von seinen Vorgesetzten „der Arsch verhauen“ worden. Weil die „Kripo da im Amt rumlatscht, wo eigentlich keiner rein darf.“ Ihr Andy sei „definitiv nicht unschuldig in diese Situation geraten“. Er, der nie gesagt habe: „Ich war es nicht.“ „Vielleicht“, sagte sie ziemlich ungeschützt, „vielleicht war er es ja doch.“ Ein geradezu unüberhörbarer Hinweis, dass die Spur Temme noch Temperatur hatte?

Ende Juni 2006 kam es zu einem Treffen von Kriminalpolizei, Staatsanwalt und dem Geheimschutzbeauftragten Hess. Der Dienst blieb bei seiner Linie, alle Versuche polizeilicher Aufklärung zu blockieren. Er weigerte sich, Temmes V-Männer, darunter Benjamin Gärtner, von der Polizei als Zeugen vernehmen zu lassen. Gutachten wurden vorgelegt, die die Position des Auskunftsverweigerungsrechts untermauerten. Der Verfassungsschutz nannte das „Quellenschutz“ und führte die „berechtigten Interessen des LfV Hessen“ ins Feld. Sein Vertreter Hess wurde theatralisch und warnte vor einem „größtmöglichen Unglück für das Landesamt“.

Die Begründung des Beauftragten hatte es in sich: „Wenn solche Vernehmungen genehmigt würden, wäre es ja einfach, den gesamten Verfassungsschutz lahmzulegen“. Und Hess legte noch eine Schippe drauf, indem er anfügte: „Man müsse nur eine Leiche in der Nähe eines V-Mannes bzw. eines V-Mannführers positionieren.“ War das Zynismus? Mit Blick auf das Internet-Café in der Holländischen Straße in Kassel bekommt es den Beiklang. Den Ermittlern der Kriminalpolizei stellte Amtsleiter Hess anheim, Fragenkataloge für die V-Männer einzusenden. Was dabei herauskam, war der Erwähnung nicht wert.

Noch einmal war Temmes unmittelbarer Chef Fehling am Apparat. Aus der Abschrift ihrer Unterhaltung ging hervor, dass Temme, eben Vater eines Sohnes geworden, zuvor ein Gespräch mit seinem obersten Chef in Wiesbaden gehabt hatte, mit Lutz Irrgang, dem Präsidenten des Landesamtes und Vorgänger von Dr. Iris Pilling im Amt Beschaffung. Fehling wusste davon, es war sein Auftrag, anzurufen. In dieser und anderen Unterredungen ging es um die Strategie gegenüber der Polizei. Fehling sagte ganz offen: „Und wie du das beim Irrgang gemacht hast und hast dich nicht so restriktiv wie bei der Polizei verhalten … Ich darf es und will es nicht wissen. Ich hoffe, dass es gut für dich ausgeht.“ – O-Töne aus einem Schattenreich. Oder: Amnesie als Seuche.

Die jüngsten Funde der Abhörprotokolle bewogen die Nebenklagevertreter von Halit Yozgats Eltern zu dem Antrag, den hessischen Ministerpräsidenten Bouffier vor den Münchner NSU-Prozess zu laden. Mitbringen könne er, hofften sie, bei dieser Gelegenheit die vollständigen „Treffberichte“ zwischen V-Mannführer Andreas Temme und seinem V-Mann Benjamin Gärtner, die das Bundesland Hessen dem Ausschuss des Bundestages vorenthalten hatte.

Beim Prozess in München hätte Bouffier seinen zweiten Auftritt in diesem Zusammenhang, nachdem er 2012 sieben Stunden im Bundestagsuntersuchungsausschuss zum NSU-Mord in Kassel und zur Rolle des hessischen Verfassungsschutzes Rede und Antwort gestanden hatte. Befragt worden war er in Berlin vom SPD-Politiker und Ausschussvorsitzenden Sebastian Edathy, in scharfem, fast gereiztem Ton. Nicht allein er. Des Juristen Edathys Art der Befragung im Ausschuss hatten auch andere Politiker und Repräsentanten der Geheimdienste zu spüren bekommen. Ein schulbuchreifes Beispiel, wie es im Bundestagsausschuss, einem demokratisch bestimmten Gremium, zuging, lieferte Edathys Befragung des damaligen hessischen Verfassungsschutzchefs Lutz Irrgang. Hessentag in Berlin, denn auch Andreas Temme war befragt worden.

Edathy: „Heißt das, dass eine Verfassungsschutzbehörde, wenn ein Mitarbeiter des Verfassungsschutzes unter Mordverdacht steht, in jedem Fall Ermittlungen blockieren darf, weil es ja sein könnte, dass der Mitarbeiter zu Unrecht einem Verdacht unterzogen wird? Oder ist es nicht umgekehrt völlig logisch und absolut unersetzbar in einem Rechtsstaat, dass dort, wo es einen Mordverdacht gibt, die Ermittlungsbehörden – das ist nicht der Verfassungsschutz, das sind Polizei und Staatsanwaltschaft – auch in die Lage versetzt werden, ihrer Arbeit nachzugehen? Und ist es nicht Einmischung in die Arbeit von Polizei und Staatsanwaltschaft, wenn Sie dem, was Polizei und Staatsanwaltschaft von Ihnen als dienstvorgesetzter Behörde von Herrn Temme wünschen, nicht nachkommen?“ Und weiter: „Ist Ihre Begründung: ´Im Nachhinein hat sich Herr Temme als sehr wahrscheinlich unschuldig erwiesen`, ein Freibrief dafür, dass Sie oder Kollegen, die gegenwärtig eine Verfassungsschutzbehörde leiten, sich dazu ermächtigt und berechtigt sehen, Ermittlungen zur Aufklärung eines Kapitalverbrechens zu behindern …? Haben Sie die Autorität, haben Sie die Qualifikation, haben Sie die Zuständigkeit, die Validität von polizeilichen und staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen zu bewerten und im Lichte Ihrer Bewertung zu sagen: ´Wir kooperieren oder wie kooperieren nicht`?“

Der SPD-Abgeordnete Sebastian Edathy fügte einen bemerkenswerten Satz an. Vor allem im hessischen Licht der Veröffentlichungen von Abhör-Mitschriften hat seine Frage an Lutz Irrgang Bedeutung. Er fragte den Verfassungsschutzchef: „Entnehme ich es zutreffend den Akten, dass letztendlich die Entscheidung des Innenministers Bouffier damals notwendig war, sich entweder auf die Seite von Staatsanwaltschaft oder auf die Seite des Verfassungsschutzes zu stellen, weil Sie hartnäckig abgelehnt haben, die Befragung der V-Leute der Staatsanwaltschaft zu ermöglichen?“

Bouffier hatte sich bei seiner Entscheidung auf ein Gutachten aus dem Bundesamt für Verfassungsschutz gestützt. Dem Verfasser gereichte das zum Nutzen. Die Ausarbeitung verhalf ihm zu einem Karriereschritt. Als Nachfolger von Lutz Irrgang wurde Alexander Eisvogel Präsident des Hessischen Landesamtes für Verfassungsschutz.

Wer die Protokolle des Berliner Ausschusses liest, kann nachspüren, wie Sebastian Edathy die Verhandlungen führte. Dabei schält sich ein Eindruck heraus. Couragiert fragte er, fragte nach, nahm sich Zeugen vor, denen er sichtlich lästig wurde, die auswichen, unwillig reagierten. Die ihre Empörung aus dem Saal in ihre Behörden mitnahmen. Edathy arbeitete sich an den für den Geheimdienst-Skandal Verantwortlichen ab. Zu sagen, dass ihm seine Unerschrockenheit zum Schaden geriet, wäre untertrieben.

Die Folgen sind bekannt. Die Dienste – kann man sagen – schlugen zurück. Amtliche Surfer gingen auf Jagd. Fanden Fotos im Netz, die Edathy offenbar bestellt und runtergeladen hatte. Das Etikett „Kinderpornografie“ war zur Hand. Es ist das Vernichtungs-Etikett schlechthin. Geheimdienstliche Googler hatten einen Coup gelandet. Sektkorkenknallmäßig. Ein Spitzenergebnis. Auf der Richterskala von öffentlicher Moral bzw. medialer Erregung ganz oben.

Es war der ehemalige Vizepräsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Klaus-Dieter Fritsche, einer der Hauptverantwortlichen für den Geheimdienst-Skandal um den NSU, der die Information über den Fund weitergab.

Fritsche war es gewesen, der im Berliner Ausschuss für einen Eklat gesorgt hatte, als er einen Befreiungsschlag versuchte, indem er es für angemessen hielt, einen „Skandalisierungswettbewerb“ gegen die Sicherheitsbehörden anzuprangern. Edathy parierte: „Es geht um den bedingungslosen Schutz der Menschen und Bürger in diesem Land, vielleicht weniger um den bedingungslosen Schutz der Klarnamen da, wo wir sie für die Ausschussarbeit benötigen.“

Von Klaus-Dieter Fritsche gelangte der Hinweis auf Fotos und ihren Nutzer dorthin, wohin er sollte, in die Medien und in die Politik, zum damaligen Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich, welcher seinerseits führende SPD-Politiker informierte. Eine Spur, die die Sozialdemokraten nachhaltig umtreiben sollte. Friedrich musste zurücktreten, ging aufs Altenteil. Fritsche stieg auf zum Staatssekretär und Beauftragten für die Nachrichtendienste des Bundes im Kanzleramt der Großen Koalition. Der Ball wurde weitergespielt, bis er bei der Staatsanwaltschaft in Niedersachsen lag, für die sich ein faires Verfahren in diesem Fall als Fremdwort entpuppte.

Das Verfahren, dem sich Edathy – nach der öffentlichen Zerstörung seiner bürgerlichen wie politischen Existenz – ausgesetzt sah, endete wie erwartet mit einer lächerlichen Geldbuße. „Ein mickriger Betrag angesichts dieses Theaters“, schrieb der Spiegel. Die Jagd war vorbei. Das Vorgehen gegen den ehemaligen SPD-Bundestagsabgeordneten aber trug Züge einer Kampagne, einer gnadenlosen Vergeltungsaktion, die offenbar auf seine Verhandlungsführung im Berliner Ausschuss reagierte: Für Edathy wurde, in einer Kooperation von Behörden, Justiz, Politik und Medien, die Unschuldsvermutung außer Kraft gesetzt, er wurde vor die Kameras gezerrt, sein Name beschädigt, er wurde zur Strecke gebracht, seine Karriere wurde vernichtet. Die Mission war vollendet.

Das hessische Kapitel der Geschichte ist noch nicht abgeschlossen. In den Blick geraten ist Volker Bouffier, der in Wiesbaden als Ministerpräsident amtiert. Seine einstige Sperrerklärung betr. das Aussageverbot für die V-Männer des V-Mannführers Temme war mit dem Argument vom „Quellenschutz“ bzw. dem „Wohl des Landes Hessen“ untermauert worden. Das Aussageverbot könnte juristische Folgen für Bouffier haben.

Es könnte, vermuten die Anwälte der Nebenklage, als Strafvereitelung im Amt, mithin als Straftatbestand gewertet werden. Nicht genug damit. Die vorgelegten Telefon-Mitschriften, so die SZ, werfen Licht auf „dunkle Machenschaften“, auf einen „rätselhaften Umgang Bouffiers und der Sicherheitsbehörden mit dem Mord“ in Kassel. Anschwellende Lautstärke der Warnsirenen in Wiesbaden.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 21.3.2015

Andreas Temme bei einer Tatortbegehung in Kassel
O-Töne

Einvernahme des Zeugen Andreas Temme im Prozess vor dem OLG München durch den Vors. Richter Manfred Götzl vom Staatsschutzsenat am 9.1.2014 im 63. Prozesstag:

Ein (ex-) Verfassungsschutzbeamter, hoch professionell, in der Rolle dessen, der sich prinzipiell an nichts, was prozessrelevant ist oder sein könnte, erinnert, sehr konzentriert, wachsam. Mimt gekonnt chronische Gedächtnisschwäche. Gibt unbeirrbar den Mann ohne Erinnerung. Das Publikum reagiert mit Empörung und Fassungslosigkeit. Im Saal immer wieder Kopfschütteln.

O-Ton Andreas Temme

„Geschichten, von denen offensichtlich viele falsch sind“

O-Ton Andreas Temme

„Ob ich von der Tat wusste, kann ich nicht mehr sagen.“

O-Ton Andreas Temme

„Ich konnte mir das schlicht nicht vorstellen, dass ich so nahe an dem Mord dran war.“

O-Ton Andreas Temme

„Weil ich nicht weiß, wann ich von der Tat erfahren habe.“

O-Ton Andreas Temme

„Ich war an dem Punkt so blind.“

O-Ton Andreas Temme

„Bei der Suche nach meinen Gedanken laufe ich immer wieder gegen eine Wand.“

O-Ton Andreas Temme

„Ich weiß nicht mehr genau.“

O-Ton Andreas Temme

„Die Erinnerungen … sind weg.“

O-Ton Andreas Temme

„Ich erinnere mich an das Gespräch … nicht. Deshalb habe ich dazu auch keine Erinnerungen.“

O-Ton Andreas Temme

„Ich erkenne mich darin nicht, erschließt sich mir nicht.“

O-Ton Andreas Temme

„Habe keine genaue Erinnerung mehr.“

O-Ton Andreas Temme

„Ich kann nicht wiedergeben, mit wem ich was besprochen habe.“

O-Ton Andreas Temme

„Kann mich nicht an Inhalte im Einzelnen erinnern.“

O-Ton Andreas Temme

„Kann sein. Aber das wäre spekulativ.“

O-Ton Andreas Temme

„Kann ich nichts Konkretes dazu sagen.“

O-Ton Andreas Temme

„Ich weiß nicht, wann, wo und wie.“

(von Nebenkläger-RA Bliwier in die Enge getrieben, J.W.)

O-Ton Andreas Temme

„Wenn ich mich an ein Telefonat nicht erinnere, dann kann ich auch nicht ausschließen, ob es möglicherweise auch andere gab.“

O-Ton Andreas Temme

„Ja, … nein, … ich weiß nicht.“