Manches ist im Nachhinein von uns stillschweigend zur Kenntnis genommen worden, nachdem es zur rechten Zeit übersehen wurde, vieles nämlich, was die dänische Kultur hervorgebracht hat, wie etwa den unangepassten Komponisten Carl Nielsen, dessen sinfonisches Werk Hans-Klaus Jungheinrich vorstellt.

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Nie war Nielsen spannender

Die sechs Symphonien des knorrigen Dänen mit den New Yorker Philharmonikern

Von Hans-Klaus Jungheinrich

Unter den Formen und Gattungen der Musik nimmt die Symphonie einen ähnlichen Platz ein wie der Roman in der Literatur: als ein besonders ehrgeiziges und mit Verantwortlichkeit (dann auch mit Tradition) beladenes künstlerisches Unterfangen, das Erzählerisches enthält (man könnte sagen, die Musik erzählt sich selbst) und dieses in ebenso ausdifferenzierter wie umfänglicher Art (großes Orchester!) darbietet. Zwar war die Symphonie wie der Mond bei Christian Morgenstern ein vornehmlich „deutscher Gegenstand“ (dabei blickt man auf die Wiener Klassiker-Troika Haydn, Mozart und Beethoven und auf deren großerzählerische Nachfahren Brahms, Bruckner, Mahler zurück), doch zog der attraktive Modus des in mehreren typischen Kapiteln (Sätzen) aufgeteilten Klangerzählens auch in andere Regionen ein, weniger in die romanischen, mehr in die slawischen und nordischen Sphären. Im Zeichen der strengeren Moderne des 20. Jahrhunderts wurde die Symphonie ähnlich vernachlässigt wie – zumindest theoretisch – der Roman in der avancierten Literaturdebatte (der dabei als triviales oder halbtriviales Bestseller- und Junky-Genre umso erfolgreicher wurde). Die postmodernen Phänomene haben das Verhältnis zur Symphonie entkrampft; diese Gattung ist – umso mehr, als sie historistisch oder ironisch relativiert werden kann – auch als aktuelles Medium keinem Tabu mehr unterworfen.

Fixierung auf die deutsch-österreichische Tradition der Symphonik war es vor allem, die lange an den nicht-mitteleuropäischen Exempeln der Symphonie absichtsvoll vorbeisah. Geradezu skandalös und voller Ranküne wurde das vor allem an einer Erscheinung wie Jean Sibelius – nicht zuletzt von Adorno – durchexerziert. Ähnliche symphonische Oeuvres des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts wie das des Engländers Ralph Vaughan Williams und des Dänen Carl Nielsen ließen sich hierzulande leichter totschweigen – sie taugten nicht zu antitraditionalistischer Polemik, gingen scheinbar im Meer der „gemäßigten“, Gegensätzliches in sanfterer Form vermittelnden Moderne unter. Carl Nielsen (1865-1931) unterscheidet sich von Sibelius und Vaughan Williams noch dadurch, dass er keine „exotischen“ Komponenten aufweist, die mit den aparten folkloristischen Melodiebildungen des Finnen oder den exzessiven „impressionistischen“ Landschaftsbeschreibungen einiger Vaughan Williams-Symphonien vergleichbar wären. Nielsens Tonsprache ist spröder, auch schwerer auf Anhieb greifbar in ihrer Eigenwilligkeit. Kaum, dass man sie ihrer „skandinavischen“ Herkunft nach leicht verorten könnte. Sie erinnert eher an einen (freilich konturschärferen) Brahms, in ihrer mittleren Periode auch an die Generosität und den „nobilmente“-Gestus des Engländers Edward Elgar.

Nielsen war fast gleichaltrig mit Richard Strauss, und daraus ergibt sich der frappierende Eindruck eines Musikers, der im Gegensatz zu all seinen Generationsgenossen vom „Tristan“-Erlebnis offenbar unbeeindruckt blieb. Nielsens Idiom wirkt auf fast demonstrative Weise „unromantisch“, dem zeitgemäßen Hang zu Klangzauber und décadence ausweichend, mit einem deutlichen Hang zum Kantigen, ja zur Trockenheit. Dabei entsteht aber auch kaum Akademisches, konventionell Erstarrtes. Wenn Nielsen anstatt harmonischen Raffinements eine gesteigerte Polyphonie und vehemente rhythmische Energetik betreibt, dann kommt es zu durchaus „verrückten“, extremen Klanggebilden (5. Symphonie). Man könnte die anachronistische Wirksamkeit Nielsens als eines konsequenten Wagner-Muffels mit dem abwartenden Status des latent modernen Antiromantikers Leos Janácek vergleichen. Beide lebten unweit der musikalischen Zentren und hielten sich dennoch von den üblichen Einflüssen frei. Bei Nielsen geschah das weit „unauffälliger“ als bei Janácek. Deshalb ist die Eigenart seines Komponierens auch weniger spontan ohrenfällig.

Nielsens sechs Symphonien sind gut als Zyklus wahrnehmbar und auch darum ein „repräsentativer“, die persönliche Physiognomie des Künstlers umfassender Werkblock, weil die – jeweils nicht viel mehr als halbstündigen – Stücke sich einigermaßen gleichmäßig über alle Schaffensperioden verteilen. Die 1. Symphonie entstand noch weit vor der Jahrhundertwende (1889-94), die letzte mitten in den Zwanzigerjahren (1924/25). Diese in ihrer fast ungetrübten Diatonik daherkommende „Sinfonia semplice“ könnte glatt als modebewusster Tribut an den damals flagranten Neoklassizismus aufgefasst werden, wäre sie nicht zugleich erkennbar als eine Quintessenz der lebenslang von Nielsen bevorzugten luziden Schreibweise. Wie, beinahe konträr hierzu, in der vorangegangenen Fünften (1920-22) methodische Klangschichtung zu einer „konstruktiven Orgiastik“ ausformbar ist, zeigen einige atemberaubende Momente, die sich mit Ähnlichem im „Sacre du printemps“ berühren. Dass Nielsen sich, bei aller Knorrigkeit, in der Idealkonkurrenz zu der großen Musik seiner Zeit fühlte, wird auch an subtilen Schwankungen zwischen „absolut-musikalischen“ und „programmatischen“ Intentionen im symphonischen Werk spürbar; einige Symphonien tragen Überschriften, die aber entweder allgemein oder abstrakt bleiben (Nr.3, „Sinfonia Expansiva“; Nr.4, „Das Unauslöschliche“) oder altväterlich (und hindemithisch) die tetralogische Satzfolge in das Raster der „Vier Temperamente“ spannen, und selbstverständlich beweist Nielsen in seiner 2.Symphonie, dass er empathisch und meisterhaft all diese Temperaments-Facetten musikalisch verkörpert und illustriert.

Die nicht allzu große Riege der Spitzenklangkörper bekümmerte sich in der Vergangenheit (ganz anders als in Sachen Sibelius) kaum je um Carl Nielsen; dies blieb meist den wenigen dänischen Philharmonien vorbehalten (auch die internationale Karriere von Nielsens schöner Oper „Maskerade“ war bescheiden). So ist man nun angenehm überrascht, dass die New Yorker Philharmoniker (einst bei Leonard Bernstein schon mit ziemlich enzyklopädischem Repertoire aufwartend) mit ihrem neuen Chef Alan Gilbert auf ein so reizvolles, weithin unabgegrastes Terrain vorstoßen. Gilberts hitziges Temperament zielt darauf, die „wilden“ Seiten Nielsens hervorzuheben, so dass von der manchmal drohenden akademischen Nüchternheit so gut wie nichts mehr übrigbleibt. Die gegenwärtigen Wiedergabe-Tendenzen beleuchten mit Vorliebe Extreme, und so ist Gilberts Diktion nicht nur klar und konturiert, sondern nahezu grell und überpointiert. Durchaus nicht zum Schaden einer Musik, die sich in purer Zurückhaltung kaum erschließt. Damit verbinden sich die eher ruppigen als schönheitssüchtigen Klangqualitäten des Orchesters bestens. Noch niemals klang Nielsen so spannend wie hier. Und, wer hätte das gedacht, Spannung wird da zu einem Hauptwort für den einlässlichern Nielsen-Hörer.

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erstellt am 20.3.2015

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