Der Verleger des „New York Heralds“, James Gordon Bennet jun., ahnte wohl, dass er den richtigen Mann ausgewählt hatte, als er Henry M. Stanley auf die Suche nach David Livingstone schickte. Ausgestattet mit 4000 Pfund, stellte er eine umfangreiche Karawane zusammen. Die kleinen und großen Katastrophen auf dem langen Marsch ließen die Zahl von Menschen, Tieren und Material schrumpfen. Aber nach 236 Tagen fand der ehrgeizige Stanley den vermissten Forscher. Der unerwartete Reiseauftrag ins Herz von Afrika machte Stanley nicht nur zum erfolgreichen Reiseschriftsteller, sondern selbst zum Forscher. Seine Beschreibungen der Menschen und Landschaften auf der langen Reise sind bis heute eine spannende Lektüre.

Neunter Reisebericht

Henry M. Stanley: Wie ich Livingstone fand

Reisen und Entdeckungen in Zentral-Afrika 1871

Ausschnitte aus dem 2. Kapitel

Unsere Karawane besteht aus 28 Pagazis mit Einschluss des Kirangozi oder Führers; aus 12 Soldaten unter Hauptmann Mbarak Bombay, welche 17 Esel und ihre Lasten zu beaufsichtigen haben; aus meinem jungen Dolmetscher Selim mit einem Esel und einem belasteten Karren; aus einem Koch und seinem Stellvertreter, der gleichzeitig Schneider und Gehilfe für alles ist und mein graues Pferd führt; aus Shaw, dem ehemaligen Steuermann, der jetzt in einen Führer des Nachtrabs und Aufseher über die Karawane verwandelt ist und, mit einer nachenförmigen Kopfbedeckung und Wasserstiefeln versehen, auf einem guten Reitesel sitzt, und schließlich aus mir selbst, auf dem herrlichen kastanienbraunen Pferd reitend (dem Geschenk des Herrn Goodhue, eines seit Langem in Sansibar lebenden Amerikaners), als »Bana Mkuba«, der »große Herr«, wie ich von meinen Leuten genannt werde, als Leiter, Reporter, Denker und Führer der Expedition.

Im Ganzen zählt die Expedition am Tag der Abreise 3 Weiße, 23 Soldaten, 4 Überzählige, 4 Hauptleute und 153 Pagazis, 27 Esel und 1 Karren, welche Zeuge, Perlen, Draht, Bootgerätschaften, Zelte, Kochgeräte, Schüsseln, Medizin, Pulver, Schrot, Musketen und Metallpatronen, Instrumente, kleine Lebensbedürfnisse wie zum Beispiel Seife, Zucker, Tee, Kaffee, Liebig’schen Fleischextrakt, Fleischkonserven, Lichte usw. transportieren, was alles in allem 153 Lasten ausmacht. Die Waffen der Expedition bestehen aus einem glatten, doppelläufigen Hinterlader, einer amerikanischen Winchesterflinte (einem sogenannten »Sechzehnschießer«), einer gezogenen Henryflinte (auch Sechzehnschießer), 2 Starr’schen Hinterladern, einem Jocelyn’schen Hinterlader, einer Elefantenflinte mit Kugeln, von denen 8 aufs Pfund gehen, 2 Revolvern mit Hinterladung, 24 Feuerschlossmusketen, 6 einläufigen Pistolen, einer Schlachtaxt, 2 Schwertern, 2 Dolchen (persischen Kummers, die ich selbst in Schiras gekauft habe), einem Sauspieß, 2 vierpfündigen amerikanischen Beilen, 24 Hacken und 24 Metzgermessern.

Wir verließen Bagamoyo, von den Blicken vieler Neugieriger verfolgt, mit vielem Eklat und zogen dann eine enge Gasse hinauf, welche durch das dichte Laub zweier parallel laufender Hecken von Mimosen fast in ein Dämmerlicht gehüllt war. Wir waren alle guten Mutes, die Soldaten sangen, der Kirangozi erhob seine Stimme in einem lauten, brüllenden Ton und ließ die amerikanische Flagge flattern, welche allen Zuschauern sagte: »Siehe da, die Karawane eines Musungu!«, und mein Herz schien mir rascher zu schlagen, als es sich für das ernste Gesicht eines Führers passte, aber ich konnte es nicht zurückhalten, der Enthusiasmus der Jugend haftete mir noch an trotz meiner Reisen.

Und vor mir glänzte die Sonne der Verheißung auf ihrem Wege gen Westen. Um mich war alles lieblich; ich sah fruchtbare Felder, eine lachende Vegetation, merkwürdige Bäume; ich hörte das Zirpen der Heimchen, das Geschrei des Kiebitzes und das Summen vieler Insekten, welche mir alle zu sagen schienen: Endlich bist du auf dem Wege! Was konnte ich anderes tun, als das Gesicht gegen den wolkenlosen Himmel zu erheben und zu rufen: »Gott sei Dank!«

Das erste Lager, Schamba Gonera, ungefähr 3¼ englische Meilen entfernt, erreichten wir in 1 Stunde 30 Minuten. Diese erste oder »kleine« Reise lief verhältnismäßig sehr gut ab. Der Knabe Selim warf nicht mehr als dreimal den Wagen um. Der Soldat Zaidi ließ seinen Esel, der einen von meinen Kleiderkoffern und einen Munitionskasten trug, in einen Pfuhl schmutzigen Wassers fallen. Die Kleider mussten wieder gewaschen werden; der Munitionskasten war, dank meiner Vorsicht, wasserdicht.

Die folgenden drei Tage wurden dazu verwendet, die Vorbereitungen für die lange Landreise ganz zu vollenden und unsere Vorsichtsmaßregeln gegen die Masika, die jetzt bedenklich nahe war, zu treffen, sowie unsere Rechnungen zu bezahlen. Die Soldaten und Pagazis benutzten noch die Zwischenzeit, um ihre Freundinnen zu besuchen.

»Sofari – sofari leo! – Pakia, pakia!« (Eine Reise – eine Reise heute! – Macht euch auf den Weg – macht euch auf den Weg!) ertönte am Morgen des vierten Tages, der in allem Ernst für die Abreise bestimmt war, die muntere Stimme des Kirangozi, welche ihren Widerhall fand in der meines arabischen Knaben Selim, des Tambourmajors, Dieners und Faktotums. Als ich meine Leute zu ihrer Arbeit antrieb und kräftig mithalf, die Zelte abzubrechen, beschloss ich in meinem Geiste, dass, wenn meine vorangeeilten Karawanen mir reinen Weg gemacht hätten, ehe drei Monate vergangen wären, Unyanyembé unser Ruheort sein solle. Um 6 Uhr morgens war unser zeitiges Frühstück abgemacht, und die Esel und Pagazis zogen vom Lager Gonera ab. Selbst in dieser frühen Stunde hatte sich auf dem Lande eine ganze Menge neugieriger Eingeborener versammelt, denen wir das Abschieds-»Quahary« herzlich zuriefen. Mein kastanienbraunes Pferd erwies sich mir als unschätzbar für den Dienst des Quartiermeisters eines Transportzuges; denn mit einem solchen musste ich mich vergleichen. Ich konnte zurückbleiben, bis der letzte Esel das Lager verlassen hatte, um nach einem Galopp von wenigen Minuten mich wieder an die Front zu begeben und Shaw den Nachtrab zu überlassen.

Der Weg war ein bloßer Fußpfad und führte über einen Boden, der, obgleich sandig, von merkwürdiger Fruchtbarkeit war und Korn und andere Pflanzen, die in ganz ungeschickter Weise gesät und gepflanzt worden, hundertfältig hervorbrachte.

In etwa einer halben Stunde hatten wir das hohe Matama und die Felder von Wassermelonen, Gurken und Maniok hinter uns gelassen und befanden uns, nachdem wir ein Binsenmoor überschritten hatten, in einem offenen Wald von Ebenholz- und Kalabassenbäumen.

Alsbald erreichten wir den trüben Kingani, der wegen seiner Flusspferde berühmt ist, und gingen durch das Schilfmoor längs seines rechten Ufers, bis uns durch einen engen Graben, der einen unmessbar tiefen schwarzen Schlamm enthielt, geradezu Halt geboten wurde. Die Schwierigkeit, die uns dieser darbot, war sehr groß, obgleich er kaum 8 Fuß breit war. Man konnte nämlich die Esel und vor allen Dingen die Pferde nicht dazu bringen, die beiden Stangen zu überschreiten, wie es unsere zweibeinigen Lastträger taten. Auch konnte man sie nicht in den Graben treiben, weil sie dort rasch untergegangen wären. Die einzige Möglichkeit, ihn mit Sicherheit zu überschreiten, war durch eine Brücke, welche in diesem konservativen Land Generationen lang als das Werk der Wasungu bestehen würde. So begaben wir uns denn an die Arbeit, da wir es nicht vermeiden konnten, und bauten mit den amerikanischen Äxten, welche unzweifelhaft die ersten waren, deren Streiche in diesem Teile der Welt gehört wurden, eine Brücke. Man kann sich darauf verlassen, dass sie rasch gemacht wurde, denn wo der zivilisierte Weiße sich einfindet, muss jede Schwierigkeit weichen. Die Brücke bestand aus sechs starken Bäumen, die über den Graben geworfen wurden. Kreuzweise über diese wurden fünfzehn Packsättel gelegt, welche wiederum mit einer dicken Grasschicht bedeckt wurden. Alle Tiere gingen sicher hinüber, und sodann begann zum dritten Mal an diesem Morgen das Weiterwaten.

Der Kingani fließt hier nach Norden, und unser Weg lag an dem rechten Ufer entlang. Nachdem wir eine halbe Meile in der Richtung durch ein Dickicht von ungeheuren Binsen und üppigen Schlingpflanzen gegangen waren, kamen wir an eine Fähre, wo die Tiere wieder einmal abgeladen werden mussten.

Kingwere, der Nachenruderer, der uns von seinem Dickicht-Versteck auf der anderen Seite erblickte, beantwortete höflich unsere Hallos und brachte seinen großen ausgehöhlten Baum geschickt über die Wirbel des Stromes an den Ort, wo wir auf ihn warteten. Während ein Teil unserer Gesellschaft den Nachen mit unseren Gütern belud, machten andere ein langes Seil zurecht, welches den Tieren um den Hals befestigt wurde, um sie durch den Fluss aufs andere Ufer hinüberzuziehen. ……..

Am 11. Mai zogen die dritte und fünfte Karawane, jetzt vereinigt, das rechte Ufer des Mukondokwa durch Holcusfelder hinauf. Je weiter wir auf unserem Marsch nach Westen kamen, desto höher wurden die großen Mukondokwa-Gebirgszüge, und sie umgaben uns ringsum in einem engen Flusstal. Wir ließen Muniyi Usagara zur Rechten und stießen alsbald auf quer über unseren Weg ziehende Ausläufer der Berge, über die wir hinauf- und dann wieder hinabsteigen mussten.

Ein Marsch von 8 Meilen von der Furt von Misonghi brachte uns zu einer andern Furt des Mukondokwa, wo wir dem von Burton benutzten Weg, der den Goma-Pass und die tiefen Abhänge von Rubeho hinaufführte, auf lange Zeit Lebewohl sagten. Unser Weg verließ das rechte Ufer und folgte dem linken durch ein Land, welches das direkte Gegenteil des zwischen Gebirgszügen eingeschlossenen Mukondokwa-Tales ist. Wir hatten einen fruchtbaren Boden und eine üppige Vegetation, die von Miasmen dampfte und durch ihre Gerüche überwältigte, mit einer dürren Wildnis voll Aloe und Kaktuspflanzen vertauscht, wo vor allem auch der Kolquall und verschiedene Dornbüsche gediehen.

Statt auf baumbewachsene Höhenabhänge und Täler, statt auf bebaute Felder blickten wir jetzt auf das Gebiet einer unbewohnten Wildnis. Die Bergkuppen waren ihrer Laubkronen beraubt und offenbarten ihre von Regen und Sonne gebleichte Felsennatur. Uns gerade zur Rechten stand der Pic Nguru, der höchste der Usagara-Kegel, als wir den langen Abhang über dunkelgrauem Boden hinaufstiegen, welcher sich jenseits des braunen Mukondokwa zur Linken erhob……

Um 4 Uhr nachmittags kamen wir in Madete an, um zwei Esel ärmer, welche ihre müden Glieder im Todesschlaf ausgestreckt hatten. Wir hatten etwa 3 Uhr nachmittags den Mukondokwa überschritten, und ich überzeugte mich, nachdem ich Richtung und Verlauf desselben aufgenommen, dass er in der Nähe einer Berggruppe entspringt, die sich ungefähr 40 Meilen nordwestlich vom Pic Nguru befindet. Unser Weg führte uns westnordwestlich und entfernte sich schließlich an dieser Stelle von dem Flusse.

Nach einem Marsch von 7 Meilen über Berge, deren Sandstein- und Granitformation an verschiedenen Stellen zutage trat und deren steiniges, dürres Äußere sich an jedem Busch und jeder Pflanze widerzuspiegeln schien, und nachdem wir eine Höhe von ungefähr 800 Fuß über dem Spiegel des Mukondokwa erreicht hatten, erblickten wir, am 14., den See Ugombo, eine graue Wasserfläche, die direkt am Fuß des Berges lag, von dessen Gipfel wir auf die Landschaft schauten.

Da wir zwei Tage haltmachen mussten, weil der indische Küfer Dschako mit einem meiner besten Karabiner desertiert war, so benutzte ich die Gelegenheit, die nördlichen und südlichen Ufer des Sees zu untersuchen. Am felsigen Fuße eines niedrigen, auf der Nordseite gelegenen Bergbuckels, der ungefähr 15 Fuß über dem gegenwärtigen Wasserspiegel liegt, entdeckte ich in deutlichen, sehr bestimmten Linien die Wirkung der Wellen. Von seiner Basis nämlich konnte man bis an den Rand des Morastes feine Linien zermalmter Schalen so deutlich hervortreten sehen wie die kleinen Teilchen, welche reihenweise nach dem Rücktritt der Flut am Meeresufer liegen bleiben. Es unterliegt keinem Zweifel, dass die Wellenspuren sich von einem gewandten Geologen auf dem Sandstein noch viel höher hinauf hätten verfolgen lassen; mir jedoch offenbarten sie sich nur in ihren gröbsten Umrissen. Auch bezweifle ich durchaus nicht, nach einer zweitägigen Erforschung der Umgegend und namentlich der niedrigen Ebene am westlichen Ende, dass dieser See Ugombo nur das Schwanzstück eines großen Wasserkörpers ist, der früher ebenso groß wie der Tanganika war.

Gegen Ende des ersten Tages unseres Aufenthalts kam unser Hindu Dschako im Lager an und entschuldigte sich damit, dass er vor Müdigkeit in einem wenige Schritte vom Weg entfernten Gebüsch eingeschlafen sei. Da er die Ursache unseres Aufenthalts in der armseligen Wüste von Ugombo war, so befand ich mich nicht in einer Gemütsstimmung, ihm zu verzeihen. Um ihn also daran zu hindern, uns in Zukunft wieder derartige Streiche durch Weglaufen zu spielen, sah ich mich gezwungen, ihn in die gefesselte Bande der Deserteure einzuschließen.

Es fielen noch zwei von unseren Eseln; der eine davon war von Farquhar durch seine Körperlast und schaukelnde Reitmethode zu Tode geritten. Um es zu verhindern, dass das wertvolle Gepäck zurückbleibe, sah ich mich genötigt, Farquhar auf meinem eigenen Reitesel in das 30 Meilen entfernte Dorf Mpwapwa unter Aufsicht von Mabruki-Burton zu schicken. Farquhar war durch seine vollständige Unfähigkeit, etwas für sich selbst zu tun, zum Spott der Karawane geworden. Er schrie beständig wie ein krankes Kind nach einem halben Dutzend Menschen, die ihm aufwarten sollten, und wenn sie die englische Sprache, in der er sie anredete, nicht verstanden, so erging er sich in einem Strom der gemeinsten Schimpfworte, wie sie nur je das Ohr eines anständigen Christenmenschen beleidigt haben. Dschako, den ich ihm als Koch beigegeben, als er mit der dritten Karawane abgegangen war, hatte er so furchtbar geprügelt, dass er fast blödsinnig geworden war, und die Wangwana-Soldaten fürchteten seine unsinnige Heftigkeit so, dass sie ihm nicht nahe kommen wollten. Infolgedessen hörte man Farquhars Stimme, die zu keiner Zeit sehr harmonisch war, Tag und Nacht in den schrillsten Tönen zanken.

Sechs Tage lang ertrug ich diese Plage, und wenn meine Esel am Leben geblieben wären, hätte ich sie vielleicht noch länger ausgehalten; da sie aber alle sehr schwach waren und ein Reiter wie Farquhar sie der Reihe nach ruiniert haben würde, war ich wider Willen gezwungen, um die Expedition vom Untergang zu retten, den Schluss zu ziehen, dass es für mich, für ihn und alle Teile besser sei, ihn bei einem freundlichen Dorfhäuptling mit Vorräten an Tuch und Perlen auf sechs Monate zu lassen, bis er wieder wohler würde, als dass er mich zugrunde richte und seine eigene Wiederherstellung unmöglich mache.

Ausschnitte aus dem 6. Kapitel

Am 29. verließen wir unser Lager und befanden uns nach wenigen Minuten vor der erhabensten, aber wildesten Landschaft die wir bisher in Afrika gesehen hatten. Das Land war nach allen Richtungen von tiefen, wilden, engen Schluchten durchschnitten, die sich überallhin, meist aber nach Nordwesten zogen, und zu beiden Seiten erhoben sich enorme viereckige Massen nackter Felsen (Sandstein), die teils rund und hoch aufgetürmt, teils pyramidal, teils in kreisförmigen Bergketten mit scharfem, rauem, kahlem Grat in die Höhe stiegen. Nirgends war viel Vegetation sichtbar, außer wo sie ein spärliches Unterkommen in der gespaltenen Krone eines riesigen Berggipfels fand, wo sich etwas Erdreich gesammelt hatte, oder am Fuße der rötlichen Ockerabhänge, die sich überall steil vor unserem Blick erhoben.

Wir hatten eine lange Reihe von Felsrinnen hinabzusteigen, wo wir von drohenden Massen verwitternden Gesteins umgeben waren, bis wir an eine trockene, steinige Schlucht kamen, wo Berge von einigen Tausend Fuß Höhe sich über uns emportürmten. Dieser Schlucht, die sich nach allen Richtungen hin wand, allmählich aber zu einer weiteren, sich nach Westen hinziehenden Ebene erweiterte, folgten wir. Der Weg, der von hier weiterführte, ging über einen niedrigen Kamm nach Norden, und wir erblickten verlassene Ansiedlungen, deren Dörfer auf dichter aussehenden, burgartigen Felsmassen erbaut waren. In der Nähe eines steil aufsteigenden Felsens von mehr als 70 Fuß Höhe und etwa 50 Meter Durchmesser, der die benachbarte riesenhafte Sykomore wie einen Zwerg erscheinen ließ, schlugen wir nach einem anhaltenden und raschen Marsch von fünfeinhalb Stunden unser Lager auf.

Die Leute waren sehr hungrig; sie hatten jedes Stückchen Fleisch und jede Spur von Korn, die sie besaßen, vor 20 Stunden aufgegessen, und eine sofortige Aussicht auf Nahrungsmittel war nicht vorhanden. Mir waren nur eineinhalb Pfund Mehl geblieben, und diese Quantität hätte nicht ausgereicht, um damit anzufangen, eine Truppe von mehr als 45 Leuten zu nähren; ich hatte aber noch ungefähr 30 Pfund Tee und 20 Pfund Zucker, und sobald wir im Lager ankamen, ließ ich jeden Kessel füllen und aufs Feuer setzen und für alle Tee bereiten, indem ich einem jeden ein Quart dieses heißen, angenehmen, gut gesüßten Getränks gab. Einige meiner Leute stahlen sich auch in die Tiefen des Dickichts, um wildes Obst zu suchen, und kehrten alsbald mit Körben voll Waldpfirsichen und Tamarinden zurück, welche ihnen, obwohl sie nicht sättigten, doch einen Genuss boten. Ehe wir uns an jenem Abend zu Bett begaben, begannen die Wangwana ein lautes, an Allah gerichtetes Gebet um Nahrungsmittel.

Zeitig am Morgen erhoben wir uns mit dem Entschluss weiterzureisen, bis wir uns Nahrungsmittel verschaffen konnten oder vor Strapazen und Schwäche umfielen. Spuren von Rhinozerossen und Büffeln waren reichlich vorhanden, doch sahen wir kein lebendes Wesen. Wir zogen über eine Menge kurzer Abhänge, kamen häufig in die Abgründe trockener, steiniger Rinnen und schließlich in ein Tal, das auf der einen Seite von einem dreieckigen Hügel mit steilen Seitenwänden und auf der anderen von einer kühnen Gruppe von drei Bergen begrenzt war. Als wir dies Tal hinab marschierten, das bald sein trockenes, dürres Aussehen mit einem lebhaften Grün vertauschte, erblickten wir in der Ferne einen Wald und befanden uns bald in Kornfeldern. Gierig schauten wir nach einem Dorf aus und entdeckten ein solches auf dem Gipfel des hohen dreieckigen, zu unserer Rechten befindlichen Berges. Bei dieser Entdeckung erhob sich ein lautes Freudengeschrei, die Leute warfen ihre Lasten ab und fingen an nach Nahrungsmitteln zu rufen. Ich ersuchte Freiwillige, vorzutreten, um Zeug mitzunehmen und die Höhen zu erklimmen, um Viktualien um jeden Preis aus dem Dorf zu bekommen. Während drei oder vier danach ausgingen, ruhten wir ganz ermattet auf dem Boden aus.

In etwa einer Stunde kehrte unser Fouragekommando mit der erfreulichen Nachricht zurück, dass Nahrungsmittel reichlich vorhanden seien. Das Dorf, das wir sahen, hieß »Welled Nzogeras«, des Sohnes von Nzogera; dies ließ uns erkennen, dass wir uns in Uvinza befanden, da Nzogera der erste Häuptling von Uvinza ist. Ferner teilten sie uns mit, der Vater Nzogera führe Krieg mit Lokanda-Mira wegen einiger im Tale des Malagarazi gelegenen Salzgruben, und es werde infolgedessen schwer sein, auf dem gewöhnlichen Wege nach Udschidschi zu ziehen; doch sei der Sohn von Nzogera gegen Entschädigung bereit, uns mit Führern zu versehen, die uns sicher auf einem nördlichen Wege nach Udschidschi bringen könnten.

Da sich unsere Aussichten gut gestalteten, lagerten wir, um die reichlichen Vorräte zu genießen, für welche unsere Mühen und Entbehrungen während des Durchschreitens der Ukawendi-Wälder und Dickichte uns gut vorbereitet hatten.

Dann fing eine diplomatische Verhandlung an in Bezug auf die Quantität und Qualität der Tuche, die der Sohn von Nzogera gewöhnlich von den Reisenden verlangte. Es gelang uns, seine Anforderungen von 10 auf 7½ Doti Merikani und Kaniki herabzudrücken und uns die Führer, die wir zu haben wünschten, zu verschaffen.

Nachstehend gebe ich einen Auszug aus meinem Marschtagebuch, da ich ohne seine Hilfe es für unmöglich halte, unsere verschiedenen Erlebnisse detailliert zu erzählen, sodass man sie in ihrer Reihenfolge gehörig überblickt, und da diese Auszüge am Schlüsse eines jeden Tages niedergeschrieben wurden, so besitzen sie, nach meiner Ansicht, mehr Interesse als eine kühle Erzählung von Tatsachen, die jetzt durch die Erinnerung abgeschwächt sind.

31. Oktober, Dienstag. Lager im Dickicht. Richtung des Weges Nord zu Ost. Zeit des Marsches 4 Stunden 15 Minuten.

Nachdem wir den Fuß des dreieckigen Berges verlassen hatten, auf welchem der Sohn von Nzogera seine Veste gebaut hat, führte uns eine lange Zeit unser Weg ostnordöstlich, um einen tiefen, unpassierbaren Sumpf zu vermeiden, der sich zwischen uns und dem geraden Wege nach dem Malagarazi-Fluss befand. Das Tal neigte sich rasch in diesen Sumpf hinab, welcher in seine breite Fläche das Wasser von drei ausgedehnten Bergzügen aufnahm. Alsbald kehrten wir nach Nordwesten und bereiteten uns darauf vor, über den Morast zu ziehen. Als wir an seinem rechten Ufer hielten, teilten uns die Führer eine furchtbare Katastrophe mit, welche sich wenige Schritte oberhalb der Stelle, wo wir hinüberziehen wollten, ereignet hatte. Sie erzählten nämlich von einem Araber und seiner aus 35 Sklaven bestehenden Karawane, die plötzlich versunken und nie wieder gesehen worden sei. Dieser Sumpf bot scheinbar eine Breite von einigen Hundert Metern dar, und es wuchs ein dichtes, aus Gras und vielen verwesten Stoffen bestehendes Netzwerk darüber. In seiner Mitte und unter diesem Grase lief ein breiter, tiefer, reißender Fluss. Meine Leute schlichen den voranziehenden Führern mit vorsichtigen Tritten nach. Als wir uns der Mitte näherten, sahen wir die unsichere, von der Natur so sonderbar gebildete Grasbrücke sich in schweren, langsamen Wellenlinien, dem Wogen des Meeres nach einem Sturm vergleichbar, auf und ab bewegen. Wo die beiden Esel unserer Expedition gingen, erhoben sich die Graswellen einen Fuß hoch, und plötzlich stürzte einer derselben so unglücklich mit den Füßen durch, dass er außerstande war aufzustehen, und die entstandene große Vertiefung füllte sich alsbald mit Wasser. Mithilfe von zehn Leuten gelang es uns jedoch, ihn wieder rauszuheben und auf einen festeren Punkt zu bringen. So kam denn die ganze Karawane, indem sie die beiden Tiere rasch weiterführte, ohne Unfall hinüber. …..

»Ay Waliah, ay Waliah, Bana yango!«, und die Braven schreiten leichten Herzens davon in einem Tempo, das uns bald in Sicht von Udschidschi bringen muss. Wir steigen einen mit Bambus bewachsenen Berg hinan, in eine Schlucht hinab, durch welche ein wütender kleiner Gießbach stürzt, besteigen noch einen niedrigen Hügel, gehen dann einen ebenen Fußpfad entlang, welcher in dem Abhang einer langen Bergkette verläuft, und ziehen so eifrig weiter, wie es nur Leute mit leichtem Herzen tun können.

Man hat mich darauf vorbereitet, dass ich in zwei Stunden den Tanganika erblicken soll, denn der Kirangozi sagt, man sehe ihn von der Spitze eines steilen Berges. Ich fange vor Erregung fast an zu weinen; doch Geduld, wir müssen ihn doch erst sehen. Wir stürzen vorwärts, den Berg atemlos hinauf, damit die große Szene nicht etwa davoneile. Endlich sind wir auf dem Gipfel; aber ach, noch ist er nicht zu sehen. Noch ein Endchen weiter, gerade dort; ja, dort ist er, ein Silberstreifen. Ich erblicke ihn kaum zwischen den Bäumen – hier aber ist er endlich wirklich, der Tanganika, und das sind die blauschwarzen Berge von Ugoma und Ukaramba. Eine ungeheure, weite Fläche, ein glänzendes Silberbett darüber ein leuchtender, blauer Baldachin, hohe Berge als Faltensaum, Palmenwälder seine Fransen! Der Tanganika! Hurra! Und die Leute erwidern das Jubelgeschrei des Angelsachsen mit Stentorstimmen, die großen Wälder und Berge scheinen sich an unserem Triumph zu beteiligen.

Wir steigen den westlichen Abhang des Berges hinab, das Tal des Liutsché vor uns. Ungefähr eine Stunde vor Mittag haben wir das dichte Matetegestrüpp erreicht, welches an beiden Ufern des Flusses wächst, waten durch den klaren Strom, kommen auf der anderen Seite an, treten aus dem Dickicht hervor, und die Gärten der Wadschidschi liegen vor uns, ein Wunder von Pflanzenreichtum. Einzelheiten entziehen sich meiner raschen, oberflächlichen Beobachtung. Ich bin von meinen eigenen Gemütsbewegungen fast überwältigt, wie ich die anmutigen Palmen, die netten grünen Gemüseplätze und kleinen, von schwarzen Mateterohr-Zäunen umgebenen Dörfer erblicke.

Rasch eilen wir weiter, damit nicht die Nachricht unserer Annäherung die Leute von Bunder-Udschidschi erreiche, ehe wir in Sicht und für sie bereit sind. Wir halten an einem kleinen Bach, dann steigen wir den langen Abhang einer nackten Hügelkette hinauf, die allerletzte der unzähligen, die wir überschritten haben. Diese allein hindert uns daran, den See in seiner ganzen gewaltigen Ausdehnung zu überblicken. Wir kommen auf dem Gipfel an, überschreiten denselben bis an seinen westlichen Rand, und – halt ein, Leser! – der Hafen von Udschidschi liegt in Palmen gehüllt nur 500 Schritt von uns entfernt. In diesem großen Augenblick denken wir nicht mehr an die unzähligen Meilen, die wir marschiert sind, die zahllosen Berge, die wir erklettert, die vielen Wälder, die wir durchwandert haben; die Erinnerung an die Dickichte und Dschungel, die uns belästigt, die heißen Salzebenen, die uns die Füße verbrannt haben, die glühende Sonne, die uns versengt hat, an alle Gefahren und Beschwerden, die jetzt glücklich hinter uns liegen, ist verschwunden! Endlich ist die große Stunde da! Unsere Träume, Hoffnungen und Ahnungen sind jetzt erfüllt! Unsere Herzen und Empfindungen liegen in den Augen, wie wir in die Palmen spähen und es versuchen zu erraten, in welcher Hütte, in welchem Hause der weiße Mann mit dem grauen Bart, von dem man uns am Malagarazi berichtet, wohl wohnen mag.

»Entfaltet die Fahne und ladet die Gewehre!«
»Ay Wallah, ay Waliah, Bana!«, erwidern die Leute eifrig.
»Eins, zwei, drei, feuert!«

Ein Kleingewehrfeuer von fast fünfzig Flinten brüllt wie ein Salutschuss von einer Artilleriebatterie. Wir werden die Wirkung desselben auf das friedlich aussehende Dorf da unten sofort sehen.

»Jetzt, Kirangozi, halte die Fahne des Weißen hoch und lass die Sansibarer Flagge vor dem Nachtrab hergehen. Und ihr, Leute, haltet euch dicht aneinander und feuert weiter, bis wir auf dem Marktplatz oder vor dem Hause des Weißen stehen. Ihr habt mir oft gesagt, dass ihr die Fische des Tanganika riechen könnt; ich kann es jetzt auch. Hier gibt es Fische und Bier und eine lange Rast für euch. Marsch!«……..

….Mittlerweile hatte die Spitze der Expedition haltgemacht; der Kirangozi war aus den Reihen ausgetreten, hielt seine Flagge hoch, und Selim sagte mir: »Ich sehe den Doktor. Ach, was für ein alter Mann er ist! Er hat einen ganz weißen Bart.« Und ich – was hätte ich nicht darum gegeben, einen Augenblick allein in der Wildnis sein zu können, um meiner Freude ungesehen in irgendeinem tollen Streich Luft zu machen, um nur die Erregung, deren ich kaum Herr werden konnte, zu beschwichtigen. Rasch klopft mir das Herz; doch darf ich meine Empfindungen nicht durch einen Gesichtsausdruck verraten, welcher der Würde Abbruch tun könnte, die ein Weißer unter solchen außergewöhnlichen Umständen an den Tag legen muss.

Ich tat also, was ich für das Würdigste hielt, stieß die Menge zurück und schritt, von hinten hervorkommend, durch eine lebendige Allee von Menschen, bis ich an den von Arabern gebildeten Halbkreis gelangte, an dem ganz vorn der Weiße mit dem Bart stand. Als ich langsam auf ihn zutrat, bemerkte ich, dass er blass und ermüdet aussah und einen grauen Bart hatte, eine bläuliche Mütze mit verschossenem goldenem Bande, eine Weste mit roten Ärmeln und ein paar graue Hosen trug. Ich wäre gern auf ihn zugelaufen; nur war ich in Gegenwart eines solchen Pöbelhaufens zu feige dazu. Ich wäre ihm gern um den Hals gefallen; nur wusste ich nicht, wie er, als Engländer, mich aufnehmen würde. Ich tat also, was Feigheit und falscher Stolz mir als das Beste anrieten, schritt bedächtig auf ihn zu, nahm meinen Hut ab und sagte:

»Dr. Livingstone, wie ich vermute.«
»Ja«, sagte er mit freundlichem Lächeln, die Mütze leicht lüftend.
Ich setze meinen Hut wieder auf den Kopf, er seine Mütze, wir reichen uns herzlich die Hand, und ich sage laut:
»Ich danke Gott, Doktor, dass es mir gestattet ist, Sie zu sehen.«

Aus: Henry M. Stanley: Wie ich Livingstone fand. Reisen und Entdeckungen in Zentral-Afrika 1871

Mit freundlicher Genehmigung © Edition Erdmann, Wiesbaden

Die Reiseberichte werden ausgesucht und eingeleitet von Clair Lüdenbach

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 20.3.2015

Sie mussten mit Löwen kämpfen, litten unter unbekannten Krankheiten mit ungewissem Ausgang, sahen ungeahnte Wunder, gerieten immer wieder in Lebensgefahr, erlebten Unglaubliches, hungerten, verdursteten fast und wurden Gäste großherziger Herrscher: die reisenden Entdecker zwischen dem 14. und 19. Jahrhundert.
Die Reihe mit Fundstücken aus diesen Reisebeschreibungen in Faust-Kultur versammelt, bewahrt frühe Erfahrung des Fremden und gerettete kulturelle Erkenntnisse. Das ergibt ein beträchtliches Lesevergnügen.

Die Wortwahl der Dokumente entspricht nicht in allen Fällen dem derzeitigen Stand politischer Korrektheit (Anm. d. Red.).

Henry Morton Stanley

Henry M. Stanley
Wie ich Livingstone fand
Reisen und Entdeckungen in Zentral-Afrika. 1871
Leinen mit Schutzumschlag, 368 Seiten, 43 s/w Abbildungen u. Karten
EAN: 978-3-86539-832-1
Edition Erdmann, Wiesbaden 2014

Buch bestellen