Wie es ist, ein Philosoph zu sein? Was denkt er? Und an wen denkt er? Der Widerspruch zwischen den eiskalt gezogenen Konsequenzen einer gerade relevanten Denkfigur und einer sozialen Verantwortung ist der Philosophie immer wieder vorgeworfen worden. Im Gespräch mit Alexandru Bulucz erläutert der österreichische Philosoph Peter Strasser seinen Blick auf die einfachen Dinge des Lebens.

Gespräch

Helligkeit und Trost

Peter Strasser im Gespräch mit Alexandru Bulucz

Alexandru Bulucz: Ich habe heute (am 26. November 2014) einen Artikel gelesen, dessen Titel »IS sprengt Nonnenkloster in die Luft« (1) lautet. Eigentlich wollte ich unser Gespräch mit etwas Erfreulichem beginnen. »Nun kommt mir vor, ich muss mit der Existenz des Bösen beginnen.« (2) Der Terrormiliz IS, der sich sogar Schüler anschließen, würde ich diese Existenz zuschreiben. Ich frage mich – und das wäre auch meine erste Frage an Sie –, ob der IS ein Symptom für eine Repolitisierung des Religiösen ist. (3)

Peter Strasser: Also ehrlich gesagt, bei aller Erschütterung über die Gräueltaten der Organisation »Islamischer Staat« ist mir die Wendung »Existenz des Bösen« doch ein wenig zu stark – zu substanzialistisch. So als ob der Teufel seine dämonischen Heerscharen ausgeschickt hätte, die nun in die Schergen einer islamischen Terrormiliz gefahren wären! Ich denke, es ist der Schock, unter dem wir momentan im Westen stehen, der uns vergessen lässt, wie es so weit kommen konnte. Ich weiß nicht, wie die Welt aussehen würde, wenn die Amerikaner seinerzeit, in den Neunzehnachtzigerjahren, die Mudschaheddin nicht militärisch und – man bedenke! – ideologisch im Sinne des »Heiligen Kriegs«, des Dschihads, aufgerüstet hätten, um die Sowjets in Afghanistan zu bekämpfen … Das klingt heute, als ob sich die CIA einen schlechten Witz mit der Weltgeschichte erlaubt hätte.

Inzwischen sind viele Jahre vergangen, und die Lebensbedingungen in den islamischen Ländern, in denen nun die Gewaltbereitschaft massenhaft grassiert, sind nicht besser, sondern schlechter geworden. Ich meine, wir reden von einer Trümmerhaufenwelt, in der alles gedeihen kann, nur keine Aufklärung, keine Liberalität, kein Mitgefühl mit dem verhassten Feind. Der anlaufende Prozess der Zivilisation wurde schon längst gestoppt oder sogar umgekehrt. Und vergessen wir auch nicht, dass es sich bei aller inneren Korruptions- und Bürgerkriegsdynamik vielfach um Länder handelt, die der Westen aus offen militärischen und sogenannten »geopolitischen« Gründen – und natürlich auch wegen des Reichtums an Rohstoffen da und dort – zum eigenen wirtschaftlichen Vorteil kaufen und zähmen wollte, teilweise mittels skrupelloser Unterstützung der allerabscheulichsten Tyrannen.

Im Übrigen kommt hier eben vieles zusammen, wie immer, wenn eine kollektive Lage durch Unbildung, Armut, Arbeitslosigkeit, Ausbeutung und chronische Instabilität charakterisiert ist, während es Waffen im Überfluss gibt. Unter solchen Voraussetzungen existiert keine Sicherheit, kein Schutz vor Grausamkeit, keine Aussicht auf ein friedliches Leben in bescheidenem Wohlstand. Und dabei sollen die Menschen – und ich rede jetzt vor allem von den jungen Männern – nicht verrückt werden …? Gewiss, die Religion funktioniert dann als Katalysator, gewissermaßen als Brandbeschleuniger.

Dennoch: Was die Gräuel angeht, die jetzt Tag für Tag passieren, sollte man nicht aus den Augen verlieren, dass sie in deklariert religionslosen, ja atheistischen Regimes genauso vorzufinden waren – und sind, glaubt man den spärlichen Berichten aus Nordkoreas riesigen Straflagern. Ein Beispiel wie jenes der kommunistischen »Roten Khmer« lehrt darüber hinaus, dass sich die Massaker, inklusive des Zerschmetterns von Kleinkindern an Bäumen, genauso gut gegen das eigene Volk richten können. »Autogenozid« nennen das die Historiker. Allein die Zahl der mittlerweile geborgenen Opfer des Pol Pot übersteigt die Millionengrenze.

Vergessen wir auch nicht: Es ist der menschlichen Natur – und zwar vor allem der männlichen – in nicht wenigen Exemplaren eigen, dass es Lust bereiten kann, Schwächere zu dominieren, zu unterdrücken und zu quälen, vorausgesetzt, die entsprechenden »Trigger« sind vorhanden. Totalitären Regimes ist es noch nie schwergefallen, Folterknechte zu rekrutieren, die mit Ambition ans Werk gingen. Und dabei muss der Blick nicht immer in die Ferne schweifen, wenn es um die Gegenwart oder jüngere Vergangenheit geht. Denken wir an das postkommunistische Europa 1995: Damals, im letzten Bosnienkrieg, geschahen beim Massaker von Srebrenica unvorstellbare Gräueltaten, etwa achttausend Männer und Jungen wurden einfach abgeschlachtet.

Kurz gesagt, unter den gegebenen Bedingungen war und ist der IS-Terror – man muss es leider sagen – ein fast normales Phänomen. Dass sich davon sogar in christlichen Stammländern mehr und mehr Jugendliche angezogen fühlen, Jugendliche, die ganz und gar im Frieden aufwuchsen, indes wenig attraktive Lebensperspektiven haben, sich chronisch langweilen, nach Führung und Abenteuer lechzen – auch das ist normal im Sinne von »erwartbar«. Mit religiöser Entflammung hat das alles nur sekundär zu tun, wobei die Zahl der überhaupt Anfälligen zurzeit verschwindend gering ist.

Wie ist diese »Erwartbarkeit« zu verstehen? Worauf muss man sich künftig einstellen?

Mit der Gefahr des Terrors werden wir wohl oder übel in Zukunft leben müssen. Dabei wird weniger die Religion eine Gefahr sein als ein möglicher wirtschaftlicher Niedergang oder sogar ökonomischer Kollaps der im Kapitalismus festsitzenden Kulturzonen liberaldemokratischen Gepräges. Bis dahin jedoch sollte man nicht übersehen, dass die Waffenarsenale des Westens gut gefüllt sind, und zwar mit Gerätschaften, denen die Terroristen nichts entgegenzusetzen haben.

Tun wir also nicht so, als ob wir es nicht ohnehin wüssten: Wenn die Arsenale der Massenvernichtung erst weit geöffnet würden, dann wäre es schnell vorbei mit dem Traum der Dschihadisten vom Kalifat. Freilich wäre dann ein neuerlicher Weltenbrand – ein dritter Weltkrieg mit apokalyptischen Folgen – in unmittelbare Nähe gerückt.

Die Schlagzeile der größten österreichischen Tageszeitung lautet heute, am 27. November 2014: »›Lebenslänglicher‹ nach 24 Jahren frei. Ex-Häftling zieht in den Dschihad«. Na schön, soll er, von einer Repolitisierung der Religion kann hier jedenfalls kaum die Rede sein.

Meine erste Frage hängt auch mit der sogenannten »Politischen Theologie« zusammen. In Ihrem Text »Die politische Theologie Carl Schmitts« zitieren Sie Hans Kelsen, um Carl Schmitt politisch – als den Antidemokraten, der er war – zu lokalisieren und sich von ihm, Schmitt, zu distanzieren. Unter anderem deshalb, weil, wie Sie ausführen, Schmitts Begriffskomplex »Politische Theologie« »schillernd« und »verführerisch einfach wirkt«, weshalb damit beinahe jede politische und religiöse Ausrichtung etwas anfangen kann. Mir scheint, dass Sie diesem Begriffskomplex nichts abgewinnen können und ihn deshalb gänzlich ablehnen. Dagegen steht Ihre Sympathie für Hans Kelsen.

Also stecken wir kurz die Fronten ab. Manche scheinen Carl Schmitt ja noch immer für einen der größten politischen Denker des 20. Jahrhunderts zu halten. Hinter seinem Begriff der Politischen Theologie steckt allerdings, soweit ich sehen kann, nicht viel.

Schmitt sagt, dass alle zentralen Kategorien des säkularen Staates verschleppte religiöse Begriffe sind. Sucht man in seiner Politischen Theologie I nach einem Beispiel, findet man kaum etwas Konkretes dazu, eigentlich bloß den Hinweis auf die – heute ohnehin fast vergessene – Rede von der »Allmacht des Gesetzgebers«. Jeder Jurist weiß, wie man diese Formel zu verstehen hat: Gibt es erst einmal eine Trennung von Staat und Religion (was Letztere zur Privatsache macht), dann ist der demokratisch legitimierte Gesetzgeber an kein religiöses Naturrecht mehr gebunden. Dass er sich damit quasi göttliche Allmacht anmaße, ist unter der Verfahrungsordnung einer liberalen Demokratie Unsinn.

Was mich an Schmitts Schreibweise jedoch am meisten stört, ist die Art, wie er mit seiner Meinung hinterm Berg hält. Nur unter den Nazis dachte er, aus sich herausgehen zu dürfen, und siehe: »Der Führer schützt das Recht«, Deutsche Juristen-Zeitung 1934. »Der Führer ist immer auch Richter«, heißt es in diesem Machwerk zur Legitimierung des politischen Verbrechers Hitler, der den sogenannten »Röhm-Putsch« herbeiredete, um eine Nacht der langen Messer zu zelebrieren (es gab ja, wie Sie wissen, nie einen Putsch der SA). Und: »Aus dem Führertum fließt das Richtertum.« Scheußlich!

Der Ultrakatholik Schmitt biederte sich den Nazis an. Seinen Antisemitismus spielte er voll aus. Schmitt war ein hemmungsloser Karrierist. Welche Herrschaftsform er für die einzig legitime hielt, entnimmt man am besten seiner Schrift Römischer Katholizismus und politische Form aus dem Jahre 1923. Nur der Papst als Stellvertreter Gottes auf Erden und in der unmittelbaren Nachfolge Christi ist demnach legitimiert – man kann sich ausmalen, was diese Auffassung, übertragen auf das Reich des profan Politischen, bedeutet: Hitlerfiguren als Messiasse.

Da ist mir Kelsen natürlich sympathischer, obwohl die österreichischen Kelsenianer nach 1945 Züge eines verbohrten akademischen Dogmatismus erkennen ließen. Auch ist mir Kelsens ökonomischer Liberalismus für heutige Verhältnisse viel zu simpel gestrickt.

»Demokratie« und »Liberalität« sind wichtige Begriffe für Sie. »Dankbarkeit« ebenso. In diesen Kategorien verstehe ich diesen Ihren Satz zum Beispiel, dem ich völlig zustimme: »Wir sollten uns abwenden und weggehen, sobald uns wieder einmal gepredigt wird, dass es so auf gar keinen Fall weitergehen könne.« Was sind für Sie die Haupt- und Vorzüge von Demokratie und Liberalität? Ich frage das deshalb, weil man unseren Liberalismus zuweilen als beängstigende Hyperindividualisierung empfinden kann. Für das, was ich hier als Hyperindividualisierung bezeichne, sei nur ein Beispiel angeführt: der 3D-Drucker, den bald jeder besitzen wird und mit dem man sogar Waffen herstellen kann.

Sie fragen nach den hauptsächlichen Vorzügen von Demokratie und Liberalität. Darauf gibt es, wie mir scheint, natürlich verschiedene einigermaßen intelligente Antworten. Ich halte den »Liberalismus der Furcht«, wie er von der Harvard-Professorin Judith N. Shklar – sie verstarb 1992 – artikuliert wurde, für die entscheidende Grundlage des liberaldemokratischen Denkens. Ihm zufolge schadet einem Gemeinwesen am meisten die Furcht vor der Grausamkeit und, schließlich, die grausame »Furcht vor der Furcht«, Misshandlungen erdulden zu müssen. Jede historisch belehrte Gesellschaft liberalen Typs müsse, so Shklar, als das erste und oberste Recht aller Menschen anerkennen, gegen die Furcht vor der Grausamkeit geschützt zu werden.

Shklars Position lag abseits der politiktheoretischen Hauptkontroverse im fortgeschrittenen 20. Jahrhundert: freier Markt versus soziale Gerechtigkeit. Gerade heute jedoch, im Zeichen des weltweiten Dschihads, tut der westliche Liberalismus aus Menschenfreundlichkeit und multikultureller Toleranz gut daran, Shklars Lehren zu beherzigen. Sie sind nicht zuletzt das Ergebnis all der leidvollen Erfahrungen, die eine jüdische Emigrantin aus Riga, Opfer des Hitler-Stalin-Pakts, machen musste.

Ach ja, Sie fürchten sich vor 3D-Druckern …?

Jein. Es handelt sich vielleicht in dem Maße um eine Furcht vor 3D-Druckern, in dem sie sich als Anders’sche »prometheische Scham« äußern kann, doch dann müsste man sich natürlich die »Antiquiertheit des Menschen« eingestehen.
Jetzt rede ich von Günther Anders, aber nicht ohne Grund: Abgesehen davon, dass, wie er, auch Sie den »Österreichischen Staatspreis für Kulturpublizistik« erhalten haben, sehe ich viele Gemeinsamkeiten zwischen Ihnen und ihm, diesem »Ketzer«. Anders’ Ketzerdefinition: »Vertreter von Kampfthesen, der es mindestens verdienen würde, attackiert zu werden«. In den Texten Ihrer 2013 eingestellten Zeitungskolumne sind Sie (glücklicherweise) auch ein solcher Vertreter. Aber auch in Ihren sonstigen Publikationen erkenne ich diese so definierte Ketzerhaltung, wenn ich das so sagen darf. Was ich meine: die Ich-Perspektive, aus der Sie zuweilen schreiben; Ihre Direktheit; Ihre tiefe philosophische Skepsis, die aber in Ihrem Fall nicht zu verwechseln ist mit einem stilistisch-rhetorischen, immer einsatzbereiten »esse videatur«.
Ein Satz von Detlev Claussen aus einem Gespräch, das er nach seiner Emeritierung geführt hat, lautet: »Die geistige Welt wurde in einen geschichtslosen Zitatenschatz verwandelt.« Dieser Satz trifft, wie ich finde, überhaupt nicht auf Sie zu. Was aber auf Sie zutrifft: ein freies und vitales Schreiben, das das Geschichtliche berücksichtigt und dennoch ohne viele Zitate auskommt, auf der Suche nach neuen Verbindlichkeiten …
Ist das also ein angemessener Vergleich: Günther Anders und Sie? Befällt Sie manchmal die »prometheische Scham«? Würden Sie auch von der »Antiquiertheit des Menschen« sprechen? Fragen, die auch auf Heidegger (und dessen Gestell) anspielen, dessen Anerkennung Sie in Ihrem Buch Der Weg nach draußen zur Sprache bringen: »Heidegger gewährt uns tiefe Einsichten in unsere religiöse Depression, und ebenso in jene Euphorien, die mit der scheinbaren oder tatsächlichen – wer möchte das entscheiden – ›Entbergung‹ des Absoluten einhergehen. Es ist wahr, Heidegger dachte zeitweilig, es gäbe so etwas wie eine numinose, eine sakrale Politik, mit deren Hilfe sich heraufführen ließe, was im Wesen ein religiöses Phänomen ist, eine Epiphanie – das Ereignis des Seienden, der Hervortritt des Göttlichen in der Welt. Aber dieser Irrtum tut Heideggers Sache nicht wirklich Abbruch.«
Sicher, beim berechnenden, beim Karrieristen Carl Schmitt kann man nicht von einem Irrtum sprechen, aber auch Heidegger hat sich nicht zu dem geäußert, was Sie als sein »zeitweiliges Denken« bezeichnen. Dazu eine Formulierung Paul Celans aus einem Brief an Ingeborg Bachmann, den er ihr am 10. August 1959 aus Paris geschrieben hat. Darin spricht er von einer stillschweigenden Einsicht Heideggers: »daß derjenige, der an seinen Verfehlungen würgt, der nicht so tut, als habe er nie gefehlt, der den Makel, der an ihm haftet, nicht kaschiert, besser ist als derjenige, der sich in seiner seinerzeitigen Unbescholtenheit … auf das bequemste und einträglichste eingerichtet hat, so bequem, daß er sich jetzt und hier … die eklatantesten Gemeinheiten leisten kann. Mit anderen Worten: ich kann mir sagen, daß Heidegger vielleicht einiges eingesehen hat«.
Hat sich durch das Erscheinen der Schwarzen Hefte etwas an Ihrer Einschätzung Heideggers geändert?

Nein, nicht wesentlich. Die Schlachtplatte, die uns das deutsche Feuilleton auftischte, kam ja von Journalisten, die dachten, nun könnten sie Heidegger endlich für immer diskreditieren. (4) Denn es gibt Stellen in den Schwarzen Heften, die sind nicht nur antisemitisch; sie sind deshalb besonders widerlich, weil sie über »die Juden« in einem bramarbasierenden philosophischen Jargon reden. Das ist Missbrauch der Philosophie.

Trotzdem ist es eine Dummheit, zu behaupten, Sein und Zeit sei in seiner semantischen Tiefenschicht faschistisch. Heidegger wollte sagen, was sich nicht sagen lässt – das ist in Ordnung, denn das ist Philosophie. Dass Heidegger zugleich ein ziemlich mieser, rechthaberischer Charakter war, der Gefühle wie Mitleid und Güte kaum zu kennen schien, ist leider auch wahr. Unter seinen »seins­erheblichen« Stimmungen finden sich seitenlang die Angst (die uns angeblich mit dem Nichts konfrontiert) und die tiefe Langeweile. Von der Liebe hingegen ist bloß einige Zeilen lang lustlos die Rede. Das sagt etwas aus über diesen großen Philosophen – und nichts restlos Sympathisches!

In meiner Kolumne Die vorletzten Dinge habe ich mittels des Protagonisten, eines eigenbrötlerischen Philosophieprofessors mit täglichem »Morgengrausen«, eine Gestalt zu kreieren versucht, die intuitiv weiß, dass philosophisches Denken die freundlichen Häuslichkeitstugenden und alltäglichen Freuden, Zuneigung und mildes Respektieren der befremdlichen Eigenheiten anderer in den Mittelpunkt stellen sollte. Dazu gehört auch eine Portion Alltagsliturgie: »Immer wieder dasselbe und am besten nichts Neues!« (5) Wenn man das, was einem durch die Sympathie der anderen geschenkt wird und in Reichweite liegt, nicht zu schätzen oder zu lieben vermag, dann wird’s ungastlich im Haus des Seins.

Weder Heidegger noch Anders – irgendwie auch ein Oberlehrer – lassen sich auf die Ebene schlichter Mitmenschlichkeit herab. Ich habe noch keine Kassiererin im Großmarkt getroffen, die sich geschämt hätte, nicht so perfekt zu sein wie ihre vollelektronische Registrierkasse. Die kleinen Leute, ihre Nöte und Freuden, werden weder bei Heidegger noch bei Anders sichtbar; die einfachen Menschen, die gern den Sportteil in der Zeitung lesen oder die Anleitung zum Backen von Weihnachtskeksen, werden unter Begriffe subsumiert, die mit Anteilnahme nichts zu tun haben, wohl aber mit dieser arroganten Lust, sich zu distanzieren: das »Man« und die »Antiquiertheit des Menschen«.

Ich will es einmal so sagen: Mir kommt neuerdings beim Schreiben oft in den Sinn, ich hätte gerne, dass meine reizenden Enkeltöchter, falls ihnen später etwas unterkommt, was ich geschrieben habe, sich dann nicht denken müssen: Das ist doch bloß wichtigtuerische Schwafelei … Schwafelei? Na ja, meinetwegen, was soll’s! Aber nicht, um die Welt zu belehren, sondern um den Leser daran teilhaben zu lassen, was mich in der Seele bewegt – dabei hoffend, es möge von meinem Geschreibsel ein wenig Helligkeit und Trost ausgehen.

Ihre Antwort ist sehr beeindruckend: Sie sprechen von einer Philosophie, von einem philosophischen Schreiben, das Anteil nimmt und unter günstigen Umständen im Leser Anteilnahme zeitigt, ihn in seinem Leben bestärkt. Ein philosophisches Schreiben, das in der Lage ist, zu vergemeinschaften.
Als ich einem Lektor unseres Verlags davon berichtete, dass Sie sich ein E-Mail-Gespräch wünschen, hat er Folgendes zu bedenken gegeben: »Ich würde erst einmal ein persönliches Gespräch in körperlicher Anwesenheit bevorzugen. Man reagiert doch auch auf Mimik, Gestik etc.« Sind diese Bedenken begründet? Kann die Philosophie durch die Schrift, in der sie zum Ausdruck kommt, wirkliches Mitgefühl vermitteln? Kann sie mimisch, gestisch, gefühlsbetont, intuitiv sein? Soll sie beinahe poetisch, »enthusiastisch aufgeregt« sein?

Ihr Verleger hat sicher recht, wenn es bei einem Gespräch darum gehen soll, das physiognomische Moment im weitesten Sinne zu nützen. Aber ob das auch der Wahrheit dient? Manchmal, nicht immer.

Die physische Gegenwart eines Gegenübers hat etwas eigentümlich Belebendes. Doch diese – wenn man so sagen darf – Realpräsenz des anderen mag auch zu inquisitorischen Zwecken, zur Bloßstellung und Überführung genützt werden – eine TV-Serie wie Lie to Me nützt diesen Umstand systematisch. Die Pseudowissenschaft der Physiognomik hat ja schon immer versucht, daraus einen Vorteil zu ziehen – auch, wie Johann Caspar Lavater an einer Stelle seiner Physiognomischen Fragmente zur Beförderung der Menschenkenntniß und Menschenliebe schreibt, einen Vorteil für »Richter und Verhörer«. Das war zu Goethes Zeit, da wandten die Verhörbeamten noch systematisch die Folter an …

Aber ein gutes Gespräch besteht oft zugleich aus Enthüllungen und Verschleierungen; es kann – und das als Glücksfall – ein Tanz um einen Mittelpunkt sein, der niemals direkt ins Blickfeld rückt. Man merkt dann: Der andere wird nicht verdinglicht, sein Geheimnis als »der Andere« bleibt gewahrt. Flirts sollten so funktionieren, und vielleicht täte es ja der Philosophie auch gut, sich nicht hinter der Maske reiner Objektivität zu verschanzen, sondern sozusagen ein bisschen »flirtig« zu werden. Mir kommt vor, gerade im Umgang mit den ersten und den letzten Dingen, mit dem metaphysischen Abgrund, ist die Haltung des Flirts eine unerhört menschliche Angelegenheit. Man sollte das geflügelte Psalm-Wort, wonach der Abgrund nach dem Abgrund ruft, »abyssus abyssum invocat«, öfter einmal leichtfüßig interpretieren, so etwa entlang einer Erotik des Diskurses …

Doch das nur nebenbei, Sie fragten vorhin ja nach dem Moment der Anteilnahme in der Philosophie. Dazu ließe sich viel sagen, ich will es kurz machen. Der berühmteste Gottesbeweis ist wohl der von Anselm von Canterbury, dem Benediktinermönch aus dem 11. Jahrhundert. Demnach existiert Gott notwendig, weil er sonst nicht das Wesen sein könnte, über das hinaus sich nichts Vollkommeneres denken lasse, »aliquid quo maius nihil cogitari potest«. Anselm ging es darum, einen streng logischen Beweis zu führen, um, wie er sagt, auch noch den ungläubigen »Toren« zum Glauben an die Existenz Gottes zu führen – und er sagt eben nicht: verführen.

Schön. Angenommen, das gelingt. Dann glaubt der Tor an die Existenz Gottes, aber deswegen liebt er Gott nicht, er fühlt sich in seiner Nähe nicht geborgen. Ja, er fühlt nicht einmal jenes »mysterium tremendum et fascinans«, diese unwiderstehliche Mischung aus Furcht und Hingezogenheit, über die der Theologe Rudolf Otto in seinem Buch Das Heilige eindrücklich spricht. Das ist dann aber so gut oder so schlecht, als ob der Anselm’sche Tor gar nicht glauben würde!

Anselm selber litt ja schwer darunter, dass sich ihm Gott nie »gezeigt« hatte. Anselm durfte Gott, nach dessen Gegenwart er sich verzehrte, niemals von »Angesicht zu Angesicht« schauen. Aber darüber hilft kein Gottesbeweis hinweg! Beweise sind kalt, während der Glaubenssucher zuallererst der Liebe und des Trostes bedarf.

Etwas Ähnliches ist mir nun aber beim Lesen vieler philosophischer Abhandlungen aufgefallen. Kalt, kälter, am kältesten, das war mein Gefühl. Eine solche kalte Art, zu denken, ist hilfreich, auch notwendig, solange es darum geht, mit den Waffen der Aufklärung gegen Demagogie, Aberglauben und Dummheit vorzugehen. Aber wenn Heidegger über das Sein philosophiert, dann spürt man: Hier ist keine menschliche Wärme im Spiel, nur so ein elitäres Unbehagen an der »Moderne« und ihrer »gesichtslosen Masse«. Das Schicksal einzelner Menschen, die lieben, hoffen und verzweifeln, steht gar nicht zur Debatte. Das kommt bei Heidegger vielleicht auch von Oswald Spengler her, der über den Untergang des Abendlandes dozierte, oft ultracool, manchmal zähneknirschend, doch ohne einen Augenblick lang Mitgefühl mit jenen zu zeigen, die da namenlos untergehen, bei uns und überall anderswo – eher schon zeigte Spengler Verachtung.

Viele große, geniale Philosophen bauten an einer Ethik, einer Politischen Philosophie, einer Metaphysik, und dabei schien es ihnen schließlich nur noch ums Denksystem zu gehen, nicht um jene, über deren Schicksal das System redete und die sich den Systemprinzipien hätten unterordnen sollen wie unter eine eisige Klammer. Die philosophischen Erzählungen in meinem Buch Wie es ist, ein Philosoph zu sein sind, ohne es ausdrücklich zu sagen, gegen diese Haltung gerichtet, die ich selbst aus meiner Schreibpraxis – leider – nur allzu gut kenne. Mein Protagonist, ein Student namens Streber, durchleidet eine philosophische Passion: Er zerbricht an der Philosophie, der er sich anvertraut.

1 http://www.n-tv.de/politik/IS-sprengt-Nonnenkloster-in-die-Luft-article14042581.html, 26. November 2014.

2 Dieser Satz ist ein Zitat aus Peter Strassers einleitenden Worten zu seiner Theorie der Erlösung. Eine Einführung in die Religionsphilosophie, München 2006, S. 12: »Ich will, ermuntert vom Verleger, mit einer Einführung in die Religionsphilosophie beginnen. Aber wo anfangen? Das ist die Frage, die mich bedrängt. Nun kommt mir vor, ich muss mit der Existenz des Bösen beginnen.«

3 Vgl. dazu beispielsweise das Interview mit Michel Houellebecq, das Sylvain Bourmeau geführt hat: »Eine islamische Partei ist eigentlich zwingend«, aus dem Französischen von Sascha Lehnartz (http://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article135972657/Eine-islamische-Partei-ist-eigentlich-zwingend.html, 3. Januar 2015). Dort sagt Michel Houellebecq Folgendes: »Ich glaube, es gibt ein echtes Bedürfnis nach Gott, und dass die Rückkehr des Religiösen kein Slogan ist, sondern eine Realität, die uns nun gerade mit erhöhter Geschwindigkeit einholt.«

4 »Sein und Unzeit«, in: Die Presse, Feuilleton, 28. März 2014.

5 Im Jänner 2015 kam der Philosoph der Vorletzten Dinge in monografischer Form wieder, unter dem Titel Lust: Ein Anstandsbuch, Braumüller Verlag, Wien.

Das Gespräch führte Alexandru Bulucz

Aus: Alexandru Bulucz (Hg.): Peter Strasser – Der Tanz um einen Mittelpunkt.
© Edition Faust, Frankfurt am Main 2015

Peter Strasser

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erstellt am 17.3.2015

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»Wenn man das, was einem durch die Sympathie der anderen geschenkt wird und in Reichweite liegt, nicht zu schätzen oder zu lieben vermag, dann wird’s ungastlich im Haus des Seins.«

»Ich habe noch keine Kassiererin im Großmarkt getroffen, die sich geschämt hätte, nicht so perfekt zu sein wie ihre vollelektronische Registrierkasse.«

»Schwafelei? Na ja, meinetwegen, was soll’s! Aber nicht, um die Welt zu belehren, sondern um den Leser daran teilhaben zu lassen, was mich in der Seele bewegt – dabei hoffend, es möge von meinem Geschreibsel ein wenig Helligkeit und Trost ausgehen.«

»Ein gutes Gespräch besteht oft zugleich aus Enthüllungen und Verschleierungen; es kann – und das als Glücksfall – ein Tanz um einen Mittelpunkt sein, der niemals direkt ins Blickfeld rückt. Man merkt dann: Der andere wird nicht verdinglicht, sein Geheimnis als »der Andere« bleibt gewahrt.«

»Viele große, geniale Philosophen bauten an einer Ethik, einer Politischen Philosophie, einer Metaphysik, und dabei schien es ihnen schließlich nur noch ums Denksystem zu gehen, nicht um jene, über deren Schicksal das System redete und die sich den Systemprinzipien hätten unterordnen sollen wie unter eine eisige Klammer.«