Das Stuttgarter Ballett hat für seinen Abend „Strawinsky heute“ den populären „Feuervogel“ ausgewählt und ergänzt durch „Le Chant du Rossignol“, der als symphonische Dichtung figuriert, sowie durch „Die Geschichte vom Soldaten“. Vor allem „Le Chant du Rossignol“ ist ein Triumph des modernen Tanztheaters, meint Thomas Rothschild.

Ballett

Die Nachtigall und der Feuervogel

Von Thomas Rothschild

Igor Strawinsky
Igor Strawinsky

Es wird wohl niemand etwas einzuwenden haben, wenn man Verdi, Wagner oder Puccini als Opernkomponisten bezeichnet, obwohl sie nicht nur Opern geschrieben haben. Suchte man nach einem Ballettkomponisten, müsste man wohl an erster Stelle Igor Strawinsky nennen. Einige seiner bekanntesten und erfolgreichsten Stücke wurden für das Ballett geschrieben, und das hört man ihnen, auch wenn sie im Konzertsaal gespielt werden, an. Zwar verwenden Choreographen heute Musik der unterschiedlichsten Art und Herkunft, es scheint da kaum Grenzen zu geben. Aber Strawinskys Ballettkompositionen zeichnen sich durch eine Bewegtheit, einen Wechsel von gestischen Angeboten, eine perkussive Schrittsuggestion aus, die geradezu nach Tanz verlangen. Daran hat sich in dem Jahrhundert seit ihrer Entstehung nichts geändert.

Das Stuttgarter Ballett hat für seinen Abend „Strawinsky heute“ nur eine spezifische Ballettkomposition, den allerdings populären „Feuervogel“ ausgewählt und ergänzt durch „Le Chant du Rossignol“, der – auf einer Oper basierend – als Symphonische Dichtung figuriert, aber schon frühzeitig fürs Ballett adaptiert wurde, und durch „Die Geschichte vom Soldaten“, die eine eigenartige Form des Musiktheaters darstellt.

Mit dem „Feuervogel“ gibt der belgische Choreograph Sidi Larbi Cherkaoui, Sohn eines marokkanischen Vaters, sein Stuttgarter Debüt. Der Feuervogel (Miriam Kacerova) tritt von hinten mit die Flügel andeutenden überdimensionalen seidenartigen roten Stoffbahnen an den Schultern (Kostüme: Tim Van Steenbergen) vor sich bewegende Spiegelwände. Ein atemberaubender Anfang. Sogleich aber wird vom Ensemble das klassische Ballett zitiert, als wollte der heutige Choreograph der (russischen) Tradition Reverenz erweisen, aus der „Der Feuervogel“ wie kaum ein zweites Ballett des 20. Jahrhunderts stammt. Es herrscht ein Kommen und Gehen, das sich in Tanz verwandelt und wieder auflöst. In dem Schlussbild, dessen Musik wie eine Fortschreibung von Mussorgskis „Bilder einer Ausstellung“ klingt – Cherkaoui hat die zweite der drei von Strawinsky selbst zusammengestellten Suiten, nicht die 45minütige Komplettfassung des „Feuervogels“ gewählt –, setzt der zurzeit viel gepriesene Choreograph weniger auf eine Illustration des zugrunde liegenden Märchens als auf eine Visualisierung des Crescendos.

Bei der „Geschichte vom Soldaten“ gaben sich der Hauschoreograph Demis Volpi und die Dramaturgin Vivien Arnold mit der Vorlage nicht zufrieden. Sie erweiterten sie um ein stummes Vorspiel und Franz Schuberts „An die Musik“. Ehe Strawinskys Komposition einsetzt, füllt sich die Bühne mit Koffern und Schiffskoffern (Bühne und Kostüme: Katharina Schlipf), die mit allerlei wundersamem Zeug bis hin zu gedeckten Tischen gefüllt sind. Wenn dann die eigentliche Geschichte eines Teufelspakts beginnt, beherrscht Alicia Amatriain als der Teufel mit vorgehaltener Maske die Szene. Sie windet sich, schlängelt sich als Mannweib um den Soldaten, der alles einbüßt, als er seine Geige – also die Kunst – verrät, raucht am Ende zu Schuberts Lied vor pyrotechnischem Zauber befriedigt eine Zigarette.

Der choreographisch und tänzerisch aufregendste Beitrag des Abends aber stand am Anfang und stammte vom anderen Hauschoreographen Marco Goecke. Goeckes Markenzeichen ist die nervöse, rasche, eckige Armarbeit bei gleichzeitig eher reduzierter Beinbewegung. Die Choreographie findet überwiegend oberhalb der Hüfte und in der Konstellation der Tänzer auf der Bühne statt. In „Le Chant du Rossignol“, der 2009 in Leipzig uraufgeführt wurde und dessen Neufassung nun im Rahmen des Strawinsky-Abends in Stuttgart angekommen ist, erreicht Goeckes Technik Perfektion. Die Arbeit ist übrigens Pina Bausch gewidmet. Die ruckartigen Armbewegungen, bei denen man angesichts des Titels an flatternde Flügel denken darf, aber nicht muss – Goeckes Version der Symphonischen Dichtung ist eher ein abstraktes als ein Handlungsballett, das der zugrunde liegenden Story folgt –, werden von einem Solisten eingeführt und danach abwechselnd vervielfacht und solistisch aufgenommen und variiert. Am Ende verschwinden die stilisierten Sonnen auf den Rücken einiger Tänzer hinter einem Regenvorhang. Ein Triumph des modernen Tanztheaters. Strawinsky heute, mit Betonung auf „heute“.

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erstellt am 16.3.2015

Strawinsky heute: Der Feuervogel. Foto: Stuttgarter Ballett

Ballettabend in Stuttgart

Strawinsky heute

Der Feuervogel
Choreographie Sidi Larbi Cherkaoui

Die Geschichte vom Soldaten
Choreographie Demis Volpi

Le Chant du Rossignol
Choreographie, Bühnenbild und Kostüme
Marco Goecke

Musik Igor Strawinsky

Stuttgarter Ballett

Strawinsky heute: Die Geschichte vom Soldaten. Foto: Stuttgarter Ballett

Strawinsky heute: Le Chant du Rossignol. Foto: Stuttgarter Ballett