Multiples bieten einen meist schmächtigen, aber doch repräsentativen Ausschnitt eines größeren künstlerischen Unikats dar. Hierbei kann man von Kostpröbchenkunst sprechen, von Kunst, die wie eine Kostprobe funktioniert. Genau genommen handelt es sich dabei um eine Masche nicht so sehr der Kunst, als vielmehr des Marktes, meint Christian Janecke.

Maschen der Kunst

Kostpröbchenkunst

Von Christian Janecke

Eine Kostprobe vertritt pars pro toto das zu erwartende Ganze. Im Unterschied zur verwandten Stichprobe, die der Kontrolle halber durch Außenstehende an unvorhersehbarer Stelle oder zu unerwarteter Zeit genommen wird, ist die Kostprobe meist seitens der Produzenten selbst veranlasst; sie wirbt also um Konsumenten, macht Hunger auf mehr.

Will man unter Kostpröbchenkunst nicht ausgerechnet echte kulinarische Happen oder vielleicht deren Darstellung im Stilleben verstehen, so dürfte es um Kunst gehen, die wie eine Kostprobe funktioniert.

Dabei kann man zunächst an eine ganze Distributionsform jüngerer Kunst denken, nämlich das Multiple. Angetreten ist es vor Jahrzehnten zwar nach der programmatisch demokratisierenden Idee erschwinglicher Kunst für viele, häufig konzeptuell und humorvoll pointiert. Doch oft genug ist seine tatsächliche Funktionsweise nicht die eines ›Klein-aber-oho!‹, sondern schlicht die Trittbrettfahrerei an den größeren Werken und Unikaten des betreffenden Künstlers, aus denen es einen meist schmächtigen, aber doch vieles berührenden und insofern wiederum repräsentativen Ausschnitt nun selbst als Werk darbietet. Wie bei vielen kulinarischen Kostpröbchen üblich, die meist ein wenig überwürzt sind, um eine Geschmacksexplosion im Munde des Probanden und bei diesem selbst Begierde auf das Ganze auszulösen, treten diese Ausschnitte verdichtet in Erscheinung: Der Käufer erwirbt dann für einen überschaubaren Betrag die Auflagenarbeit eines unter Umständen sehr renommierten Künstlers, von dem er nun etwas, gewiss nicht viel, aber eben gleichsam ein Konzentrat besitzt.

Beispielsweise kann sich kaum ein Mensch Liam Gillicks durchkoloriertes Plexiglas-Aluminium-Stellwand-Design leisten, dem man in irgendwelchen Kunstvereinen begegnet, um sich im Verbund mit anderen Ausstellungsbesuchern zu diskursiver Gymnastik verleiten zu lassen. Daher trifft es sich gut, dass die Zeitschrift Texte zur Kunst für ihre Abonnenten einen kleinen überaus komprimierten Gillick anbietet, ich würde sagen: eine Berührungsreliquie, regressiv bunt und geschichtet wie aus LEGO, aber eben doch eingedickt wie ein Brühwürfel der Kunst, den es seitens des glücklichen Besitzers imaginär noch aufzubrühen gilt – kurzum: Kostpröbchenkunst!

Nun handelt es sich dabei genau genommen um eine Masche nicht so sehr der Kunst, als vielmehr des Marktes. Und wahrscheinlich reicht es hin, die Logik von Fan-Artikeln in Anwendung zu bringen. Aus eben diesem Grund erscheint mir als die lupenreinere Erfüllung von Kostpröbchenkunst denn auch eher etwas, das jenseits des Multiples, also in den gewohnten Unikaten der Kunst statthat. Ich denke da beispielsweise an die jüngeren, entschieden sammlertauglichen Bilder eines Günther Förg, auf denen Krakelüren, Farbschraffen, Farbsetzungen derart manierlich nebeneinander platziert werden, dass nur der nicht mit Kostpröbchenkunst rechnende naive Kunstfreund meint, darin eine an Notation erinnernde Lesbarkeit in Zeilen mutmaßen zu müssen, während allen anderen dämmert: Hier will nicht allein das phänomenale Zu- und Nebeneinander von Farb- und Zeichnungsspuren Bewunderung ernten, sondern hier wurden visuelle Appetizer in sinnlich betörende Nachbarschaft gesetzt, deren bloß angeschmecktes Farb- und Formrepertoire mit lauter Mustern potentiell weiter ausgreifender Realisierung droht.

Man könnte auch sagen, die einst von Gombrich et alteri so elegant untersuchte qualitative Fähigkeit des Menschen, Karikaturen verstehen zu können, Andeutungen also mental treffsicher in Ausdeutungen zu übersetzen, funktioniere heute sub specie eines ubiquitären Marktes auch als quantitative Fähigkeit: nämlich gewisse Setzungen des Künstlers insgeheim nur als Kostpröbchen zu lesen, hinter jedem einsam rot und lecker tuschierten Pinselstrich gleichsam das ganze Potential von Rot mitzuempfinden (vielleicht ungefähr so, wie sublimationsunwillige Nutzer einer haute cuisine jeden der sparsam aufgetragenen Leckerbissen im Geiste quantitativ hochrechnen zu einer sättigenden Mahlzeit). Insofern ist Kostpröbchenkunst adressiert an eine von Kenntnis ins Kennerschaftliche gedriftete Klientel, die ihren Favoriten hochhält und an ihm gewiss auch schätzt, dass nicht jedem und jeder das Stenografische wieder zur vollen Schrift wird. Tatsächlich nehmen etliche Kunstbetrachter in unbewusster Internalisierung der Mechanismen von Kostpröbchenkunst wohl manches Dargebotene unterschwellig mehrfach, sozusagen innerlich hochgerechnet, wahr. Nur sind eben sie selbst es, die sich diese Gegebenheiten hochrechnen, um sich in veritabler Ausblendung ihrer Betrachteraktivität daran zu delektieren, wie viel doch in dieser oder jener winzigen Stelle eines Werkes stecke, wie sehr entsprechende Partien doch über sich hinausweisen. Die vermeintliche Unsagbarkeit entsprechender Bildstellen mit Erregungspotential beruht dann ebenso schnöder- wie unbemerkterweise auf der von Kostpröbchenkunst uns abverlangten Multiplikationsleistung, zu der wir als durchtrainierte Kunstleckerschmecker auch prompt in der Lage sind.

Aus: Christian Janecke: Maschen der Kunst. Mit freundlicher Genehmigung © Zu Klampen Verlag, Springe

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erstellt am 15.3.2015

Aus vielen Lebensgebieten kennen und schätzen wir womöglich sogar das Instituierende und Kreativitätsersparende des wie auch immer Vorgestanzten. Niemand käme auf die Idee, gewisse ‘Maschen des Anmachens’, ‘Maschen der Werbung’ o.ä. zu leugnen oder auch nur besonders verwerflich zu finden. Mitunter zollen wir dem, der die ‘Trickkiste’ eines Gebietes wie z. B. Fußball beherrscht, sogar besonderen Respekt.

Auch die hehre Kunst hat sich längst in einer stattlichen Zahl von ‘Schubladen’ eingerichtet. Und die artigen Vertreter von Kunstwissenschaft und -kritik belassen es oftmals dabei, das eine oder andere Stück daraus hervorziehen, um es im Verhältnis zur direkten Nachbarschaft zu begutachten – statt über die Schubladen, eben einschlägige Maschen zu reden: über je nachdem offenkundige oder verborgene Muster der Effekterzielung, über zuweilen verengende, mitunter aber durchaus produktive Routinen der Kunst.