Das Frankfurter Städel Museum wird 200 Jahre alt – Grund genug, diese Bürgerstiftung zu feiern! Als Sahnehäubchen kommt nun noch eine Monet-Ausstellung hinzu. Das Haus wird sich daher vor Besuchern kaum retten können, befürchtet Isa Bickmann.

Monet-Ausstellung im Städel

Kunst für alle? Kunst für alle!

Von Isa Bickmann

Man solle doch in den Ausstellungsberichten darauf hinweisen, dass die Interessierten sich Karten online vorbestellen und möglichst bald kommen mögen, nicht erst gegen Ende der Laufzeit, so der Direktor des Städel Museums, Max Hollein, auf der Pressekonferenz zur gerade eröffneten Ausstellung „Monet und die Geburt des Impressionismus“. Man rechnet also mit langen Warteschlagen. Schlangen seien, erklärte mit einem Schmunzeln der Vorsitzende des Kuratoriums der Commerzbank-Stiftung, Klaus-Peter Müller, die das Projekt als alleiniger Förderer unterstützt hat, „eine schöne Bestätigung“. Ja, sicher, welcher Sponsor frohlockt denn nicht, wenn der monetäre Einsatz sich in dreihunderttausendfacher Wahrnehmung auszahlt, welcher Kurator, der mühevoll aus aller Welt Leihgaben zusammengetragen hat, freut sich nicht, wenn Besucherrekorde zu vermelden und die Feuilletons über und über mit Berichten gefüllt sind?

Worin liegt aber die Freude eines Ausstellungsbesuchs, wenn man erst lange in der Schlange stehen muss, sodann im dichten Gedränge zwischen Gruppenführungen umherirrt, um irgendwie einen halbwegs ruhevollen Blick auf ein Bild zu erhaschen? Was bleibt von solch einem Ausstellungsbesuch übrig? Ist es unter diesen Bedingungen tatsächlich möglich hinzusehen? Kann man sich von einer quirligen Umgebung isolieren, um sich auf Wandtexte und Bilder zu konzentrieren? Oder auf den Audioguide? Sollte man es dann nicht gleich lassen?

Nein. Vielleicht hat man Glück, wartet die morgendlichen Busse mit Ausstellungstouristen und die Schulklassen ab, sucht sich ein Zeitfenster am frühen Abend, um in Ruhe zu schauen. Die Alternative wäre: Man flöge nach Washington, um Berthe Morisots „Der Hafen von Lorient“ (1869, National Gallery) zu sehen, oder nach Kansas City, um im Nelson-Atkins Museum of Art Claude Monets „Boulevard des Capucines“ (1873) aufzusuchen. Monets „Waterloo Bridge, Sonne“ (1899 –1901) befindet sich in Privatbesitz. Nicht sehr wahrscheinlich, dass man dieses Gemälde im Leben noch einmal zu Gesicht bekommt. Die Ausstellung bietet allerdings wesentlich mehr Bilder, die man anschauen sollte. Sie beginnt Mitte des 19. Jahrhunderts bei den Vorläufern mit der Landschaftsmalerei der Schule von Barbizon, Corot, Jongkind, Millet, Daubigny und Courbet, und leitet fortan den roten Faden Claude Monet verfolgend bis in die späten 1910er Jahre zu vier der 30 Ansichten der Kathedrale von Rouen (aus Weimar, Essen, Basel und Privatbesitz) bis zum jüngsten Werk des Künstlers, in dem sich der Gegenstand in einem quasi prä-abstrakt-expressionistischen Farbgewühl der „Japanischen Brücke“ (1918-24) völlig auflöst.

Ein Bonbon sind zudem Fotografien jener Zeit, ausführliche Informationen zu den erfolgten Untersuchungen der Werke aus Städelbesitz durch die Restauratoren des Hauses (via QR-Code in der Ausstellung abrufbar) und Karikaturen jener Zeit. Die chronologische Hängung der Exponate hilft bei der Orientierung, verdeutlicht aber auch stilistische Unterschiede der ausgestellten Künstler. Und auch wenn sich der Kunstinteressierte hier zu einem Herdentier machen lässt, das sich brav anstellt und geduldig wartet, bis ihm erlaubt ist, einen Blick auf das wertvolle Gut zu werfen, das Museum bemüht sich nach Kräften, den Besuch didaktisch zu unterstützen. Es gibt ein „Digitorial“, das dem Laien vorab Informationen zu vermitteln sucht. Dieses umfasst Text, Bild, Ton und Film. Hiermit und mit der ab dem 15. März 2015 (dem „großes Bürgerfest“ genannten Jubiläumstag der Stiftung) zugänglichen Städel Digitale Sammlung wird der Zugang via Computer und mobiler Geräte ausgebaut. Sobald ein Großteil der 3.000 Gemälde, 600 Skulpturen, über 4.000 Fotografien und über 100.000 Zeichnungen und Druckgrafiken umfassenden Sammlung eingefügt sind (man beginnt mit 600 Werken, die Skulptur fehlt noch), wird man sich darin verlieren können, das zeigt bereits jetzt ein Blick in die Betaversion.

Damit ist das Haus ein Vorreiter unter den Museen in Deutschland. Das digitale Angebot richtet sich an die netzaffinen, vorwiegend jüngeren Besucher, denn die Museen haben hier generell Nachholbedarf. Je attraktiver das mehrdimensionale Angebot ist, desto eher spricht es jüngere Generationen an. Grauhaarige Besucher gibt es in den Museen genug. Die Museen müssen zusehen, dass sie der zu erwartenden Besucherlücke vorgreifen und dass sie ihren Bildungsauftrag über Blockbuster-Events hinausgehend erfüllen können. Das freie WLAN, das im Städel wie in der Schirn Kunsthalle vor kurzem eingerichtet wurde, war ebenfalls ein wichtiger Schritt, die Inhalte mithilfe der Besucher über die sozialen Medien nach außen tragen zu lassen und dabei die unmittelbare Rezeption vor Ort erfassen zu können.

Wenn man also nachspüren möchte, wie vor 140 Jahren Künstler die Flüchtigkeit der Erscheinungen unserer Welt und unseres Alltags, – was letztlich auch ein brisantes Problem unser Zeit ist – in Bilder bannten, dann möge man trotz der langen Laufzeit der Schau nicht bis zum Schluss der dreieinhalb Monate warten, sondern recht bald das Städel besuchen. Das Schlangestehen allein wegen des Monetschen “Mittagessens” (1868/69), das Ausgangs- und Mittelpunkt der Ausstellung ist, sollte man allerdings nicht auf sich nehmen: Es wird wieder ab Ende Juni in der ständigen Sammlung des Städel Museum seinen prominenten Platz eingenommen haben.

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erstellt am 12.3.2015

Claude Monet (1840-1926), Das Mittagessen: dekorative Tafel, 1873, Öl auf Leinwand, Musée d’Orsay, Paris
Foto: bpk | RMN – Grand Palais | Patrice Schmidt, © Musée d’Orsay, legs de Gustave Caillebotte, 1894

Ausstellung

11. März bis 21. Juni 2015

Monet und die Geburt des Impressionismus

Städel Museum Frankfurt

Claude Monet (1840–1926), Die Kathedrale von Rouen: Das Portal, Morgenstimmung, 1893-1894, Fondation Beyeler, Riehen/Basel, Sammlung Beyeler
Foto: Robert Bayer, Basel

Berthe Morisot (1841–1895), Eugène Manet auf der Isle of Wight, 1875
Musée Marmottan Monet, Paris
© Musée Marmottan Monet, Paris, Foto: Bridgeman Image