Karl Krolow wurde heute vor hundert Jahren, am 11. März 1915, geboren. An seine „ästhetische Botschaft“, die er uns in seinen Alltäglichen Gedichten hinterließ, erinnert Alexandru Bulucz.

Lyrik

»Immortellen, Nebel«

Zu Karl Krolows Alltäglichen Gedichten und seinem 100. Geburtstag

Von Alexandru Bulucz

Ausgerechnet 1968, im Jahr der Niederschlagung des Prager Frühlings und der Unterzeichnung des Atomwaffensperrvertrags, einem Jahr, das nicht nur deutschland-, sondern weltweit mit aussichtsreicher Revolte beginnen und ein zukunftsträchtiges Aufbruchsjahr werden sollte, dann aber in Gewalt und die medial ausgetragenen Attentate auf Martin Luther King, Robert Kennedy und Rudi Dutschke ausartete, veröffentlichte Karl Krolow seine Alltäglichen Gedichte in der Bibliothek Suhrkamp. Es fällt schwer, sich eine Zeit vorzustellen, die dem politischen und gesellschaftlichen Alltag ferner stünde. Wollte Karl Krolow, der schon 1956 mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet wurde, durch seine Alltäglichen Gedichte etwa nur provozieren? Die damals zwei größten politischen Weltanschauungen – und mit ihnen wohl auch alle anderen – handelt Krolow in seinen Alltagsgedichten nur flüchtig ab: „es gibt welche, die / die Jahreszeiten nachahmen: / Symbole und Marktwirtschaft. / Wie auf alten Bildern / tragen sie im Winter / Wildpret auf dem Rücken. / Mit Getreideähre und Sichel / zeigen sie sich im Sommer.“ Damit wendet sich Krolow, wie mit einer brüsken Handbewegung, vom zeitgenössischen politischen Diskurs seiner Zeit ab, er möchte nichts davon wissen, möchte man meinen. In der Tat scheint es, als gehe es ihm dabei um eine Rückkehr zur reinen Ästhetik der Dichtung, um eine Art Ausflucht, der das Aufbruchspathos des Jahres 1968 und seiner dreijährigen Vorgeschichte – Krolows Alltagsgedichte entstanden zwischen 1965 und 1968 – völlig fremd wäre. Man muss in zweierlei Hinsicht skeptisch bleiben: Ist die metaphorisch gemeinte brüske Handbewegung Krolows wirklich als politische Ignoranz zu verstehen? Und: Ist seine Rückkehr zur reinen Ästhetik der Dichtung mit Alltagseskapismus gleichzusetzen?

Krolows Alltagsgedichte springen buchstäblich aus ihrem zeitlichen Kontext heraus, aber nicht etwa, um ihm zu entkommen, sondern um ihn besser zu zeigen und zu ermitteln und sich nicht von ihm einschränken zu lassen. Dieses scheinbar unpolitische Schreiben im Schatten der Politik ist für Krolow vor allem ein Schreiben im Schatten der eigenen Biographie – trat er doch schon 1937 in die NSDAP ein und veröffentlichte bald in einschlägigen Publikationsorganen –: ein Eingeständnis eigener Fehler und daher ein im höchsten Maße politisches Schreiben.

Die erste Zeile der Alltäglichen Gedichte lautet: „Zeit: etwas“. Die Einsicht, dass die Zeit nicht nichts ist, sondern etwas, impliziert eine Differenz: die der eigenen Gegenwart zu allem, was war, und zu dem, der man selbst einmal war: „Die wechselnden Ansichten / dessen, was war“ („Älter werden“). Diese Krolowsche Differenz meint Bedenkzeit, keine chronometrische, meint Schattenzeit: „Die Uhr / hat ein Gefühl für Schatten“, heißt es im „Stundengedicht“. Einige Zeilen früher wird von der „Zeit“ gesprochen, „in der die Zeit sich ändert“ und in der sie verändert: Da würgt jemand an seinen Verfehlungen, der um die Last, die er sich selber aufgebürdet hat, weiß: „Ich weiß nicht, / was du von mir willst / ohne Schatten.“ („Ohne Schatten“)

Aus diesen Überlegungen, die „über Papier“ geführt werden, „um aufzuschreiben, / daß ich lebe“ („Sich vergewissern“), entsteht ein ganz neues Verhältnis zu Farben und Jahreszeiten: „Der Juli / geizt mit Schatten“ („Der Juli“). „Herbst schafft gutes Büchsenlicht / und Phantasiebilder.“ („Herbstlicher Merkzettel“) Es sind diese Phantasiebilder, die aufgesucht werden: „Ich ziehe mich / in den Schatten zurück, / solange das noch möglich ist. // Aus seinem Hinterhalt / besehe ich die schön belichtete Landschaft.“ (Ebd.) Stroh-, Trockenblumen werden erblickt: „Immortellen, Nebel / sind gesehene Sachen. / Was grau / in einer Landschaft ist, / ist auch auf einem / Ölgemälde grau.“ („Malen im November“) „Etymologische Rosen“ („Die Liebe“) gesellen sich zu diesen Immortellen, mit denen sie aus Liebe zu ihnen einen bunten und wilden Blumenstrauß bilden. Dabei ist dieser Blumenstrauß nichts anderes als unser eigenes Gespräch mit uns selber, das der Sterblichen mit den Unsterblichen: Botticelli, Claudius, Goethe, Lenau, Mörike, Wosnessenski und wie sie sonst heißen – sie alle kommen in Krolows Alltagsgedichten vor. Der Immortellen Nebel, das ist das Grau der Auslegung, das vom Schwarzweiß der Weltanschauungen stets ignoriert wird. Krolow kommt es auf diese ungeheuren Abstufungen des menschlichen Lebens an: „Das Dunkel / ist eine Veränderung / zwischen den Zeilen.“ („Der Abend“) Ihm geht es um das, was mit Adam und Eva, was mit ihrer Geschichte und deren Kommentierung begann: „Aller Äpfel Anfang“ („Äpfel“).

An diesem seinem 100. Geburtstag und darüber hinaus liegt es an uns, uns die „ästhetische Botschaft“ („Winterliche Überlegung“) seiner nicht im Geringsten alltäglichen Gedichte noch einmal und immer und immer wieder zuteilwerden zu lassen, denn: „Der Tag sieht aus, / als ließe sich heute / weiterkommen.“ („Schöner Tag“)

Unbesehen

Die unbesehene Gegend
erholt sich von Spaziergängern.
Das bekannte Lied
ohne Worte setzt sich durch.
Unbesehen wird aus Blumen
ein Blumenstrauß.
Alles geht wieder
einfach zu.
Die Worte haben mit den Worten
ihren Frieden gemacht.
Der Teich, ohne Ruderer,
lebt mit seinen Fischen.

Karl Krolow (1967)

Mit freundlicher Genehmigung des Suhrkamp Verlags, der die Gedichte Karl Krolows verlegt.

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erstellt am 11.3.2015

Karl Krolow, Foto: privat