Buchkritik

Europas Angst vor der Religion

Fundamentalistisch, rückwärtsgewandt, frauenfeindlich und menschenrechtsverletzend. Derlei Eigenschaften schreibt man gegenwärtig vor allem den Muslimen zu. Dass zu Zeiten des Kulturkampfes im 19. Jahrhundert Protestanten mit den exakt gleichen Vokabeln Katholiken charakterisierten, ist weitgehend vergessen. Der amerikanische Religionssoziologe José Casanova hilft mit seinem Buch „Europas Angst vor der Religion“ so mancher Erinnerung auf die Sprünge und räumt mit schiefen Wahrnehmungen auf. Wie etwa die von der Entstehung des säkularen Europas. Anders, als es der „europäische Gründungsmythos“ vertritt, sieht der international beachtete Wissenschaftler hier keine Folge der Glaubenskriege. Vielmehr hätten gerade religiöse Gruppen zur Säkularisierung beigetragen. Mit scharfsichtigen Analysen zerpflückt Casanova die verbreitete Überzeugung, „dass Religion intolerant ist und Konflikte erzeugt“. Im Gegenteil seien der erste Weltkrieg, der stalinistische Terror oder der Holocaust allesamt „Produkte moderner säkularer Ideologien“ gewesen. Auch der Islamophobie entzieht der an der Georgetown University (USA) lehrende Religionssoziologe den Boden und warnt davor, ein Konglomerat an Ängsten zu einem „anti-muslimischen Diskurs zu verschmelzen“. Ohne zu leugnen, dass „die Mehrheit der muslimischen Staaten heute autoritäre Regime“ haben, hält Casanova „muslimische Demokratien für genauso gut möglich, wie es eine christliche Demokratie vor einem halben Jahrhundert in Westeuropa war“. Die Türkei etwa sei ein zugleich „modernes europäisches und kulturell muslimisches Land“. Gemäß Casanovas These, dass nicht die Religionen ein Problem für Europa sind, sondern die Annahme, nur säkulare Gesellschaften seien ein Garant für Demokratie, beleuchtet die Essaysammlung eine Reihe von Widersprüchen, in die sich Europa verstrickt. Zwischen den beiden Extremen des französischen Laizismus und des skandinavischen lutherischen Staatskirchentums sei man unfähig zu entscheiden, „ob die europäische Identität vom gemeinsamen Erbe des Christentums oder den säkularen Werten des Liberalismus und eines toleranten Multikulturalismus bestimmt werden soll“. Ein äußerst lesenswertes Buch, das Stoff zum Nachdenken liefert und mit differenzierten Betrachtungen vermeintliche Gewissheiten aus den Angeln hebt.

Doris Stickler

erstellt am 02.2.2011

José Casanova
Europas Angst vor der Religion
Deutsch von Rolf Schieder
Berlin University Press
Berlin 2009

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