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Auf besondere Weise verkörperte er das jüdische Schicksal im zwanzigsten Jahrhundert: 1913 in Smorgon in Weißrussland geboren und in Wilna aufgewachsen, erlebte Abraham Sutzkever die Blütezeit der jüdischen Kultur in Osteuropa, ihre Zerstörung während der Schoah und den Neubeginn jüdischen Lebens in Israel. „Ich selbst bin mein Volk und trage mich auf den Schultern,“ heißt es in einem späten Gedicht. Tatsächlich hielt er all seine Lebenserfahrungen in Versen fest, die seelische Zustände auf fantastische Landschaften projizieren, archaische mit modernen Ausdrücken kombinieren und implizit die erneuernde Kraft der Poesie postulieren – und die entscheidend zur Ausformung des Jiddischen zur Literatursprache beitrugen. Dieser Literatursprache gedenkt Daniel Kahn in seinem Essay über Avrom Sutzkever.

Porträt

Die Kette der Vergangenheit

Über den jiddischen Dichter Avrom Sutzkever

Von Daniel Kahn

Lieder sind wie Werkzeuge. Wir können sie stets bei uns tragen, anpassen und in Reaktion auf die verschiedenen Probleme unserer Welt gänzlich neu entwerfen. Aber welches Werkzeug nutzen wir, um die schwierigsten aller Sachverhalte anzugehen? Nur selten habe ich ein Lied gehört, welches zum Beispiel die Geschichte des Zweiten Weltkrieges zum Gegenstand hat. Referenzen fand ich in den Songs von Bob Dylan, Anklänge in den Texten von Leonard Cohen. Außerdem bei Woody Guthrie, in Pete Seegers anti-faschistischen Folkhymnen, vielleicht noch in den dunklen Untertönen einiger früher Punksongs. Und sonst? Kitsch wie bei The Sound of Music und Cabaret. Aber nichts davon schien mir wirklich in die Tiefe vorzudringen. Zumindest nichts, bis ich den jiddischen Lyriker Avrom Sutzkever entdeckte. Zwar schrieb er keine Lieder im eigentlichen Sinne, aber dem Jiddischen ist diese Unterscheidung ohnehin fremd. Ein Gedicht ist ein „Lid“. Genauso ein Musikstück. A Lid iz a Lid.

Auf die Frage, was ihnen denn zu moderner jiddischer Lyrik einfalle, erwähnen die meisten Menschen wahrscheinlich das Shtetl oder das Ghetto – wenn ihnen denn überhaupt irgendetwas einfällt. Das ist gleichermaßen beklagenswert und verständlich, wenn man in Betracht zieht, dass die Geschichte des jüdischen Lebens in Osteuropa gewöhnlich auf das dramatische Narrativ rückwärtsgewandter Primitivität und brutaler Vernichtung reduziert wird. Und doch greift es viel zu kurz. Denn: Die jiddische Kultur vor dem Holocaust war kosmopolitisch, international und stand in regem Austausch mit der literarischen Moderne. In Odessa, Warschau, Chicago, New York, Berlin und Buenos Aires waren nahezu alle epochemachenden Werke der Literatur und Philosophie in jiddischer Übersetzung erhältlich. Die Menschen dort lasen Proust, Nietzsche und Whitman. Joyce, Heine und Hamsun. Oder die russischen Autoren Majakowski, Dostojewski und Gogol. All diese Autoren waren Vorbilder für jiddische Schriftsteller wie Peretz, Ansky, Manger und Bashevis Singer. Tatsächlich waren die Jahre vor dem Holocaust eine unglaublich fruchtbringende Zeit für eine außergewöhnlich fruchtbare Kultur. Eines ihrer Zentren – sowohl religiös als auch säkular – war Wilna, das heutige Vilnius, welches damals Juden auf der ganzen Welt als „das Jerusalem Litauens“ bekannt war.

Einer der Protagonisten des reichen kulturellen Lebens dieser Stadt war der junge Avrom Sutzkever. Geboren wurde er 1913 im Gebiet des heutigen Weißrusslands; zum Zeitpunkt seines Todes im Jahre 2010 galt er als einer der größten jiddischen Dichter des 20. Jahrhunderts. Seine Bekanntheit stützte sich dabei nicht zuletzt auch auf das von ihm herausgegebene Magazin für jiddische Literatur Di Goldene Keyt (Die Goldene Kette), welches er in seiner neuen Heimat Israel nach dem Krieg gründete. (Sein kontinuierliches Engagement für das Magazin ist schon für sich genommen bemerkenswert, da der junge Staat Israel sein Bestes tat, die jiddische Sprache und Kultur zu unterdrücken.) Trotz all seiner Erfolge ist Sutzkever einem größeren Publikum außerhalb der Judaistik-Abteilungen einiger Universitätsbibliotheken weitgehend unbekannt geblieben. Und auch innerhalb besagter Judaistik-Abteilung wird man ihn wahrscheinlich eher unter der Kategorie „Holocaust-Dichtung“ als unter „jiddische Dichtung“ finden.

Ich persönlich stieß auf seine Lyrik in einem Buch über eben jenes Thema, nämlich in David Roskies Against the Apocalypse. Das war nur wenige Monate nachdem ich nach Berlin gezogen war – eine Stadt, die ich als amerikanischer, im Wissen um den Holocaust erzogener Jude vorher noch nie besucht hatte. Mein erster Kontakt mit dem Ort, an dem die Katastrophe ihren Ausgang nahm, stellte die von mir bisweilen akzeptierten Narrative – zum Beispiel „jüdische Hilflosigkeit angesichts des Krieges“ und „nationalistischer Triumphkult in Israel nach dem Krieg“ – vollkommen in Frage. Einer Figur wie Sutzkever in diesem Kontext zu begegnen war für mich faszinierend. Ich stieß auf das Gedicht „Vi Azoy“, welches in lateinischer Umschrift so beginnt:

Vi Azoy?

Vi azoy un mit vos verstu filn,
dayn bekher in tog fun bafrayung?
Bistu greyt in dayn freyd tsu derfiln,
dayn fargangenhayts fintstere shrayung?
Vu es glivern sharbns fun tegin, a tom on a grunt, on a dek? …

Es gibt viele Übersetzungen dieses Gedichts, die Folgende ist meine eigene. Sie ist frei und rhythmisch, Ausgangspunkt eines Liedes:

How?

How, and with what will you fill
your cup after your liberation?
In your joy, are you ready to feel
all of yesterday’s dark lamentation?
Where the days have congealed into skulls
in a bottomless, endless abyss?

You will search for the keys to your doors
whose locks are all shattered and dead.
You’ll think: it was better before
as you chew on the sidewalks like bread
and the time gnaws you silent and numb
like a cricket held inside a fist.

And your memories will all be compared
to a buried, forgotten old town
and your outsider eyes they will stare
like a mole crawling down, crawling down …

Wie und mit was wirst du füllen
deinen Becher am Tag der Befreiung?
Bist du bereit beim Freudengebrüll
zu hören das Echo der Schreie?
Wo Scherben funkeln von Tagen
In Gräben ohne Boden, ohne Dach?

Du wirst Schlüssel suchen passend
für deine verrosteten Schlösser.
Wie Brot wirst du beißen die Gassen
Und denken: früher war es besser.
Und Zeit wird stumm an dir nagen
Wie eine Grille gefangen in der Faust

Deine Erinnerung wird man vergleichen
mit einem alten, erloschenen Dorf.
Und deine Augen werden dort schleichen
Wie ein Maulwurf, wie ein Maulwurf – –

(dt. Übersetzung: Max Czollek) (1)

Das Gedicht erschütterte mich. Es lähmte mich. Allein diese letzte Strophe: Sie ist zwei Zeilen kürzer, als es die Form eigentlich vorschreibt. Der Maulwurf gräbt weiter und weiter, als hätte er sich verirrt, bis er sich dann schließlich verschämt in der Dunkelheit verliert. Das Gedicht wirkt dadurch gleichzeitig unfertig und endlos. Diese herausfordernde kleine Notiz – möglicherweise nur als Tagebucheintrag oder Brief an seine Frau verfasst – wurde für mich zu dem Prisma, durch welches ich die Geschichte betrachtete. Es erschien mir als eine Nachricht aus der Hölle, eine Meditation über das Unmögliche, eine Prophezeiung der Hilflosigkeit, eine Grabrede auf die Zukunft, eine Warnung vor der Hoffnung, eine Kapitulation vor der Nacht, eine Reihe von Fragen ohne Antworten, eine Handlungsanweisung für die auf ewig Verdammten. Am Ende des Gedichtes findet sich ein Postskriptum: „Wilnaer Ghetto – 14. Februar 1943“

Das Schicksal der Wilnaer Juden war ein Vorbote für das, was Hitler dem Rest Europas zugedacht hatte. Zum Zeitpunkt der Errichtung des Ghettos war der Großteil der jüdischen Bevölkerung der Stadt bereits in den nahen Wäldern von Ponar durch Massenerschießungen ermordet worden. Die verbliebene jüdische Bevölkerung wurde in einen kleinen Teil der Stadt gedrängt und von der Außenwelt abgeschlossen. Nach Jahren der fortlaufenden Demütigung, Korruption, Hunger, Krankheit und Mord wurde das Ghetto schließlich liquidiert. Nur einige wenige, die sich entschlossen hatten in die Wälder zu fliehen und als Partisanen zu kämpfen, überlebten den Krieg.

Sutzkever war einer von ihnen. Im Wilnaer Ghetto hatte er kulturelle Veranstaltungen wie Ausstellungen, Performances, Konzerte und Lesungen organisiert, um zumindest einen Schein von Zivilisation inmitten von Mord und Chaos zu wahren. Er war Teil der sogenannten „Papierbrigade“, einer von den Nazi-Autoritäten gegründete Gruppe jüdischer Intellektueller, welche die Schätze des YIVO Instituts (Osteuropas wichtigstem Archiv und jüdische Forschungseinrichtung) entweder zur Zerstörung oder zur Bewahrung in deutschen Museen zu überstellen hatten. Unter konstanter Lebensbedrohung hungernd und arbeitend gelang es den Mitgliedern der Papierbrigade, eine außerordentliche Menge der wichtigsten Kulturgüter des osteuropäischen Judentums zu verstecken. Teile des Materials wurden nach dem Krieg gefunden und nach New York gebracht. (Daraus entstand das YIVO Institut in New York, Anm. d. Übers.) Später verließ Sutzkever das Ghetto und wurde Partisan – genauso wie auch seine Dichterkollegen Abba Kovner, Hirsh Glik und Shmerke Kaczerginsky. Aber trotz der Tatsache, dass er selbst überlebte, hatte der Krieg seine Welt zerstört. Unter jenen, die im Ghetto starben, waren auch seine Mutter und sein kleiner Sohn, der von den Nazis vergiftet wurde, noch bevor er das Krankenhaus verlassen konnte.

Dies war also die Welt, in der Avrom Sutzkever seine Gedichte verfasste.

Und dennoch: Wo sich andere in Verzweiflung verlieren würden – in Wut und Unglauben, in religiösem Symbolismus oder Heroismus – konzentrierte sich Sutzkever in seiner Lyrik auf die Taubheit, Sinnlosigkeit und Verwirrung selbst. Er weigert sich, dem Holocaust eine lindernde Bedeutung beizumessen. Seine Krise ist eine Krise der Absurdität. Seine Bilder sind klein und greifbar: ein Schlüssel, eine Grille in der Faust, eine Tasse, ein zerstörtes Schloss. Und die Zeile über das Brot. Das Beißen in die Straße. Das war etwas, das hängen blieb.

„Vi Azoy“ ist nur eines von hunderten Gedichten, die Sutzkever während des Krieges verfasste. Es demonstriert, wie die Geschichte einen Dichter der Innerlichkeit dazu zwang, ein Chronist der Außenwelt zu werden – politisch zu sein, Zeugenschaft abzulegen. Sutzkevers poetischer Sinn ist nicht das, was man von einem Analysten sozio-historischer Realitäten für gewöhnlich erwarten würde. Seine Vorkriegsgedichte waren zumeist apolitisch; eine Neigung, die nicht selten zu Konflikten zwischen ihm und seinen Dichterkollegen führte. Bis zum Krieg und noch einmal erheblich später in seinem Leben war Sutzkevers wirkliches Thema die menschliche Seele und die natürliche Welt – mit ihren Gefühlen, ihrer Schönheit, ihrer Form und ihrer Lyrik:

„All is worthy of the roaming of my eye,
All is noble, precious for my verse;
Grasses, trees, a spring, a vessel, earth,
And the distant rainbow hues of sleep
In everything, I come upon a splinter
Of infinity. –

(aus Valdiks, dtsch. „aus den Wäldern“, übers. von Barbara & Benjamin Harshav)

Roskies nennt Sutzkever den großen jiddischen Neoklassizisten seiner Zeit. Mit ihrer Präzision, der Eleganz ihres Reimes und dem Fokus auf die lyrische Struktur steht seine Arbeit im Kontrast zu der urban-industriellen Ästhetik seiner Zeitgenossen. Aber dieser Fokus macht seine Arbeit in ihrem Anliegen und ihrer Vision nicht weniger modern. Als fluktuierendes Mitglied der literarischen Gruppe „Junges Wilna“ – die auch Giganten wie Chaim Grade zu ihren Mitgliedern zählte – war Sutzkever einer jener Autoren, welche die propagandistische sozialistische Fabriklyrik (sweatshop poetry) der älteren Generationen ablehnten. Wie die anderen Mitglieder des „Jungen Wilna“ war er inspiriert von den als „Inzikhistn“ oder „Introspectivists“ bekannten amerikanischen jiddischen Schriftstellern wie Yankev Glatshteyn und Anna Margolin oder von der als „Di Yunge“ bekannten Gruppe, der Dichter wie Mani Leyb angehörten. Viele ihrer Schriften wurden in der anarchistischen New Yorker Tageszeitung Fraye Arbeter-Shtime (Freie Arbeiterstimme) veröffentlicht. Diese Dichter schrieben größtenteils für ein Publikum, das seitdem verschwunden ist. Oder das es niemals wirklich gab. Auf jeden Fall schrieben sie für eine aktive, radikale jiddische Avantgarde – säkular und modernistisch. Sie erachteten sich selbst als Zeitgenossen und Verbündete von Schriftstellern wie Ezra Pound und T.S. Eliot, denen manche von ihnen (für gewöhnlich unbeantwortet gebliebene) Briefe schrieben.

Auf eine bestimmte Weise können wir uns vielleicht glücklich schätzen, dass der Krieg Sutzkever zu seinem bewegenden OEuvre inspiriert hat. Andererseits ist es eine Schande, dass der Holocaust das wichtigste Ereignis im Leben und Werk dieses großen Schriftstellers sein sollte. Für sich allein genommen war Sutzkevers Arbeit vor dem Krieg bereits tiefgründig und bewegend genug, um als wesentliche Bereicherung für die moderne Lyrik zu gelten. Aber die Fluchtlinie von Sutzkevers reicher, inspirierender Liebesbeziehung mit der Natur wurde von der Geschichte gewaltsam unterbrochen; seine Lyrik wurde nunmehr zu einem Register des Schmerzes und einem Ringen um Bedeutung und Erinnerung. Dabei war es eben jener in den Jahren vor dem Krieg entwickelte introspektive Ansatz, der es Sutzkever erst ermöglichte, Zeugnis vom Grauen des Krieges abzulegen. Sein Interesse galt einem allgemeinen Dilemma. Und es war seine Sensibilität für die Mysterien des Lebens, die ihm dabei halfen, die unermessliche Katastrophe zu adressieren, die ihm und dem europäischen Judentum widerfuhr. Es war eben jene Einsicht, die es ihm erlaubte, den Abgrund gleichsam von innen auszuleuchten.

Vielleicht am interessantesten an dem oben angeführten Gedicht „Vi Azoy“ ist, dass es im Strudel der Ereignisse von 1943 im Angesicht völliger Unsicherheit bezüglich des eigenen Schicksals und dem der Welt verfasst wurde, aber dabei von nichts anderem spricht als von den Schwierigkeiten nach der imaginierten Befreiung. Eben der Moment, der als Gegenstand und Ziel aller Hoffnung gelten sollte, erscheint hier als leere Hülle, hinter der sich Trauma und Taubheit verbergen – gleich einer Art fortdauernden Alptraums. Indem es sich die Freiheit vorstellt, negiert das Gedicht ihre eigentliche Bedeutung. Inmitten des Terrors besaß Sutzkever also die philosophische Klarsicht, die Entfremdung und Verwirrung einer Generation von Überlebenden (und ihrer Nachkommen) zu erfassen. Vielleicht ist es diese Einsicht, die dem Gedicht seine Aktualität verleiht.

Ein paar Jahre nach meiner ersten Lektüre des Gedichtes nahm ich an einem Kunstexperiment in Berlin teil. Eine israelische Regisseurin hatte eine multi-disziplinäre Gruppe von deutschen, israelischen (jüdisch und muslimisch) und palästinensischen Künstlern, Tänzern, Schauspielern, Musikern, Photographen und Schriftstellen um sich versammelt, um gemeinsam etwas zu entwerfen, das sie „Conflict Zone Arts Asylum“ nannte. Ich war nicht nur der einzige Amerikaner, sondern auch der einzige „Yid“, also Diaspora-Jude. Wochenlang trafen wir uns, spielten, sprachen und arbeiteten zusammen. Eine Übung, die ich mit der Gruppe ausprobierte, bestand darin, Gedichte in unterschiedlichen Sprachen zu lesen und jene zu übersetzen, die die jeweiligen Teilnehmenden am meisten ansprachen. Aus all der jiddischen Lyrik, die ich mitgebracht hatte, wählte ein palästinensischer Bildhauer das Gedicht „Vi Azoy“. Diese Zeilen, meinte er, erfassten genau jene Situation im Flüchtlingscamp, in der er zum ersten Mal hörte, dass Arafat „uns alle befreien“ werde. Er erinnerte sich an die Leere, die er angesichts dieser Aussicht auf Befreiung verspürte. Er fragte sich, womit er seinen Becher füllen würde. Er trug das Gedicht auf Arabisch vor.

Ich weiß nicht, was Avrom Sutzkever davon gehalten hätte. Den größeren Teil seines Lebens war er Israeli. Und als Israeli war er hochgeehrt als Verbreiter und Repräsentant der jiddischen Sprache. Er bekam sogar den Israel Prize for Yiddish Literature zugesprochen. Doch für mich war dieser Moment der Solidarität inmitten der Aussichtslosigkeit eine enorme Quelle der Hoffnung. Darum entschied ich auch, dass „Vi Azoy“ ein „Lid“ ist, das gesungen werden sollte. Ich nahm mir also vor, meine eigene singbare „Tradaption“ (eine Fügung aus Übersetzung/engl. “Translation“ und Adaption, Anm. d. Übers.) auf Englisch anzufertigen, mit einer Melodie, die mein Klarinettist und Freund Michael Winograd komponierte.

Das Liedgedicht „Vi Azoy“ funktioniert nicht nur als eine Form der Erinnerung und Ehrung für jene, die während des Holocaust gelebt haben und gestorben sind, sondern auch als eine Verhandlung des universellen Problems von Trauma, Verdrängung, Entfremdung und Erinnerung. Das Gedicht heute zu singen, heißt, eine kleine, aber radikale Rekontextualisierung seiner Bedeutung vorzunehmen. Es zwingt uns dazu, das Paradoxon anzuerkennen, welches sich zwischen einer hoffnungsvollen Zukunft und dem schreienden Abgrund der Vergangenheit ergibt.

Vor kurzem diskutiere ich das Gedicht mit Janina Wurbs, einer jungen Jiddisch-Wissenschaftlerin und guten Freundin von mir. Sie erinnerte mich an eine Diskrepanz zwischen dem jiddischen Original und jener Version, die ich als Ausgangspunkt für meine Übersetzung genommen hatte. Ich muss das übersehen haben, als ich das Gedicht erstmals in Roskies Buch las. Sie sandte mir einen Scan des Originals. In der dritten Zeile, wo ich „fargangenhayt“ (Vergangenheit) gelesen hatte, hatte Sutzkever „fargangenKeyt“ geschrieben. Diese kleine Differenz, den Millimeter eines vertikalen Strichs zwischen einen Hey ה und einem Koof ק, eröffnete ein brillantes Wortspiel; „keyt“ bedeutet Kette, gleich der goldenen Kette im Namen von Sutzkevers Magazin. Sie verweist auch auf die Kette der Vergangenheit. Unsere Verbindung mit der Vergangenheit. Und Sutzkever verpflichtet uns, daran anzuknüpfen.

Übersetzung: Maximilian Czollek
Das englische Original „The Chain of the Past“ ist im April 2013 in Asymptote erschienen.

Mit freundlicher Genehmigung von Asymptote.

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erstellt am 09.3.2015

Avrom Sutzkever
Avrom Sutzkever. Foto von 1950

Sutzkevers erster Gedichtband, „Lider“ – Gesänge, erschien 1937. Aber der Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Wilna unterbrach abrupt seine gerade begonnene literarische Karriere und setzte einem Kapitel jüdischer Geschichte ein absolutes Ende: „Als ich am 22. Juni frühmorgens das Radio anschloss, da sprang es mir entgegen wie ein Knäuel Eidechsen: ein hysterisches Geschrei in deutscher Sprache.“ So beginnt Sutzkevers Bericht „Wilner Getto“. Der Lyriker wird darin Zeitzeuge – und der Zeitzeuge ist Lyriker, der die Gettowirklichkeit und zugleich die Entstehung der Gedichte beschreibt, die ihrerseits diese Wirklichkeit festhalten. Erst von der sowjetisch-stalinistischen Zensur redigiert, dann mehrmals von ihm selbst überarbeitet, wurde Sutzkevers Bericht schließlich zu einem Beweismittel für den Mord an den europäischen Juden im Nürnberger Prozess – und er selbst musste als Zeuge der Anklage aussagen.

Es war nicht zuletzt das Erlebnis des Nürnberger Prozesses, das entscheidend dazu beitrug, dass er 1947 mit seiner Frau nach Israel auswanderte. In Tel Aviv gründete er eine jiddische Literaturzeitschrift und wirkte bis 1995 als ihr Herausgeber – und bis zu seinem Tod 2010 war er der Spiritus Rector einer kleinen Gruppe von jiddischen Dichtern. Auch als jiddischer Dichter war Sutzkever auf besondere Weise ein Zeitzeuge des zwanzigsten Jahrhunderts: Denn er hatte zur Entstehung des Jiddischen als einer modernen Literatursprache beigetragen und erlebte sein Verschwinden nach der Schoah. Aber wie sein Freund Marc Chagall, der manche seiner Gedichte illustrierte, glaubte Sutzkever unbeirrt weiter, dass die moderne jüdische Identität die Bräuche und die Sprachen aus der Vergangenheit reflektieren müsse. (sab)

(1) Vi Azoy?

Fun Avrom Sutzkever

vi azoy un mit vos vestu filn
dayn bekher in tog fun bafrayung?
Bistu greyt in dayn freyd tsu darfiln
dayn fargangenheits finstere shrayung?
Vu es glivern sharbns fun teg
in a tom on a grunt, on a dek?

Du vest zukhn a shlisl tsu pasn
far dayne farhakte shleser
vi broyt vestu baysn di gasn
un trakhtn: der frier iz beser
un di tsayt vet dikh ekbern shtil
vi in foyst a gefangene gril

un s’vet zayn dayn zikorn geglikhn
tsu an alter farshotener shtot
un dayn droysiker blik vet dort krikhn
vi a krot, vi a krot – –

in Vilner geto, 14.2.1943

Jiddische Originalfassung: