Monet, Manet, Renoir. Ist der französische Impressionismus als französisches Weltkulturerbe zu sehen? Als Phänomen von ungeheurer Anziehungskraft auf jeden Fall, meint Petra Kammann. Für Faust-Kultur ist sie durch die Orte des Impressionismus in der Normandie gereist.

Reportage

Auf den Spuren der Impressionisten in der Normandie

Von Petra Kammann

Schon 2010 pilgerten Kunstliebhaber aus aller Welt zum Festival „Normandie impressioniste“, gilt doch die Normandie als die landschaftliche Wiege der so federleicht wirkenden Kunst, welche Eindrücke dessen einfängt, was uns umgibt, und unseren Alltag poetisiert. Vor zwei Jahren noch hatte sich die Normandie eines speziellen Themas dieser Malerei angenommen: Wasser. Ist doch die Landschaft geprägt durch ihre vielgestaltige Küste, mit ihrem großen formalen Reichtum, von bizarren und schroffen Kreidefelsen bis hin zu feinsten, hellen Sandstränden. 2013 also war es 140 Jahre her, dass Claude Monet, eine der Leitfiguren, sich von der aufgehenden Sonne über dem Meer bei Le Havre inspiriert ließ zu dem Bild Impression. Soleil levant. Es soll der Bewegung ihren Namen gegeben haben, so der Gründungsmythos – der längst widerlegt ist – hat aber die Geschichte der Malerei mit seiner künstlerischen Energie grundlegend bereichert. Dinge des Alltags und die atmosphärische Umgebung wurden unmittelbar über die Eindrücke des Auges wahrgenommen, anders als die Regellehre eines malerischen Akademismus. Kein Wunder, dass die Ausstellungspäpste des Pariser Salons seinerzeit solche Neuerer wie Manet und Monet ablehnten. Ein Schlüsselereignis indes, um die Bedeutung des neuen Sehens der Kunstwelt vor Augen zu führen, war die Ausstellung „Maritime internationale“, die der Rahmenhändler Eugène Boudin aus Honfleur – der dann selbst Maler wurde – 1868 in Le Havre direkt am Meer organisierte, dieses hatte einen großen Einfluss auf Monet.

Will man sich auf die Spuren der Impressionisten machen, sollte man, wenn – nicht in Paris – so doch in einem Dörfchen beginnen, das zwischen Paris und Rouen, in Giverny, am Zusammenfluss von Seine und Epte gelegen ist, heute eine Pilgerstätte für jährlich gut eine Million Besucher aus aller Welt. Sie wollen hier in die Welt Monets eintauchen: in sein großes Landhaus mit dem farbensprühenden abgeschlossenen Garten, dem „Clos Normand“. Ihn hat er üppig bepflanzt für einen steten Wechsel, so im Sommer mit Rosen, Goldlack, Klatschmohn, Tulpen, Schwertlilien im Sommer und den entsprechenden Blumen in den anderen Jahreszeiten. Das Leben dort war für den Maler immer auch eine stete Quelle der Inspiration.

Mit der Erweiterung des Gartenidylls wurde sein bambusumstandener Wassergarten mit Teich und seinen Seerosen sowie der japonisierenden Brücke zu einem der berühmtesten Motive der Kunstgeschichte. Ein Motiv, das Monet wieder und wieder malte, zuletzt in riesigen Formaten und bis hin zur Abstraktion von Farbtupfern,– wofür er eigens ein überwältigend großes Atelier errichten ließ. Hier konnte er die Natur in einer damit verbundenen ganz eigenen Kunstwelt erleben, eine Monet-Welt eben, die schon damals ganze Gruppen junger Maler anzog. Trotz der Besucherströme ist der Ort heute noch faszinierend.

Claude Monet lebte von 1883 bis zu seinem Tod 1926 in Giverny. Hier legte er Wassergarten mit dem Seerosenteich und der japanischen Brücke an. Ein Motiv, das er vielfältig unter den verschiedenen Lichteinflüssen und Spiegelungen malte, bis sich das Motiv auflöste. Foto: Petra Kammann

Das inzwischen an dieser Stelle angesiedelte – eher bescheidene – „Musée des impressionismes Giverny“ zeigt in Wechselausstellungen ständig neue Zusammenhänge der Künstler-Verbindungen aus dem wahrhaft „malerischen“ Tal der Seine, das selbst heute noch an vielen Stellen die berühmten impressionistischen Blicke bietet.

Die Arbeit im Atelier war in den ersten Jahren bei Monet wie bei den anderen Impressionisten eher die Ausnahme. Sie suchten das Motiv draußen, unter freiem Himmel: „en plein air“, um die Qualität des Lichts in der Malerei einzufangen. Dieser Drang nach draußen verdankt sich – wie oft in der Kunstgeschichte – auch neuer Technik: damals der Erfindung der Farbtube, der transportablen Staffelei und im Zeitalter der Industrialisierung dem Ausbau der Eisenbahnstrecken, die auch das Reisen der Künstler ermöglichte. So ließ sich die Landschaft leichter erschließen, und das Meer rückte näher. Die Verbindung Paris – Le Havre erleichterte nicht nur den Warenverkehr, sondern auch neue Formen des Tourismus, nicht zuletzt mit dem Baden im Meer, wie man es heute noch in den mondänen Seebädern Deauville und Trouville nachempfinden kann. Auch Dichter wie Marcel Proust waren davon inspiriert.

Hôtel des Roches Noires, Trouville. Monet malte hier, Marcel Proust und Marguerite Duras wohnten hier. Foto: Petra Kammann

Hier hielt sich Claude Monet im Sommer 1870, kurz vor Ausbruch des deutsch-französischen Krieges mit seiner jungen Gattin Camille, die er am 28. Juni in Trouville geheiratet hatte, auf. Das Motiv, das Hôtel des roches noires von Trouville, gibt ebenso einen Eindruck von den Aufenthalten der Großbourgeoisie im Seebad des Zweiten Kaiserreichs wie die zahlreichen Gemälde von Eugène Boudin. Dieses Gemälde wird häufig auch mit Marcel Proust in Verbindung gebracht, selbst wenn die von Monet dargestellte Gesellschaft mindestens um eine Generation älter als die des Schriftstellers war. Aber das Hôtel des roches noires diente als eines der Vorbilder für das berühmte Hotel in Prousts „Balbec“. 1893 weilte er hier mit seiner Mutter. 1939 wurde das einstige Prachthotel als Hospital der französischen Armee benutzt und dann von der deutschen Armee besetzt. Nach dem Krieg diente es wieder als Hotel – allerdings nur bis 1959. Dann wurde es in Appartements umgewandelt. Die französische Schriftstellerin Marguerite Duras, die es in drei ihrer Filme als Motiv verwendet hatte, bewohnte bis zu ihrem Tod selbst das Appartement 105.

Monets Hôtel des roches noires. Trouville ist aber ein hervorragendes Beispiel für die technische Kühnheit des Malers. Sein schneller Pinselstrich suggeriert den Eindruck, dass sich die Fahnen bewegen, und belebt den Himmel mit den verschwommenen Umrissen der Wolken. Das Hochformat betont den Kontrast zwischen der Standfestigkeit der Figuren auf der unteren Bildhälfte und Unbeständigkeit der Elemente im oberen Teil. Die Fahne im Vordergrund kommt durch die rot-weißen Streifen, die einen sehr freien Duktus erkennen lassen, besonders zur Geltung.

Monet hatte seine Meeres-Lieblingsmotive, wie etwa die spektakulären Felsbögen von Etretat, einem Fischerdorf nördlich von Le Havre, das ebenfalls mit den modernen Verkehrsmitteln zum Seebad aufgestiegen war. Der Ort mit dem Standbogen zwischen den Kreidefels-Wundern bleibt hingegen ausgespart – Monet und den anderen Malern ging es vor allem um die Natur und die Bewegung, die in ihr steckt. Aber gleichwohl, Etretat war auch ein Lieblingsort der Belle Epoque, Jacques Offenbach ließ hier eine der vielen prächtigen Villen bauen. Auch Maurice Leblanc, Autor des Verbrecherhelden Arsène Lupin, residierte hier fürstlich – die Erinnerungsstücke sind heute in seinem Haus zu bewundern.

Der berühmte Felsen von Etretat, den Monet in den verschiedensten Lichtstimmungen malte. Foto: Petra Kammann

In knapp einer halben Autostunde erreicht man über die eindrucksvolle Küstenstraße Le Havre – den auch heute noch wichtigsten Hafen Frankreichs.

In Le Havre wird der Reisende auf den Spuren der Impressionisten im Musée d’Art Moderne reich beschenkt: nicht allein mit dem bemerkenswerten Bau, benannt nach dem damaligen Kulturminister André Malraux – eine offene, dem Meer zugewandte Moderne, lichtdurchflutet, so schlicht wie raffiniert. Das Museum, 1961 ein Leuchtturm-Projekt der nationalen Kulturpolitik für die Regionen, beherbergt heute nach Paris die zweitgrößte Impressionismus-Sammlung. Wer empfinden will, wie Licht und Luft malerische Form finden können, der wird sich hier nicht sattsehen können. Alle Großen des Impressionismus sind mit Meisterwerken präsent, inklusive der Sichtverbindungen, auch der Wegbereiter Eugène Boudin, den Monet als seinen Meister anerkannte. Hier kann man sich unmittelbar zurückversetzen in jene Zeit vor anderthalb Jahrhunderten, als Monet – noch vor dem maritimen Sonnenaufgang „soleil levant“, der lange Zeit als Gründungsmythos des Impressionismus galt – sein Bild Terrasse à Sainte-Adresse malte, dessen Frische noch heute beglückt. Eine wohlhabende Familie genießt die Freizeit auf der Terrasse, im Hintergrund passiert eine Kette von Handelsschiffen die Hafeneinfahrt. Das mag idyllisch erscheinen, sind es doch heute die schwimmenden Container-Kolosse, welche am nahen Horizont vorbeiziehen. Für Besucher schlagen heute die Schautafeln entlang der imposanten Strandpromenade einen Bogen zur Kunstwelt.

Der Kontrast liegt nur zehn Meter weiter: das nach der Totalzerstörung im Zweiten Weltkrieg in komplett einheitlicher Manier wiederaufgebaute Zentrum von Le Havre. Für die einen ein Alptraum in (dekoriertem) Beton, für die anderen eine große Geste der Moderne, geprägt vom verantwortlichen Architekten Auguste Perret – inzwischen sogar Weltkulturerbe. Hier sollten soziale Bedürfnisse und rationale Schönheit verbunden werden. Das „antiimpressionistische“ Stadtbild wird dominiert vom Betontheater, der heutigen Mediathek, erbaut von Oscar Niemeyer, und von der Beton-Kirche Saint Joseph – ein „Leuchtturm“ mit phantastischer Lichtwirkung im Inneren.

Hier wurde Eugène Boudin, der Maler der Küstenlandschaften und Vorbild Claude Monets 1824 geboren. Foto: Petra Kammann

Gleich gegenüber von Le Havre, an der weit auslaufenden Seine-Mündung, liegt das wahrhaft malerische Honfleur, zu erreichen über eine kühne himmelstrebende Brücke: der Pont de Normandie. Das Örtchen liebten schon die Maler der Romantik, dann die Naturalisten, bevor Eugène Boudin den Ort zum Treffpunkt der impressionistischen Künstlerszene machte. Boudin hatte früh Claude Monet als Schüler in Le Havre an die aufkommende neue Lichtkunst herangeführt, dessen Zentrum der Gasthof Saint-Siméon bildete (heute ein Luxushotel). In Honfleur blieb kein Winkel, kein Plätzchen ungemalt. Heute schaffen an besonders markanten Stellen aufgestellte Tafeln eine Bilderbrücke zwischen der Kunst und der Häuserwirklichkeit. Im Musée Boudin lässt sich dann die Malerei des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts studieren.

Wer nun seineaufwärts nach Rouen reist, kann im dortigen Musée des Beaux Arts noch einmal ein gelungenes Konzentrat des Impressionismus in sich aufnehmen. Hier findet sich gewissermaßen das Who-is-Who dieser in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Durchbruch begriffenen Künstlerszene: Degas, Pissaro, Caillebotte, Dufy, Sisley, Manet, Monet. Sie alle sind in diesem tempelhaften Gehäuse mit charakteristischen Werken vertreten. Für Monet, den Ausnahmekünstler, spielt Rouen eine bedeutende Rolle: Seine ganz seriell gemalten Bilder der schlanken gotischen Kathedrale zählen zu den Höhepunkten des Impressionismus überhaupt. Aus der ersten Etage eines der Kirchenfassade gegenüberliegenden Dessous-Geschäftes fing er seine Eindrücke dessen auf, was Stein, Glas und Licht zu unterschiedlichen Zeiten verband.
Vier der insgesamt 33 Ansichten der Kathedrale von Rouen, die Monet in Giverny vollendete und variierte, sind nun anlässlich der Ausstellung „Monet und die Geburt des Impressionismus“ im Frankfurter Städel zu sehen. Über sie sagte Kasimir Sewerinowitsch Malewitsch: „[Das ist] Malerei im eigentlichen Sinne, Bewegung und unendliches Wachsen farbiger Flecken, das hat noch niemand gesehen. Monet hatte, als er die Kathedrale malte, die Wiedergabe von Licht und Schatten an den Mauern der Kathedrale im Sinn, doch in Wirklichkeit konzentrierte er sich ganz auf die Erschließung einer Malerei, wie sie an den Mauern einer Kathedrale wächst. Sein zentrales Ziel war nicht Licht und Schatten […] Es geht nicht um die Kathedrale, sondern um die Malerei.“
Und das ist ein echtes Geschenk zum 200. Geburtstag des Kunstmuseums am Main.

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erstellt am 08.3.2015

Im 19. Jahrhundert wurde das malerische Honfleur zum Zentrum künstlerischer Aktivitäten. Maler wie Courbet, Sisley, Jongkind, Claude Monet, Pissarro und Cézanne kamen nach Honfleur und trafen sich oft in der Ferme St-Siméon, eine der Geburtsstätten des Impressionismus. Foto: Petra Kammann

Bilderwand von Eugène Boudin im Musée André Malraux in Le Havre. Foto: Petra Kammann

Claude Monet lebte von 1883 bis zu seinem Tod 1926 in Giverny. Foto: Petra Kammann

Claude Monet: Das Hôtel des Roches Noires in Trouville, 1870. Musée d`Orsay, Paris. Foto: bpk | RMN – Grand Palais | Hervé Lewandowski © Musée d`Orsay, Paris, donation de Jacques Laroche, 1947