In seinem Debütroman „Sterndeutung“ umkreist der ukrainisch-deutsche Schriftsteller Jan Himmelfarb einen Lebenslauf zwischen Krieg, Verfolgung, Totalitarismus und Emigration. Stefana Sabin hat das Buch gelesen.

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Das Leben neu erfinden

Von Stefana Sabin

Immer wieder im Verlauf dieser Geschichte wird Geburtstag gefeiert. Denn wenn man in einem ukrainischen Zug im Zweiten Weltkrieg geboren wurde und während der rabiaten Judenverfolgung aufgewachsen ist, muss man sich seines Lebens immer wieder vergewissern. So feiert Arthur Segal, der Held im Roman von Jan Himmelfarb, nachdem er als Kontingentflüchtling aus der Ukraine nach Deutschland eingewandert ist, jedes Jahr seinen Geburtstag – und zwischen diesen Feiern rekonstruiert er sein bisheriges Leben als eine anhaltende Überlebensgeschichte. Der Krieg und die Judenvernichtung durch die Nazis und ihre ukrainischen Handlanger, aber auch die innere Emigration im sowjetischen Totalitarismus sind die Eckpunkte einer Geschichte, die zugleich erzählt und reflektiert wird. Der Versuch, im Land der ehemaligen Verfolger sein „Leben neu zu erfinden“ und die Beschreibung der Anpassung an Deutschland als eines Prozesses der ständigen Selbstbefragung machen Arthur Segal zu einer psychologisch glaubwürdigen Gestalt.

Zwar haben deutsche Schriftsteller nichtdeutscher Muttersprache in den letzten Jahren immer wieder die Identitätssuche von Immigranten thematisiert. Aber wenigen ist es wie Himmelfarb in diesem Roman gelungen, den deutschen Verwaltungs- und Integrationsapparat so gelassen darzustellen. Zugleich zeichnet er, der 1985 in der Ukraine geboren wurde und mit seiner Familie 1992 nach Deutschland kam, ein wohlwollend-selbstkritisches Bild der fröhlichen (Parallel)Gesellschaft der russischen Immigranten, die sich im neuen Wohlstand arrangieren, ohne je das Bewusstsein ihrer Fremdheit zu verlieren.

Himmelfarb wechselt stilistisch zwischen Satire und Realismus und inhaltlich zwischen Rekonstruktion der Vergangenheit und Beschreibung der Erzählgegenwart – und konstruiert eine Geschichte, deren Vielschichtigkeit auch ihre Plausibilität ausmacht.

Jan Himmelfarb liest aus „Sterndeutung“

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erstellt am 07.3.2015

Jan Himmelfarb
Sterndeutung
Roman
Gebunden, 394 Seiten
ISBN 978-3-406-67486-0
C.H.Beck Verlag, München 2015

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