Schon in der Antike wusste man, dass der Bote für die schlechte Nachricht bestraft wird. Auch heute werden negative Prognosen gebrandmarkt. So auch im Fall des vom Aussterben bedrohten Mediums Zeitung. In seinem Essay erinnert Thomas Rothschild daran, dass es den Journalismus als Beruf nicht immer schon gegeben hat und dass auch andere Berufe verschwunden sind.

Essay

Als das Wünschen noch geholfen hat

Über die Schwierigkeit von Prognosen und die Möglichkeiten des Verschwindens

Von Thomas Rothschild

In regelmäßigen Abständen erklären Leute – in der Regel sind es Journalisten –, dass es den Journalismus als Beruf, dass es die Zeitung als Informationsquelle immer geben werde. In regelmäßigen Abständen behaupten Leute – in der Regel sind es Lyriker –, dass Gedichte auch in der Zukunft für alle Zeiten geschrieben und gelesen würden. In regelmäßigen Abständen suggerieren Leute – in der Regel sind es Musiker –, dass das Bedürfnis nach klassischer Musik nie aussterben werde. In regelmäßigen Abständen versichern Leute – in der Regel sind es Philanthropen –, dass Ausländerfeindlichkeit eine von den Medien und einigen Politikern aufgebauschte Haltung sei und die Mehrheit der Bevölkerung Ausländern, Flüchtlingen und Asylbewerbern verständnisvoll und hilfsbereit begegne, dass es auch in den kommenden Jahren nichts von Seiten der Xenophoben zu befürchten gebe.

Mag sein, dass sie Recht haben. Es kann aber auch ganz anders kommen. Niels Bohr wird der Ausspruch zugeschrieben: „Es ist schwer, Voraussagen zu machen. Besonders über die Zukunft.“ Dass sich Amateurpropheten in Prognosen versuchen, ist nicht weiter verwunderlich. Dass sie sie mit solch apodiktischer Gewissheit verkünden, aber schon. Hinter den Vorhersagen verbergen sich Wünsche. Die sind legitim. Aber man sollte sie nicht mit Tatsachen verwechseln. Wunschdenken, Zweckoptimismus, Beruhigungsthesen verführen zu Handlungsweisen, die am Ende das Gegenteil dessen bewirken, was man erhofft hatte.

Ein kurzer Blick in die Vergangenheit belehrt uns darüber, dass es keine Garantie dafür gibt, dass, was lange währte, ein ewiges Leben haben muss. Die Hausmusik ist ebenso verschwunden wie die Tante-Emma-Läden, das Hofieren, das Duell oder die Ode. Sie alle sind unter bestimmten historischen Bedingungen entstanden, hatten ihre Funktion und ihre gesellschaftliche Bedeutung, verbreiteten sich, wurden als „normal“ akzeptiert – und kamen wieder abhanden. Das konnte unterschiedliche Gründe haben. Sie konnten in einer sich wandelnden Gesellschaft ihren ursprünglichen Sinn verloren haben, sie konnten durch Erfindungen und neue Techniken überflüssig werden, sie konnten veränderten ökonomischen Bedingungen zum Opfer fallen.

Ehe man prognostiziert, was einem wahrscheinlich scheint, sollte man sich darüber klar werden und auch eingestehen, was man für wünschenswert hält. Warum deklariert niemand, was die Kriterien sind, die die Prioritäten und damit die Werte unserer Gesellschaft bestimmen? Das ist ja keineswegs selbstverständlich. Wenn ein Whistleblower wie Edward Snowden zugleich als Held gefeiert und als Vaterlandsverräter verdammt wird, zeigt das nur, dass keine Einigkeit besteht über die Beurteilung einer Kategorie wie beispielsweise „Verrat“. Wenn wirtschaftliches Wachstum und Profite einiger Weniger das maßgebliche Kriterium sind, dann mag die Beschleunigung von Bahnverbindungen tatsächlich höchste Priorität haben. Was aber, wenn die Zufriedenheit der Menschen, ihr Glück und ihr Wohlbefinden mehr gilt als Umsatz? In dem Dokumentarfilm „Requiem for Detroit“ sagt ein Mann vor der Kulisse zerstörter Stadtviertel: „Da wurde nicht in humaner Hinsicht gedacht, da wurde nicht hinsichtlich dessen gedacht, was für die allgemeine Bevölkerung gut ist; es wurde nur hinsichtlich dessen gedacht, was gut für Aktienbesitzer ist.“ Das gilt nicht nur für Detroit. Was die Menschen genossen und daher besangen, verraten Volkslieder und Schlager wie „Auf der schwäb‘schen Eisenbahne“ oder „Zwischen Salzburg und Bad Ischl“. Langsamkeit, Beschaulichkeit, Bahnfahrt als Erlebnis müssen kein Mangel, sie können auch ein bewahrenswertes Gut sein. Die Frage ist, ganz allgemein: Sind die Menschen durch die stete Beschleunigung aller Lebensbereiche glücklicher geworden? Solche Fragen werden als konservative Sehnsucht nach der Postkutsche, als antimoderne Nostalgie diffamiert. Aber zwischen Postkutsche und Stuttgart 21 gibt es eine ganze Reihe von Möglichkeiten. Sie wären abzuwägen unter dem Gesichtspunkt, was dem „Pursuit of Happiness“ am ehesten entspricht, und zwar dem „Pursuit of Happiness“ einer Mehrheit.

Modernisierung ist nicht per se ein positiver Wert. Jeremy Rifkin sagte einmal in einem Vortrag: “Colour TV wasn't a next state of evolution. These are choices we make.” („Farbfernsehen war nicht ein nächstes Stadium der Evolution. Dies sind Entscheidungen, die wir treffen.“) So wurden Programme auf die Fernbedienung abgestimmt. Es stellt sich die Frage: wollen wir Sklaven des technisch Machbaren sein oder Subjekte des Wünschenswerten? Ein Beispiel: in der Nachkriegszeit hat man in Westdeutschland die Stadtarchitektur an die Autos angepasst. In Stuttgart baute man eine Stadtautobahn, den inzwischen modifizierten Kleinen Schlossplatz, Einkaufszentren und nahm dabei den Verlust an Urbanität in Kauf. Warum rekapituliert niemand die Versprechungen, mit denen diese Projekte geplant und realisiert wurden und warum sie offenbar gebrochen wurden? Kann man Vertrauen haben zu einem Unternehmen, das nicht einmal in der Lage ist, eine Vereinheitlichung der Bahnsteighöhen zu verwirklichen und dafür zu sorgen, dass die Züge, die in zehn Jahren verkehren werden, diesen Bahnsteighöhen angepasst werden? Zur Modernisierung gehören auch die Verdrängung mittelständischer Läden im Stadtzentrum durch Supermarktketten auf der grünen Wiese, die Vernichtung von Arbeitsplätzen durch Computer oder die Rationalisierung des Studiums durch Verschlankung. Ob die Menschen dadurch glücklicher geworden sind, darf bezweifelt werden. „Modernisierung“ hat seit Taylorismus und Automatisierung stets in erster Linie den Profiten der Reichen, nicht aber der Lebensverbesserung der großen Massen gedient. Nur ein ahistorisches Denken unterschlägt, dass „Modernisierung“ wie etwa „Nationalismus“ in den drei Jahrhunderten seit dem Frühkapitalismus und der Industrialisierung ihren politischen Stellenwert verändert hat. Was einmal fortschrittlich war, muss es nicht für alle Zeiten bleiben.

Schon in der Antike wusste man aus Erfahrung und aus der Literatur, dass der Bote für die schlechte Nachricht bestraft wird. Die moderne Variante dieser Gegebenheit ist jene Technik, mit der man unliebsame Themen aus der Welt schafft: Man interpretiert Diagnosen als Desiderate, tut mit (böswilliger) Absicht oder aus Dummheit so, als würde, wer Unangenehmes feststellt, dieses wünschen. Diese Volte gestattet es scheinbar, den Verkünder von Wahrheiten oder auch nur von Hypothesen zu verurteilen, statt sich mit dem Verkündeten auseinander zu setzen. Das Wünschenswerte verdrängt das unerquickliche Tatsächliche. Im Grunde verhalten sich die meisten Menschen im Alltag wie in den Wissenschaften heute nicht anders als es die Inquisition einst gegenüber Galilei tat, mit dem allerdings nicht unwesentlichen Unterschied, dass sie über keine Folterwerkzeuge verfügen, um die geforderte Aussage zu erpressen. Dass der Chefhistoriker des Vatikans Walter Brandmüller (in der „Welt“ vom 3.6.2009) die Verurteilung Galileis nach wie vor für „wohl begründet“ hält – eine Aussage, die man den Geschichtsschreibern der sowjetischen Schauprozesse kaum durchgehen ließe –, beweist nur, dass wir in den vergangenen vier Jahrhunderten wenig Fortschritte gemacht haben.

Als Heinz Schaffer, der mittlerweile emeritierte Ordinarius für deutsche Literatur an der Universität Stuttgart, schon vor Jahren prognostizierte, die Germanistik würde zu einem Orchideenfach, wie es die Sinologie oder die Orientalistik im deutschsprachigen Raum von Anfang an waren, wurde er übel beschimpft. Auch hier gilt: was Schlaffer beobachtet hat, die schwindende Bedeutung von Literatur und ihrer Analyse und Interpretation, wurde als zynischer Wunsch ausgelegt.

Dieses „Missverständnis“ hatte handfeste Grundlagen. Schließlich galt es, Posten und Privilegien zu verteidigen. Wer zugab, dass Schlaffer Recht haben könnte, verspielte ein Argument gegen Stellenstreichungen an den Universitäten, musste, so er von der Germanistik lebte, über kurz oder lang seine eigene Überflüssigkeit einräumen.

Tatsache ist, dass der Gegenstand der Germanistik, die deutsche Literatur und die deutsche Sprache, rapide an öffentlichem Interesse verloren hat. Wenn das Fach „Deutsch“ an den Schulen noch einen prominenten Platz einnimmt, wenn, solange das der Fall ist, mehr Deutschlehrer als Sinologen ausgebildet werden müssen, dann ist das eher ein anachronistisches Überbleibsel einer einstmals sinnvollen und historisch begründbaren Tradition als eine Notwendigkeit. Alle Argumente, die für die Aufrechterhaltung dieser Tradition plädieren, sind nachgeschoben, Sekundärrationalisierungen, die den Besitzstand wahren sollen. Es ist statthaft, dass man seine eigenen Interessen verteidigt, aber es ist fragwürdig, wenn man sie für allgemeine Interessen ausgibt. Lehrpläne reagieren sehr langsam auf die gesellschaftliche Wirklichkeit. Wie lange hat es doch gedauert, ehe Film und Fernsehen in den Schulunterricht einzogen, und auch dann erst innerhalb von Fächern, die mit diesen Gegenständen soviel zu tun haben wie Geographie mit Navigationssystemen. Es versteht sich, dass denn auch nur wenige Lehrer für diese Gegenstände ausgebildet waren und über deren Geschichte und Eigenart Bescheid wussten. Meist verirrten sich Film oder Fernsehen nur in den Unterricht, wenn sie zufällig zu den Privatinteressen des Lehrers zählten. Und wiederum: wer feststellt, dass Belletristik, gar ältere Literatur kaum noch gelesen wird, dass die Schüler von heute mit audiovisuellen Medien, nicht mit Büchern aufwachsen, muss das nicht für wünschenswert halten. Nur: die Zeiten, „als das Wünschen noch geholfen hat“, sind vorbei. Die kulturellen Degenerationserscheinungen sind ebenso wenig durch bloße Beschwörungsformeln in den Griff zu bekommen wie, beispielsweise und mit sehr viel gravierenderen Folgen, die Konflikte zwischen reichen und armen Ländern.

Dasselbe trifft zu für Aussagen zur Zukunft der Zeitung. Wer die Ansicht äußert, dass die Zeitung, wie wir sie kennen, in naher Zukunft aussterben wird, erntet Empörung – von all jenen, für die die Zeitungslektüre ein tägliches Ritual bedeutet, und mehr noch von jenen, die von der Zeitung buchstäblich leben, den Journalisten. Dabei gilt auch hier: wer das Ende der gedruckten Zeitung für wahrscheinlich hält, sagt ja nicht, dass er das gut findet. Ein Arzt, der den Tod eines Krebskranken voraussieht und ankündigt, wird ja auch nicht verdächtigt, diesen Tod gewollt zu haben.

Zeitungen dienen der Verbreitung von Informationen. Diese Funktion haben andere Medien, insbesondere das Internet, in großem Ausmaß übernommen. Der Ausrufer auf dem Dorf ist schließlich auch verschwunden, als die Bevölkerung lesen konnte und Zeitungen zugänglich wurden. Die Wochenschau, einst unverzichtbares Vorprogramm im Kino, wurde durch das Fernsehen verdrängt. Telefonkabinen werden im Zeitalter des Handys bald nur noch in Museen zu besichtigen sein, und schon jetzt weiß kaum ein Gymnasiast, was ein Fernschreiber ist oder ein Telegramm.

Mit den Zeitungen und einem Rundfunk, der auf Dauerberieselung aus den verbliebenen Tonträgerhäusern setzt, wird auch der Beruf des Journalisten aussterben. Ja aber auch das Internet braucht seine Autoren, wird man einwenden. Richtig. Nur müssen das keine Profis sein. Was die Baumärkte für das Handwerk und Wikipedia für die Enzyklopädie vorgemacht haben, wird zunehmend für die Informationsvermittlung nachgeahmt. Warum soll man bezahlen, was man auch umsonst bekommen kann? Die technologischen Möglichkeiten haben die Voraussetzungen geschaffen, die Finanzkrise und insbesondere der Einbruch des Anzeigenmarkts erledigen den Rest. Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht Entlassungen von Redakteuren gemeldet werden. Die sogenannten Freien Mitarbeiter registrieren schon seit längerem einen rapiden Rückgang der Aufträge. Wie die Musik die Wortbeiträge im Radio, so verdrängen die Fotos den Text aus den Printmedien, und die werden zunehmend kostenlos von PR-Agenturen übernommen, statt bezahlt von eigenen Fotografen eingeholt zu werden.

Warum soll man noch Journalisten entlohnen, wenn doch Blogs täglich zu beweisen scheinen, dass sie nicht schlechter sein müssen als die Produkte von bestallten Journalisten? Der Mitarbeiter einer Zeitung, einer Rundfunkanstalt, einer Nachrichtenagentur, der die deutsche Grammatik nicht beherrscht und über die stilistischen Fähigkeiten eines Junggymnasiasten verfügt, ist ja, wenn man ehrlich ist, eher die Regel als die Ausnahme.

Wer als Journalist die Ersetzung des professionellen Journalismus durch Blogs zwar feststellt, aber bedauert, setzt sich wieder dem begründeten Verdacht aus, dass er lediglich seinen Besitzstand verteidigt. Zu eng sind seine persönlichen Interessen mit einer objektiven Bestandsaufnahme verflochten. Schließlich hat die Verluderung des professionellen Journalismus längst begonnen, ehe das Internet die Alternative einer Blogkultur anbot. Dass es genüge, eine Meinung zu haben und sie in halbwegs verständlicher Sprache mitzuteilen, haben die Amateurschreiber den Zeitungs- und Radioschreibern der vergangenen Jahre abgeschaut. Was in den Feuilletons kleinerer Zeitungen als Kritik firmiert, erweist sich oft in jeder Hinsicht als so dilettantisch, dass Blogger es kaum unterbieten können.

Den Journalismus als Beruf hat es nicht immer schon gegeben, und auch andere Berufe sind verschwunden: die Weber, die Heizer, die Setzer, die Henker zum Beispiel. Den Schaffner in der Straßenbahn ersetzt ein Automat ebenso wie den Kaffeesieder im Kaffeehaus, wenn man noch eins findet. In einzelnen Kinos probiert man zurzeit Techniken aus, die den Ticketverkäufer an der Kasse und den Kartenabreißer an der Tür ebenso überflüssig machen wie es der Platzanweiser längst geworden ist. Soziale und pflegerische Dienste, deren Bezahlung früher als selbstverständlich galt, werden zunehmend freiwilligen „Amateuren“ überantwortet. Wer all dies feststellt, muss es noch nicht für erfreulich halten. Wie er sich nicht unbedingt wünscht, was er für die Zukunft prognostiziert.

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erstellt am 07.3.2015

Zeitungshändler in Berlin, 1934. Bundesarchiv, Bild 102-03645A / CC-BY-SA

»Ein kurzer Blick in die Vergangenheit belehrt uns darüber, dass es keine Garantie dafür gibt, dass, was lange währte, ein ewiges Leben haben muss.«

»Wenn ein Whistleblower wie Edward Snowden zugleich als Held gefeiert und als Vaterlandsverräter verdammt wird, zeigt das nur, dass keine Einigkeit besteht über die Beurteilung einer Kategorie wie beispielsweise ,Verrat'.«

»Die Frage ist, ganz allgemein: Sind die Menschen durch die stete Beschleunigung aller Lebensbereiche glücklicher geworden?«

»,Modernisierung‘ hat seit Taylorismus und Automatisierung stets in erster Linie den Profiten der Reichen, nicht aber der Lebensverbesserung der großen Massen gedient.«

»Zeitungen dienen der Verbreitung von Informationen. Diese Funktion haben andere Medien, insbesondere das Internet, in großem Ausmaß übernommen. Der Ausrufer auf dem Dorf ist schließlich auch verschwunden, als die Bevölkerung lesen konnte und Zeitungen zugänglich wurden. Die Wochenschau, einst unverzichtbares Vorprogramm im Kino, wurde durch das Fernsehen verdrängt.«

»Den Journalismus als Beruf hat es nicht immer schon gegeben, und auch andere Berufe sind verschwunden: die Weber, die Heizer, die Setzer, die Henker zum Beispiel.«