Der Magister Eckhart, der Meister genannt wurde, stand im Rufe, unerschütterlich seinen hochfliegenden Gedanken zu folgen. Ein Erfurter Domprediger aber wollte den Ruf des berühmten Philosophen beschädigen. Otto A. Böhmer beschreibt die niederträchtigen Anschläge der Thüringer Geistlichkeit.

Holzwege

Enorme Verkehrsprobleme

Der Philosoph Meister Eckhart

Von Otto A. Böhmer

Der Philosoph Eckhart von Hochheim, den man seit geraumer Zeit schon Meister Eckhart zu nennen beliebte, war auf Einladung des schwerreichen Kaufmanns Treuchel nach Erfurt gekommen, wo er vor der theologischen und weltlichen Prominenz der Stadt eine Lesung über „Gott als das Sein selbst“ halten sollte. Treuchel, ein im Prinzip gutmütiger Geselle, hatte sich in einer schwachen Stunde auf ein seltsames Geschäft mit dem Domprediger Rosenzweig eingelassen, bei dem er moralisch Federn lassen musste, was den Gottesmann, der in keinem guten Rufe stand, in eine gewisse Position der Stärke dem Kaufmann gegenüber gebracht hatte, die er unerbittlich auszunutzen pflegte. Treuchel musste dem Domprediger immer wieder mit allerlei Gefälligkeiten kommen; er wurde mit Geldgeschenken vorstellig und ließ dem beleibten, aber keineswegs beliebten Rosenzweig eine Sommerresidenz vor den Toren der Stadt bauen, in der er über einen gewaltigen Weinkeller wachte und sich gelegentlich von einigen Damen besuchen ließ, die im Rufe standen, keine Damen zu sein.

Dem Domprediger war der Philosoph Meister Eckhart, der bekannt geworden war durch scharfsinnig-dunkle Gedankengänge und einen schier übermenschlichen, dem Göttlichen selbst abgelauschten Gleichmut, zutiefst zuwider; so hatte er denn auf Treuchel eingeredet, den guten Ruf des Philosophen durch die Inszenierung kleinerer Misshelligkeiten und Pannen auf die Probe zu stellen. Widerstrebend stimmte Treuchel dem dreisten Plan zu: Bei Meister Eckharts Besuch also, das war beschlossen, sollte es nicht mit rechten Dingen zugehen.

Der Philosoph war froh, wieder in Erfurt zu sein; bei frühherbstlicher Witterung unternahm er mit Treuchel und dem verschlagen vor sich hin grinsenden Rosenzweig einen Stadtrundgang. Als sie auf der Krämerbrücke standen, die anderthalb Jahre zuvor Brandschaden genommen hatte, deutete Meister Eckhart auf einige Arbeiter, die mit dem Aufbau beschädigter Häuser beschäftigt waren, und sagte: „Ich sehe mit Vergnügen, dass man sich die alte Schönheit der Stadt wieder etwas kosten lässt.“ „Ich selbst“, entgegnete Treuchel, „bin daran nicht ganz unwesentlich beteiligt; ich darf das in aller Bescheidenheit sagen.“ Rosenzweig kratzte sich am Kopf, und fast im gleichen Augenblick machte sich auf der benachbarten Baustelle ein gewaltiger Balken selbständig und krachte unmittelbar neben dem Philosophen zu Boden. Meister Eckhart verzog keine Miene; er grüßte die wie versteinert dastehenden Arbeiter und ging weiter. „Wartet’s nur ab“, zischte Rosenzweig Treuchel zu, „er wird schon noch in Angst geraten.“ Als sie auf den Domplatz kamen, holte der Philosoph tief Luft. „Schön“, rief er aus, „ganz einfach schön. Diese Weite inmitten einer doch eher kleinen und beengten Stadt.“ Von vorne näherte sich auf einmal ein Fuhrwerk, das in rasender Fahrt direkt auf die Männer zuhielt. Treuchel und der Domprediger sprangen zur Seite; Meister Eckhart aber blieb stehen, und Pferd und Wagen preschten haarscharf an ihm vorbei. „Das wiederum sind die Nachteile des Stadtlebens“, sagte der Philosoph, „die enormen Verkehrsprobleme.“ Am Abend fanden sich in Treuchels monumentalem Haus zahlreiche Gäste ein, um Meister Eckharts Lesung beizuwohnen. Rosenzweig saß, flankiert von vier kräftigen Herren, in der ersten Reihe. Der Philosoph betrat das Podium; auf dem Tisch, den man für ihn bereitgestellt hatte, befanden sich ein Glas Wasser, dem Rosenzweig einen kräftigen Schuss Essig beigegeben hatte, und ein Buch, das die gesammelten Schriften des Hofpredigers enthielt. Meister Eckhart nahm einen Schluck Wasser und schüttelte kaum merklich den Kopf. Als er das Buch aufschlug, sah er, dass es nicht von ihm war. Man hatte sein eigenes Werk gegen die Traktate Rosenzweigs ausgetauscht. Mit unbewegter Miene klappte er das Buch wieder zu und wandte sich in freier Rede an seine Zuhörer. „Das Sein ist Gott“, sagte er lächelnd. „Denn wenn das Sein etwas anderes ist als Gott, so ist Gott entweder nicht, oder er ist nicht Gott. Ich füge hinzu: Das Sein ist Gott seinem Wesen nach. Von ihm also und ihm allein empfangen alle Dinge Sein. Deswegen auch heißt es: Gott hat Himmel und Erde geschaffen.“

In diesem Moment gab Rosenzweig den neben ihm sitzenden Herren einen Wink, und sie begannen, mit Pergamentkügelchen nach dem Philosophen zu werfen. Die meisten Geschosse verfehlten ihn; einige aber trafen und prallten ihm an den Kopf. Als eine Kugel in Meister Eckharts geöffnetem Mund verschwand, kam gelinde Heiterkeit auf; der Philosoph aber schluckte nur und sprach ungerührt weiter. „Außer Gott nämlich“, sagte er, „außer dem Sein nämlich ist nichts. Daraus haben wir zu folgern, dass Gott als das Sein das Erste und das Letzte ist, Anfang und Ende. Was immer er also Vergangenes geschaffen hat, schafft er wie gegenwärtig im Anfang, was er aber jetzt wie im Anfang schafft oder wirkt, hat er zugleich in vollendeter Vergangenheit geschaffen.“

Noch einmal, so als wollte er zum letzten Gefecht blasen, gab der Hofprediger seinen Leuten ein Zeichen: Die Herren sprangen auf, ergriffen den Stuhl des Philosophen und trugen ihn mitsamt Meister Eckhart, der weitersprach, als ginge ihn das alles nichts an, in einen Nebenraum. Von dort hörte man seine nun zu Donnerhall anschwellende Stimme, die dem verdutzten Publikum zubrüllte: „So also behaupte ich, dass Gott alles im voraus in sich erhält in Reinheit, Fülle und Vollkommenheit, weit und groß, da er Wurzel und Ursache aller Dinge ist. Und das wollte er sagen, als er sprach: Ich bin, der ich bin…“ Da stand Treuchel auf, den es nicht mehr auf seinem Sitze hielt, und er rief: „Jawohl, jetzt wissen wir, warum Ihr Meister genannt werdet, Meister Eckhart. Euer Gleichmut ist nicht von dieser Welt; vor ihm müssen sogar die Prediger des Doms, die das Schlechte auf Erden sehr wohl kennen, zu guter Letzt kläglichst kapitulieren.“

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erstellt am 06.3.2015

Otto A. Böhmers Reihe Holzwege berichtet von den mal erhabenen, mal erheiternden Bemühungen der Philosophen, im Geschäftsbetrieb des Alltags Haltung zu bewahren und der eigenen Rede Sinn nicht zu vergessen. Die kleinen Begebenheiten im Leben großer Philosophen, die der Autor zu sich bittet, erzielen fast immer angemessene Wirkung: Sie passen so trefflich ins Bild der jeweiligen Philosophie, dass man vermuten muss, sie könnten erdacht worden sein, um den dazugehörigen Philosophen bei merk- und denkwürdiger Laune zu halten.

Meister Eckhart
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