Die Lüge ist ein seltsames Spiel. Wer der Überzeugung ist, dass wir mit jedem Atemzug die Wahrheit leben müssen, kann der Lüge nicht gerecht werden. Der Frankfurter Schriftsteller Pete Smith hat in seinem Essay „Über die Lüge“ den Weg vom persönlichen Erleben zum allgemeinen des Lügners und seiner Lüge gefunden.

Essay

Über die Lüge

Von Pete Smith

Was aber ist die Lüge letzten Endes?
Nichts anderes als die verkleidete Wahrheit; und ich fordere
Historiker, Helden, Anwälte, Priester heraus,
eine Tatsache zu benennen ohne das Ferment der Lüge.

Lord Byron, „Don Juan“

Mon Chérie

I

Ich erinnere mich nicht mehr daran, was ich im Kleiderschrank meiner Eltern suchte, ob ich nur neugierig war oder einem Hinweis nachging, jedenfalls entdeckte ich schon hinter der ersten Tür das erhoffte Geheimnis. Auf einem Stapel Unterhemden lag eine Schachtel Mon Chéri, die mein Vater offenbar hier vor mir und meinen Geschwistern versteckt hatte, Likör-Pralinen, die mit der Piemont-Kirsche. Heute wundere ich mich weniger über das eigenartige Versteck als über die Tatsache, dass mein Vater es offenbar für nötig hielt, eine Süßigkeit vor uns zu verbergen, obwohl er doch damals gewiss sein konnte, dass sich keines seiner Kinder traute, ihn zu bestehlen.

Im Haus war es still, was selten vorkam, weshalb ich glaube, dass ich an diesem Nachmittag mit meiner Mutter, die in der Küche hantierte, allein war, ich fühlte mich sicher, ihr Schlafzimmer befand sich im ersten Stock, und ihre Schritte auf der Treppe waren nicht zu überhören. Das Versteck, so ungewöhnlich es war, erschien mir, da ich die scheinbar unberührte Schachtel betrachtete, günstig, denn erstens war es unwahrscheinlich, dass eines meiner vier Geschwister von deren Existenz wusste, und zweitens deutete die Tatsache, dass mein Vater seine Pralinen im Schlafzimmer, zumal im Kleiderschrank, und nicht bei den anderen Süßigkeiten im Wohnzimmer aufbewahrte, darauf hin, dass sie zum Verzehr nicht vorgesehen, im besten Fall sogar in Vergessenheit geraten waren.

Ich war damals zehn oder elf und empfand gegenüber meinem Vater, der jeden noch so geringsten Verstoß gegen seine Regeln und Vorschriften mit einer Ohrfeige ahndete, mehr Angst als Respekt, dennoch war ich an diesem Nachmittag mutig genug, um auszuprobieren, ob sich die Cellophanhülle, die die Schachtel umgab, einmal abgestreift, wieder aufziehen ließe, was knifflig war, mir aber ohne weiteres gelang, weshalb ich es gleich noch einmal versuchte und bei dieser Gelegenheit, gleichsam als Belohnung, einen Blick in die Schachtel warf. Ich glaube mich zu erinnern, dass sich darin, unter einem weißen, dünnen, leicht knisternden Karton in vier Fünferreihen 20 Pralinen befanden. Ich nahm eine heraus und steckte sie mir in den Mund. Den Geschmack von Kirschlikör kannte ich, meine Oma hatte uns als Grundschulkinder hin und wieder an einem Pinneken Eckes Edelkirsch nippen lassen, und auch das wohlige Gefühl, dass der in der Piemont-Kirsche konzentrierte Alkohol verströmte, war mir vertraut. Ich verschloss die Schachtel, fummelte die Folie darüber und bettete sie auf die Unterhemden. Dann schloss ich die Tür.

Einige Tage später öffnete ich sie erneut. Die Pralinen lagen, offenbar noch immer unberührt, an ihrem Platz. Ich zog das Cellophan ab und öffnete meine Schatztruhe. Eine Praline fehlte, eine weitere Lücke, überlegte ich, würde kaum mehr auffallen. Schon entfaltete sich der ebenso süße wie betäubende Geschmack in meinem Mund. Schon lag die Pralinenschachtel wieder auf ihrem angestammten Platz, offenbar unberührt, nichts war geschehen.

Fünf Mon Chéri später flog mein Frevel auf. Als uns mein Vater eines Abends im Wohnzimmer antreten ließ, lag die geöffnete Schachtel vor ihm auf dem Tisch. Wer es gewagt habe, ihn zu bestehlen, flüsterte er, weiß vor Wut, der solle sich auf der Stelle melden, sonst. Ich schwieg. Aus Angst, natürlich. Aber auch weil ich das nicht gewesen sein konnte, so dreist und kaltblütig, sage und schreibe sieben Pralinen zu klauen, war ich nicht, nein, in diesem Moment war ich ein anderer. Die Stille wuchs und mit ihr der Zorn meines Vater. Da sich niemand des Diebstahls bekennen wollte, begann er sein Verhör. Schnell fiel der Verdacht auf meine kleine, damals fünf- oder sechsjährige Schwester, von der er sogar Fingerabdrücke nahm, die er mit denen auf dem Cellophan verglich und triumphierend Übereinstimmungen fand, dabei wusste doch jeder, dass das Nesthäkchen zu so einem raffinierten Diebstahl gar nicht fähig war. Ich schwieg auch dann noch, als mein Vater meine Schwester in die Enge trieb, letztlich retteten sie und mich nur die Tränen ihrer Empörung.

An diesem Abend, an dem ich die zunehmende Ohnmacht meines ansonsten so übermächtigen Vaters gewahrte, lernte ich zum ersten Mal, dass ein Geheimnis, durch Lügen geschützt, ein Geheimnis bleibt, egal wie sehr sich Erwachsene darum bemühen, den Lügner zu entlarven.

In den folgenden Jahren wuchs die Lüge über mich hinaus. Anfangs schwieg ich aus Scham, da ich, erbärmlich und feige, den Kopf meiner kleinen Schwester riskiert hatte, um meinen eigenen aus der Schlinge zu ziehen. Aber auch als längst Gras über die Sache gewachsen war, vertraute ich mich niemandem an. Nicht weil ich mich weiter schämte, sondern weil ich die Macht hinter der Lüge genoss, ich hatte meinen Vater hinters Licht geführt, und es lag allein in meiner Hand, ob die Wahrheit je herauskam. Für eine Beichte war es bald zu spät. Nach und nach zogen wir aus dem Elternhaus aus und gingen unsere eigenen Wege. Doch jedes Mal, wenn wir uns zu Familienfesten trafen, kramte einer die Anekdote hervor: Offenbar wollte sich niemand damit abfinden, dass das Geheimnis geheim blieb, am wenigsten meine kleine Schwester. Für mich hätte es viele Gelegenheiten gegeben, die Wahrheit zu sagen. Und doch log ich weiter. Wobei mich weder Scham noch Hochmut trieb, sondern ein geradezu diebisches Vergnügen am Spiel um Wahrheit und Lüge. Mit der Zeit waren beide nicht mehr zu unterscheiden, reifte das Geheimnis zur Legende, die ich Jahrzehnte lang weiterzählte und ausschmückte, bis ich mich meinen Geschwistern nach dem Tod unseres Vaters offenbarte, doch glauben wollten sie mir nicht.

II

Kein Mensch kommt als Lügner zur Welt. Die Fähigkeit zur Täuschung muss er mühsam erlernen. Mit drei oder vier ist sein Gehirn soweit entwickelt, dass er sich in die Gedankenwelt anderer hineinversetzen kann – eine notwendige Voraussetzung, um mit dem Lügen zu beginnen. Noch wirkt das unbeholfen und kaum tauglich, um Mama und Papa wirklich zu überlisten. Das Kind wird rot, blinzelt, kratzt sich am Arm oder blickt verlegen zu Boden. Je häufiger es lügt, desto besser hat es seine Emotionen im Griff. Schon im Alter von sechs führt es nicht nur seine Freunde, Geschwister und Großeltern hinters Licht, sondern oft auch schon seine Eltern.

Alle Menschen lügen. Die meisten sogar mehrmals am Tag. Freunde belügen wir seltener als Fremde. Jugendliche lügen häufiger als Rentner. Unterschiede gibt es auch zwischen den Geschlechtern: Frauen lügen öfter als Männer, doch sie sagen auch häufiger die Wahrheit, weil sie einfach mehr reden. Menschen lügen eher instinktiv als mit Bedacht. Am Telefon fällt ihnen das leichter, als wenn sie ihrem Gesprächspartner dabei in die Augen sehen. In E-Mails lügen sie leichtfertiger als in Briefen. Bedenkzeit scheint die Wahrheit zu begünstigen, Zeitdruck die Lüge.

Wohlhabende neigen eher zur Lüge als Arme, da sie unabhängig sind in ihrer weitgehend selbstbestimmten Welt, autonome Entscheidungen treffen und mangels Kontrolle höhere Risiken eingehen. Egoismus empfinden sie als durchaus positive Eigenschaft, weil der Eigennutz sie selbst und ihr Unternehmen voranbringt. Gier bewerten sie höher als Altruismus, Alleingänge erscheinen ihnen zielorientierter als gemeinschaftliches Handeln.

Die Bereitschaft zur Lüge korreliert mit den Wertvorstellungen eines Milieus. Wenn die Eltern lügen, flunkern auch ihre Kinder. Nehmen es die Freunde nicht so genau mit der Wahrheit, schwindet die eigene Bereitschaft, ehrlich zu sein. Auch in vielen Unternehmen und Institutionen, wird, was nicht nach außen dringen darf, verschwiegen, verschleiert oder weggelogen. Manche Menschen sind zum Geheimnis – und mitunter zur Lüge – geradezu verpflichtet (Ärzte, Anwälte, Beamte), andere ziehen daraus ihren Nutzen – indem sie das Image ihrer Gruppe schützen (Militär, Polizei, Kirche) oder aus der Lüge persönlichen Profit schlagen (Banken, Hedgefonds). Hier wie dort herrscht das Gesetz der Omertà. Gewissensnot gilt als Schwäche, Ehrlichkeit als Verrat. Der Mut zur Wahrheit wird nur selten belohnt. Im Gegenteil: Whistleblower werden diffamiert und ausgegrenzt – riskieren Gefängnis oder sogar ihr Leben.

Lügen ist anstrengender, als die Wahrheit zu sagen. Wir müssen dabei unsere Gefühle verheimlichen und die Gedanken unseres Gegenübers lesen. Wir müssen unsere Lügen verwalten und zuordnen – wen lüge ich an und wem sage ich die Wahrheit? Die Anstrengung ist messbar: Wenn wir lügen, ist unser Gehirn aktiver als sonst. Lügen hinterlassen Spuren. Dauerlügner haben ein Viertel mehr weiße Hirnmasse im präfrontalen Cortex als Gelegenheitslügner, umgekehrt 15 Prozent weniger graue. Weiß übermittelt die Informationen, grau verarbeitet sie. Manche Menschen werden krank, wenn sie jahrelang lügen. Sie leiden unter typischen Stresssymptomen wie Verspannungen, Kopfschmerzen, Hautrötungen und Bluthochdruck.

Lügen lässt sich trainieren. Geübte Lügner überlisten selbst einen Polygraphen. Der entpuppt sich mitunter selbst als Lügner: wenn er aufrichtige Menschen Schwindler nennt, die nur aufgrund der Verhörsituation Stresshormone ausschütten (Othello-Effekt).

III

„Ich will olympisches Gold“, verkündete Ben Johnson vor dem größten Rennen seiner Karriere. „Hauptsache die Goldmedaille. Deshalb bin ich hier. Um zu gewinnen.“ Dazwischen sagte er einen Satz, der erst später Bedeutung gewann: „Was danach passiert, ist mir egal.“

Samstag, 24. September 1988, ein Uhr Ortszeit. Im Olympiastadion von Seoul brandet Applaus auf. Gerade haben die Helden ihre Arena betreten: die acht schnellsten Männer der Welt! Während sie ihre Trainingsanzüge ablegen, ertönt die Stimme des Stadionsprechers, der die Athleten der Reihe nach vorstellt. Bejubelt werden vor allem zwei: die Starter auf den Bahnen drei und sechs. Einer von beiden, da sind sich die 100.000 Zuschauer im Stadion und die vielen Millionen vor den Fernsehbildschirmen sicher, wird heute Geschichte schreiben.

Der eine, ein schlanker, hoch gewachsener Athlet mit der Startnummer 1102, ist mit 27 Jahren schon so erfolgreich wie sein Idol Jesse Owens. Carl Lewis, vierfacher Goldmedaillengewinner bei den Olympischen Spielen 1984 in Los Angeles, gilt als großspurig und selbstverliebt, gleichwohl ist er ein Ästhet, wie Muhammad Ali, der Boxer, und wie jener teilt er gern aus. Gesegnet mit einer außergewöhnlichen sportlichen Begabung, gepaart mit Showtalent, Ego und Eloquenz, hat er es innerhalb weniger Jahre zum ersten Großverdiener der Leichtathletik gebracht. In Seoul will Lewis, Weltsportler der Jahre 1983 und 1984, zur lebenden Legende werden, seine Zukunft ist der Olymp.

Der andere, ein kleiner, drahtiger Glatzkopf mit Muskeln, wie man sie bei einem Läufer noch nie gesehen hat, trägt ein rotes Shirt und Goldkettchen, an diesem drückenden Samstagmittag ist er der Underdog und zugleich der Favorit. Ben Johnson, Startnummer 159, hat seinen Kontrahenten schon ein Jahr zuvor bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Rom geschlagen und den Weltrekord auf sagenhafte 9,83 Sekunden gedrückt. Er ist der Antipode des strahlenden Helden, wortkarg und ungelenk, einer, den man gern an die Hand nähme, weil er so schüchtern wirkt, vor dem es einen gleichzeitig jedoch auch ein wenig gruselt.

King Carl gegen Big Ben, Grazie gegen Kraft, der Schöne gegen das Biest. Es ist eine der ersten großen Inszenierungen auf der Bühne des Sports, doch noch rechnet niemand mit einer Tragödie.

Wie 14 Jahre zuvor, am frühen Morgen des 30. Oktober 1974, als der große Ali im Dschungelfight von Kinshasa dem bis dahin ungeschlagenen George Foreman erst in Worten („I'm so fast man I can run through a hurricane and don't get wet. When George Foreman meets me he'll pay his debt“) und danach auch über acht Runden im Ring das Fürchten lehrte, bin ich an diesem Tag Ende September mitten in der Nacht aufgestanden, um den Kampf der Kämpfe unmittelbar und in Echtzeit zu erleben. Vor dem Fernseher hockend, fiebere ich dem Start entgegen. Noch ahne ich nicht, dass das Rennen eine der größten Enttäuschungen meines Lebens sein wird. Während sich die Läufer auf die entscheidenden neun Sekunden konzentrieren, schwenkt die Kamera über das Rund. Eine kanadische Fahne, winkende Zuschauer, Sternenbanner, das Gesicht einer Frau, Lewis‘ Mutter, wie wir erfahren, sein Vater ist erst vor wenigen Monaten gestorben, der Triumph seines Sohnes soll sein Andenken vergolden.

Die olympischen Ringe im Rücken, schwarz auf weiß und weiß auf schwarz, schreiten die Läufer zu den Startblöcken. Stille senkt sich über das Stadion. Der Startrichter hebt die Fahne. Ein trockener Schuss. Johnson springt aus den Blöcken. Schon nach wenigen Metern ist er vorn. Lewis kämpft. Groß gewachsene Läufer kommen erst nach einem Drittel der Strecke in Tritt. Doch auf der Hälfte ist Lewis noch immer einen Meter zurück. Johnson stürmt voran. Johnson ist der Sieg nicht mehr zu nehmen. Nach 47 hämmernden Schritten reißt er den Arm hoch, 8,79 Sekunden, Wahnsinn, schon wieder Weltrekord! Big Ben ist am Ziel. Er hat olympisches Gold. Er ist der schnellste Mensch der Welt!

68 Stunden später öffnet sich der Vorhang erneut. Dopinganalysten haben in Johnsons Urinprobe Spuren von Stanozolol nachgewiesen, einem anabolen Steroid, das normalerweise in der Tiermedizin eingesetzt wird – als Appetitanreger für Hunde und zum Muskelaufbau von Pferden. Offenbar hat Johnson alles auf eine Karte gesetzt, nun wird er alles verlieren: die Goldmedaille von Seoul, seinen WM-Titel vom vergangenen Jahr, seine beiden Fabelrekorde. Ein Werbepartner nach dem anderen springt ab, mit einem Betrüger lässt sich kein Geld verdienen. Johnson steht wochenlang am Pranger. Jetzt taugt er nicht einmal mehr zum Antihelden, er ist der Schurke, der uns alle belogen und einer wunderbaren Illusion beraubt hat. Er, der Underdog, der den 13 Zentimeter größeren Lewis um 13 Hundertstelsekunden schlug. Hätten wir doch nur auf ihn gehört. Gold wollte er, ja doch, aber vor allem wollte er siegen. Gewinnen um jeden Preis. „Was danach passiert, ist mir egal.“

Dass die Gerechtigkeit am Ende siegt, zumindest das wollte ich damals glauben. Doch die Lüge kennt viele Gewänder, und manche zeigen sich erst mit der Zeit. Der 100-Meter-Lauf von Seoul ging nicht nur als Sündenfall des Ben Johnson in die Geschichte ein, sondern entfaltete sich innerhalb der nächsten 15 Jahre zum schmutzigsten Rennen aller Zeiten. Johnson, der 1989 unter Eid zugab, über einen Zeitraum von acht Jahren systematisch gedopt zu haben, sich mit Blick auf das olympische Finale von 1988 jedoch bis heute als Opfer einer Sabotage stilisiert, war nur einer von sechs Finalisten, der seine Leistung mit Hilfe unerlaubter Substanzen manipulierte.

2003 wurde bekannt, dass der große Carl Lewis, inzwischen neunfacher Goldmedaillengewinner bei Olympia und „Leichtathlet des Jahrhundert“, 1988 während der US-amerikanischen Ausscheidungswettkämpfe positiv auf Ephedrin, Pseudoephredin und Phenylpropanolamin getestet worden war, drei verbotene Stimulanzien, die im Normalfall zu einer Sperre hätten führen müssen. Doch offenbar glaubte das Olympische Komitee der USA den Beteuerungen King Carls, dass er die Präparate ohne Wissen, also ohne Absicht eingenommen habe, und vertuschte den Fall. Nur deswegen durfte Lewis die große Bühne betreten und sie nach einem retardierenden Moment von 68 Stunden als strahlender Held verlassen.

Der Brite Linford Christie, nach Johnsons Disqualifikation Silbermedaillengewinner von Seoul, krönte seine Laufbahn 1992 in Barcelona mit dem Olympiasieg über 100 Meter, im Jahr darauf mit der Weltmeisterschaft und als Europas Sportler des Jahres. Am 13. Februar 1999 wurde Christie beim Hallenmeeting in Dortmund positiv auf das Steroid Nandrolon getestet und für zwei Jahre gesperrt. Daraufhin beendete er seine Laufbahn.

Der Viertplatzierte im legendären Rennen von Seoul, Dennis Mitchell aus den USA, der mit der 4×100-Meter-Staffel 1992 in Barcelona Gold und im Einzel über 100 Meter Bronze gewann, wurde 1999 auffälliger Testosteronwerte wegen für zwei Jahre gesperrt. Mitchell selbst erklärte seinen positiven Dopingbefund damit, dass er in der Nacht vor der Kontrolle viermal Sex gehabt und fünf Flaschen Bier getrunken habe.

Der Sechstplatzierte, Johnsons Landsmann Desai Williams, gab nach seinem Karriereende zu, über einen gewissen Zeitraum anabole Steroide eingenommen zu haben – erwischt worden ist er nie.

Der Jamaikaner Raymond Stewart schließlich, der am 24. September 1988 aufgrund einer Verletzung den letzten Platz belegte, wurde 22 Jahre später als US-Leichtathletik-Trainer lebenslang gesperrt, nachdem er seine Schützlinge Jahre lang mit Dopingsubstanzen versorgt hatte.

Von den acht Teilnehmern des Jahrhundertrennens behielten nur zwei eine saubere Weste: der US-Sprinter Calvin Smith, 1988 Bronzemedaillengewinner über 100 Meter, und sein brasilianischer Kollege Robson da Silva, der im selben Jahr die Bronzemedaille über 200 Meter errang.

Von den zehn schnellsten Männern aller Zeiten ist der derzeitige Weltrekordhalter Usain Bolt aus Jamaika der einzige, der nie positiv getestet oder durch zweifelsfreie Indizien entlarvt worden ist.

Als Ben Johnson fünf Jahre nach Seoul erneut des Dopings überführt und daraufhin lebenslänglich gesperrt wurde, erklärte er beleidigt: „Jeder bescheißt. Wer bescheißt nicht im Leben? Bei den Steuern. In kleinen Dingen. Warum Ben Johnson? Ich bin nicht der einzige auf der Welt.“

IV

Tatsächlich ist die Täuschung eine Grundkonstante der Evolution. Im Tierreich kennen wir sie als Mimikry, Mimese und Somatolyse. Täuschungsmanöver dienen Tieren und Pflanzen dazu, sich vor Fressfeinden zu schützen. Schwebfliegen ahmen Wespen nach, Tagpfauenaugen imitieren den bösen Blick, Stabheuschrecken verwandeln sich in Äste oder Zweige, und Ringelnattern stellen sich tot, weil die meisten Raubtiere Aas verachten. Umgekehrt täuschen Tiere ebenso, um Beute zu machen. Der Seeteufel beispielsweise ködert Fische, indem er mit dem wurmähnlichen Anhängsel seiner Rückenflosse winkt, Amseln locken mit Trippelgeräuschen, die wie Regen klingen, Würmer aus der Erde. Auch innerhalb der eigenen Art wird geschwindelt, um sich Vorteile zu verschaffen. Ein Schimpanse stößt den Leopardenwarnschrei aus, um seine Artgenossen in die Flucht zu schlagen und sich danach in Ruhe an ihrem Futter gütlich zu tun.

Die Tarnung dient dem physischen Überleben, Täuschungsmanöver zielen auf den Erhalt der eigenen Art. Mickrige Froschmännchen etwa hocken sich mit Vorliebe neben prächtige, eindrucksvoll quakende Konkurrenten, um ihnen das sich paarungswillig nähernde Weibchen wegzuschnappen. Selbst Pflanzen sichern durch Täuschung die eigene Fortpflanzung. Blütenblätter der Ragwurz-Orchidee sehen aus wie Bienenweibchen, fühlen sich mit ihrer Behaarung auch genauso an und sondern darüber hinaus einen Duftstoff ab, der das Pheromon der Bienenweibchen verblüffend nachahmt, weshalb paarungsbereite Männchen all ihre Energie darauf verwenden, die vermeintlichen Weibchen zu begatten, tatsächlich jedoch nur die Blüten der Hodenblume bestäuben.

Die Fähigkeit zur Täuschung, so lehrt uns die Natur, ist eine für das Überleben und die Fortpflanzung vorteilhafte Eigenschaft, weshalb es nicht verwundert, dass der Mensch (Homo sapiens), höchstentwickeltes Säugetier aus der Ordnung der Primaten, der Unterordnung der Trockennasenaffen und der Familie der Menschenaffen, die Kunst der Täuschung perfekt beherrscht. Dabei leisten ihm sein angesichts seiner Körpergröße geradezu riesiges Gehirn, die schier unglaubliche Fülle seiner Nervenzellen sowie die einzigartige Ausprägung seiner Großhirnrinde wertvolle Dienste. Sein Sprachvermögen befähigt ihn zudem zur Lüge – und möglicherweise ist sie es, die conditio humana, die uns Menschen zum erfolgreichsten Säugetier aller Zeiten werden ließ, dessen Population noch immer wächst und wächst und wächst.

Pinocchio

V

Ein Lügner geht davon aus, dass ihm die Lüge mehr nutzt als die Wahrheit: weil sie sein Ansehen erhöht, seinen Reichtum mehrt, ihn vor Strafe, Kritik oder Herabsetzung bewahrt. Menschen lügen aus Angst, Not oder Feigheit, Bedenken, Höflichkeit, Rücksichtnahme, Ehrerbietung, Scham oder weil sie schlicht geliebt werden wollen. Selbst wer vorgibt, dass seine Lüge einen anderen schützt, befriedet mit ihr doch letztlich auch die eigene Seele.

Kinder belügen ihre Eltern, um einen Diebstahl zu verheimlichen, Eltern belügen ihre Kinder, wenn sie ihnen den Weihnachtsmann oder Osterhasen vorgaukeln; Partner belügen einander, weil ihnen die Liebe abhanden gekommen ist; Händler belügen Kunden, um ihnen Produkte anzudrehen, die sie gar nicht brauchen, und Kunden belügen Banker, damit die ihnen Kredite gewähren, die sie nie zurückzahlen; Passanten belügen Bettler, um ihnen nichts geben zu müssen, Politiker legitimieren Kriege mit einer Lüge und versprechen ihren Wählern, was sie wissentlich nie einhalten werden; Schüler belügen ihre Lehrer, Lehrer ihre Schüler, Ärzte ihre Patienten, Patienten ihre Ärzte, Angestellte ihre Chefs, Chefs ihre Angestellten – am besten kommen Lügen an, die beiden nutzen, am schlechtesten jene, an denen einer zerbricht.

Manche Menschen lügen zwanghaft. Pseudologia phantastica heißt ein von dem Schweizer Psychiater Anton Delbrück 1891 erstmals beschriebenes Krankheitsbild (auch Mythomanie), das die Internationale Statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme unter „Andere Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen/Artifizielle Störung“ (ICD-10: F68.1) führt. Pseudologen haben ein übersteigertes Geltungsbedürfnis, das auf eine narzisstische Persönlichkeitsstörung in Folge seelischer Verletzungen oder gar frühkindlicher Verwahrlosung gründet. Charakteristisch für den pathologischen Lügner sind sein gewinnendes Auftreten, sein gutes Gedächtnis, seine Eloquenz und sein schauspielerisches Talent. Pseudologen lügen sich in ein Leben, das sie nie gelebt, und erfinden Schicksale, die sie nie geteilt haben. Unter den zwanghaften Lügnern finden sich solche, die behaupten, den Holocaust überlebt, den Krebs besiegt, sich aus der Gewalt von Geiselgangstern befreit oder den Mount Everest bestiegen zu haben. Hochstapelnd geben sie sich als Ärzte, Adlige oder verheimlichte Kinder Prominenter aus, Mitleid heischend flüchten sie sich in immer neue Krankheiten, auch dafür gibt es einen Namen: das Münchhausen-Syndrom.

Der als Lügenbaron berühmt gewordene Hieronymus Carl Friedrich Freiherr von Münchhausen ist die Verkörperung der literarisierten Lüge. Dabei hat er selbst nie eines seiner Lügenmärchen publiziert. Im Gegenteil: Drei seiner Zuhörer klauten sein geistiges Eigentum und machten es zu Geld, bevor der vierte, Gottfried August Bürger, die auf Englisch erschienene Ausgabe des einen ins Deutsche übertrug und damit berühmt wurde. Während wir uns an den ins Fantastische gesteigerten Lügen Münchhausens ergötzen, soll uns das Schicksal eines anderen, 100 Jahre später erdachten berühmten Lügners zur Tugendhaftigkeit erziehen. Pinocchio ist gleichsam der Antipode Münchhausens. Wenn seine Nase wächst, erleiden wir mit ihm die Scham seiner Bloßstellung, wohingegen uns der Baron verrät, wie wir uns lügend am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen.

Als der Internationale Radsportverband Ende Oktober 2012 Pinocchio als Maskottchen der Radsport-WM 2013 in Florenz vorstellte, ehrte er damit vordergründig dessen Schöpfer Carlo Collodi, einen der bekanntesten Söhne der Stadt, verwies aber gleichzeitig – ob gewollt oder ungewollt – auf den Dopingsumpf, in dem ein ganzer Sport versank. Nur eine Woche zuvor hatte der Verband im größten Betrugsverfahren der Sportgeschichte den US-amerikanischen Ausnahmefahrer Lance Armstrong wegen Dopings all seine sieben Tour-Siege aberkannt.

Die größten Lügner seien die Dichter, befand Platon. Tatsächlich ist einer der erfolgreichsten, meistgelesenen Schriftsteller aller Zeiten zugleich einer der verwegensten Lügner, die die Welt je sah, einer, der angeblich 1200 Sprachen und Dialekte beherrschte, mit Grizzlys kämpfte, bärenstarke Indianer, skrupellose Cowboys und nicht minder gefährliche Wüstensöhne bezwang. Karl May alias Old Shatterhand alias Kara Ben Nemsi, so wissen wir heute, war ein notorischer Lügner und Hochstapler, dennoch lieben wir ihn für seine Lügen, da sie uns einst unsere Kindheit versüßten.

Mitunter stapeln Menschen hoch, um ihr eigenes Dasein zu ertragen.

„Nehmen Sie einem Durchschnittsmenschen die Lebenslüge“, heißt es in Henrik Ibsens „Wildente“, „und Sie nehmen ihm zu gleicher Zeit das Glück.“

VI

Eine Lüge ist, kommunikationstheoretisch betrachtet, eine vom Sender bewusst fehlerhaft kodierte Information in der Absicht, den Empfänger zu täuschen. Bei der sprachlichen Kodierung bietet sich dem Lügner eine breite Palette an Variationsmöglichkeiten, die von der Verfälschung einer Wahrheit über deren Verschleierung bis hin zu deren Verschweigen reicht.

Eine Lüge setzt, um erfolgreich zu sein, das Vertrauen in die Wahrheit der Rede voraus, die sie am Ende selbst zerstört. Diesen Widerspruch hat schon Augustinus in seiner Schrift „Gegen die Lüge“ benannt. Nietzsche geht noch einen Schritt weiter. Als Fundament der Wahrheit, so führt er in seinem Aufsatz „Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne“ aus, sei Sprache ungeeignet, da die Begriffe selbst ungenau, also unwahr seien. Was wir als Wahrheit erachteten, sei „ein bewegliches Heer von Metaphern, Metonymien, Anthropomorphismen, kurz eine Summe von menschlichen Relationen, die, poetisch, kanonisch und verbindlich dünken: die Wahrheiten sind Illusionen, von denen man vergessen hat, dass sie welche sind, Metaphern, die abgenutzt und sinnlich kraftlos geworden sind.“ Sprache beruhe allein auf Konvention, und Wahrhaftigkeit bestehe in der „Verpflichtung, nach einer festen Konvention zu lügen, herdenweise in einem für alle verbindlichen Stile zu lügen“. Der Lügner, so Nietzsche, missbrauche „die festen Konventionen durch beliebige Vertauschungen oder gar Umkehrungen der Namen.“ Das allein nehme ihm die Gesellschaft nicht übel, hege der Mensch doch geradezu einen „Hang, sich täuschen zu lassen“ und sei „wie bezaubert vor Glück, wenn der Rhapsode im epische Märchen wie wahr erzählt oder der Schauspieler im Schauspiel den König noch königlicher agiert, als ihn die Wirklichkeit zeigt.“ Ob die Gemeinschaft den Lügner ausschließt, hängt Nietzsche zufolge nur davon ab, ob er ihr schadet: „Die Menschen fliehen dabei das Betrogenwerden nicht so sehr als das Beschädigtwerden durch Betrug: sie hassen, auch auf dieser Stufe, im Grunde nicht die Täuschung, sondern die schlimmen, feindseligen Folgen gewisser Gattungen von Täuschungen.“

Nicht allein der, der das Gegenteil dessen behauptet, was er als wahr erachtet, ist ein Lügner, sondern auch jener, der eine Information semantisch verschleiert oder verklärt. Wem die Nazis eine Sonderbehandlung zudachten, den gedachten sie zu ermorden, wo die Militärs von Kollateralschäden sprechen, meinen sie menschliche Opfer, und wenn von ethnischer Säuberung die Rede ist, kaschiert das den Genozid, mindestens aber eine Vertreibung. Auch im Alltag sind Euphemismen nützlich. Die Rubensfigur verschlankt, wen andere fett nennen, eine Preiskorrektur kaschiert die Verteuerung, wer transpiriert, stinkt nicht, und die Tötung eines geliebten Dackels wird uns erträglicher, wenn wir ihn auf sanfte Weise einschläfern. Political Correctness, die viele Lügen provoziert, ist als Begriff selbst eine Lüge, wie auch das Tabu, das im ursprünglichen (polynesischen) Wortsinn heilig meint, es mit der geheiligten Wahrheit aber nicht so genau nimmt. Zu den semantischen Lügen zählen nicht nur Euphemismen, die aufwerten (Raumpflegerin), mildern (bildungsfern) oder verschleiern (Schutzgeld), sondern auch Abkürzungen (F-Wort), Anglizismen (Facility Manager), Akronyme (ABC-Waffen), Metonyme (ein Gläschen trinken), Synekdochen (der Russe) und ironische Wendungen (Toll gemacht!), wobei die Lüge größer wird, wenn die sprachliche Verhüllung dem Empfänger tatsächlich nicht bewusst wird. Selbst ein einzelner Buchstabe vermag uns zu täuschen: Ein Circus strahlt heller als der alte Zirkus, zumal wenn er im Centrum einer Stadt gastiert.

Schließlich verrät sich auch unsere Haltung zum Lügner in unserer Sprache. Schelme schummeln, Schlawiner mogeln sich durch. Wenn der Sohn in trügerischer Absicht behauptet, seine Hausaufgaben längst erledigt zu haben, flunkert er uns an, verliert der Opa den Realitätssinn, spinnt er Seemannsgarn. Menschen, die wir mögen oder achten, sagen, wenn wir sie bei einer Lüge ertappen, die Unwahrheit. Dagegen ist, wessen Nase uns nicht passt, ein Gauner, Schurke oder Halunke – auch wenn seine Lüge leichter wiegt als die des Schlawiners oder Schlitzohrs.

Eine besondere Bedeutung hat die Sünde. In unserer säkularisierten Welt ist sie zum Glimpfwort geschrumpft und damit selbst eine Lüge. Naschkatzen, Raser, Falschparker – sie alle sind Sünder. Selbst Millionenbetrüger schonen wir auf diese Weise, sofern sie unsere Idole und Helden sind oder sich zumindest unserer Sympathie erfreuen: Lügende Sportstars, Sänger, Schauspieler, Politiker, Priester und Bischöfe lassen sich mitunter zur Sünde verführen, doch wenn sie bereuen, wollen wir ihnen nur allzu gern vergeben. Der werfe den ersten Stein …

VII

Wenn die Lüge oder weiter gefasst die Täuschung eine natürliche Veranlagung des Menschen ist, die auf seinen angeborenen Egoismus gründet, wäre ihre Suppression dann nicht ein Akt wider die Natur? Tatsächlich haben sich im Laufe der Evolution über die Größe des menschlichen Hirns hinaus, über sein Sprachvermögen und seine Fähigkeit zum aufrechten Gang weitere Charakteristika entwickelt, die ebenso nützlich wie lästig sind und denen der Mensch auf seine Weise begegnet. Seine Felllosigkeit kompensiert er durch Kleidung, Feuer und eine Behausung. Auf seine ausgedehnte Kindheit reagiert er mit einem Generationenvertrag. Als Zoon politikon, der sich über seine sozialen und kulturellen Bindungen definiert, lernt er schon früh zwischen dem persönlichen und dem gemeinschaftlichen Nutzen zu unterscheiden. Sein Bewusstsein befähigt ihn zudem, seine Triebe zu reflektieren und die Auswirkungen seines Handelns selbst über komplizierte Kausalketten zu antizipieren.

Die Affektkontrolle wächst mit unseren Abhängigkeiten oder, wie Norbert Elias in „Über den Prozess der Zivilisation“ schreibt, mit den Interdependenzketten in Folge eines sich stetig vollziehenden sozialen Wandels. Aufgrund dessen schämen wir uns unserer Lügen, ist uns das Fehlverhalten unserer Mitmenschen peinlich.

Der natürlichen Veranlagung steht die Vernunft gegenüber und, sofern wir daran festhalten, die Freiheit des Willens. Ein Mensch, vorausgesetzt, er ist einsichtsfähig, kann zwischen wahr und falsch unterscheiden, weiß also um seine Lüge. Damit wird sie zu einer moralisch zu bewertenden Handlung.

Gott ist die Wahrheit und der Teufel Vater der Lüge. Das ist, was die Kirche seit Jahrtausenden lehrt. Die Wahrheit ist gut, die Lüge böse, Licht und Finsternis, eine Dämmerung sieht die Lehre nicht vor.

Wie schon Augustinus setzt auch Kant das Verbot der Lüge absolut, da die Wahrhaftigkeit als moralische Tugend eine Rechtspflicht sei und ihrem Wesen nach keine Ausnahme dulde. Die Lüge schade „jederzeit einem anderen, wenn gleich nicht einem andern Menschen, doch der Menschheit überhaupt, indem sie die Rechtsquelle unbrauchbar macht“. Das Lügenverbot geht zwingend aus seinem Kategorischen Imperativ hervor: „Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.“ Nicht der eigene Nutzen, der subjektive Maßstab, ist wesentlich, sondern das Wohl der Gemeinschaft. Wer lügt, schließt sich von der Gemeinschaft aus. Die Lüge sei nie unschuldig, schreibt Kant, und bindet in sein Urteil ausdrücklich jene Lüge ein, die wir aus Menschenliebe äußern. Jede Lüge sei „eine schwere Verletzung der Pflicht gegen sich selbst, und zwar einer solchen, die ganz unerlässlich ist, weil ihre Übertretung die Würde der Menschheit in unserer eigenen Person herabsetzt und die Denkungsart in ihrer Wurzel angreift, denn Betrug macht alles zweifelhaft und verdächtig und benimmt selbst der Tugend alles Vertrauen, wenn man sie nach ihrem Äußeren beurteilen soll.“

Tatsächlich beeinflusst, wie wir uns selbst zur Lüge verhalten, unser Gemeinwohl. An der Lüge bereichern sich Menschen und bedienen sich ihr zum Erhalt ihrer Macht. Gemeinschaften gründen auf Vertrauen und erodieren, wenn die Mehrheit (oder die herrschende Kaste) Lüge und Täuschung duldet oder begrüßt. Wo die Lüge regiert, ist Korruption gesellschaftsfähig und die Demokratie unmöglich.

Umgekehrt scheint es in bestimmten Situationen gute Gründe zu geben, die Wahrheit für sich zu behalten. Angenommen, unsere Großmutter ringt mit dem Tod und wir haben die Hoffnung längst aufgegeben – würden wir ihr nicht dennoch Mut zusprechen, dass sie die Krankheit überlebt? Oder ein Freund erzählt uns von seinem ersten Rendezvous und alles, was wir erfahren, deutet darauf hin, dass er es gründlich vermasselt hat – würden wir ihm die Hoffnung nehmen, dass am Ende nicht doch noch alles gut wird? Gesetzt den Fall, ein Junge vertraut seiner Schwester an, dass er den Eltern Pralinen geklaut hat – darf sie, wenn der Vater fragt, sein Geheimnis verraten?

In seinem Aufsatz „Über ein vermeintes Recht aus Menschenliebe zu lügen“ (1797) verteidigt Kant sein Lügenverbot gegen die Auffassung, dass im besonderen Fall, in dem das Leben eines Menschen bedroht ist, die (Not-)Lüge berechtigt sei. Konkret antwortet er damit auf eine Schrift des Schweizer Staatstheoretikers Benjamin Constant, der die Meinung vertritt, dass er, wenn er einen Freund versteckt hält und der Mörder an die Tür klopft, unbedingt lügen darf, ja muss. 140 Jahre später standen in Deutschland Millionen Menschen vor derselben Frage. Der österreichische Philosoph und Soziologe Peter Stiegnitz, Begründer der von ihm so genannten Metiologie, hat als Kind mit Hilfe einer Lüge sein von den Nazis bedrohtes Leben gerettet und sein Leben der Lügen-Erforschung gewidmet.

„Die Wahrheit zu sagen ist moralisch überbewertet“, schreibt der Philosoph David Nyberg von der State University of New York in seinem Essay „Lob der Halbwahrheit“. „Ohne Täuschung und Irreführung wäre unser komplexes Beziehungsleben völlig undenkbar.“ Das zielt auf die weiße Lüge als unentbehrlicher Ausdruck des moralischen Anstands. Mit der Lüge verteidigen wir zugleich unsere persönliche Freiheit sowie gesellschaftliche Normen und Werte, denen wir uns verpflichten. Die Diplomatie kommt nicht ohne Lügen aus. Selbstlosigkeit und Egoismus sind Triebfedern der Lüge, wobei sowohl der normative als auch der idealistische Altruismus durchaus eigennützige Ursachen kennt.

Eine Lüge an sich ist nicht strafbar, es sei denn man verleumdet einen anderen oder leistet einen Meineid. In einem Vorstellungsgespräch ist die Lüge sogar ausdrücklich erlaubt, wenn beispielsweise nach der Zugehörigkeit zu einer Partei, Gewerkschaft, Religionsgemeinschaft, nach einer möglichen Schwangerschaft oder Beeinträchtigung sowie nach dem letzten Gehalt gefragt wird. Selbst auf die Frage nach einer Vorstrafe darf der Bewerber lügen, vorausgesetzt, das Bundeszentralregister hat sie bis dahin gelöscht.

VIII

Kant unterscheidet die klassische Lüge („Wenn man das für wahr ausgibt, dessen man sich doch als unwahr bewusst ist“) von jener, die Wissen vortäuscht, das man nicht hat („Wenn man etwas für gewiss ausgibt, wovon man sich doch bewusst ist, subjektiv ungewiss zu sein.“). Schwindel, Betrug und Täuschung sind Seelenverwandte der Lüge wie auch das Verheimlichen, Verschweigen, Beschönigen, Verschleiern, Untertreiben, Überspitzen und vor allem die Heuchelei (Bigotterie, Scheinheiligkeit, Doppelmoral).

Die Politik, so scheint es, kommt ohne Hypokrisie nicht aus. Autoritäre und orthodoxe Strukturen sind ihr ein idealer Nährboden, aber auch in repräsentativen Demokratien, in denen sich die Volksvertreter in regelmäßigen Abständen zur Wahl stellen müssen, gedeiht sie prächtig. Politiker sind wahre Illusionisten, Zauber- und Verwandlungskünstler, die sich, um sich die Gunst ihrer Wähler zu erschleichen, in schillernde Gewänder kleiden, dem Publikum über die Augen wischen und der Wahrheit die Maske des schönen Scheins aufsetzen.

„Die bewusste Leugnung der Tatsachen – die Fähigkeit zu lügen – und das Vermögen, die Wirklichkeit zu verändern – die Fähigkeit zu handeln – hängen zusammen; sie verdanken ihr Dasein derselben Quelle, der Einbildungskraft”, schreibt Hannah Arendt in ihrem Essay „Die Lüge in der Politik” (1971). Schon in ihrem wenige Jahre zuvor erschienenen Essay „Wahrheit und Politik“ beschreibt sie eine Methode, ohne die Politik heute undenkbar erscheint. Beim image-making könne man „ungestraft alles unter den Tisch fallen lassen (…), was das gerade erwünschte image eines Ereignisses, einer Nation oder einer Person zu stören geeignet“ sei: „Denn dieses Bild, das die politische Propaganda verfertigt, soll nicht wie ein Porträt dem Original schmeicheln, sondern es ersetzen; und dieser Ersatz kann natürlich durch die Techniken der Massenmedien ungleich wirksamer in der Öffentlichkeit verbreitet werden, als es das Original je von sich aus vermag.“ Da der politische Lügner vermeintliche Tatsachen frei erfinden oder umgestalten kann, habe er die Möglichkeit, sich danach zu richten, was seinem Publikum, also dem Wahlvolk, gelegen kommt, oder nach dem, was gerade zu erwarten ist. Nicht Dichter, sondern PR-Strategen und spin doctors setzen die Fiktion in die Welt mit dem Ziel, eine unangenehme Realität vor den Zuschauern zu kaschieren. Ihr Erfindungsreichtum ist groß: Sie gewähren Exklusivinterviews, stechen ein Geheimnis durch, verschicken Fotos, Filme und Texte, verschweigen, was ist, und geben für wahr aus, was vergangen ist, aber in Zukunft wieder sein könnte.

„Alle diese Lügen, auch wenn ihre Urheber sich dessen nicht bewusst sind, sind potentiell gewaltsam“, schreibt Hannah Arendt, „jedes organisierte Lügen tendiert dahin, das zu zerstören, was es zu negieren beschlossen hat.“ Schließlich, so folgert sie, erliege auch der Lügner seinen Lügen, da nur Selbsttäuschung den Anschein der Wahrhaftigkeit erwecke. Oder wie Shakespeare dem Prospero in seinem letzten Drama „Der Sturm“ in den Mund legt: „Wie einer, bis zur Wahrheit, durchs Erzählen zu solchem Sünder sein Gedächtnis macht, dass es der eignen Lüge traut.“

Tatsächlich gewinnt die Täuschung eine Dynamik, die weder vom Täuscher noch von den Getäuschten zu kontrollieren ist. Im Gegenteil: Um die Illusion aufrechtzuerhalten, tun beide alles, damit ihr Bild von der Realität nicht gefährdet wird. Der politische Gegner scheint dabei weit weniger gefährlich als der Gefährte in den eigenen Reihen, der, bewusst oder versehentlich, verrät, was das Bild als Fälschung entlarvt. Ungefährlich, ja harmlos sind wir, die Zuschauer, die wir uns vom Licht der Lügen noch dann blenden lassen, wenn jenes längst flackert, und die wir uns erst in die Wirklichkeit zurück tasten, da der schöne Schein erlischt.

Dass die Wahrheit letztlich über die Lüge siegt, daran halten wir mit aller Macht fest. Was aber, wenn auch das eine Illusion ist? Oder wie es Hannah Arendt bereits vor einem halben Jahrhundert formuliert hat: „Wenn die modernen Lügen sich nicht mit Einzelheiten zufriedengeben, sondern den Gesamtzusammenhang, in dem die Tatsachen erscheinen, umlügen und so einen neuen Wirklichkeitszusammenhang bieten, was hindert eigentlich diese erlogene Wirklichkeit daran, zu einem vollgültigen Ersatz der Tatsachenwahrheit zu werden?“

IX

Jede aufgedeckte Lüge, die den Sturz eines unserer Helden besiegelt, erleben wir wie einen Stich ins Herz. Tatsächlich vollzieht sich auf der Bühne der Weltöffentlichkeit eine wiederkehrende Tragödie. Charakteristisch für die Tragödie ist ein schicksalhafter Konflikt, das Scheitern des Helden ist darin unausweichlich. Letztlich, so lehrt uns das aristotelische Theater, ist es stets die Hybris des Menschen, welche die Katastrophe bewirkt.

Die Bühne kennt tragische Lügner wie den schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Uwe Barschel, dreiste wie den Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht, kaltschnäuzige wie den Verteidigungsminister Franz Josef Strauß, clevere wie den US-Präsidenten Bill Clinton, schillernde wie den Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg, scheinheilige wie den Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van-Elst, kaltblütige wie den US-Radprofi Lance Armstrong, selbstgerechte wie die Frauenrechtlerin Alice Schwarzer und raffgierige wie den einstigen Vereinspräsidenten Uli Hoeneß.

„Blut ist ein ganz besondrer Saft”, sagt Mephistopheles zu Faust und fordert ihn auf, ihr Bündnis mit seinem Blut zu besiegeln. Die Lüge ist des Teufels. Sie verspricht Ruhm und Ehre, Macht und Geld. Für die Befriedigung ihrer Sehnsüchte gibt der Lügner seine Seele her und nimmt die späte Verachtung der Massen in Kauf. Oder wie Faust sagt: „Werd' ich zum Augenblicke sagen: Verweile doch! Du bist so schön! Dann magst du mich in Fesseln schlagen, dann will ich gern zugrunde gehen!”

Die Dramaturgie des medial inszenierten Trauerspiels ist immer dieselbe: Ein Lügner gerät in Verdacht, weist jede Schuld von sich und bezichtigt stattdessen jene, die vom Verdacht berichten, der Lüge, der üblen Nachrede oder des Rufmords. Neue Indizien bringen ihn in Erklärungsnot, er verstrickt sich in Widersprüche, räumt ein wenig Schuld ein, laviert, versucht sein Fehlverhalten zu relativieren und gesteht seine Schuld erst, wenn alle Beweise auf dem Tisch liegen. Jetzt zeigt er plötzlich (ein wenig) Reue, gibt sich erleichtert, gelobt Besserung, wirbt aber gleichzeitig um Verständnis für seine besondere Situation, in der sich er, der des Anstands willen (endlich) reinen Tisch macht, befindet, der geständige Täter stilisiert sich zum Opfer, dem doch Mitleid gebührt, oder um es mit den Worten Uli Hoeneß‘ zu sagen: „Ich habe einen Fehler gemacht, aber ich bin kein schlechter Mensch.“

Und wir, die Zuschauer? Erfüllt uns das Schicksal unserer gefallenen Helden mit Furcht und Mitleid, wie die aristotelische Poetik lehrt?

Das wohl kaum. Furcht und Mitleid setzen Achtung voraus, aber die haben wir längst verloren – zum Nachteil jener, die sich dem Teufelspakt beharrlich verweigern. Das, so scheint mir, ist die eigentliche Tragik einer wiederkehrenden Tragödie.

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erstellt am 03.3.2015

Illustrationen von Gustave Doré zu den Abenteuern des unter der Bezeichnung „Lügenbaron“ berühmt gewordenen Geschichtenerzählers Baron Münchhausen.

Gustave Doré, Illustration zu Baron von Münchhausen

»Die Fähigkeit zur Täuschung, so lehrt uns die Natur, ist eine für das Überleben und die Fortpflanzung vorteilhafte Eigenschaft.«

Gustave Doré, Illustration zu Baron von Münchhausen

»Die Bereitschaft zur Lüge korreliert mit den Wertvorstellungen eines Milieus. Wenn die Eltern lügen, flunkern auch ihre Kinder. Nehmen es die Freunde nicht so genau mit der Wahrheit, schwindet die eigene Bereitschaft, ehrlich zu sein.«

Gustave Doré, Illustration zu Baron von Münchhausen
Gustave Doré, Illustration zu Baron von Münchhausen
Gustave Doré, Illustration zu Baron von Münchhausen

»Manche Menschen werden krank, wenn sie jahrelang lügen. Sie leiden unter typischen Stresssymptomen wie Verspannungen, Kopfschmerzen, Hautrötungen und Bluthochdruck.«

»Als Ben Johnson fünf Jahre nach Seoul erneut des Dopings überführt und daraufhin lebenslänglich gesperrt wurde, erklärte er beleidigt: ›Jeder bescheißt. Wer bescheißt nicht im Leben? Bei den Steuern. In kleinen Dingen. Warum Ben Johnson? Ich bin nicht der einzige auf der Welt.‹«

»Tatsächlich beeinflusst, wie wir uns selbst zur Lüge verhalten, unser Gemeinwohl. An der Lüge bereichern sich Menschen und bedienen sich ihr zum Erhalt ihrer Macht.«