Es ist eine dramatische Oper, die nicht zum üblichen Repertoire gehört: »Die Passagierin« von Mieczysław Weinberg. 1968 entstanden und erst 2010 szenisch uraufgeführt, hatte diese Oper nun in Frankfurt Premiere. Stefana Sabin war da.

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»Die Passagierin« von Mieczysław Weinberg an der Oper Frankfurt

Es war zuerst ein Hörspiel im polnischen Rundfunk, dann ein Buch: Pasażerka z kabiny 45, „Die Passagierin aus der Kabine 45“. Darin erzählt die polnische Autorin Zofia Posmysz von zwei Frauen, die den Krieg überlebten und sich lange danach unerwartet auf einem Ozeandampfer wiedertreffen: Die eine, Lisa, war Aufseherin in Auschwitz, wo die andere, Marta, Gefangene war. Die Mischung aus Schuld und Verleugnung, aus Erinnern und Verdrängen machte das Buch jenseits polnischer Grenzen berühmt – und es diente als Vorlage sowohl zum Drehbuch des Films Pasażerka, „Die Passagierin“, von Andrzej Munk (1963), zu dem Tadeusz Baird die Musik schrieb, als auch zu dem Libretto von Alexander Medwedjew für die Oper Die Passagierin von Mieczysław Weinberg (1968).

Diese Oper gilt als Weinbergs Hauptwerk, wurde aber ihrerzeit nicht gespielt – erst 2010 wurde sie in Bregenz szenisch uraufgeführt und wiederentdeckt. Danach wurde sie in Karlsruhe inszeniert, und nun steht sie in Frankfurt in der Regie von Anselm Weber auf dem Spielplan. Weber, seit 2010 Intendant des Schauspielhauses Bochum, stellt die Beziehung zwischen den beiden Frauen – der Aufseherin, die vergessen will, und der Gefangenen, die nicht vergessen kann – in den Mittelpunkt und verleiht sowohl den Szenen auf dem Schiff, als die ehemalige Aufseherin ihr ehemaliges Opfer zu erkennen glaubt, als auch den Rückblenden aus dem Lager dramaturgische Glaubwürdigkeit. Dazu trägt das effektvolle Bühnenbild von Katja Haß bei, die auf der Drehbühne das Schiffsdeck und dahinter das KZ als zugleich reale und metaphorische Räume gebaut hat. Das Drehen macht den Wechsel zwischen den Orten, zwischen Gegenwart und Erinnerung auch szenisch erkennbar. Auf dem Schiff ist es hell, im KZ ist dunkel; auf dem Schiff wird Deutsch gesprochen, im KZ Russisch. Die ehemalige Aufseherin, die Tanja Ariane Baumgarten virtuos interpretiert, wandert zwischen den Räumen – die ehemalige Gefangene, die von Sara Jakubiak, neuem Ensemblemitglied an der Oper Frankfurt, gesungen wird, wandert zwischen den Sprachen. Am Schluss steht sie mit unerbittlicher Miene im Ballsaal des Schiffes, während die Schiffsgäste ihre Abendgarderobe ablegen und in ihren KZ-Uniformen erscheinen und ihre frühere Peinigerin im eleganten Ballkleid zusammenbricht.

Die Inszenierung zeigt das Bedrückende ohne Pathos. Und dem Dirigenten Christoph Gedschold, der schon die deutsche Erstaufführung am Staatstheater Karlsruhe dirigiert hat, gelingt es, die Dramatik der sperrigen Musik subtil auszuarbeiten.

(sab)

erstellt am 02.3.2015

Szenenfoto »Die Passagierin« Oper Frankfurt: © Barbara Aumüller

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Mieczysław Weinberg: Die Passagierin

Oper in zwei Akten, acht Bildern und einem Epilog

Musikalische Leitung
Leo Hussain / Christoph Gedschold
Inszenierung Anselm Weber
Bühnenbild Katja Hass

Aufführungen am 06.03., 08.03., 14.03., 20.03., 22.03., 28.03.2015

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Szenenfoto »Die Passagierin« Oper Frankfurt: © Barbara Aumüller