„Die Flügel“, Mircea Cartarescus letzter, 2014 im Zsolnay-Verlag erschienener Band seiner „Orbitor“-Romantrilogie, ist eine Satire über die rumänische Revolution. Damit beschließt er eines der exzessivsten literarischen Werke der letzten fünfundzwanzig Jahre, wofür er nun mit dem „Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung“ ausgezeichnet wird. Anlässlich einer Lesung im November 2014 im Frankfurter Literaturforum im Mousonturm sprachen mit Mircea Cartarescu Harry Oberländer und Alexandru Bulucz.

Gespräch

»Der Demiurg zweiter Hand«

Mircea Cartarescu im Gespräch mit Harry Oberländer und Alexandru Bulucz

Alexandru Bulucz: Lieber Herr Cartarescu, beginnen wir mit einer allgemeinen Frage: Ließe sich von einer Poetologie Ihrer Romantrilogie sprechen?

Mircea Cartarescu: Es gibt kein Buch ohne eine ihm innewohnende Poetik, ob sie nun explizit oder implizit enthalten ist. Selbstverständlich hat alles, was ich jemals geschrieben habe, eine poetische Einheit. So auch die Orbitor-Trilogie. Nicht nur verfügt sie über ein poetisches Prinzip, das ihr zugrunde liegt, sondern sie ist letzten Endes Dichtung. Ich betrachte mich als einen Dichter. Ich bin nie etwas anderes gewesen, und Prosa schreibe ich gerade deshalb, weil es mich befähigt, weiterhin Dichtung zu schreiben.

A.B.: Aber ist Ihre Romantrilogie Dichtung in striktem Wortsinn von Dichtung?

M.C.: Das Wort „Dichtung“ hat zwei unterschiedliche Bedeutungen, die vielleicht sogar einander entgegengesetzt sind. Zuallererst gibt es eine Philosophie der Dichtung: In diesem Sinne ist die Dichtung eine bestimmte Art, die Sachen zu betrachten. Es gibt Schriftsteller, die als Dichter begriffen werden können, obwohl sie niemals einen Vers geschrieben haben. Aber sie können das Wunder der Welt wahrnehmen. Auf der anderen Seite ist die Dichtung eine Wortkunst unter vielen, eine klassische Form, in der die Zeilen nicht bis zum rechten Rand der Seite geführt werden. Viele verwechseln diese beiden Bedeutungen von Dichtung und bilden sich ein, dass alles, was in die Form von Dichtung gekleidet wird, in der Tat Dichtung sei. Aber Dichtung ist eigentlich das, was sich im Geiste zuträgt, nicht auf dem Papier, wohingegen die Gedichtbände wie Brunnen im Meer sind. [Fîntîni în mare/Brunnen im Meer heißt auch ein Gedichtband von Marin Sorescu. Anm. d. Red.]

Harry Oberländer: Ich möchte den Satz vom „Wunder der Welt“ aufgreifen. Ich glaube, dass dieses Wunder der Welt in diesem wunderbaren Buch von Ihnen beschrieben worden ist. Es ist das Wunder der Welt und des Lebens gleichermaßen, eigentlich das Wunder unserer Existenz.

M.C.: Damit beziehe ich mich auf einen berühmten Satz von Wittgenstein, der am Ende seines großen Tractatus Logico-Philosophicus sagte, dass nichts Wunderbares in der Welt passieren könne. Das einzig Wunderbare sei, dass die Welt existiere. In genau diesem Sinne versuche auch ich zu schreiben, um dieses Wunder, dass die Welt existiert, zu fassen. Und ich denke, dass jeder Schriftsteller, der etwas auf sich hält, danach trachten muss, ein solcher Demiurg zweiter Hand zu werden, der sein eigenes Wunder, seine eigene Welt, seine eigene Wirklichkeit konstruiert. Dasselbe passiert auch in diesem Buch: Sein Hauptthema sind die Geschöpfe, die ihren Schöpfer erfinden, damit er sie seinerseits neu erfinden kann. Das sind die im Buch sogenannten „Wissenden“. Und im Grunde repräsentieren sie sämtliche Figuren des Buches. Alle sind in einer Verschwörung verwickelt, aus der ihr Autor hervorgehen soll – so wie etwa bei Pirandello –, denn dies ist ihre einzige Möglichkeit, in diesem Buch, das für sie die ganze Welt darstellt, zu existieren.

H.O.: Wenn man die Welt so beschreibt, wie sie ist, kommt man dann nicht auch an die Grenzen dessen, was sich sagen lässt? Wittgenstein hat das, was man weiß und sagen kann, mit einer Art „Insel im Meer der Unwissenheit“ beschrieben. Er hat dann gesagt, worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen, aber man versucht immer an die Grenze zu gehen.

M.C.: Letztendlich ist das Schweigen das Ideal eines jeden Autors. Und ich glaube, dass die privilegiertesten Schriftsteller in dieses unbewegliche Zentrum der beweglichen Welt hineingedrungen sind, wie Eliot einmal sagte. Dorthin, wo das absolute Schweigen herrscht. Jene Rose, die in keinem Strauß anwesend ist, von dem Mallarmé sprach. Ich kenne nur zwei Autoren, denen es gelungen ist, dies bis zum Ende zu führen: Franz Kafka und Samuel Beckett.

A.B.: Wären Sie bereit, dasselbe auch über Paul Celan zu sagen?

M.C.: Ich würde ihn nicht auf die gleiche Stufe mit den beiden setzen, obwohl auch er sicherlich ein großer Dichter gewesen ist, denn ich denke, dass Kafka und Beckett es geschafft haben, bis zur Grenze des Vermittelbaren zu gelangen. Es gibt eine Erzählung von Kafka, in der von einer Kutschfahrt berichtet wird. An einer hohen Mauer angelangt, an der die Kutsche nicht mehr weiter kann, fragt der Reisende den Kutscher, ob er wisse, was das für eine Mauer sei. Dieser antwortet, es sei eine Stirn. Also sind sie an die Grenze des Schädels angekommen, die nicht zu passieren ist. Ich denke, dass die größten Schriftsteller der Welt durch ihr Schreiben, durch ihre Reise im Inneren des Schädels an ihre eigene Stirn gelangen.

H.O.: Was bei Ihnen möglicherweise etwas anders ist, weil Sie nicht nur im Inneren des Schädels reisen. Ich hatte den starken Eindruck, dass Sie in bestimmten Passagen dieses Buches im Inneren des gesamten Körpers unterwegs sind.

M.C.: Das ist ein und dasselbe für mich. Eines der Bilder aus dem Buch ist das des ungeborenen, in einem Schädel zusammengekauerten Kindes.

H.O.: Im Schädel von Herman.

M.C.: Ja, der Körper ist gänzlich auf dem Gehirn abgebildet, er ist gänzlich ins Gehirn projiziert, wobei das Bild deformiert ist: Die Hände und das Gesicht sind viel größer, als sie hätten sein sollen. Die wichtigste Figur eines Schriftstellers ist letztendlich dieser Homunkulus, der seinen ganzen Schädel besetzt, der jedoch ein deformiertes Bildnis seiner selbst abgibt.

H.O.: Ich hatte den Eindruck, dass es in diesem Buch Eingänge zu einer anderen Welt gibt, die in Gebäuden zu finden sind, in Kellern … Gleichzeitig hatte ich den Eindruck, dass diese Eingänge in die Gebäude auch die Eingänge in den eigenen Körper sind, in das eigene Selbst.

M.C.: Ja, an einem bestimmten Punkt zeige ich sogar, dass Bukarest eine Art Alter Ego ist. Eine Seite aus dem Orbitor ist dem Produkt der Verbindung zwischen der Stadt Bukarest und meinem eigenen Körper gewidmet, so wie in Dantes Göttlicher Komödie, wo sich die Diebe im achten Höllenkreis des Inferno mit den Reptilien mischen. Damit wollte ich in meinem Buch auf das Verhältnis zwischen Subjektivität und Objektivität hinweisen. Die Stadt ist das große Universum, wohingegen Mircea, die Hauptfigur, das Mikrouniversum ist. Was ich damit sagen möchte: Trotz dieser poetischen und metaphysischen Einzelheiten handelt es sich nichtsdestoweniger um ein sehr narratives und sehr konkretes Buch.

H.O.: In der Tat.

M.C.: Das Buch enthält circa vierzig Geschichten, die sich im Laufe der drei Orbitor-Bände weiterentwickeln, und ist daher nicht nur spekulativ und halluzinatorisch, sondern in vielerlei Hinsicht auch sehr realistisch und konkret. Ich habe mir sogar einen großen Spaß daraus gemacht, ganze Städte wie an einem Filmset wiederherzustellen: wie Amsterdam, New Orleans, Bellagio … Und tatsächlich gibt es zwischen all diesen Städten unterirdische Gänge. Damit wollte ich konkret ausdrücken, dass es sich dabei nicht um wirkliche, sondern um imaginierte Städte handelt, die mal dicht beieinander, mal weit voneinander liegen können, je nachdem, wie ich es haben möchte. So hat zum Beispiel Bioy Casares in einer seiner Erzählungen Buenos Aires an Paris angedockt. Denn die Vorstellungskraft ist grenzenlos, hat weder Raum- noch Zeitgefühl. Alles kann manövriert werden.

H.O.: Bei allem spielt die Symmetrie eine große Rolle, so zum Beispiel beim Schmetterling, der ein symmetrisch aufgebautes Tier ist.

M.C.: Ich habe in diesem Buch mit allen möglichen mathematischen und physikalischen Theorien gespielt, die alle der Idee der Symmetrie, des Symmetriebruchs, der Geometrie im Allgemeinen folgen. Dabei spielt die Theorie der nichtlinearen Gleichungen eine große Rolle: wie die Katastrophentheorie von René Thom, die Fraktaltheorie von Benoît Mandelbrot oder die Chaostheorie. Es hat mir großen Spaß bereitet, eine wissenschaftliche und manchmal poetisch-wissenschaftliche Ebene für mein Buch zu entwerfen, ein Buch, das, insofern jede Seite den Eindruck eines Ganzen vermittelt, einen holografischen und fraktalen Charakter hat. Aber all das sind Metaphern.

H.O.: In der Person des Protagonisten ist auch eine Störung dieser Symmetrie angelegt, die eine große Rolle spielt und die auch die Handlung des Buches stark voranbringt.

M.C.: Das ist sehr wahr. Der Protagonist Mircea, der die drei Orbitor-Bände zusammenhält, schwebt auf dieser Wirklichkeit, die er nicht völlig begreift, und staunt nicht nur über die Symmetrie, sondern auch über bestimmte Asymmetrien der Welt. So zum Beispiel über die Asymmetrie zwischen der Vergangenheit und der Zukunft. Er kann nicht verstehen, wie es für uns eine Erkenntnis der Vergangenheit, nicht aber eine Idee von der Zukunft geben kann. Das ist der Grund, warum ihm die für die Zukunft blinden Menschen als Schmetterlinge mit nur einem Flügel vorkommen und warum er glaubt, dass der Mensch nur dann ein vollständiges Wesen sein wird, wenn er sich das visionäre Vermögen, sich auch an die Zukunft zu erinnern, aneignet.

H.O.: In diesem Zusammenhang erinnere ich mich an einen sehr schönen Vergleich aus dem Buch: Demnach soll sich der Mensch nicht als Schmetterling verstehen, sondern als eine Raupe, die sich verpuppt, um zu etwas Neuem zu werden.

M.C.: Ja. Der Schmetterling ist ein Symbol, das niemals verschwinden wird. Er ist eines jener wunderbaren Symbole, die der Mensch in der Natur schon vorgefertigt vorfindet. Ich glaube aufrichtig daran, dass ohne dieses Symbol der Mensch nicht die Intuition für sein jenseits dieser Welt befindliches Schicksal und die Idee einer künftigen Welt gehabt hätte. Diese Idee kam ihm, nachdem er die Metamorphose des Schmetterlings beobachtet hat. Und er dachte, dass wir, solange wir auf Erden leben würden, waagerecht herumkriechen würden wie eine Raupe. Dann würden wir uns im Grab einschließen wie der Schmetterling in seiner Puppe. Indem er sah, wie daraus ein beflügeltes Wesen hervorgeht, die nicht mehr der Raupe ähnelt, kam ihm die Idee, dass auch wir ein künftiges Leben haben könnten, in dem wir spirituelle Wesen, beflügelte Wesen sein würden. Das ist der Grund, warum im antiken Griechenland die Seelengöttin Psyche als ein Mädchen mit Schmetterlingsflügeln dargestellt wird.

A.B.: In Ihrem Buch herrscht ein Spannungsverhältnis zwischen Individuum und Überindividuellem, d. h. auch zwischen der Vergangenheit eines Einzelnen und der einer ganzen Nation. Kann man diese Feststellung mit folgender Aussage aus einem anderen Interview mit Ihnen verstehen? „Ich bin stolz, das Land Mircea C?rt?rescu zu bewohnen, und stolz, der einzige Bürger dieses Landes zu sein.“

M.C.: In den ersten zwei Bänden der Orbitor-Trilogie ist in der Tat vom Individuum die Rede, vom Individuum in seinem spirituellen, metaphysischen, poetischen und mystischen Horizont. Nachdem ich den zweiten Band beendet habe, hatte ich das starke Bedürfnis, auch die konkrete, gewalttätige und niederträchtige Seite des Menschen einzuholen. Nachdem ich also vom Menschen als Ideal gesprochen habe, hatte ich das Bedürfnis, von ihm als von einem geschichtlichen und politischen Tier zu sprechen. So habe ich den Menschen aus dem Paradies abgeholt, um ihn anschließend ins Geschichtsinferno einzutauchen. Daran liegt es, dass viele Kritiker beim dritten Band eine Veränderung von Stil und Einstellung beobachten konnten. Man sprach von einer Poetik des Hässlichen und von Niedertracht und Kitsch. Ich war mir all dessen bewusst, als ich den dritten Band schrieb, und ich stellte fest, dass ich ihn nicht anders hätte schreiben können, solange ich das Ziel vor Augen hatte, über die konkrete Geschichte und den mit ihr konfrontierten Menschen zu schreiben. Denn die Geschichte ist der Dschungel der Humanität, in dem sich der Mensch so zeigt, wie er wirklich ist: homo homini lupus. Um dies zu verdeutlichen, habe ich als Beispiel die rumänische kommunistische Welt gewählt und die rumänische Revolution, die ihr ein Ende setzte. Ich bin sehr stolz über diesen Teil meines Buches und sehr glücklich darüber, dass ich durch das Schreiben dieses Buches meine Jugend, die mir gestohlen wurde, wiedererlangen konnte.

H.O.: Im Buch gibt es sehr realistische Beschreibungen dieser Revolution: Demonstrationen, Ereignisse … Aber diese realistische Beschreibung übersteigt irgendwann den Realismus. Mir ist es so vorgekommen, als ob dieses große Finale – was auch wiederum mit dem Beginn des ersten Bandes der Trilogie korrespondiert und somit einen ganz großen Bogen schlägt –, als ob dieses in Bukarest stattfindende Finale, wenn die Statuen selbst zu marschieren anfangen, um den Parlamentspalast in Besitz zu nehmen, eine Dimension hat, die diesem Gebäude angemessen ist … Dabei ist die Beschreibung dieses Vorgangs keineswegs pathetisch, wie man bei Statuen denken könnte, sondern sehr ironisch.

M.C.: Eigentlich handelt es sich um eine Satire, eine große Satire im Sinne von Jonathan Swift oder George Grosz. Ich habe die Wirklichkeit konstruieren und sie gleichzeitig mit der ganzen Kraft des Sarkasmus vorstellen wollen. Hier geht es nicht um die Beschreibung der Geschichte einer Welt durch einen objektiven Historiker, sondern durch einen Schriftsteller und Zeitzeugen, der im Zorn auf sein eigenes Leben zurückblickt. Ich habe versucht, meine persönlichen Gegner zu beschreiben: den Tyrannen und seine Hofleute sowie diejenigen, die auf die eine oder andere Weise dazu beigetragen haben, dass jene an die Macht gelangen und ein ganzes Volk zerstören konnten.

H.O.: Wie dieses verrückte Securitate-Ehepaar, das oben auf den Statuen reitet.

M.C.: Hier muss ich etwas ergänzen, denn alle, die in letzter Zeit über die Tyrannenherrschaft in Rumänien und über die Securitate geschrieben haben, taten dies mit Wut und indem sie die Monstrosität dessen zeigten, was damals geschehen ist. Wie ich glaube, habe ich eine wirksamere Methode gefunden, um darüber zu schreiben, und zwar mithilfe der Ironie, des Sarkasmus, der Parodie und einer grenzenlosen Freiheit der Vorstellungskraft. Nicht Hass wollte ich damit ausdrücken, sondern Verachtung.

A.B.: Immer wenn Ironie im Spiel ist, stellt sich für den Leser die Frage nach der Verstehbarkeit des Gesagten. Es ist dann kaum noch möglich, zwischen Ironie und Ernst zu unterscheiden.

M.C.: Die Codes unterscheiden sich stark voneinander. Wahrscheinlich sieht ein fremder Leser die Sachen ganz anders als jemand, der sie tatsächlich erlebt hat. Selbstverständlich richten sich diese Passagen an meine eigenen Landsleute, die all das miterlebt haben. Aber ich glaube, dass die Botschaft eine universelle ist. Man muss nicht im Kaukasus gekämpft haben, um Tolstoi zu verstehen.

H.O.: Ich möchte eins noch hinzufügen, was mir bei der Lektüre angenehm aufgefallen ist. Mir ist bei der Lektüre vieles angenehm aufgefallen, und wir können dieses große Werk nur annähernd darstellen. Diese Trilogie hat ja selbst eine symmetrische Struktur bzw. die Gestalt eines Triptychons, so wie das Fenster im ersten Band, wo der Blick auf Bukarest fällt. Das Problem der Asymmetrie in Mirceas Gesicht, dann die Frage nach dem Verbleib seines Zwillingsbruders, die in diesem Buch eine Lösung, ein versöhnliches Ende findet …

M.C.: Zu den Fragmenten, die mir am interessantesten vorkommen, gehört die Geschichte von Viktor, von Mirceas Zwillingsbruder. Die verdichtete Geschichte von Viktor als Kämpfer in der Fremdenlegion aufzuschreiben, hat mir einen großen Spaß bereitet, und obwohl sie nur ein kurzes Kapitel ausmacht, ist sie grundlegend für das Verstehen des Buches. Zwar kommt Mircea im Buch in allen Szenen und an unzähligen Orten vor, aber immer gibt es auch diese Leere, die er hinter sich herzieht: die Abwesenheit von Viktor, den Zwilling. Gesicht und Stimme bekommt er auf nur zwanzig Seiten, aber ich glaube, dass der Roman ohne diese Seiten unvollständig geblieben wäre. Das ist ein Beispiel für das Zusammenschmelzen der Symmetrie der Zwillingsbrüder und der Asymmetrie der Bedeutung, die ihnen im Buch jeweils zukommt.

A.B.: Eine letzte, eine kurze Frage: Gibt es etwas, das Ihnen an Ihrem eigenen Buch nicht gefällt?

M.C.: Es ist ein altes Buch von mir, das vor sieben Jahren beendet wurde. Ich blicke mit großer Nostalgie auf es zurück. Jenseits dieser Nostalgie möchte ich kein Urteil darüber fällen. Ich betrachte es, wie Eltern ihre Kinder betrachten. Wichtig ist, dass es sie gibt. Es ist unwichtig, ob sie gelungen oder nicht gelungen sind, schön oder hässlich, klug oder nicht klug … So oder so, sie bleiben deine Kinder. Alles, was ich sagen kann, ist, dass Orbitor selbstverständlich eines der lebensnotwendigen Organe meines Schriftencorpus ist. Aber für mich zählt jedes Organ, wie unwichtig es auch sein mag. Ich habe Kinderbücher geschrieben, Reisebücher, leichtere und einfachere Bücher als die Orbitor-Bände … Alles ist für mich extrem wichtig, und auf keines der Bücher kann ich verzichten. Sicher, der kleine Finger ist nicht so wichtig wie das Herz oder die Leber, aber man möchte sich nur ungern von ihm trennen.

Das Gespräch führten Harry Oberländer und Alexandru Bulucz

Kommentare


L.A.W - ( 11-03-2015 11:06:24 )
Ai stofa de reporter, nu gluma. ????

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erstellt am 28.2.2015

Mircea Cartarescu

Dritter Band der Orbitor-Trilogie:

Mircea Cartarescu
Die Flügel
Roman. Übersetzt von Ferdinand Leopold
Fester Einband, 672 Seiten
ISBN 978-3-552-05689-3
Zsolnay Verlag, Wien 2014

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Mircea Cartarescu, Harry Oberländer, Alexandru Bulucz