1973 beauftragte das Landestheater Tübingen den Autor Yaak Karsunke und den Komponisten Peter Janssens, ein Stück über den schwäbischen Bauernkrieg zu schreiben. Friedrich Schirmer hat „Die Bauernoper“, die einst auch am Frankfurter TAT ein großer Erfolg war, an der Württembergischen Landesbühne Esslingen wieder entdeckt, berichtet Thomas Rothschild.

Musiktheater

1525, dran, dran, dran

An der WLB wird Yaak Karsunkes »Bauernoper« wiederentdeckt

Von Thomas Rothschild

Als das Landestheater Tübingen 1973, in der Intendanz Manfred Beilharz, den Autor Yaak Karsunke und den Komponisten Peter Janssens beauftragte, ein Stück über den schwäbischen Bauernkrieg zu schreiben, erfüllte es nicht nur die Forderung nach regionalem Bezug, sondern traf auch ins Zentrum des damaligen Zeitgeists. In der Folge der 68er-Bewegung interessierte man sich für jene Kapitel der deutschen Geschichte, die bis dahin in Schulbüchern und Festtagsreden verschwiegen oder marginalisiert worden waren, insbesondere für die Geschichte jener nahezu vergessenen Revolutionen, zwischen deren Niederlage und dem Nationalsozialismus man einen Zusammenhang erkannte. 1970 hatte Dieter Fortes „Martin Luther & Thomas Münzer oder Die Einführung der Buchhaltung“ in Basel Premiere, 1976 entstand die „Proletenpassion“ der Schmetterlinge aus Wien, und schon 1968 hatte Tankred Dorst mit seinem in Stuttgart uraufgeführten „Toller“ an die Münchner Räterepublik erinnert. Friedrich Schirmer übrigens, der jetzige Intendant der WLB, wo „Die Bauernoper“, einst auch am Frankfurter TAT einer der größten Erfolge, neu inszeniert wurde, hat im ersten Jahr seiner ersten Esslinger Amtszeit Friedrich Wolfs Bauernkriegsdrama „Der Arme Konrad“ von 1923 auf den Spielplan gesetzt.

In den gut vier Jahrzehnten seit der Entstehung der „Bauernoper“ hat sich viel geändert. Die Geschichtskenntnisse haben nicht unbedingt zu-, das Interesse an Revolutionen aber hat deutlich abgenommen. Das Esslinger Publikum spendete zwar anhaltenden Applaus, aber dass es sich als Nachfahren der aufständischen Bauern begreift, als die es zu Beginn von der Rampe her angesprochen wird, darf bezweifelt werden. Es kann noch nicht einmal darauf gewettet werden, dass der Autor, der bei der Premiere anwesend war, mit seinem Stück nach wie vor einverstanden ist. Vor zehn Jahren verlangte er immerhin anlässlich eines Symposiums der Erich Fried Gesellschaft, politisch interessierte Schriftsteller sollten ihr Engagement am besten in literarischen Arbeiten entfalten, „die nicht mehr mit der Selbstgewissheit des Agitprop den Gegner verteufeln und die eigene Sache schönfärben“.

Der Tradition des Agitprop, also der Agitation und Propaganda, ist „Die Bauernoper“ aber, formal wie inhaltlich, verpflichtet. Sie bezieht unmissverständlich für die aufständischen Bauern Partei und fordert die Zuschauer auf, von deren Beispiel zu lernen. Der Regisseur Pavel Mikulastik, für dieses revueartige Stück besonders geeignet, weil er von der Choreographie her kommt, verstärkt zudem die karikaturenhafte Zeichnung der „Oberen“, wohl begreifend, woran man in diesen Tagen erinnern muss: dass die Karikatur ein legitimes Kampfmittel der Schwächeren gegen die Herrschenden ist, dass sie aber fragwürdig wird, wo sie die Wehrlosen verhöhnt.

Ja, „Die Bauernoper“ ist plakativ, und wenn Yaak Karsunke, mittlerweile 80 Jahre jung, damit Probleme hat, muss man sein Stück gegen ihn verteidigen. Was das Stück thematisiert, dient nicht nur als Nachhilfe in Sachen sozialer Gerechtigkeit – es vermag auch unser Urteil über andere Kulturen zu relativieren, denen wir uns allzu schnell überlegen fühlen. Es waren keine Muslime, sondern gottesfürchtige Christen, die nicht heiraten konnten, wenn das dafür nötige Geld fehlte, und die hilflos zusehen mussten, wenn die Herren von ihrem „ius primae noctis“, also im Klartext: von ihrem Recht auf Vergewaltigung, Gebrauch machten. Sie mussten Frondienste leisten. Sie mussten, wie arm sie auch waren, den Zehnten an die Kirche bezahlen. Mikulastik lässt deren Repräsentanten die Zwangsabgaben mit vier Händen entgegen nehmen. Reliquien- und Ablasshandel sorgen für zusätzliche Einkünfte. Das „Herr, erbarme dich“ der Bauern ist eher ein existentieller Aufschrei als eine Bitte. Im Übrigen waren die leisen Momente die stärksten in dieser Inszenierung. Sie hätte noch gewonnen, wenn die Regie nicht so sehr zum Brüllen angeregt hätte. Zorn und Unzufriedenheit müssen nicht immer laut sein.

Peter Janssens ebenso schlichte wie eingängige Komposition, die sich an Kirchenliedern, Volksliedern und Moritaten orientiert, wird von zwei Musikern auf erhöhten Podien gespielt und vom Ensemble mit offensichtlichem Vergnügen gesungen. Ganz nebenbei gewinnen Namen eine konkrete Gestalt, die, wenn überhaupt, nur als Chiffren bekannt sind: Joß Fritz und der Bundschuh, Florian Geyer, Wendel Hipler, der Truchsess von Waldburg, Herzog Ulrich, der als Puppe auftritt, auch der ungarische Bauernführer György Dózsa.

In einem der Lieder heißt es: „Wach endlich auf, gemeiner Mann. 1525, dran, dran, dran.“ Fast ein halbes Jahrtausend ist seit 1525 vergangen. Das ius primae noctis ist abgeschafft. Die Kirchensteuer wird vom Konto eingezogen. Aber ab und zu sollte man dem gemeinen Mann (und der gemeinen Frau) das Aufwachen empfehlen. Und sei es nur im Theater.

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erstellt am 27.2.2015

Szenenfoto „Die Bauernoper“ © Patrick Pfeiffer für WLB

Yaak Karsunke / Peter Janssens (Musik)

Die Bauernoper

Szenen aus dem schwäbischen Bauernkrieg

Inszenierung Pavel Mikulastik
Bühne Frank Chamier
Kostüme Katrin Busching
Musikalische Leitung Oliver Krämer

Aufführungen am 28.2. und am 6., 26., 27.3.2015

Württembergische Landesbühne Esslingen

Szenenfoto „Die Bauernoper“ © Patrick Pfeiffer für WLB

Szenenfoto „Die Bauernoper“ © Patrick Pfeiffer für WLB