Der polnisch-jüdische Komponist Mieczysław Weinberg gehört zu den vielen Opfern unserer Vergessenskultur. Erst im Jahre 2010, vierzehn Jahre nach seinem Tod, gerät sein Name in die Öffentlichkeit, weil seine Oper „Die Passagierin“ bei den Bregenzer Festspielen aufgeführt wurde. Hans-Klaus Jungheinrich stellt seine Werke und die anderer Musiker vor.

Klassik

Ein Flüchtling. Eine Ankunft

Profunde Entdeckungen: Mieczysław Weinberg und einige verwandte Geister

Von Hans-Klaus Jungheinrich

Seit der ersten westeuropäischen Aufführung der Oper „Die Passagierin“ bei den Bregenzer Festspielen 2010 ist der Name des polnisch-jüdischen Komponisten Mieczysław Weinberg (1919-1996) hierzulande unter Musikfreunden vertraut geworden. „Die Passagierin“ war auch deshalb ein Fanal, weil sie (neben dem Benigni-Film „La vita è bella“ und den Büchern von Imre Kertesz und Primo Levi) zu den eindringlichsten künstlerischen Auseinandersetzungen mit dem Holocaust gehört – einem Thema, dessen frontales Angehen Theodor W. Adorno aus gutem Grund für eigentlich unmöglich hielt. Dem Weinberg- und „Passagierin“-Entdecker David Pountney gelang als Regisseur die Bregenzer „Passagierin“, die man wegen ihres Echos als die eigentliche Uraufführung bezeichnen kann, nur unzureichend (sozusagen doch noch unter einem ästhetischen Adorno-Bannspruch), und ebenso unbefriedigend blieb eine folgende szenische Realisierung in Karlsruhe. In diesen Tagen (ab dem 1. März 2015) steht die Frankfurter Erstaufführung des Werkes an, und es wird sich zeigen, ob es und sein übergroßer Hintergrund nun doch einmal überzeugend auf der Bühne zu vermitteln sind. Ein anderes großformatiges Musikdrama, die Dostojewskij-Vertonung „Der Idiot“, konnte sich mittlerweile schon unproblematischer an deutschen Opernbühnen (Mannheim, Oldenburg) etablieren.

„Die Passagierin“ ist inzwischen in der Bregenzer Optik auch als DVD (NEOS 51006) käuflich. Aber schon vor dem Bregenz-Datum gab es Weinberg-CDs mit Kammermusik und Klavierstücken, vor allem bei dem Label cpo, in dessen umfangreicher Kollektion unbekannter Komponisten und musikgeschichtlicher Rarissima sie freilich nicht sehr auffallen mochten. Durch Bregenz richtet sich nun aber stärkeres Licht auf ein Œuvre, das man zu den merkwürdigsten, vielgestaltigsten und bedeutendsten des 20. Jahrhunderts zählen muss. Warum es erst jetzt entdeckt wird? Außer Zufällen dürften zwei historische Kalamitäten dafür verantwortlich sein. Zuvörderst die prekäre Rolle eines ausländischen, noch dazu jüdischen Flüchtlings in der (oft nicht bloß) latent antisemitischen Sowjetunion und die Tatsache, dass Weinberg damit nie wie (vermeintlich) Prokofjew oder Schostakowitsch zu einem offiziellen Kulturrepräsentanten taugte; zum andern, dass sich Weinberg aus seinerzeit aktueller westlich-„materialästhetischer“ Sicht nicht als experimentell orientierter „Dissident“ reklamieren ließ, sondern eher dem Anschein des halbtraditionalistischen „gemäßigt Modernen“ entsprach. In vielem ähnelte sein Idiom dem des Freundes und Bewunderers Schostakowitsch. Aber, um es überspitzt zu sagen: ein Schostakowitsch genügte für den westlichen Musikmarkt. Man kann den Umstand, dass in unseren scheinbar total informierten Tagen das kompositorische Riesenœuvre eines längst Verstorbenen noch komplett neu erschließbar ist, aber auch als großes Abenteuer einschätzen und erleben.

Einige CDs seien hier vorgestellt; sie vermitteln eher vorsichtige Annäherungen an ein immenses Lebenswerk als einen zentralen, gar repräsentativen Hindurchschnitt – einige der Symphonien etwa stellen mit ihren an Mahler oder Havergal Brian gemahnenden Dimensionen erhebliche aufführungspraktische Ansprüche. Doch Weinberg war auch ein Pragmatiker, der für Freunde und Gelegenheiten Musik parat hatte: Daran erinnert vor allem ein Doppelalbum (ECM 2368/69) mit Gidon Kremer und der Kremerata Baltica, das unterschiedliche Formate von der bachnah „autistischen“ Violin-Solosonate bis zum kommunikativ-giocosen Concertino für Violine und Streichorchester bietet. Ungeachtet des intimen Rahmens gibt es hier, wie auch in den von Klarinettenklang dominierten Stücken der CD mit dem Titel „On The Threshold Of Hope“ (RCA 82876-87769-2), auf Schritt und Tritt die musikalischen Chiffren eines leidgeprägten Lebens: allgegenwärtige Melancholie, ein Changieren zwischen Bitternis und Lächeln, Erinnerungen und Vergegenwärtigungen überwundenen Schreckens. Musik als komprimierter oder geklärter Ausdruck gelebten Lebens spricht sich überall bei Weinberg unmittelbar aus – fern jenen in gesicherten Sphären proklamierten Theorien vom Verschwinden des Subjekts und Ähnlichem. Sehr geläutert, freundlich sich zuwendend, quasi versöhnlich geben sich die Piècen der cpo-Novität 777 804-2 mit dem Klaviertrio op.24, der Sonatine op.46 (die auch bei Kremer figuriert) und dem apart-kompendiösen Opus 108 für Kontrabass-Solo – wie dieses ungefüge Instrument zum „Sprechen“ gebracht wird, zeugt auch von Weinbergs umwerfend „musikantischem“ Ingenium. Naivität und Intellektualität mischen sich bei ihm eigentümlich. Das macht auch den hintergründigen Reiz der 1948 komponierten Sinfonietta Nr.1 aus, der Tichon Chrennikow, einer der ideologischen Muftis des „sozialistischen Realismus“, gutmütig aber falsch eine „leuchtende“ Feier des „freien Arbeitslebens des jüdischen Volkes im Lande des Sozialismus“ attestierte. Eher ist hier angestrengte, übersteigerte, verzerrte Virtuosität à la Schostakowitsch vernehmlich. Die Kombination (NEOS 11125) mit der größer angelegten 6. Symphonie (sie enthält einen serenen Knabenchorpart) ist instruktiv. Weinbergs Sechste ist, parallel zu Schostakowitschs Zehnter, ein künstlerisches Dokument der Tauwetter“-Periode nach Stalins Tod. Das Werk ähnelt in seiner Dramaturgie auch den „Schmerzprotokollen“ der Symphonik des Schweden Allan Pettersson. Beethovens „per aspera ad astra“ als Minimalprogramm: Von der bohrenden Unerträglichkeit bis hin zum ins knapp Erträgliche Gemilderten. Befreiung, auch bei Weinberg: wiedergefundene Fähigkeit, wenigstens zu atmen.

Beim Einmarsch der Deutschen in Polen floh Mieczysław Weinberg Richtung Osten bis ins usbekische Taschkent und lebte nach dem Kriege in Moskau in der Nähe Schostakowitschs, der ihm als Gleichrangigem Freundschaft und professionelles Vertrauen schenkte. Flucht, zweites Leben, ja eine zweite Persönlichkeit: Das war das Schicksal des deutschen Juden Paul Frankenberger, der nach ersten Erfolgen in Deutschland in Palästina Zuflucht vor den Nazis fand und sich hinfort Paul Ben-Haim (18976-1984) nannte. Eine Kammermusikedition (Chandos 10769) stellt seine noble, in vielem an Weinbergs unaufdringlichen „Konversationston“ erinnernde Tonsprache profund vor. Nicht zum erstenmal nimmt sich cpo des stilistisch ähnlich temperierten polnischen Komponisten Andrzej Panufnik (1914-1991) an, diesmal mit drei Konzerten für Violine, Klavier und Violoncello, die, weit weg von den Aufbruchstönen der polnischen Avantgarde nach 1960 (Lutosławski, Penderecki etc.), einem inhaltsreichen Ausdrucksgestus nachgehen und dabei den durchaus „zünftig“ verstandenen instrumentalen Solo-Äußerungen doch immer wieder neue, reizvolle Facetten abgewinnen (cpo 777 687).

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erstellt am 24.2.2015

Am Klavier Mieczysław Weinberg, an der Geige David Oistrach, hinten links Dmitri Schostakowitsch, Blätterer: Oistrachs Schüler Viktor Pikaisen.

Mieczysław Weinberg
Die Passagierin op.97
DVD, NEOS 51006 (2013)

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Mieczysław Weinberg
On The Threshold Of Hope
CD, RCA 82876-87769-2 (2011)

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Mieczysław Weinberg
Symphony No. 6 / Sinfonietta No. 1
CD, NEOS 11125 (2013)

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Andrzej Panufnik (1914-1991)
Symphonie Works Vol.8
CD, cpo 777 687 (2014)

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