Ein FaustVideo von Harald Ortlieb

Die argentinische Regisseurin Lola Arias ist in der europäischen Theaterszene als „blitzgescheite Theatermacherin“ (Tobias Becker, spiegel online) bekannt, die mit interdisziplinären Projekten zu Zeitgeistthemen auf sich aufmerksam gemacht hat. Sie ist seit 2007 auf europäischen Bühnen präsent, hat zusammen mit Stefan Kaegi ein Stück über jugendliche Nomaden („Airport Kids“, Uraufführung 2008 Théatre Vidy-Lausanne) inszeniert und in den Münchner Kammerspielen (2009) die komplizierten „Familienbande“ tabubrechender Paarbildungen nachvollzogen. In Berlin inszenierte sie 2010 „Im Hebbel am Ufer“ ihr neues Stück „That Enemy Within“.

Parallel zum Gastlandschwerpunkt Argentinien der Buchmesse 2010 hat Lola Arias im Frankfurter Mousonturm „Mi Vida Despuès“ aufgeführt. Im Gespräch erläutert sie die bis heute spürbaren Folgen der Militärdiktatur für das Leben ihrer Generation.

Faust-Gespräch mit Lola Arias

Mi Vida Después

My Life After

Mein Leben danach

„Mein Leben danach“ – auf welches „danach“ bezieht sich der Titel ihrer Performance?

Der Titel ist mit einem Lied verbunden, das im Stück vorkommt. „Mein Leben danach“ bezieht sich sowohl auf die Vergangenheit als auch auf die Zukunft. Das Stück kann ein vergangenes Ereignis im eigenen Leben erinnern oder die Vorstellung beschreiben, die man von dem späteren Leben hat.

Geht es also um die Zeit der Militärdiktatur in Argentinien?

Ja, eigentlich ist der Inhalt allgemeiner, als der konkrete Anlass vermuten lässt. Jede Geschichte, über die wir nachdenken, kann sehr verschiedene Bedeutungen haben. Der Titel des Stücks darf darum nicht nur in eine Richtung interpretiert werden. Allen Geschichten im Stück ist jedoch gemeinsam, dass es im Leben der Darsteller einen Moment gab, der ihr Leben verändert hat. Dieser Moment ist verbunden mit politischen Ereignissen, die während der Diktatur stattgefunden haben. Alle Lebensgeschichten haben in den 70iger Jahren also eine entscheidende Wendung erfahren.

Persönliche Erinnerungen sind in Ihrem Stück immer in einen politischen Kontext eingebunden. Ist jede private Geste politisch manipuliert?

Ich denke, dass jede Entscheidung, die wir in unserem Leben treffen, in irgendeiner Form politisch ist. Es gibt keine Möglichkeit, nicht in politisches Geschehen involviert zu sein. Man wird durch jedes Regime, egal welche Richtung es vertritt, verändert und manipuliert. Man trifft Entscheidungen, die einen innerhalb, ausserhalb oder zugunsten von etwas positionieren.

Suchen Sie nach Wegen, wie Erinnerung ohne Verfälschung darstellbar ist?

Das Theaterstück spricht mehr über Vorstellungen, die in der Vergangenheit entstanden sind. Die Vergangenheit an sich ist schon eine Fiktion; immer dann, wenn wir uns erinnern, erfinden wir vor dem Hintergrund unserer Geschichte die Version der eigenen Lebensgeschichte neu. Das Stück spricht vor allem über die Geschichten, die wir erfahren haben, als wir noch klein waren. Es betrifft also mehr meine Generation, als die meiner Eltern.

Wie haben die oft irreführenden Geschichten aus der Vergangenheit ihre Generation geprägt?

Wir sind eine Generation, die in einer Zeit der Angst geboren worden ist. Wir wurden trainiert, stumm und vorsichtig zu sein, wir mussten lernen mit Situationen umzugehen, die zu verstehen wir noch zu jung waren. Wir wussten nicht, was wirklich vor sich ging, darum mussten wir üben, uns so aufzuführen, wie man es uns aufgetragen hatte.

Im Grunde versuchen wir, die Handlungen, die früher passiert sind, nachzumachen. Es gilt, die vergangenen Ereignisse zu verstehen und zu erahnen, was in Zukunft geschehen könnte. Es gibt jedoch keine Schlussfolgerung. Ich sage in dem Stück niemals, dass meine Generation eine utopielose Generation sei. Ich sage auch nicht, dass meine Generation unpolitisch ist, weil unsere Väter politisch waren. Es gibt keine wirkliche Schlussfolgerung, vielmehr werden offene Fragen, die bereits in der Luft liegen, ausgesprochen. Diese Fragen interessieren mich und sind bisher ungelöst.

Ihr Theater ist multimedial, außerdem stehen neben Profis auch Laien, Kinder und Tiere auf der Bühne. Warum?

Ich glaube an ein Theater, dass zwischen den Kunstgattungen angesiedelt ist. Ich mag das Theater, das nicht wie eine große Bühne wirkt, wo Schauspieler ohne imposante Kostüme und große Gesten auskommen. Ich glaube sehr viel stärker an ein Theater, dass die Performance betont, lebendig ist, kleinen Dingen Aufmerksamkeit schenkt und eine real stattfindende Handlung erzeugt. Ich glaube daran mehr als an ein Theater, das etwas zum Schein präsentiert. Ich möchte ein Theater, das eine Handlung erzeugt, die einzigartig ist und bei der nächsten Aufführung niemals wieder genauso ablaufen wird.

erstellt am 02.2.2011