Die 1968 in Saigon geborene Kim Thúy verbrachte ihre ersten zehn Lebensjahre in Vietnam, bevor sie 1978 mit ihren Eltern und zwei Brüdern als „boat people“ nach Kanada floh und sich in Montréal in der Provinz Québec niederließ. Hier studierte sie Recht, Sprachwissenschaften und Übersetzung. Sie arbeitete als Übersetzerin und Rechtsanwältin, war Gastronomin und Gastrokritikerin für Radio und Fernsehen. Heute lebt Kim Thúy als Schriftstellerin französischer Sprache mit ihrem Mann und zwei Kindern in Montréal. Ihr erstes Buch „Der Klang der Fremde“ (Verlag Antje Kunstmann) war ein internationaler Erfolg und brachte ihr zahlreiche Preise ein. In diesem assoziativ erzählten autobiografischen Werk schildert sie ihre Erlebnisse als Kind einer wohlhabenden Familie in Vietnam während der Tet-Offensive 1968 und ihre anschließende Flucht nach Kanada. Zuletzt erschien ebenfalls im Kunstmann-Verlag der Roman „Der Geschmack der Sehnsucht“. Petra Kammann traf die Autorin am Rande der Literaturtage Südostasien 2015 in Frankfurt.

Gespräch mit Kim Thúy

Poesie zwischen den Schusslinien

Petra Kammann: Kann man sagen, dass Sie sich beim Schreiben den Dingen annähern wie ein Maler?

Kim Thuy: Ästhetik ist bei allem für mich wichtig. Ich bin immer wieder fasziniert von der Schönheit der Dinge. So war ich gestern in Frankfurt im Kaiserdom und im Museum für Moderne Kunst. Und in einer Galerie gegenüber sah ich wunderbare ganz sparsame japanische Tuschezeichnungen. So etwas beglückt mich.

In Ihrem letzten Roman „Der Geschmack der Sehnsucht“ ist das Wort „Londi“, das im Vietnamesischen „Lon“ „di“ (Dose weg) heißt und sich auf das Fußballspiel der Jungen mit Blechdosen bezieht, auf Französisch „Lundi“, also Montag heißt, eine Art Schlüsselerlebnis für das Erlernen einer anderen Sprache. Der Montag strukturiert daher künftig den Rhythmus der ablaufenden Woche und bleibt für die Ich-Erzählerin ein zentraler Begriff. Doch gibt es auch strukturelle Unterschiede zwischen Vietnamesisch und Französisch. Worin bestehen für Sie denn die wesentlichen Unterschiede?

Es fängt schon damit an, dass Vietnamesen im Infinitiv sprechen und schreiben. Es wird nicht konjugiert und es gibt keine Zeitenfolge. Wenn man etwas erzählt, so ist das immer im Präsens. Die Beziehung eines Wortes im Satz und die Bedeutung werden lediglich aus dem Kontext klar, allenfalls durch ein Adverb. „Morgen in die Schule gehen, eine Prüfung machen“.

Haben Sie daher kein dezidiertes Verständnis von der Vergangenheit und somit auch ein anderes Geschichtsbewusstsein oder ein anderes Verhältnis zur Zukunft?

Ganz sicher. Wenn ich im Französischen etwas über die Zukunft sagen will, so tue ich das auch im Präsens. Deswegen ist es für mich bis heute schwierig, das im Französischen in der richtigen Zeitenfolge auszudrücken.

Aber ist die Darstellung von Zeit nicht auch sehr wichtig für die Orientierung?

Das kann schon sein.

Haben Sie deswegen vielleicht auch Ihre Erzählung so angelegt: lauter kleine Geschichten in sich, die nicht linear miteinander verbunden werden? Ist das auch etwas Typisches für die Emigration, dass man nach Orientierung in Zeit und Raum sucht?

Es ist schwierig für mich, ein Ereignis zu platzieren, wenn ich anfange, über die Zeitenfolge nachzudenken.

Daher also die Mosaiksteinchen, welche die Geschichte wie ein Puzzle zusammensetzen?

In meinem Kopf ist das durchaus eine große einheitliche Sache, die ich auch als zusammenhängend empfinde …

Im Kopf sind die Dinge ja auch ständig präsent. Vielleicht hat man daher den Eindruck, dass sich, wenn Sie erzählen, Schichten von Präsenz überlagern?

Wenn jemand stirbt und wir an ihn denken, dann bleibt er in unserem Kopf ja auch präsent.

Wie haben Sie im Alter von 10 Jahren denn in dem fremden Land die Sprachen Französisch und Englisch erlernt, nachdem Sie als „boat people“ nach Québec kamen? Und wie kam es überhaupt dazu, dass Sie ausgerechnet in Québec gelandet sind?

Das ist reiner Zufall. Zunächst hatten wir, als wir im Lager waren, keinerlei Ansprechpartner. Die Delegationen gingen von einem Lager zum anderen. Die Schweden waren zuständig für Behinderte. Für sie stand das Humanitäre im Vordergrund. Und eigentlich brauchte man einen Betreuer oder Sponsor. Aber wir hatten keinen. Und es gab ein internationales Komitee. Die erste Delegation, auf die mein Vater dann traf, war eben eine kanadische. Na ja, und mein Vater sprach halt schon französisch.
Da wurde er als Übersetzer eingesetzt. Eigentlich waren schon alle Ausreisepapiere fertig. Aber sie haben in unserem Fall eine Ausnahme gemacht, weil sie meinen Vater als Dolmetscher gebrauchen konnten. Und als er fragte, ob er denn auch die ganze Familie mitnehmen könnte, wurden wir nach einem Gespräch dann auch für die Emigration nach Québec akzeptiert. Wir hatten natürlich keine Ahnung, wo das überhaupt lag. Wenn man uns gesagt hätte, dass wir nach Frankreich oder in die USA kommen könnten, hätten wir eine Vorstellung vom Land gehabt. Aber Kanada war für uns unendlich weit weg und fremd. Von Schnee war die Rede, aber auch das kannten wir nicht. Wir dachten nicht einmal daran, dort auf Dauer zu bleiben. Der Anfang war auch sehr schwierig, weil wir genau in einer Wirtschaftskrise dort ankamen. Da sich Québec nach einem Referendum von Kanada zu lösen plante, verließen viele große Betriebe Québec und zogen gerade ins englischsprachige Kanada nach Toronto um. Noch heute ist Toronto die wirtschaftsstärkste Stadt, während es zuvor Montréal war mit seinem Hafen.

Wie konnte denn Ihre Familie in der ersten Zeit überleben?

Meine Eltern haben in der Fabrik gearbeitet. Dabei war mein Vater vorher Philosophieprofessor gewesen. Er war Deputierter und hat später im Innenministerium gearbeitet. Insofern war unsere Familie durchaus wohlhabend. Er hatte schon in den 60er Jahren ein Cabriolet. In dieser Zeit wurde das natürlich alles andere als geschätzt. Mein Großvater, der Vater meiner Mutter, war früher der stellvertretende Präfekt von Saigon. Und als meine Eltern sich kennenlernten, war der Bruder meiner Mutter der Kopf einer Intellektuellenpartei, die zwar keine Kommunisten waren, sich andrerseits aber auch nicht an Amerika orientierten. So waren wir Vietnamesen zwischen zwei Schusslinien. Die Mitglieder dieser Partei waren im Übrigen sehr jung. Und meine Mutter hatte eine Wahlkampagne für die Partei meines Onkels gemacht. Wir saßen also zwischen allen Stühlen.

Das alles klingt nach einem sehr aktiven Leben. Wenn man hingegen Ihre Bücher liest, dann empfindet man so eine zum Teil bedrückende Stille. Ist das ein Widerspruch? In dem Roman „Der Klang der Fremde“ sieht sich die Protagonistin als Schatten ihrer Mutter.

Ja schon, ich selbst bin auch alles andere als still. Aber Sie müssen sich vorstellen, dass, als die Kommunisten ins Land kamen, das ganze Land im Süden nach und nach still wurde, weil jeder Angst hatte. Jeder musste aufpassen. Man wollte nicht wissen, was der andere tut, um nur ja nicht in den Konflikt zu geraten, den anderen verraten zu müssen. Wir wurden als Kinder geradezu dazu aufgefordert, unsere eigenen Eltern zu verraten. Die Kommunisten wollten damals die Vertrauensbasis in der Familie zerstören. Nachbarn beobachteten sich gegenseitig, sie sahen, wer mit wem verkehrte, welche Musik man hörte, wer was las, wer was aß. So wurde nach und nach alles still und stumm. Da verschwanden auch die Farben aus dem Alltag, weil man nicht mehr das Recht hatte, Farben zu tragen. Jungen durften keine längeren Haare mehr haben und das ausgerechnet in den 70er Jahren, wo das außerdem noch Mode war. Da wurden ihnen auf offener Straße die Haare abgeschnitten. Die Frauen durften weder Schminke noch Röcke tragen. Früher war dies in der Schule hingegen Pflicht. Nun aber waren wir gezwungen, Hosen zu tragen, dazu so eine Art Pyjamajacke in Einheitsfarbe. Bis dahin hatten wir nie Kinder in schwarzen Hosen gesehen. Das war früher den Bauern und Marktleuten vorbehalten, die damit die Flecken verbargen. Alle anderen trugen helle und freundliche Farben. Allerdings muss ich sagen, dass ich persönlich damals sehr gerne eine schwarze Hose getragen hätte, meine Eltern das aber nicht wollten. Und dann mussten wir sie tragen.

Wie haben Sie denn nach Ihrer Flucht aus Vietnam den Alltag in Québec erlebt?

Da herrschte auch eine große Stille. Die war jedoch völlig anderer Natur. Da gibt es einfach sehr wenige Menschen draußen auf der Straße. Meistens rennt man über die Straße, um nur ja schnell wieder ins Warme zu kommen. Dort gibt es eine strenge Trennung zwischen Draußen und Drinnen im Gegensatz zu Vietnam, wo es natürlich auch sehr viel wärmer ist. Und da wir als „boat people“ lange aufeinander gehockt haben, empfanden wir das dann auch als Kulturschock. Wir mussten die Stille hier erst einmal ertragen lernen. Genauso verhielt es sich mit Berührungen, die für uns eine völlig andere Bedeutung haben. Das beschreibe ich ja auch in dem Buch „Der Geschmack der Sehnsucht“.

Sie meinen, als Luc die Hand der Ich-Erzählerin berührt, löst das bei ihr einen Schock aus. Ihr Berührtsein ist für sie fast ein emotionales Erdbeben …

Ja, das ist fast wie das Ende der Welt. Und dann tut sich plötzlich eine Tür auf.

Weil es in Vietnam keine Berührungen gibt?

Man berührt sich nur sehr wenig. Man umarmt sich nicht. Im Gegenteil, man senkt den Blick dem anderen gegenüber und verschränkt die Arme vor der Brust, um jemanden zu begrüßen. Man küsst sich allenfalls zaghaft auf den Kopf. Das ist vielleicht sogar eine verschlossenere Haltung als bei den Japanern. An unsere Ankunft kann ich mich genau erinnern. Wir kamen damals als die ersten Emigranten in einer kleinen Stadt in Québec an. Da erwartete uns die ganze Stadt. Und es war eine politische Tat, die „boat people“ angemessen zu empfangen. Und wir waren für die Kanadier damals so etwas wie die Botschafter dieser Flüchtlingsgruppe. Jeder Vietnamese bekam einen ehrenamtlichen Bürger zugewiesen, der sich um uns kümmern wollte. Da waren außerdem die Offiziellen, die Priester und überhaupt auch alle Bürger. Wir sind nicht einmal zuerst ins Hotel gefahren, um uns zu waschen. Die Menschen haben uns spontan in die Arme genommen und das, obwohl wir schmutzig und stinkend waren, Flöhe und Pusteln auf der Haut hatten. Schließlich kamen wir aus einem Lager, in dem wir nicht einmal Waschwasser hatten, von einem Spiegel ganz zu schweigen. Wir selbst hatten versucht, jegliche Körperberührung zu vermeiden, weil wir uns so grässlich fühlten. Doch die Québecer haben keine Minute gezögert, uns so, wie wir waren, in die Arme zu schließen. Das war der erste Schock, der einer Sturzgeburt oder einem Beben gleichkam. Es ging durch den Körper wie ein Elektroschock.
Hinzu kamen die Schneemassen, die wir zuvor nie gesehen hatten, – eine für uns ganz jungfräuliche Landschaft von großer Reinheit. Schließlich kamen wir aus einem tropischen Land, das im Krieg lag. Es war so, als ob wir auf einem anderen Planeten gelandet wären … Den Anblick dieser Menschen werde ich nie vergessen. Ich sah mich plötzlich ganz neu. Ich habe mich in diesem Augenblick als sehr schön empfunden wie nie mehr später. Wir wurden empfangen wie ein Staatsschatz. Wenn ich mir heute Fotos von früher anschaue, so bin ich verblüfft. So wie wir aussahen, hätten wir uns vermutlich nicht einmal selbst empfangen.

Wie haben Sie sich an die neue Sprache gewöhnt?

Es ist in diesem Alter leicht, eine neue Sprache zu erlernen. Und was mir die Sache zusätzlich sehr erleichtert hat, ist die Tatsache, dass wir Flüchtlinge so unglaublich herzlich empfangen wurden. Wir waren insgesamt acht Bootsflüchtlinge. Jedem von uns wurde ein Lehrer zur Seite gestellt, so dass ich ganz schnell am regulären Unterricht teilnehmen konnte. (Ankunft April, Einstieg September)

Wie ging es denn dann weiter? Und wie haben Sie sich beruflich durchgearbeitet?

Da wir nichts anderes als Reissäcke dabeihatten, erwartete uns ganz normale Arbeit.
Ich wollte aber Übersetzerin werden. Dabei war mir gar nicht klar, wie gut man die andere Sprache beherrschen muss. Im „creative writing“ war ich zwar ganz gut, aber dann habe ich 0 Punkte für die Beherrschung der Sprache bekommen. Dabei hatte ich doch so sehr für dieses Studium gekämpft. Das konnte ich meiner Mutter doch nicht antun. Also besorgte ich mir den dicken „Grevisse“ und nahm mir die Grammatik vor. Dabei unterstützten mich glücklicherweise viele Freunde, sodass ich mit Ach und Krach die Prüfung geschafft habe. Ich war überzeugt, dass sie mir nur ein Diplom gegeben haben, damit ich wieder verschwinde. Doch dachte ich nicht daran. Nur war mir klar, dass ich nicht als Übersetzerin würde arbeiten können. Aber wie es der Zufall wollte, bekam ich als Erstes eine Arbeit, bei der ich fast 100 Stunden pro Woche arbeitete, und dann bewarb ich mich für ein sechsmonatiges Praktikum bei der größten Rechtsanwaltspraxis von Kanada. Bis heute weiß ich nicht, wieso. Und wie es der Zufall wollte, handelte es sich um eine der großen Anwaltskanzleien von Québec.

Hatten Sie denn auch ein finanzielles Auskommen?

Als ich meinen ersten Scheck für meine Arbeit bekam, glaubte ich, das sei für den ganzen Sommer. Also eröffnete ich ein Extra-Konto. Ich war sehr vorsichtig. Zwei Wochen später erhielt ich abermals einen Scheck und glaubte, sie hätten sich vertan und würden es vielleicht reklamieren und zurückhaben wollen. Da man in Kanada nicht über Gehälter spricht, konnte ich auch nicht meine Kollegin fragen, wie viel sie verdient. Als es dann zwei Wochen später abermals einen weiteren Scheck gab, dachte ich wirklich, sie wären wahnsinnig, einem kleinen Mädchen wie mir soviel Geld zu geben, das keine große Ahnung hat. Also habe ich die Schecks sechs Monate lang auf dem Konto aufbewahrt. Und als niemand reklamierte, habe ich mich endlich getraut, auf das Geld zuzugreifen. Ich hatte nicht einmal von so einem Gehalt geträumt.
Es ist seltsam, aber das Leben hat mir schon einige Male die Realisierung von Träumen beschert, noch bevor ich sie überhaupt träumen konnte. Wahrscheinlich hatte ich auch gar keine Zeit zum Träumen.

Können Sie das an anderen Beispielen festmachen?

In unserer Kanzlei war ein Rechtsanwalt, der u.a. 10 Jahre Justizminister und Finanzminister war. Der rief mich eines Tages in sein Büro und fragte mich, ob ich mit ihm nach Vietnam gehen wollte, um dort eine Reform durchzusetzen, die von der kanadischen Regierung unterstützt würde. Er sollte auch den vietnamesischen Premierminister finanziell beraten. Eigentlich habe ich zu diesem Zeitpunkt nicht so ganz verstanden, was ich eigentlich dabei tun soll, habe aber vorsichtshalber mal Ja gesagt. Ich konnte mir gar nicht vorstellen, wie ausgerechnet ich ihm hätte helfen können. Aber das gab mir natürlich die wunderbare Gelegenheit, im Alter von 30 Jahren noch einmal für drei Jahre nach Vietnam zurückzukehren.

Das war also, bevor Sie das Buch geschrieben haben?

Natürlich war das für mich wie eine Art Zusatzausbildung, die zweite Begegnung mit meinem Ursprungsland. Denn eigentlich kannte ich Vietnam gar nicht. Außerdem kannte ich nur den Süden und nicht den Norden. Und mein Posten war in Nord-Vietnam, in Hanoi. Das war nun für mich ein komplett neues Land. Hinzukommt, dass der Norden viel kälter ist. Wir nennen den Süden den „Reiskorb“ der Region, weil dort alles mild und fruchtbar ist.
Außerdem war es für mich auch ein sprachliches Problem, denn ich kannte ja nur die Kindersprache des Südens. Und mit 10 beherrscht man schließlich noch nicht die Sprache des Code Civil. Nach meiner Rückkehr nach Vietnam musste ich die juristische Sprache beherrschen und daher extrem viel lesen. Als ich den Terminus „Umweltminister“ bei unserem ersten offiziellen Treffen ins Französische übersetzen sollte, wusste ich nicht einmal, dass so etwas existierte und übersetzte das prompt falsch.
Damals begriff ich, dass es viel Zeit brauchen würde, Nord und Süd wieder zusammenzufügen.

Konnten Sie denn selbst auch eine Familie gründen?

Mein kanadischer Mann, der auch dorthin kommen wollte, hatte eine Anstellung in Bangkok gefunden. Aber wir wollten gerne Kinder haben, und das wäre bei dieser Entfernung eher schwierig gewesen. Also zogen wir nach der Geburt meines ersten Kindes zunächst nach Bangkok. Und dann sind wir wieder nach Kanada zurückgekehrt. Als ich nach Montréal zurückkam, dachte ich, es wäre für mich doch viel einfacher, ein Restaurant zu führen, in dem ich nur ein einziges Gericht pro Tag, schlichte Hausmannskost, anbieten würde. Seltsamerweise fiel diese Idee auf fruchtbaren Boden. Und die Leute glaubten, dahinter stünde ein Konzept. Und ich sagte ihnen, dass dahinter nichts anderes stehen würde. Aber sie liebten es.

Hatten Sie denn in Québec Sehnsucht nach der echten vietnamesischen Küche?

Die vietnamesische Küche hat sich unabhängig von Vietnam im Ausland weiter entwickelt, vor allem auch wegen der Zutaten, die es in Québec gibt. Und die Küche hat sich verändert. Na ja, was es in Québec gab, war vor allem so etwas wie ein günstiges „fast food“, aber gesund. Ich wollte eine raffinierte vietnamesische Küche zeigen, mit frischen Kräutern und Gemüsen. Allein in der Frühlingsrolle gibt es sechs verschiedene Kräuter. Das war natürlich vom Québecer Geschmack sehr verschieden. So entdeckte ich die raffinierte, aromareiche Küche.

Was ist das Besondere – sagen wir – im Gegensatz zur Thai-Küche?

Das ist fast wie eine kleine Brise im Verhältnis zum Sturm. Die Thai-Küche ist extrem scharf gewürzt, während wir mehr mit milderen Aromen spielen und sich der Geschmack in der vietnamesischen Küche erst langsam auf der Zunge entwickelt. Mein kleines Restaurant war jedenfalls immer voll, auch wenn ich dabei nicht auf meine Kosten kam, weil ich eine schlechte Buchhalterin bin. Die Kunden haben sogar eigenmächtig meine Preise zu meinen Gunsten verändert und erhöht. Sie wollten nicht, dass ich pleite gehe. Aber ich musste dann nach fünf Jahren doch die Reißleine ziehen und schließen. Ich war dann eben doch auch ganz schön erschöpft, zumal mein zweiter Sohn ein autistisches Kind ist, das viel Kraft braucht.

In „Der Klang der Fremde“ beschreiben Sie auch diesen Sohn Henri. Wie äußert sich der Autismus bei Ihrem Sohn und welche Konsequenzen hatte das für Sie?

Autisten sehen die Welt nur ausschnittsweise, fragmentiert und entwickeln eine Art Tunnelblick. Sie nehmen immer nur ein Detail einer Sache wahr. Und sie sehen die Dinge nicht filmisch, können Geräusche nicht orten und wenn man sie zart berührt, wirken die Spuren der Berührung lange nach, weswegen sie sich lieber zurückziehen. Für meinen averbalen Sohn sind die Dinge ganz statisch. Nach dem Sonderunterricht mit einem Spezialisten wollte ich auch lernen, wie er, und habe mir dabei seine Art, sich Dinge anzueignen, angewöhnt und erstaunlicherweise dabei sehr viel mit ihm gelernt. Davon hat sogar mein Schreiben profitiert. Es ist sicher viel langsamer, aber eben auch sinnlicher geworden.

A propos Familie: In Ihrem Roman „Der Geschmack der Sehnsucht“ spielen zunächst auch die drei Mütter der Protagonistin eine Rolle: Empfinden Sie die Familiensituation in Québec und Vietnam als sehr unterschiedlich?

Der Plot meines Romans macht das deutlich. Die Einschätzungen sind schon andere. Die Mutter ist nicht immer die leibliche Mutter. In Vietnam gab es zum Beispiel viele uneheliche Kinder von den GIs, deren Mütter Prostituierte waren und von der Gesellschaft ausgeschlossen wurden. Die Kinder, die von den leiblichen Müttern weggegeben worden sind, waren stigmatisiert und wurden vernachlässigt. Die Ausgangssituation der drei Mütter habe ich so gewählt, damit ich dieses Thema ansprechen kann. Deshalb ist die „zweite Mutter“ Nonne.
Und ich wollte zeigen, dass eine Nonne, die sich komplett zurückgezogen hat, einem Kind auch keine Liebe schenken kann. Das Kind wird ein weiteres Mal zurückgewiesen. Damit wollte ich meine Kritik zum Ausdruck bringen. Ich finde, dass der Buddhismus – und ich weiß sehr wohl, dass er derzeit sehr en vogue ist, – eine egozentrische Religion ist. Abgehoben von „der Welt“, konzentriert man sich ausschließlich auf sich selbst. Das ist das Ende der Welt … Es stimmt, man stört zwar niemanden, aber man ist auch ein Niemand. Das Individuum ist völlig ausgelöscht. Québec als eher katholisch orientiertes Land zeigt dagegen viel Anteilnahme und Nächstenliebe, auch im anglophonen Teil Kanadas ist es so. Und das gefällt mir besser.
Dann kommt die dritte Mutter, die Lehrerin, die das Kind aufnimmt. Für das Kind bedeutet das in Vietnam dennoch, ein Kind zweiter oder dritter Klasse zu sein. Die Hierarchie in der Familie ist hier noch viel stärker ausgeprägt: Zunächst kommt der Mann, dann die Frau und dann erst das Kind. Auch die Stiefmutter ist eben nicht die „belle mère“, die schöne Mutter wie es auf Französisch heißt, sondern eben die Stiefmutter. Und die ist kalt wie im Märchen. Das empfinde ich in Québec als viel menschlicher.

Fühlen Sie sich denn nun in Québec zu Hause?

Aber ja. Natürlich habe ich hier auch meine Familie. Vor allem aber habe ich dort so viel Gnade empfangen. Das ist meine neue Heimat geworden.

Was mich sehr gewundert hat, ist, dass Sie – nachdem Sie die Situation zunächst in Vietnam und dann mit den „boat people“ erlebt haben – niemals von Hass oder Neid bestimmt waren.

O nein. Ich habe es immer als große Chance angesehen, dass es uns gelungen ist, aus der vertrackten Situation herauszukommen.

Aber es gibt doch sicher auch viele Emigranten, die voller Hass sind?

Das wirft man mir übrigens auch öfter mal vor, dass ich die Situation so positiv sehe. Aber ich habe wirklich viel Glück gehabt. Und ich hatte das Glück, unter anderen Bedingungen noch einmal nach Vietnam zurückkehren zu können. Für mich war immer ausschlaggebend: Wenn man Menschen trifft, dann sind es erst einmal Menschen und nicht die Vietkong oder so. Im Krieg, da gibt es eben nie Gewinner. Jeder ist in irgendeiner Form Opfer. Und die Mütter von kommunistischen Kriegern, die zu uns gekommen waren, sind eben auch nur Mütter, die sicher ihre Kinder nicht freiwillig in den Krieg schicken wollten. Die eigentlichen Bösen waren für mich diejenigen, die den Krieg angezettelt haben. Deswegen muss man auch nicht die Nordvietnamesen verachten. Es war das Pol-Pot-Regime. Natürlich habe ich keinerlei Sympathie für diese wahnsinnigen Roten Khmer. Andererseits habe ich mir gesagt, wäre ich zufällig im Norden aufgewachsen, so wäre ich vielleicht auch Kommunistin geworden. Deswegen kann ich den Nordvietnamesen doch keinen Hass entgegenbringen, auch wenn sie uns damals das Leben schwer gemacht haben. Der größte Teil der Bevölkerung kann nichts dafür, sie waren genauso Opfer wie wir auch. Und wenn man den Hass fortsetzt, dann wird es immer neue Kriege geben. Und dann hat der Krieg gewonnen und nicht die Menschen. Man muss das System des Hasses einfach durchbrechen und nicht darauf beharren. Ich kann das nicht nur negativ sehen. Durch meine Lebenserfahrung habe ich immerhin zwei verschiedene Kulturen abbekommen, was mich bereichert hat.

Denkt man in Québec auch so multikulturell? Leben die Quebecer auch mit zwei Kulturen?

Es ist einfach ganz selbstverständlich, dass dort verschiedene Menschen aus verschiedenen Kulturen leben. Ich habe den Eindruck, dass kaum einer nur noch aus einem Land kommt. Man hat ein Viertel von dem, ein Achtel von jenem etc. In Montréal gibt es ein China-Viertel, ein italienisches Viertel, und die Bevölkerung ist dort auch sehr gemischt. Da halten sich genauso viele Weiße wie Farbige auf. Das ist ein richtiger „melting pot“. Man hat lediglich Präferenzen für bestimmte Länder.

Die Heldin in Ihrem Roman wandert nach Frankreich aus. Sie findet dort eine Liebe, die sie vorher nicht kannte. Kann sie sich denn von dem Frauenbild und von der Liebe, die sie kennt, freimachen?

Na ja, wir haben schon eine andere Vorstellung von dem, was Liebe ist. Und ich habe bewusst eine entsprechende Szene in meinen Roman eingebaut, weil ich damit sagen wollte, dass es verschiedene Arten zu lieben gibt. Und sie hat anders zu lieben gelernt. Meine Mutter hat sicher in ihrem Leben nie gesagt: „Ich liebe Dich“. Ihre Art, uns ihre Liebe zu zeigen, geht über die Ernährung. Genauso wenig würde sie jemals sagen: „Ich bin stolz auf Dich.“ Das tut man in Vietnam nicht. Deshalb habe ich mir die Frage gestellt: Wie lieben wir uns? Irgendwie verstehen und empfinden wir ganz genau, dass wir geliebt werden und dass jemand stolz auf uns ist. Heute teilt auch meine Mutter es mir in anderer Form mit. So sagt sie: „Tu, was Du tun musst, dann passe ich auf die Kinder auf.“ Und das macht sie jeden Vormittag, da sie in der Nähe lebt. Oder sie bietet mir an: „Ich koche heute Abend, Du musst Dich darum nicht kümmern“. Es ist ihre Art der Liebe, mich im Alltag zu unterstützen, indem sie mir Zeit schenkt.

Empfindet Ihre Mutter es dann, dass sie selbst sich jetzt in einer freieren Umgebung bewegt?

Sie ist im Grunde ihres Herzens Vietnamesin geblieben. Schließlich war sie schon erwachsen und von ihrem Leben in Vietnam geprägt, als wir flohen. Natürlich hatte sie nicht die gleichen Möglichkeiten wie ich. Sie hätten niemals so geschrieben wie ich. Aber sie ist sozial sehr engagiert und mit Dingen beschäftigt, die sie früher niemals getan hätte.

Doch bei Ihnen geht die Freiheit ja noch viel weiter. Für Sie ist es die Sprache, die Ihnen die Welt öffnet und Ihnen Freiheit gibt.

Klar. Mein Mann ist Québecer. Und unser Leben ist ein komplett anderes als das meiner Mutter. Ich koche nicht täglich. Wir gehen eben auch viel ins Restaurant. Wir gehen ins Kino, und wir machen uns gegenseitig Geschenke. Bei meinen Eltern ist das noch ganz anders. Für sie wäre das kein Liebesbeweis. Da Frankreich etwa 100 Jahre lang in Vietnam bzw. Indochina präsent war und die vietnamesische Kultur geprägt hat, war es für mich sehr wichtig, über dieses Erbe zu schreiben. Und es gibt auch nach wie vor einen kulturellen Austausch. Ohne die Franzosen hätten wir vieles nicht gekannt. Auch das urbane Gefühl kommt von den Franzosen.

Meinen Sie, es gibt eine Eleganz, die in den anderen asiatischen Ländern nicht existiert?

Ja, und natürlich fällt es uns auch leichter, Französisch zu lernen. Ich musste schon im Kindergarten Französisch sprechen. Und auch meine Eltern sprachen Französisch untereinander. Da war schon einmal ein Fenster zu einer anderen Kultur geöffnet. Selbst der Kolonialismus hatte für uns auch manche Vorteile. Es ist vielleicht banal, über Kuchen zu sprechen. Aber den Geschmack hatten uns die Franzosen vermittelt. Auch die vietnamesische Schrift war sehr entwickelt wegen der Öffnung der Welt. Ich sehe die Einflüsse sehr positiv. Kanada ist heute reich, weil es all diese verschiedenen Kulturen in sich vereinigt und damit auch den eigenen Horizont erweitert. Davon wollte ich erzählen, auch über die damit verbundene Schönheit.

Mir fiel auf, dass Sie ganz selbstverständlich in Ihrem Roman über das „Mohnfeld“ von Monet sprechen.

Dass ich das Bild vom Mohnfeld benutze, ist Zufall. Als ich ein Taxi von Roissy nach Paris-Mitte nahm, entdeckte ich mitten in der Betonwüste Mohnfelder und fragte den Taxifahrer, wie diese an der Autobahn in so feindlicher Umwelt wachsen und gedeihen könnten. Und er machte mich nur auf den Schutt, der herumlag, aufmerksam. So sprach jeder über sein Thema 15 Minuten lang. Dann erzählte ich ihm von einem Film über Franz von Assisi, wo jemand durch Mohnfelder läuft. Und plötzlich fing er an, mir seine Liebesgeschichte zu erzählen und sprach nicht mehr vom Müll, bis wir das Hotel erreichten. Das war mein Ziel. Er sollte nicht mehr über das Negative sprechen. Die Folge: Ich sah überall Mohnblumen bis hin zu dem Gemälde.

Kann es sein, dass Sie wegen Ihrer Erfahrungen nicht das Gefühl haben, etwas verlieren zu können, sondern stattdessen immer etwas hinzugewinnen zu können?

Ja, es ist wohl so. Immer, wenn man etwas verliert, gewinnt man etwas Neues hinzu.

Ihr Roman heißt im Deutschen „Der Geschmack der Sehnsucht“. Wenn Sie an ein typisches vietnamesisches Gericht denken. Woran denken Sie?

Zum Beispiel an die Hühnersuppe. Als ich das erste Mal krank war, hatte meine Großmutter sie gekocht. Und an Reissuppe. Natürlich heilt keine der beiden Suppen. Aber vielleicht war es die Erinnerung an die erste Suppe, die die Mutter für uns gekocht hat, die uns wieder gesund macht. Und so gibt es in der Ernährung ganz vieles, was nicht unmittelbar aus der Ernährung selbst kommt. Es ist die emotionale Qualität, die man mit einem Gericht verbindet.

Ein typisches vietnamesisches Gericht?

Karamellisierter Fisch oder auch karamellisiertes Schweinefleisch. Man brät in Öl und Zucker an. Dann kommen Zwiebeln und Knoblauch daran. Man muss es ziehen lassen und Gewürze dazugeben. Und dann setzt man sich um den Tisch herum und genießt es zusammen. Das ist dann süß-pikant. Und dazu natürlich immer Reis. Das ist typisch für den Süden und sehr einfach zu machen. Und man kann es in Terrakotta-Töpfen kochen und dann gut aufbewahren. Daneben gibt es dann Gemüse und Kräuter wie Koriander. Dazu einen Lotus-oder Bambussprossensalat mit ein bisschen Essig. An den acht Armen des Mekongs ist das Land natürlich sehr fruchtbar mit viel frischem Gemüse, und da haben wir auch die schwimmenden Gärten wie in Thailand. Davon handelt u.a. mein nächster Roman, an dem ich gerade schreibe.

Was ist das Thema? Verraten Sie es?

Bislang waren Frauen die Hauptfiguren in meinen Romanen. Im nächsten Roman erzähle ich mehr über die Männer. Außerdem spielt er an ganz verschiedenen Orten. Da profitiere ich nämlich von den vielen Reisen, die ich bislang gemacht habe.

Das Gespräch führte Petra Kammann

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erstellt am 24.2.2015

Kim Thúy
Kim Thúy. Foto: Petra Kammann

Kim Thúy
Der Geschmack der Sehnsucht
Übersetzt von Andrea Alvermann, Brigitte Große
Gebunden, 143 Seiten
ISBN 978-3-88897-928-6
Verlag Antje Kunstmann, München 2014

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