Im dritten Teil seiner großen Philosophie der symbolischen Formen versuchte Ernst Cassirer, das schwierige Verhältnis von Begriff und Anschauung zu beleuchten. Es hat ihn wohl darüber hinaus beschäftigt. Otto A. Böhmer berichtet, wie der Philosoph im winterlichen New York es wagte, einem Taxifahrer die Einsteinsche Relativitätstheorie zu erklären.

Holzwege

Das Wetter ist herrlich

Der Philosoph Ernst Cassirer

Von Otto A. Böhmer

Der Philosoph Ernst Cassirer war zu einem Vortrag an die Universität Princeton eingeladen worden. Er sollte dort über den „Mythos des Staates“ sprechen; ein Thema, das in amerikanischen Ohren herrlich abstrakt klingen musste. Cassirer hatte schwere Tage und Wochen hinter sich: Am Silvestermorgen des alten Jahres war er krank geworden. Er fieberte und fror; sein Kopf glühte. Toni, seine Frau, beorderte ihn ins Bett. Dort lag er, hatte Fieberträume und kam sich ausgesprochen nutzlos vor. Als das Fieber nicht nachließ, sondern mit zäher Behändigkeit weiter stieg, holte Toni einen Arzt. Der kam, murmelte Unfreundliches und diagnostizierte eine doppelseitige Lungenentzündung. Er empfahl Penicillin, das damals gerade in Gebrauch gekommen war und angeblich Wunder wirken sollte. Tatsächlich ging das Fieber zurück; der Philosoph erholte sich. Er stand auf und spähte aus matten Augen um sich: New York lag im Schnee. Windböen jagten durch die Häuserschluchten. Was für ein Winter, dieser Winter in New York: Es fehlte an allem, aber noch lebte man, wie von selbst, und der Krieg war nicht zu Ende.

Als Cassirer die Einladung aus Princeton in Händen hielt, strahlte er. „Du bist noch viel zu krank“, sagte Toni, der es selber seit geraumer Zeit nicht übermäßig gut ging. Seltsame Schwindelanfälle suchten sie heim, und es kam vor, dass sie sich am Türpfosten festhalten musste, weil sie Angst hatte umzufallen. „Das musst gerade du sagen“, meinte der Philosoph. „Wenn hier einer krank ist, dann bist du es, meine Liebe. Natürlich werde ich der Einladung Folge leisten. Schließlich will man mich nicht jeden Tag in Princeton sehen und hören. Ich werde reden und bald wieder zurück sein; das verspreche ich dir.“ „Also gut“, sagte Toni. „Du bist entschlossen, das merke ich. Nimm meinen Protest entgegen und zieh dich warm an. Und wenn du schon nach Princeton musst, wie du glaubst, dann könntest du die Gelegenheit nutzen und Einstein einen Besuch abstatten.“ „Warum nicht“, sagte der Philosoph. „Aber dann dauert es noch länger. Du weißt, man kommt so schwer von ihm los.“ – Und so war Cassirer denn gefahren. Er hatte sich in seinen Mantel gehüllt, dem er in herzlicher Verbundenheit zugetan war in diesem sehr kalten New Yorker Winter, und war zum Bahnhof gefahren, um einen Zug nach Princeton zu bekommen. Toni sah ihm nach. Es hatte wieder angefangen zu schneien. Der Wind trieb die Schneeflocken an ihrem Fenster vorbei. Eigentlich ein schönes Bild, dachte sie. Man muss es nur halbwegs warm haben und ein Dach über dem Kopf und nicht allzu viele Sorgen, um es genießen zu können. Der Schnee eines Jahres. Er verweht, und das, was er bedecken wollte, kommt wieder zum Vorschein. – Sie machte sich Sorgen. An seine Gesundheit hatte ihr Mann nie irgendwelche Gedanken verschwendet. Er lebte; das genügte ihm, und er war froh, dass er sich noch Hoffnungen machen durfte. In Princeton würde man ihn am Bahnhof abholen; das hatte sie arrangiert, aber was kam dann? Auf der Rückfahrt konnte ihm nicht viel passieren, solange er im Zug saß; danach jedoch musste es Probleme geben: In New York gab es zwar viele Taxis, aber kaum noch Benzin. Die meisten Autos standen mehr, als dass sie fuhren. Wer am Bahnhof ankam, musste warten; ein Taxi, das nicht nur Fahrgäste, sondern auch Bewegung aufnahm, wurde mit Rufen des Erstaunens bedacht. Toni Cassirer sah ihren Mann vor sich, wie er in einer Menschenmenge wartete und fror; noch ehe ein Auto kam, kam das Fieber zu ihm zurück. Ach was, dachte sie. Es ist eine bekannte und bewährte Eigenart von mir, dass ich mir grundsätzlich zu viele Sorgen mache. Sie setzte sich und schloss die Augen. Immer wieder diese Müdigkeit und dieser Schwindel; am helllichten Tage wurde sie damit behelligt. Sie erinnerte sich an den Oktober 1927: Ernst war mit dem Schiff nach England unterwegs. Ein Sturm zog auf und fegte über Hamburg hinweg. Sie hockte vor dem Radio und hatte grässliche Angst; von schwerer See war die Rede und von gekenterten Schiffen. Ihr Herz krampfte sich zusammen. Anderthalb Tage später erhielt sie ein Telegramm aus Southampton: Ernst war glücklich gelandet. Kurz darauf schrieb er ihr einen Brief, in dem er von der Überfahrt plauderte; den Sturm erwähnte er mit keinem Wort: „Das Wetter ist herrlich“, las sie statt dessen, „die See bisher ganz ruhig und meine Kabine so fabelhaft bequem, dass ich, wenn alles so weitergeht, in der größten Versuchung sein werde, bis New York durchzufahren.“

Mit einem Mal war ihr, als hörte sie eine Stimme. Sie schlug die Augen auf. Cassirer stand vor ihr; er lächelte. „Du bist schon wieder da?“ fragte sie ungläubig. „Ja“, sagte er. „Stell dir vor: Es ging alles ganz glatt. Natürlich habe ich bei Einstein die Zeit verplaudert, aber den Zug doch noch erreicht. Am Bahnhof in New York schienen etwa zweitausend frierende Menschen auf ein Taxi zu warten. Als ich mich gerade dazustellen wollte, um mitzufrieren, kam ein Auto um die Ecke: Der Fahrer stieg aus und winkte mich direkt in sein Taxi. Als ich ihn fragte, warum er es gerade auf mich abgesehen habe, antwortete er: „Sie haben Ähnlichkeit mit Einstein, und ich wollte mir schon immer mal erklären lassen, was es mit der Relativitätstheorie auf sich hat.“ „Und was hast du daraufhin gesagt?“ fragte Toni. „Ich habe gelacht und ihm bedeutet, dass ich zwar gerade von Einstein käme, aber deswegen noch nicht Einstein sei. Die Relativitätstheorie aber wolle ich ihm, im Rahmen meiner bescheidenen Möglichkeiten, doch zu erläutern versuchen.“ „Was dir vermutlich nicht ganz gelungen ist“, meinte Toni. „Nein“, sagte Cassirer. „Aber dafür habe ich ihm ein relativ hohes Trinkgeld gegeben, was ihn wiederum dazu veranlasste, mir bewegt die Hand zu schütteln und mitzuteilen, dass ihm nun alles klargeworden sei. Er wisse jetzt, was Relativität bedeute. – Du siehst, meine Liebe, wie einfach es ist, eine komplizierte Theorie allgemeinverständlich darzustellen.“

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erstellt am 24.2.2015

Otto A. Böhmers Reihe Holzwege berichtet von den mal erhabenen, mal erheiternden Bemühungen der Philosophen, im Geschäftsbetrieb des Alltags Haltung zu bewahren und der eigenen Rede Sinn nicht zu vergessen. Die kleinen Begebenheiten im Leben großer Philosophen, die der Autor zu sich bittet, erzielen fast immer angemessene Wirkung: Sie passen so trefflich ins Bild der jeweiligen Philosophie, dass man vermuten muss, sie könnten erdacht worden sein, um den dazugehörigen Philosophen bei merk- und denkwürdiger Laune zu halten.

Ernst Cassirer
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