An der Berliner Volksbühne wendet sich Herbert Fritsch Konrad Bayer zu, dem legendären Dandy der Wiener Gruppe, der sich 1964 das Leben nahm. Sieben Schauspieler „spielen“ Texte Bayers, die größtenteils nicht für die Bühne gedacht waren. Der Theaterabend mit dem Titel „der die mann“ lässt den Geist der Konkreten Poesie auferstehen, meint Thomas Rothschild.

Theater

O und A

Von Thomas Rothschild

Dass die Farben rot, grün und orange in einem Bild von Emil Nolde oder Piet Mondrian eine andere Funktion haben als an der Verkehrsampel, wo sie signalisieren, dass man halten, die Kreuzung überqueren oder vorsichtig sein soll, ist jedem klar. Wenn aber die natürliche Sprache anders verwendet wird als in der alltäglichen Kommunikation, wo sie in erster Linie der Mitteilung dient, bereitet das immer noch Schwierigkeiten, obwohl die Geschichte der transmentalen Dichtung, des selbstwertigen Wortes inzwischen ein Jahrhundert währt. Was, mit negativem Beigeschmack, dem Verdacht des „Nonsens“ verfällt, wird als kindisch eingestuft. Und in der Tat haben Kinder, ehe man ihnen das Spielerische ausgetrieben und sie für eine Welt präpariert hat, in der alles einen Zweck erfüllen muss, noch einen Sinn für die phonetischen und prosodischen Qualitäten, den Rhythmus der gesprochenen Sprache. Auszählreime und Improvisationen zeugen davon. Sprache, welche die semantische Dimension torpediert, ist ebenso wenig „sinnlos“ wie eine Musikkomposition oder eine leckere Mahlzeit. Wenn sie in der Literatur nicht Anderes leistete als im Journalismus oder in der Vorlesung, dann wäre die Literatur überflüssig.

Für die Wiener Gruppe freilich wie für ähnliche Individuen und Gruppierungen anderswo, etwa um Max Bense in Stuttgart oder bei Autoren in Brasilien oder der Tschechoslowakei, war das Spiel mit Sprache weit mehr als Nonsens, und es muss eigentlich verwundern, dass auch jene, die ganz ohne Humor auf dem Binnen-I bestehen, weil die Sprache das Denken und somit die Gesellschaft präge, mit sprachkritischer Literatur so wenig anfangen können.

Konrad Bayer
Konrad Bayer

Herbert Fritsch, schon seit langem ein gefragter Schauspieler, fing erst mit fünfzig an, sich als Regisseur und Bühnenbildner einen Namen zu machen. Heute ist er im deutschsprachigen Theater derjenige, der am radikalsten auf Artifizialität besteht. Das beschert ihm Gegner, die ihm einen Mangel an gesellschaftlichem Engagement vorwerfen, und Fans, die für die Fülle seiner visuellen und inszenatorischen Einfälle schwärmen. Nachdem er sich mit „Murmel Murmel“ bereits an Dieter Roth versucht hat, wandte er sich jetzt, ebenfalls an der Berliner Volksbühne, Konrad Bayer zu, dem legendären Dandy der Wiener Gruppe, der sich 1964, nur einunddreißig Jahre alt, das Leben nahm. Sieben Schauspieler „spielen“ Texte Bayers, die größtenteils nicht für die Bühne gedacht waren.

Wenn sich der Vorhang öffnet, sieht man eine rote Treppe und einen überdimensionalen gelben Grammophontrichter, die auf dem spiegelnden Boden der ansonsten leeren, rot ausgeleuchteten Bühne kreisen. Wie aus dem Nichts erscheinen auf der Treppe Kunstfiguren, die an Androide erinnern, und verschwinden wieder. Die Vorstellung wird begleitet von der grotesk arrangierten und zugleich faszinierenden Musik, die ein Quartett an den beiden Bühnenrändern zelebriert und die entscheidend zur Wirkung des Abends beiträgt. Die flatternden Gummi- oder Plastikanzüge in grellen Farben der Kostümbildnerin Victoria Behr werden später gegen einheitliche graue Anzüge ausgewechselt, die an österreichische Trachten erinnern.

Fritsch behandelt die Sprache wie Musik, als Partitur. Der Tonfall suggeriert Bedeutung, wo es keine gibt. Er formuliert implizit Kritik an leerer Rhetorik, also auch am Geschwätz etlicher scheinbar tiefsinniger Theaterstücke. Manchmal nehmen die Gesten Anregungen des Textes auf, häufiger verselbständigen sie sich. Die Vorbilder Marthaler und Pina Bausch sind unschwer zu benennen. Auch die Clownstradition wird von Fritsch zu neuem Leben erweckt. Wenn ein Sprecher mit dem Mikrophon kämpft, darf man an Buster Keaton, an Jacques Tati, an die „Tücke des Objekts“ und an Henri Bergson denken.

Es gibt auch eine Schnittmenge zwischen Avantgarde und Musikvideos. Fritsch schöpft aus medialen Anregungen, die es zu Konrad Bayers Lebzeiten noch nicht gab. Obwohl der Abend mit dem Titel „der die mann“ gegenüber vorausgegangenen Regiearbeiten von Herbert Fritsch eher minimalistisch wirkt, kontrastiert der Aufwand doch deutlich zu den sparsamen Mitteln, mit denen das literarische Kabarett der Wiener Gruppe einst im Nugerl, Uzzi Försters Kellerraum des Chattanooga am Graben im Zentrum Wiens das handverlesene Publikum erfreute. Wie wenig nötig ist, um den Geist der mittlerweile historischen Konkreten Poesie in ihrer visuellen und akustischen Variante auferstehen zu lassen, beweist bei Fritsch jene Szene, in der Verszeilen, die ausschließlich aus den Vokal o und a bestehen, an die Wand projiziert und vom Ensemble vorgetragen werden. Wer dafür einen Sinn hat und nicht immer wieder nur an die „Ursonate“ von Kurt Schwitters verwiesen werden möchte, sollte nach Berlin pilgern. Es lohnt sich.

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erstellt am 23.2.2015

Szenenfoto „der die mann“ © Thomas Aurin

Theater in Berlin

der die mann

Nach Texten von Konrad Bayer

Regie, Bühne Herbert Fritsch
Kostüme Victoria Behr
Musikalische Leitung Ingo Günther

Volksbühne Berlin

Szenenfoto „der die mann“ © Thomas Aurin