Ursula Harter hat ein reich illustriertes Buch über „Aquaria in Kunst, Literatur und Wissenschaft“ vorgelegt. Dabei interessierte sie die Frage, seit wann Aquarien als „bewegte Bilder“ von fremdartigen Unterwasserwelten auftreten und wie die Künste darauf reagierten. Im folgenden Textauszug beschäftigt sich die Kunsthistorikerin mit dem Dokumentarfilmer Jean Painlevé, dessen Schaffen die Surrealisten inspirierte.

Kulturgeschichte

Unterwasserballett: Jean Painlevé

Von Ursula Harter

Jean Painlevé (1902-89) sei, so der russische Filmregisseur Sergej M. Eisenstein, der „einzige Konkurrent unserer lieben Frau zu Lourdes in Sachen Wunder“. Wissenschaftler und Cineast in einer Person, machte Painlevé Geschichte als Schöpfer zoologischer Unterwasserdramen – kleiner Meisterwerke des Dokumentarfilms, die Künstler wie Man Ray, Alexander Calder, Sergej M. Eisenstein in Begeisterung versetzt haben.

Jean Painlevé, der Sohn des bedeutenden Mathematikers an der Sorbonne und französischen Kriegs- und Premierministers Paul Painlevé (1863-1933), fand wenig Gefallen an der die Imaginationskraft austrocknenden Lehre des Pariser Elite-Gymnasium Louis Le Grand. Seine Schule wurde das Meer, der Jardin d’Acclimatation, das Muséum d’Histoire naturelle und das Aquarium. Dort studierte er das Verhalten der Tiere, lernte er die Lebeweisen der ebenso faszinierenden wie rätselhaften kleinen Wesen kennen, wurde er zum lebenslang „Suchenden“ („Chercheur“). Zwischen 1927 und 1986 schuf er − nach einem abgebrochenen Medizin- und einem absolvierten Biologie-Studium − rund zweihundert Filme.

Wissenschaft für alle

Jean Painlevés Filme knüpfen an die Tradition der populären Wissenschaftsvermittlung des 19. Jahrhunderts an, − an die Zeit, als Theatervorführungen, Ausstellungen, Zeitschriften und Bücher die Allgemeinheit auch über die Fortschritte der Biologie, Erdkunde, Medizin und Technik belehrten und die Projektion auf Leinwand eines mikroskopierten, ins gigantisch vergrößerten Wassertropfens Abend für Abend die Plätze des Pariser Theater Menus-Plaisir gefüllt hatten; als Dozenten im Wanderzirkus aufgetreten waren, Fachspezialisten für Laien und Literaten wie Gustave Flaubert, Jules Verne, Jules Michelet, oder Maurice Maeterlinck sich den Naturwissenschaften zugewandt und Bücher über das Leben der Vögel, Insekten, Meerestiere und Bienen verfasst hatten. In einer fesselnden Sprache, die ebenso wissenschaftlich präzise wie poetisch war und exemplarisch die Vereinbarkeit von „Science“ und „Fiction“ dokumentiert.

„Neozoologisches Drama“

Als intellektueller Anarchist verweigerte sich Painlevé zeitlebens den gängigen Klassifikationen und Akademismen. Bevor er begann, das Medium Film wissenschaftlich zu nutzen, veröffentlichte er 1927 in der Zeitschrift Surréalisme des deutsch-französischen Dichters Iwan Goll (1891-1950) die Textcollage drame néo-zoologique (1924). Diese Veralberung des Fachchinesisch der wissenschaftlichen Zunft ist zugleich ein Plädoyer für jenes Aufspüren des Wunderbaren im Alltäglichen, wie es die Surrealisten Louis Aragon und André Breton propagiert hatten. Hier zeigt sich bereits die Vorliebe, Wissenschaft und Kunst miteinander zu verquicken, zu der sich Painlevé in einem seiner letzten Interviews 1986 bekannte.

Für den fünfzehnminütigen surrealistischen Schwarz-Weiß-Film L’Étoile de Mer (1928) in Schwarz-Weiß von Man Ray (1890-1976) drehte Painlevé die Unterwasserszene in einem Aquarium. Sie dauert 82 Sekunden und ließ das Leitmotiv des Films − den Seestern in einem Glasschrein − unter der bewundernden Betrachtung des Poeten-Protagonisten plötzlich zum Leben erwachen. Vom Glasschrein − der einer Wunderlampe oder einem Zauberkasten gleicht − geht eine geradezu hypnotische Wirkung aus. Die eben noch durch gelatinöse Gläser gefilmte Bildersequenz, in der die Bildobjekte traumartig verschwimmen, bricht ab. Der Traum schlägt um in eine andere, unbekannte Wirklichkeit. Die Zäsur wird betont durch den Zwischentitel: „Après tout“ („Nach alledem“). Der Zuschauer sieht sich plötzlich konfrontiert mit der in Nahansicht, hyperscharf bei klarster Beleuchtung gigantisch vergrößerten Tentakelspitze des Seesterns. Diese bewegt sich in Zeitlupentempo auf feinem Sandboden am Meeresgrund, während zugleich tausende kleinster Härchen blitzschnell fächeln. Was Man Ray im Film vereinte, sind unterschiedliche Ausdrucksformen des Wunderbaren. Es ist die Visualisierung von Victor Hugos Diktum aus Les Travailleurs de la mer (1866). Unter dem Eindruck der Ästhetik des Submarinen zieht Hugo den Schluss, es handele sich um keinen „surnaturalisme“, „sondern um „la continuation occulte de la nature infinie“. Der Poet ist für Hugo immer auch „eine Art Naturseher“ („une espèce de voyant de la nature“).

Submarine Peep-show oder wie das Aquarium die Moral auf den Kopf stellte

Im 19. Jahrhundert hatten die „lebenden Bilder“ in den guckkastenförmigen Glasbehältern einen „Wahrnehmungsschock“ ausgelöst. Das neuartige Theater, die Schau ins „Bonsai-Meer“ überbot, wie das populärwissenschaftliche Magasin pittoresque 1859 schrieb, „die Wunder aller magischen Paläste Aladins“. Die submarinen Schaufenster offenbarten eine bizarre Natur in ihren verborgensten, unzugänglichen Tiefen. Polymorphe, exotisch bunte Meergeschöpfe wie Quallen, Polypen, Seeanemonen, Seeschwämme, Seekork, Korallen entzogen sich der biologischen Klassifikation und ließen den Glauben an die göttliche Vorsehung ins Wanken geraten. Ihr unkonventionelles Liebesleben brachte gleichermaßen Wissenschaft und Moral in Verlegenheit. Sie repräsentierten eine andere Welt, boten eine Alternative zur patriachalischen Ordnung, in dem sie en passant Perfektion und Dominanz des männlichen Geschlechts in Frage stellten.

Im Zentrum des Interesses stand vor allem die Riffkoralle. Sie avancierte zum Lebensmodell. Der französische Naturphilosoph und Transmutist Jean-Baptiste Lamarck (1744-1829) hatte erkannt, dass sie kein „toter Stein“ ist, sondern eine belebte, immerfort wachsende, von ihren eigenen Bewohnern erzeugte Architektur. Dank diesem Perspektivwechsel, richtete sich das Interesse von nun an auch auf die zuvor kaum beachtete Riffbevölkerung und auf deren Metamorphose von festsitzenden Polypen zu mobilen Quallen und von diesen wieder zu Polypen. Die Riffkoralle war jetzt beides: Eine Polypengesellschaft mit Verwandlungsfähigkeiten und das endlos sich ausdehnende und verzweigende Kunstwerk, das von dieser Gesellschaft hervorgebracht wird. Sie konnte deshalb bei Charles Darwin zum Gleichnis der Evolutionstheorie und bei dem angesehenen französischen Historiker Jules Michelet (1798-1874) zum Modell einer Idealgesellschaft werden. Sich auf den von ihm bewunderten Lamarck berufend, sah Michelet, wie er in seiner Eloge Das Meer (1861) darlegt, in der Korallen-Sippe die „Ideale von 1789“ – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – erfüllt.

Auszug aus: Ursula Harter, Aquaria in Kunst, Literatur und Wissenschaft
Mit freundlicher Genehmigung © Kehrer Verlag, Heidelberg 2014

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erstellt am 19.2.2015

Jean Painlevé und Michel Simon

Ursula Harter
Aquaria – in Kunst, Literatur und Wissenschaft
Festeinband, 256 Seiten, 201 Farbabb.
ISBN 978-3-86828-484-3
Kehrer Verlag, Heidelberg 2014

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Seestern in L’Étoile de Mer (1928)

Man Ray, L’Étoile de Mer, 1928

Jean Painlevé, L'Hippocampe, 1931

Jean Painlevé, beim Drehen von L'Hippocampe, 1931